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StartseiteBüchermarktIm Kampf gegen die Evidenz des Realen22.04.2012

Im Kampf gegen die Evidenz des Realen

Buch der Woche - Patrick Modiano: "Im Café der verlorenen Jugend". C. Hanser Verlag, 158 Seiten

Wie alle Romane Patrick Modianos ist auch "Im Cafe der verlorenen Jugend" auf sonderbare Weise höchst spannend. Fast fieberhaft versucht der Leser den Zusammenhängen auf die Spur zu kommen, die kurz aufleuchten und bald ins Dunkel zurücktreten.

Von Walter van Rossum

Der französische Schriftsteller Patrick Modiano in einer Aufnahme aus dem Jahr 1978 (picture alliance / dpa / AFP)
Der französische Schriftsteller Patrick Modiano in einer Aufnahme aus dem Jahr 1978 (picture alliance / dpa / AFP)

Wagen wir doch ein kleines Experiment. Spielen wir ein wenig literarische Schreibschule. Bitte nehmen Sie einen Augenblick Platz. Thema heute? Wir schreiben einen Roman von Patrick Modiano. Das könnte so funktionieren: Bitte denken Sie an irgendeine Person, die Sie zwar nicht kennen, die Sie aber aus noch unbestimmten Gründen interessiert.

Etwa jene junge Mutter, die ein paar Häuser weiter wohnt und der sie gelegentlich begegnen, wenn sie mit ihrem Kinderwagen an Ihrem Haus vorbeikommt. Versuchen Sie bitte die junge Frau zu beschreiben. Was hat sie an? Wie alt mag sie sein? Ist das ein Junge oder ein Mädchen in dem Kinderwagen? Sie können ihr auch unauffällig folgen und versuchen herauszubekommen, was sie so treibt - außerhalb ihres üblichen Blickfeldes. Vielleicht erkundigen Sie sich diskret bei den Nachbarn, wie die Unbekannte heißt und was sie beruflich gemacht hat, bevor sie Mutter wurde.

Doch Vorsicht! Sie sind kein Detektiv, sondern Schüler einer Romanschule auf den Spuren von Patrick Modiano. Das heißt, Sie müssen streng darauf achten, dass die Informationen, die Sie sammeln, nichts lösen, sondern das Mysterium kontinuierlich steigern. So entdecken Sie zwar auf dem Klingelschild der Wohnung, in der die junge Frau vermutlich wohnt, einen Namen, aber der entpuppt sich als der Name einer Romanfigur aus dem 18. Jahrhundert. Ferner fällt Ihnen auf, dass an gewissen Tagen – ein Rhythmus ist einstweilen nicht erkennbar – die Räder des Kinderwagens sonderbar quietschen. Ist da mehr drin als ein Baby?

Ab einem bestimmten Punkt Ihrer Beobachtungsarbeit kommen Sie dann nicht mehr umhin, sich selber zu beobachten und sich etwa zu fragen, warum Sie eigentlich diese Frau beobachten. Wann hat das angefangen? Wie und wo hat sie begonnen, Ihr Interesse zu erregen? Also etwa so:

Im Oktober des Vorjahres war sie aufgetaucht. (...) Die Beweise sind wacklig und widersprüchlich, doch ich bin mir ihrer Anwesenheit an jenem Abend vollkommen gewiss. All das, was sie für Bowings Blick unsichtbar machte, war mir aufgefallen. Ihre Schüchternheit, ihre langsamen Bewegungen, ihr Lächeln und vor allem ihr Schweigen. Sie saß neben Adamov. Vielleicht war sie seinetwegen ins Condé gekommen. Ich war Adamov häufig im Odéon-Viertel begegnet und ein Stück weiter, im Umkreis von Saint-Julien-le-Pauvre. (...) Ja, vom Herbst an kam sie regelmäßig ins Condé. Und das war bestimmt kein Zufall. Für mich ist der Herbst nie eine traurige Jahreszeit gewesen. Das welke Laub und die kürzer werdenden Tage haben mir nie das Ende von irgendwas bedeutet, vielmehr ein Warten auf die Zukunft. Die Luft ist elektrisch aufgeladen in Paris, an Oktoberabenden, wenn die Nacht herabsinkt. Sogar bei Regenwetter. Ich bin nie trübselig um diese Stunde, leide auch nicht unter der flüchtigen Zeit. Ich habe ein Gefühl, als sei alles möglich.

So etwa könnte ein Roman von Patrick Modiano anfangen. Doch das wäre allenfalls der Plot eines ersten Kapitels. In einem zweiten Kapitel würde wahrscheinlich eine andere Person auftauchen, die sich ebenfalls für die Frau mit Kinderwagen interessiert, die Sie bereits im Auge haben. Doch Sie kennen die andere Person nicht. Sie wissen auch nicht, warum die sich ebenfalls für die Frau mit Kinderwagen interessiert. Es werden jedoch Gründe angedeutet, warum dieser zweite Beobachter gerne unerkannt bleiben möchte.

In einem dritten Kapitel könnte dann vielleicht die Frau selbst erzählen, warum sie da wohnt, was sie so treibt und warum sie stets allein ist. Die Schwierigkeit für Sie, lieber Schreibschulschüler, besteht nun darin, dieses Dunkel aus lauter scheinbaren und scheinbar unzusammenhängenden Nichtigkeiten unter Spannungsdampf zu halten. Denn alle Romane Modianos sind auf sonderbare Weise höchst spannend. Fast fieberhaft versucht der Leser den Zusammenhängen auf die Spur zu kommen, die kurz aufleuchten und bald ins Dunkel zurücktreten.

Doch Sie finden bei Modiano nicht nur dieses wunderbare Zwielicht. In einer Hinsicht sind diese Romane außerordentlich präzise, nämlich immer dann, wenn es um Paris geht. Und es geht sehr viel um Paris. In seinem Gesamtwerk dürfte sich Modiano nur auf ein paar Dutzend Seiten außerhalb der Grenzen des boulevard peripherique begeben, jenes Stadtautobahnrings, der das Zentrum von seinen immensen Vororten trennt. Aber es ist nicht das gegenwärtige Paris, sondern eine längst versunkene Stadt, die Modiano von Roman zu Roman in immer neuen Richtungen durchstöbert. Leicht zugespitzt könnte man sagen: für die Zeit zwischen 1950 und 1980 könnten Modianos Romane die Rolle übernehmen, die heute Google-Street-View spielt:

Mir fiel der Text wieder ein, den ich zu schreiben versuchte, damals, als ich Louki kennengelernt hatte. Ich hatte ihn mit Die neutralen Zonen überschrieben. Es gab in Paris Zwischenzonen, so etwas wie ein no man’s land, wo man am Rand von allem und jedem war, auf Durchreise oder sogar in der Schwebe. Man genoss eine gewisse Immunität. Ich hätte sie auch Freizonen nennen können, aber neutrale Zonen war zutreffender. ( ... )

Der Square Cambronne und das Viertel zwischen Ségur und Dupleix, all diese Straßen, die auf die Fußgängerbrücken der oberirdischen Metro zuliefen, gehörten zu einer neutralen Zone, und es war kein Zufall, dass ich Louki hier begegnet war. Diesen Text habe ich verloren. Fünf Seiten, die ich abgetippt hatte auf der Maschine, die Zacharias, ein Gast des Condé, mir geliehen hatte. Als Widmung hatte ich darauf geschrieben: Für Louki aus den neutralen Zonen. Ich weiß nicht, was sie von diesem Werk hielt. Ich glaube nicht, dass sie es zu Ende gelesen hat. Es war ein etwas abschreckender Text, eine Auflistung nach Arrondissements und mit den Namen all der Straßen, die diese neutralen Zonen eingrenzten.


Im Rahmen unseres kleinen Schreibschulexperiments könnte es vielleicht hilfreich sein, sich ein wenig mit dem Autor selbst zu befassen. Doch man erwarte von Patrick Modiano persönlich keine Auskunft. Noch kürzlich besuchte der Schweizer Literaturkritiker Andreas Isenschmid ihn in seiner Pariser Wohnung. Und Isenschmid – obwohl von zahlreichen Vorgängern gewarnt – war dennoch verblüfft über die verwirrende, zögerlich suchende Sprechweise, mit der der heute 67-jährige weltberühmte Autor sich jeder präzisen Auskunft über sich und sein Werk entzieht. Besser also, sich an das Werk selbst zu halten. Schließlich hat Patrick Modiano, Jahrgang 1945, sich zum 60. Geburtstag im Jahre 2005 ein autobiografisches Buch geschenkt: "Ein Stammbaum" heißt die Geschichte seiner Kindheit bis zum 21. Lebensjahr.

"Ich wurde am 30. Juli 1945 geboren, in Boulogne-Billancourt, Alleé Marguerite Nr. 11, als Kind eines Juden und einer Flämin, die sich im Paris der Okkupationszeit kennengelernt hatten. Ich schreibe Jude, ohne zu wissen, was das Wort für meinen Vater wirklich bedeutete, und weil es damals in den Personalausweisen vermerkt war. Bewegte Zeiten führen oft riskante Begegnungen herbei, sodass ich mich niemals als legitimer Sohn gefühlt habe und noch weniger als Erbe."

Die Mutter entstammt bescheidenen Verhältnissen und wird Tänzerin und Schauspielerin. Sein Vater, früh Waise, schlug sich als Jugendlicher mit allerlei Geschäften und Schmuggeleien durch, später gründete er obskure Handelsgesellschaften. In der Zeit der deutschen Okkupation Frankreichs war er dadurch als Jude doppelt gefährdet. Er wurde auch verschiedentlich festgenommen, konnte sich aber immer wieder der Deportation entziehen. Nach dem Krieg kommt er kurzfristig zu einem gewissen Wohlstand mit zwielichtigen Geschäften aller Art. Seine Mutter hat Engagements an verschiedenen Bühnen, oft auch außerhalb von Paris.

Der kleine Patrick verbringt fast seine ganze Jugend in irgendwelchen Internaten. Manchmal parkt ihn die Mutter bei Freunden, Bekannten oder der Concierge. Der Vater hält sich den Jungen vom Leib. Die Ehe der Eltern scheitert bald. Klingt nach dem ganz normalen Familienroman des 20. Jahrhunderts. Eine Odyssee aus Vernachlässigung, Verwahrlosung und Einsamkeit.

Doch Modiano erzählt die Geschichte nicht so, genau genommen erzählt er überhaupt nicht, wenn Erzählen denn bedeutet, einen Zusammenhang herzustellen. Modiano gibt seiner Jugend ihre Disparatheit, ihr ratlos Fragmentarisches zurück. Es ist eine Aufzählung von Namen, Orten, Anekdoten und Details. Ein Rosenkranz der Fakten, die seine Jugend möbliert haben, ein Katalog des Gedächtnisses, ein Requisitenmagazin von verschatteten Figuren, Orten, Räumen unbestimmter Bedeutung.

Ich schreibe diese Seiten so, wie man ein Protokoll oder einen Lebenslauf verfasst, aus dokumentarischen Gründen und wahrscheinlich auch, um einen Schlussstrich zu ziehen unter ein Leben, das nicht meines war. Es handelt sich nur um eine dünne Schicht von Fakten und Gesten. Ich habe nicht zu bekennen, nichts zu erhellen, und ich verspüre keinerlei Neigung zu Introspektion und Gewissenserforschung.

Mit einer Ausnahme, die seinen zwei Jahre jüngeren Bruder betrifft.

Abgesehen von meinem Bruder Rudy, seinem Tod, betrifft mich, glaube ich, nichts wirklich von allem, was ich hier erzähle.

Damals war Patrick zwölf Jahre alt. Bis zu seinem 21. Lebensjahr war Patrick Modiano der ungebetene Gast im Leben seiner Eltern, eine Fundsache, auf die nie jemand Anspruch erhoben hat.

Doch er beschreibt nicht seine Gefühle, er macht Inventur, zählt die Bestände und fesselt den Leser mit einer atemberaubenden Lakonie. Mit der Lakonie eines Schriftstellers, der sein Schweigen zu setzen versteht. "Un pedigrée" heißt das Buch im französischen Original. Pedigrée heißt zwar Stammbaum, aber gemeint ist der Abstammungsnachweis eines Tieres zu Züchtungszwecken. Modianos Ahnengalerie lässt keinen Zweifel: es ist ein Bastard, ein zugelaufener Hund, und man hat den Eindruck, mit diesem Herkommen verbindet ihn eine leicht bittere Dankbarkeit.

Im Alter von 21 Jahren arbeitet Modiano an seinem ersten Roman "Place de L’Etoile", der zwei Jahre später, 1968, erschien und den Autor schlagartig berühmt machte. Es geht aber nicht um den berühmten Platz in Paris, sondern um den Platz des Sterns, des Judensterns. Im Zentrum steht eine totale Kunstfigur namens Raphael Schlemilowitsch. Er ist nur eines immer, nämlich Jude: mal ist ein assimilierter Jude, der bloß Karriere machen will, dann ist er ein furchtbarer Antisemit, der es sogar zum Geliebten von Eva Braun schafft. Dann treffen wir ihn am Hofe der Proustschen Romanwelt, wenige Absätze später taucht Schlemilowitsch in den 20er-Jahren in der Schweiz auf, dann in Südamerika, im Paris unter der deutschen Besatzung, zwischen-durch konsultiert er mal kurz Dr. Sigmund Freud.

"Place de l’Etoile" dekonstruiert die Figur des Juden als Sprachspiel. Offenkundig erkennt man Juden nur daran, dass sie einen Judenstern tragen. In dem Moment bricht aller Rassismus in sich zusammen – aber auch die Identitäten.

Im Zusammenhang mit unserem kleinen Schreibschulexperiment scheint es interessant, darauf hinweisen, dass selten ein Autor sich so weit von seinen – erfolgreichen! - Anfängen entfernt hat wie Patrick Modiano. "Place de L’Etoile" ist ein geistreiches, ein etwas aufdringlich akrobatisches Buch ganz aus dem Geiste postmoderner Exzellenz – damals als die Postmoderne noch an eine wie auch immer geartete subversive Mission glauben durfte. Sehr früh hat sich Modiano davon entfernt und die über zwanzig allesamt schmalen Romane, die folgen sollten, gehorchen einer ganz anderen Poetik. Niemand käme hier auf die Idee von geistreich zu sprechen. Doch das Gegenteil von "geistreich" wäre in diesem Falle nicht geistlos, sondern eher magisch:

Als ich fünfzehn war, konnte man mich für neunzehn halten. Und sogar für zwanzig. Ich hieß nicht Louki, sondern Jacqueline. Ich war noch viel jünger, als ich zum ersten Mal die Abwesenheit meiner Mutter ausnutzte und mich davonschlich. Sie ging gegen neun Uhr abends zur Arbeit und kam nie vor morgens um zwei nach Hause. Bei diesem ersten Mal hatte ich mir eine Lüge für den Concierge ausgedacht, falls er mich im Treppenhaus überraschen sollte. Ich hätte ihm gesagt, ich müsste in der Apotheke an der Place Blanche ein Medikament kaufen. (...)

Während der folgenden drei, vier Jahre waren es oft die gleichen Strecken, die gleichen Straßen, und doch wurden meine Routen immer länger. In der ersten Zeit wagte ich mich nicht einmal bis zur Place Blanche. Ich ging höchstens einmal um den Häuserblock ... Zuerst dieses ganz kleine Kino, an der Ecke des Boulevards, ein paar Meter von unserem Haus, wo die Vorstellung abends um zehn begann. Der Saal war leer, außer an Samstagen. Die Filme spielten in fernen Ländern wie Mexiko und Arizona. Der Geschichte schenkte ich überhaupt keine Beachtung, nur die Landschaften interessierten mich. Hinterher entstand in meinem Kopf eine seltsame Mischung aus Arizona und dem Boulevard de Clichy. Die Farben der Leuchtreklamen und Neonlichter waren die gleichen wie die im Film: Orange, Smaragdgrün, Nachtblau, Sandgelb, viel zu gleißende Farben, die mir das Gefühl gaben, noch immer in dem Film zu sein oder in einem Traum. Traum oder Albtraum, das war nicht so ganz klar.


Vorsicht, lieber Schreibschulschüler, magisch ist schwer, magisch steckt voller Fallen. Mit ein bisschen Fantasy-Geraune kommen Sie nicht über die Runden eines echten Modiano. Wie erklärt man also den speziellen Stil dieses Autors, den typischen Modiano-Sound? Am besten, Sie lauschen einfach einem kurzen Beispiel – auch wenn wir es hier "nur" mit einer Übersetzung zu tun haben, doch die Übersetzung von Elisabeth Edl bietet die größtmögliche Annäherung an das Original:

Natürlich verstand ich das. In diesem Leben, das uns manchmal vorkommt wie eine große Brachfläche ohne Wegweiser, inmitten all dieser Fluchtlinien und verlorenen Horizonte, würde man gern Bezugspunkte finden, eine Art von Kataster anlegen, um nicht länger das Gefühl zu haben, dass man sich ziellos treiben lässt. Also knüpft man Beziehungen, versucht, ungewisse Zufallsbekanntschaften zu festigen. Ich schwieg und starrte auf den Zeitschriftenstapel. Mitten auf dem niedrigen Tisch ein großer gelber Aschenbecher mit der Aufschrift: Cinzano. Und ein broschiertes Buch mit dem Titel "Adieu Focolara". Zannetacci. Jean-Pierre Choureau. Cinzano. Jacqueline Delanque. Standesamt von Neuilly. Focolara. Und das alles sollte irgendeinen Sinn ergeben ...

Sie merken: Das ist eine ziemlich einfache Sprache, dem französischen Ideal der "clarté" scheinbar verpflichtet. Ich sage scheinbar, denn wenn Sie jetzt versuchten, aufgrund meiner Gebrauchsanweisung eine Seite Modiano-Prosa zu verfertigen, würden Sie nach wenigen Zeilen merken, dass der Quellcode dieser Prosa ein Geheimnis seines Schöpfers bleibt.

Und es ist an der Zeit, dass der Rezensent die Karten auf den Tisch legt und erklärt, warum er den Umweg dieses nunmehr abgebrochenen Experiments genommen hat. Es ist nämlich so: Nach der Lektüre von "Im Café der verlorenen Jugend" widerfuhr dem Kritiker, was ihm schon früher nach der Lektüre von Romanen dieses Autors widerfahren war, nämlich das unwiderstehliche Bedürfnis, die Wonne der Lektüre durch entschlossenes Schweigen fortzusetzen.

Anders gesagt: Man möchte den Zauber des Romans nicht an das Gekapper der Kritik verraten. Haben Sie bitte ein Einsehen mit mir, wenn ich Sie dieses eine Mal mit einer Modiano-Simulation abspeise.

Wüssten Sie denn wirklich mehr, wenn ich Ihnen verrate, dass es "Im Café der verlorenen Jugend" nicht um eine Mutter mit Kinderwagen geht, sondern um eine junge Frau, die eines Tages in einem Pariser Café im Odéon-Viertel auftaucht, in dem eine bunte Mischung von Bohemiens zu verkehren pflegt? Sonderbare Leute – wie dieser hier:

Ein Mitglied der Gruppe, Bowing, von uns allen "Capitaine" genannt, hatte mit einem Unternehmen begonnen, das die anderen guthießen. Seit fast drei Jahren notierte er die Namen der Gäste des Condé, und zwar in der Reihenfolge ihres Eintreffens, jeweils mit Datum und genauer Uhrzeit. ( ... ) Im Grunde versuchte Bowing nur, all die Schmetterlinge, die für ein paar Augenblicke um eine Lampe schwirren, vor dem Vergessen zu bewahren. Er träume, sagte er, von einem riesigen Register, in dem die Namen der Gäste aller Pariser Cafés seit hundert Jahren verzeichnet wären, samt Angabe ihres Eintreffens und ihres Weggehens. Er war besessen von etwas, das er "Fixpunkte" nannte.

Und es ist wirklich so wie in unserem kleinen Schreibschulexperiment: Je mehr wir von der jungen Frau erfahren, umso rätselhafter wird sie. Und es hätte nicht viel Sinn, ein paar Wendungen der Geschichte vorwegzunehmen.

Denn das Entscheidende und entscheidend Faszinierende an den Romanen von Patrick Modiano besteht ja darin, dass er Geschichten erzählt, nicht um die Welt zu erklären, sondern um sie zu verhexen. Man könnte fast sagen: Modiano bekämpft die Evidenz des Realen, die klaren Konturen von Menschen und Dingen als phänomenalen Schein, um dahinter in das Reich magischer Gründe oder Abgründe vorzudringen. Das mag exquisit eskapistisch klingen, ist aber ganz einfach zu verstehen. Denken Sie einfach an sich, denken Sie daran, dass Sie in Wahrheit ein Rätsel sind.

Patrick Modiano, Im Café der verlorenen Jugend
Roman. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl
C. Hanser Verlag, München 2012
158 Seiten. Euro 16,90

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