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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenIm Internet sind alle gleich25.03.2010

Im Internet sind alle gleich

Nur manche sind noch gleicher

Internet und Neue Medien ermöglichen ganz neue Möglichkeiten, sich zu informieren. Damit wird die Welt - zumindest theoretisch - ein bisschen demokratischer. Doch was ist mit den Menschen, die aus welchen Gründen auch immer über keinen Zugang zum Netz verfügen?

Von Peter Leusch

Schon länger warnen Wissenschaftler vor  einer digitalen Spaltung der Gesellschaft. (Deutschlandradio - Jan-Martin Altgeld)
Schon länger warnen Wissenschaftler vor einer digitalen Spaltung der Gesellschaft. (Deutschlandradio - Jan-Martin Altgeld)

"Wir haben da in unseren Untersuchungen gesehen, dass sich da sehr schnell so etwas wie eine Hierarchie herausbildet, es gibt Teilnehmer, die bestimmen, was die Inhalte von Artikeln sind und wenn es um einen Streit geht in Wikipedia um einen Artikel, dann konnten wir zeigen, dass er immer in der Version des hierarchisch Höherstehenden gespeichert wurde, wenn ein Administrator beteiligt war, dann war es die Version des Administrators, wenn ein engagierter Teilnehmer beteiligt war, der viele Beiträge dabei hatte, dann wurde es in dessen Version gespeichert – und wenn ein Neuling dabei war, dann hatte der sowieso keine Chance."

Bei Wikipedia gibt es eine Hierarchie, ja regelrechte Machtkartelle, so lautet das Resümee des Mediensoziologen Christian Stegbauer von der Universität Frankfurt. Stegbauer hat nachgewiesen, dass Wikipedia, aber auch andere Foren und sozialen Netzwerke im Internet keineswegs den Anspruch einlösen, unter dem sie angetreten sind. Jedes neue Medium verheißt zwar Egalität, verspricht gleiche Chancen für alle Mitwirkenden, aber in der Wirklichkeit zeitigt es neue Formen von Ungleichheit.

Besorgter noch als auf die Ungleichheit unter Netzbenutzern schauen die Kommunikations- und Mediensoziologen auf jene Bevölkerungsgruppen, die gar keinen Zugang zum Internet haben, sei es aus technischen oder finanziellen Gründen, sei es, dass ihnen die nötige Kompetenz im Umgang fehlt.

Wie kommen diese Menschen zum Beispiel an eine günstige Fahrkarte, wenn die Bahn immer mehr auf Onlinebuchung umstellt?

"Es scheint so zu sein, dass durch diese Internetentwicklung, also dadurch, dass immer mehr Leute Zugang haben und das auch nutzen, so etwas wie Dienstleistung in einigen Bereichen jetzt schon verlagert werden ins Internet, und diejenigen, die dann keinen Zugang haben zum Internet, die haben Probleme an diese Dienstleistungen heranzukommen oder so einfach heranzukommen, wie das vormals der Fall war."

Schon länger warnen Wissenschaftler vor einem sogenannten digital divide, vor einer digitalen Spaltung der Gesellschaft: Während die einen aufgrund von Bildung und Einkommen, Generation und Lebensmilieu vom Netz profitieren, werden die anderen, die Off-Liner immer mehr abgehängt, sodass ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt ebenso sinken wie ihre Möglichkeiten an Kultur und Gesellschaft teilzuhaben.

Die Soziologen diskutierten auf ihrer Tagung verschiedene Dimensionen von Ungleichheit im Hinblick auf Medien. So registriert der Soziologe Kurt Imhof von der Universität Zürich eine zweite Kluft innerhalb der Medien selber, wo sich die klassische Öffentlichkeit aufspalte in einen Qualitätsjournalismus auf der einen und Billigmedien auf der anderen Seite mit bedenklichen Folgen für Politik und Gesellschaft.

"Wir haben unterschiedliche Aufmerksamkeitslandschaften: die Billigmedien präsentieren eine andere Aufmerksamkeitslandschaft als die Qualitätsmedien, und dasselbe können wir beobachten im Internet, wir haben in den abgeschichteten unteren Medien sehr viel stärker moralisch emotionale Formen der Kommunikation, in der personalisiert wird, skandalisiert wird, hier haben die populistischen Akteure überall sehr viel mehr Resonanz als die klassischen etablierten Volksparteien, und das verändert die politische Landschaft in Österreich, in der Schweiz, in Holland und Dänemark, dass Protestparteien sehr schnell Erfolg gewinnen können, weil sie mit bestimmten Problemen, insbesondere mit der Problematisierung des Fremden sehr viel Resonanz erzielen, und diese Veränderungen der politischen Landschaft, die gefährden teilweise auch die Demokratie."

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie denn die Migranten ihrerseits mit den Medien umgehen. Für Überraschung sorgen hier die neuen Erkenntnisse des Kommunikationswissenschaftlers Andreas Hepp von der Universität Bremen, der das Verhältnis von Migranten und Medien erforscht. Die Ergebnisse seiner Studie widerlegen das Klischee vom Migranten, der auf jeden Fall zu den Verlierern einer digitalen Spaltung gehöre. Viele polnische Migranten beispielsweise verfügen im Schnitt, so Andreas Hepp, über eine bessere Medienaustattung als deutsche. In der Mediennutzung aber müsse man differenzieren:

"Da gibt es sehr deutliche Ungleichheiten. Wir haben in unserer Forschung drei Typen unterschieden über verschiedene Migrationsgemeinschaften hinweg, das ist die marokkanische, türkische und russische Migrationsgemeinschaft. In all diesen Migrationsgemeinschaften hat man drei Typen: eher herkunftsorientierte, die sehr stark herkunftsorientierte Medien nutzen, und am Ort, an dem sie leben, sehr stark kommunikativ eingebunden sind - lokales Radio oder lokale Zeitung, die gelesen wird."

Dieser ersten Gruppe stellt Andreas Hepp eine zweite sogenannte ethnoorientierte Gruppe gegenüber. Dazu gehören vor allem jene, die sich - als Deutschtürken oder Deutschrussen an der schwierigen Doppelidentität und den verschiedenen Zugehörigkeiten abarbeiteten und die in beide Welten kommunikativ eingebunden seien.

"Und die dritte Gruppe, das ist die Gruppe, die wir als weltorientierte bezeichnet haben. Auf der einen Seite ist es die gebildetste Gruppe - rein formal, es ist die jüngste Gruppe - die lesen nicht nur deutsche, sondern auch Schweizer Zeitungen, oder französische oder britische Zeitungen, sie rezipieren sehr breit Dinge im Fernsehen und im Internet, haben viele Bekannte in unterschiedlichen Ländern, mit denen sie kommunikativ vernetzt sind, - man kann sagen, dass sich da unter Migranten so etwas wie eine kleine Elite etabliert, - zugespitzt formuliert: vielleicht sind das ersten wirklichen Europäer oder diejenigen, die auf eine produktive Weise transkulturelle Verständigung über Grenzen hinweg unterstützen können und Ähnliches mehr."

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