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StartseiteDie neue PlatteIm italienischen Stil03.05.2009

Im italienischen Stil

Nicola Matteis: Ayrs for the violin; Maurice Steger (Interpret): Venezia 1625

Er konnte Wunderdinge mit einer einzigen Note anstellen und geriet bei seinem exzessiven Spiel außer sich: der Komponist und Musiker Nicola Matteis, der um 1645 in Neapel geboren wurde. Die Geigerin Hélène Schmitt interpretiert seine Werke "Ayrs for the violin" virtuos, im italienischen Stil mit einem Touch französischer Grazie. Und: Der Blockflötisten Maurice Steger präsentiert auf seiner neuen CD "Venezia 1625" konzertante, venezianische Kammermusik.

Von Christiane Lehnigk

Die Geigerin Hélène Schmitt interpretiert "Ayrs for the violin". (AP)
Die Geigerin Hélène Schmitt interpretiert "Ayrs for the violin". (AP)

Heute stellen wir Ihnen virtuose Kammermusik italienischer Komponisten des 17.Jahrhunderts vor: "Ayrs for the violin" von Nicola Matteis mit der Geigerin Hélène Schmitt, erschienen bei alpha und ein von harmonia mundi produziertes Programm unter dem Titel "Venezia 1625" mit dem Blockflötisten Maurice Steger. Im Studio begrüßt Sie dazu Christiane Lehnigk.

1. Musik: Nicola Matteis: Suite en do; Jigg, prestissimo; Hélène Schmitt, Gaetano Nasillo, Eric Bellocq

Im England in den 70er- und 80er-Jahren des 17. Jahrhunderts muss die Musik des Neapolitaners und Purcell-Zeitgenossen Nicola Matteis zunächst schockartig gewirkt haben. Während im übrigen Europa die Geige bereits ihren Siegeszug angetreten hatte und der konzertanten, virtuosen Instrumentalmusik den Weg bereitete, so herrschte auf der britischen Insel noch die Gambenmusik vor, mit ihren, dem französischen Stil verbundenen, noblen und oft schwermütigen Fantasien.

Die laute Musik des extrovertierten Neapolitaners mit den kapriziösen Ornamentierungen hingegen brachte die Ohren der distinguierten Briten "zum Glühen", so ein Zeitgenosse, und den Verstand durcheinander. Matteis sorgte dafür, dass der von Hof bevorzugte französische Einfluss keine Chance mehr hatte und sich auch England für die neue Ästhetik des italienischen Stils öffnete. Und so konnten dort in der Nachfolge von Matteis dann auch Künstler wie zum Beispiel Francesco Geminiani, Stefano Carbonelli, Pietro Castrucci und viele andere Erfolge feiern.

Viel ist nicht bekannt über Nicola Matteis, der um 1645 in Neapel geboren wurde und so ab 1672 bis zu seinem Lebensende als Virtuose und Lehrer in London wirkte. Dass die Quellenlage so dürftig ist, mag damit zusammenhängen, dass er niemals in Diensten des königlichen Hofes stand. Die wenigen Zeugnisse über ihn stammen von John Evelyn, Roger North oder Charles Burney, die seine Wirkung sehr eindrucksvoll beschreiben. So soll es keinen lebenden Menschen gegeben haben, der so auf dem Instrument reüssierte, mit einem süßen Ton, der der menschlichen Stimme gleiche und auch ein ganzes Consort imitieren könne. Er konnte Wunderdinge mit einer einzigen Note anstellen und geriet bei seinem exzessiven Spiel geradezu außer sich.

Matteis veröffentlichte im Eigenverlag insgesamt vier Bände unter dem Titel "Ayrs for the Violin" mit Suiten für Violine und Generalbass. Die Tanzstücke darin sind kurz, prägnant und nach Tonarten geordnet, wobei der Interpret die Freiheit hat, sie nach eigenem Geschmack zusammenzustellen. Die ersten beiden Bände erschienen 1676, die letzten 1685, ein paar weitere Werke haben sich noch als Manuskripte erhalten. Doch betrachtet man das rudimentäre Notenbild, so ist daran kaum die Faszination zu erkennen, die das leidenschaftliche, reich verzierte Spiel des Geigers ausmachte.

Daher erfordert es eine große Vorstellungskraft und ein immenses Wissen um die Aufführungspraxis der damaligen Zeit, um diese kaum bekannte Musik mit Leben zu füllen. Dies ist der französischen Geigerin Hélène Schmitt zusammen mit dem Cellisten Gaetano Nasillo, dem Gitarristen Eric Bellocq und dem Cembalisten Jörg-Andreas Bötticher beeindruckend gelungen. Trotz aller Virtuosität spart Schmitt sich eine paganiniartige Attitüde, ihre versierte melodiöse Interpretation ist wunderbar leicht, mit einem sinnlichen Ton, ohne jegliche Irritationen in der Intonation und so angelegt, wie die Musik auch: im italienischen Stil mit einem Touch französischer Grazie.

2. Musik: Nicola Matteis; Aus: Suite en mi: Ground; Hélène Schmitt, Gaetano Nasillo, Eric Bellocq

Von Nicola Matteis war das ein " Ground ", gespielt von Hélène Schmitt, ein Ausschnitt aus ihrer neuesten bei alpha erschienenen CD mit "Ayrs for the violin" von Matteis.

Während in England die Vorherrschaft der Geige mit dem Neapolitaner Matteis Ende des 17. Jahrhunderts begann, entwickelte sich in Norditalien schon zu Beginn des Jahrhunderts eine Vorliebe für sie. Doch anders als anderswo blieben aber im tonangebenden Venedig auch die Blasinstrumente "en vogue", wobei sich in den Kompositionen meist keine genauen Angaben finden, wie die einzelnen Stimmen des polyfonen Satzes besetzt werden sollten, da waren Violinen, Flöten oder Zinken für die Oberstimme im Angebot waren, Gamben oder Posaunen für die Mittelstimmen, Streichbass oder Fagotto für den Bass und darüber hinaus noch Orgel, Cembalo, Chittarone oder Harfe als Begleitinstrumente.

Der Schweizer Blockflötist hat auf seiner neuesten Einspielung diese Musik aus dem Goldenen Zeitalter der venezianischen Instrumentalmusik wieder aufleben lassen. Unter dem Titel "Venezia 1625" erschien bei harmonia mundi ein kurzweiliges Programm mit einigen Hits der damaligen Zeit, bei dem Maurice Steger noch 13 weitere befreundete Kollegen eingeladen hat, die jeweils zu den Besten ihres Faches gehören. Es ist eine herausragende Aufnahme geworden, hochvirtuos und auf höchstem Niveau, sorgfältig eingerichtet und reich besetzt, wobei auch die anderen Instrumentalisten die Möglichkeiten haben, solistisch hervorzutreten. Klangsinnlichkeit ist hier eines der Hauptkriterien.

3. Musik: Marco Uccellini; Symphonia XIV La Stucharda; Maurice Steger & Ensemble

Sonate concertate in stile moderno, konzertante Musik aus dem Venedig der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts steht auf dem Programm der neuesten CD von Maurice Steger, mit Kompositionen von Uccellini, Storace, Merula, Rossi, Castello, Piccinini und Giovanni Battista Fontana, dessen vier Solo-Sonaten im Mittelpunkt stehen. Der einzige gebürtige Venezianer ist dabei Dario Castello, die anderen ließen nur in Venedig drucken, schrieben aber Canzonen, Sonaten und Concerti im stile moderno alla veneziana.

Im Zentrum des tonangebenden venezianischen Musiklebens stand bis Ende des 17.Jahrhunderts die Cappella di San Marco, hier wirkten die bedeutendsten Musiker und Komponisten in ganz verschiedenen Positionen. Die Architektur des Markusdomes hatte das Entstehen eines neuen Musikstils ermöglicht und schon in der Renaissance die Verwendung von Instrumenten begünstigt. Die verschiedenen kleinen und großen Emporen animierten die Komponisten zu Werken mit mehrchörigen, verschiedenartigen Besetzungen und aus dieser Technik der cori spezzati entwickelte sich dann der stile concertato, der "dialogisierende Stil" in der Instrumentalmusik.

Maurice Steger lässt die Blockflöte denn hier auch ihre "verschiedenen Gesichter und Ausdrucksspektren" zeigen, mal duettierend oder wettstreitend mit einem Bassinstrument, mal singend im Consort, mal improvisierend über die Ciaccona-Bässe, oder mal lachend und tanzend, so Steger.

Dabei ging es ihm darum, "die klangliche Opulenz des venezianischen seicento in farbenreicher Manier darzustellen". Dass dies auch heute noch modern anmuten und überzeugen kann, ohne dass diese Musik künstlich aufbereitet oder "verpopt" werden muss, das beweisen Maurice Steger und seine Mitstreiter in dieser wahrlich "opulenten" Aufnahme .

4. Musik: Marco Uccellini; Aria sopra Bergamasca a 2 canti; Maurice Steger, Blockflöte; Sabrina Frey, Blockflöte & Ensemble

Auf seiner neuesten CD mit konzertanter venezianischer Kammermusik hat Maurice Steger ein exquisites Ensemble zusammengestellt. Dabei sind unter anderem, wie hier bei Uccellinis Aria sopra Bergamasca die ebenfalls fulminante Blockflötistin Sabrina Frey, die Gambistin Hille Perl, der Gitarrist Lee Santana, die Harfenistin Margret Köll, der Cembalist und Organist Sergio Ciomei und der Dulzian-Spieler Christian Beuse, um nur einige zu nennen.

Sie alle spielen absolut homogen zusammen, solch eine Formation muss schon ihresgleichen suchen. Maurice Steger ist ein Ausnahmemusiker, der seinem Instrument zu höchster Anerkennung verholfen hat und weltweit, auch an Orten wie der Carnegie Hall konzertiert. Dabei, und das schuldet er auch seiner Plattenfirma, macht er den großen "Personality-Circus" der Industrie nicht mit und sucht seine Programme danach aus, wie sie für ihn passen und nicht, um einem Pseudo-Massengeschmack entgegen zu kommen.

Er konzertiert viel in seiner Schweizer Heimat, erarbeitet Programme für Kinder und ist inzwischen auch als Dirigent tätig. Seine Technik ist perfekt, aber "makellos" wäre nicht die richtige Bezeichnung für sein Spiel, zu sehr experimentiert er mit dem Klang verschiedener Blockflöten und reizt die Töne manchmal schon fast bis zur Schmerzgrenze. Mehr als Maurice Steger wird in der Alten Musik niemand dem Instrument entlocken können.

5. Musik: Dario Castello; Sonata II a Sopran Solo (Ausschnitt); Maurice Steger & Ensemble

Die Neue Platte im Deutschlandfunk, heute stellten wir Ihnen "Ayrs for the Violin" von Nicola Matteis mit Hélène Schmitt vor, erschienen bei alpha - und zuletzt die neueste CD des Blockflötisten Maurice Steger, die unter dem Titel "Venezia 1625" bei harmonia mundi veröffentlicht wurde. Im Studio verabschiedet sich, mit Dank für das Zuhören, Christiane Lehnigk.

Nicola Matteis: Ayrs for the violin
Hélène Schmitt, Gaetano Nasillo, Eric Bellocq
alpha LC-516ALPHA 141

Venezia 1625
Maurice Steger & Ensemble
harmonia mundi LC-7045
HMC 902024

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