Seit 23:10 Uhr Das war der Tag

Dienstag, 22.05.2018
 
Seit 23:10 Uhr Das war der Tag
StartseiteSonntagsspaziergangIm Jerusalem des Nordens20.04.2008

Im Jerusalem des Nordens

Ein Streifzug durch das Antwerpener Judenviertel

35 Synagogen, 10 jüdische Schulen und zahlreiche koschere Restaurants gibt es in Antwerpen, das wegen seiner großen und intakten jüdischen Gemeinde auch "Jerusalem des Nordens" genannt wird. Nach und nach sind die während des Zweiten Weltkriegs vertriebenen Juden wieder in die Stadt zurückgekehrt und haben sich dort ein neues Leben aufgebaut.

Von Nicole de Bock

Kippah und Haarlocken fallen in Antwerpen kaum auf. (Nicole De Bock)
Kippah und Haarlocken fallen in Antwerpen kaum auf. (Nicole De Bock)

Ein Rabbiner in der holländischen Synagoge in Antwerpen: Das Gotteshaus ist denkmalgeschützt und gebaut nach dem Modell der Hauptsynagoge von Sankt Petersburg. Es ist die älteste und schönste Synagoge in Antwerpen. Das eigentliche jüdische Viertel befindet sich ein wenig entfernt, in der direkten Umgebung des Hauptbahnhofes.

"Ich bin hier geboren, ich war zehn Jahre in Israel, ich habe studiert in Israel, ich habe mein Militärdienst gemacht in Israel, aber ich bin zurückgekommen hier mit meiner Frau, die ist auch aus Israel. Denn ich finde in Antwerpen die Möglichkeit, um Belgier zu sein, flämisch zu sein, Antwerpener zu sein, aber auch um sehr intensiv religiös Jude zu sein."

Aaron Malinsky ist Professor an der Universität von Antwerpen und aktives Mitglied in einer der beiden großen jüdisch-orthodoxen, also streng religiösen Gemeinden in seiner Stadt.

"Es gibt in Antwerpen mehr als 35 Synagogen. Es gibt zehn große jüdische Schulen, sieben bis acht von diesen Schulen sind orthodox - und das alles für eine jüdische Gemeinschaft von 25.000 Menschen. Das heißt: Prozentuell gibt es so viel Judentum. Und es gibt vielleicht 50 Organisationen, zionistische Organisationen, Pro Israel, jüdische Organisationen von Belgien, in Kultur, in Religion, das ist so viel für so eine nicht so große jüdische Gemeinschaft. Darum ist Antwerpen das 'Jerusalem des Norde': Es gibt sehr viel 'Jüdigkeit' in einer Stadt."

Das ist auch in den Straßen des jüdischen Viertels unübersehbar. Viele Männer tragen einen langen schwarzen Mantel, einen schwarzen Hut oder eine Pelzmütze. Sie haben einen stattlichen Bart und die für orthodoxe Juden typischen Haarlocken. Die Frauen tragen oft Perücken, ihre Röcke müssen immer wenigstens die Knie bedecken. Aber es gibt auch orthodoxe Juden, die die Regel lockerer handhaben. Die Männer tragen dann nur eine Kippah, ein Judenkäppchen; die Frauen irgendeine Kopfbedeckung ihrer Wahl. Simone Wenger, die Gattin des Gemeindedirektors zeigt sich gerne mit einer flotten Mütze. Sie führt mich zu einer Mikwah.

"Wir sind in ein Mikwah, das ist das rituelle Bad. Und für Frauen ist das ein religiöses Gebot, um monatlich, nach der Menstruation - plus sieben Tage - zum Ritualbad zu kommen. Oder man kann nicht zusammen leben mit einem Partner."

Diese ist die modernste Mikwah in ganz Europa, mit eigenem Parkhaus und acht individuellen Badezimmern. Das Badewasser ist eine Mischung aus Brunnen- und Regenwasser.

"Wir dümpeln uns ganz unter das Wasser. Es dürfen keine Haare über das Wasser kommen. Und dann tragen wir Gebete vor und dann ist man rein zur Relationen mit unseren Partnern."

Auch was das Essen angeht sind die streng orthodoxen Juden an viele Regeln gebunden. Im jüdischen Viertel in Antwerpen und in der Umgebung gibt es zahllose Restaurants, wo man "koscher", also nach den Vorschriften des jüdischen Glaubens, essen kann. Im Restaurant Lamalo kocht Ika Benzakin schon sechs Jahre koscher.

"Viele Juden aus dem Viertel kommen hier essen, aber es kommen auch Nicht-Juden. Wenn diese Menschen zum ersten Mal hier sind, verstehen sie, dass 'koscher' alle Arten von Speisen bedeuten kann, die aber von einem Aufsichtsgremium kontrolliert werden müssen. Es kann also belgische Küche sein oder französische oder italienische. Unser Restaurant bietet mediterrane Küche vom Mittleren Osten, ergänzt mit einigen europäischen Spezialitäten."

Die Restaurantküche ist strengen Kontrollen unterworfen. Das Gemüse wird ausgiebig gespült und anschließend noch einmal auf Insekten hin untersucht. Das Olivenöl, der Essig, der Wein müssen koscher sein. Natürlich darf kein Schweinefleisch verwendet werden. Fleisch- und Milchspeisen sollen nicht während ein und derselben Mahlzeit gegessen werden. Für Fleisch- und Milchprodukte müssen gesonderte Töpfe und separates Geschirr und Besteck verwendet werden. Genauso streng geht es hier zu in den Lebensmittelläden, so in der Bäckerei Kleinblatt, einem Familiengeschäft in der vierten Generation. Ein Mitarbeiter:

"Das ist hier auch strikt koscher. Wir gehören zu den Mazikadasch, das ist das ganz orthodoxe Rabbinat. Wir haben hier ein Mensch, der das kontrolliert. Er macht die Öfen an in der Früh, er klopft die Eier kaputt, weil: Das ist ein Gesetz, das muss sein, weil: Wenn es Blut in den Eiern gibt, ist es nicht koscher."

Die Bäckereitheke ist buchstäblich in zwei geteilt. Links liegt Ware mit Butter oder Milch hergestellt, rechts Backware ohne diese Zutaten, das heißt dann "parve", neutral. "Parve"-Backware kann von religiösen Juden unbedenklich zusammen mit Fleisch verspeist werden. Bäckerei Kleinblatt bietet auch typisch jüdische Spezialitäten:

"Chalas, das ist das Brot, das die jüdische Menschen am Freitagabend am Tisch haben für den Schabbat, das ist ein geflochtenes Brot. Hier in Antwerpen, bei uns, wird es noch mit der Hand gemacht und man macht es jeden Donnerstagabend, mehr wie 1000 Stück für die jüdische Gemeinschaft hier in Antwerpen und normalerweise wird das nicht geschnitten, wird das mit der Hand abgebrochen, am Tisch am Freitagabend."

Das jüdische Viertel in Antwerpen ist wie eine kleine Insel inmitten der Stadt. Die Juden fühlen sich hier ausgesprochen wohl, weil sie ihre Religion ungestört leben und ihre Kinder in eigenen Schulen jüdisch religiös erziehen können. Sogar über ein eigenes Altersheim verfügt
die jüdische Gemeinschaft. In den Straßen zwischen dem Hauptbahnhof und dem Stadtpark kann man an fast jeder Tür ein Mezuza entdecken, ein kleines Stück Pergament mit einem Text aus der Thora, der Heiligen Schrift der Juden. Die kleine Rolle ist wie ein Glaubensbekenntnis und soll das Haus und seine Bewohner beschützen. In einer Art Kristallnacht im April 1941 erlebten die Juden aber auch in Antwerpen einen Pogrom. 200 jüdische Läden wurden zerstört und zwei Synagogen niedergebrennt. Aaron Malinsky:

"Hier gibt es das Monument. Das Monument ist in dem Ort des Pogroms. Das war doch ein sehr schrecklicher Tag, also hat man ein Monument aufgerichtet, das Monument 'Sachol', heißt 'die Erinnerung'. Und es gibt auch Asche, jüdische Asche von Auschwitz in dem Monument selbst."

Viele Überlebende des Holocaust haben sich in Antwerpen niedergelassen. Zwei Drittel der hier lebenden Juden sind streng religiös und begeben sich drei Mal täglich in eine der zahllosen Synagogen, um zu beten.

"Es gibt drei oder vier jüdische Gemeinde, zwei große. Unsere Gemeinde heißt Shomre Hadas, wir gehen jetzt zu der großen Synagoge von Shomre Hadas."

Die Synagoge besteht aus einem großen Raum, mit blaugelben Glasfenstern. Überall leuchten Kandelaber. Die obere Etage des Gotteshauses ist für die Frauen reserviert.

"Am Beginn gibt es die große Schranke mit der Thorarolle, in der Mitte gibt es die Bima, dort wird die Thora gelesen. Vorne gibt es ein Pupitre mit schönen Kandelabern, dort ist der Tenor, Herr Müller, das ist sein Platz."

"Ich bin hier der Oberkantor, schon 33 Jahren. Bei uns ist das eine Tradition: Unsere Musik, die Mode von unseren Gesängen, von den Gebeten, das ist von Tausenden Jahren, das kommt noch von den heiligen Tempel in Jerusalem. Es ist eine Kombination zwischen Ost und West, unsere Musik."

Auch wenn unsere Musik traurig ist, spürt man doch immer einen Funken Hoffnung, meint der Oberkantor. Hoffnung gab es auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Stadt Antwerpen hat die Juden gebeten, hierher zurückzukehren und die Diamantenbranche wieder aufzubauen, die seit eh und je in jüdischer Hand war.

"So vor dreißig Jahre sind hier jüdische Familien von Israel und von Georgien zurückgekommen. Und sie haben hier ein großer Konglomerat von kleinen Geschäften für Gold und Silber und Diamanten gemacht, wie sagt man: Schmuck. Es gibt hier 130 Geschäfte, es sind alles Juden, und das ist der größte Platz in der Welt glaube ich. Ah nein, vielleicht in New York, 49. Street."

Direkt in Bahnhofsnähe stößt man überall auf kleine Läden mit Schmuck. Besonders am Sonntag, dem Tag nach dem jüdischen Ruhetag, geht es hier sehr lebendig zu: Aus ganz Europa kommt man hierher zum Einkaufen!

"Wir gehen jetzt in das Allerheiligste, in die große Diamantbörse von Antwerpen, es gibt 17 Diamantbörsen in der ganzen Welt, vier sind in Antwerpen. Antwerpen ist sehr, sehr wichtig für den Weltdiamantenhandel. Hier ist alles in der Straße, aber die Diamantenbörse ist schon hundert Jahre alt. Jedes Jahr, in geschliffenen Diamanten, spricht man über 20 Billion Euro Business - für ein Jahr! Wir sind jetzt auf der Kamera von der Polizei, die Polizei filmt uns!"

Die Diamantenbörse von Antwerpen besteht aus streng bewachten Straßenzeilen. Das Areal, teilweise Fußgängerzone, beherbergt Hunderte von internationalen Firmen, Banken, Maklerbüros. Von außen sieht man nicht direkt, dass hier mit viel Geld hantiert wird. Besonders in den letzten zehn Jahren ist ein drastischer Rückgang der jüdischen Geschäfte zu spüren. Inder haben einen großen Teil des Business übernommen. Da bis zum heutigen Tage die Hälfte der Antwerpener Juden sich auf den Diamantsektor ausgerichtet hat, ist ein wirtschaftliches Problem entstanden: Die Antwerpener Juden verarmen langsam und müssen sich dringend anderen Wirtschaftsbranchen zuwenden. In Zusammenarbeit mit der Universität von Antwerpen werden neuerdings Kurse organisiert für orthodoxe jüdische Jugendliche.

"Zum Beispiel im 'Maritim Sekretariat' für den Hafen von Antwerpen. Antwerpen hat die größte Diamantenbörse in der Welt, aber auch den fünft- oder sechstgrößten Hafen, sehr viele Schiffe. Mit Israel zusammen, das ist interessant: Die Leute können Hebräisch, es gibt Zukunft, auch in diesem Business."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk