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StartseiteKultur heuteIm Zirkus der kleinen Leute26.05.2010

Im Zirkus der kleinen Leute

"La Pivellina" von Regieduo Tizza Covi und Rainer Frimmel

In "La Pivellina" erzählt das österreichisch-italienische Regieduo Tizza Covi und Rainer Frimmel die Geschichte eines zweijährigen Findelkindes, das von einem Zirkus aufgenommen wird. Der halbdokumentarische Spielfilm begeisterte das Festivalpublikum und läuft jetzt in den deutschen Kinos an.

Rüdiger Suchsland im Gespräch mit Beatrix Novy

Patrizia Geraldi und das Mädchen Asia Crippa in  "La Pevillina" (Filmgalerie 451)
Patrizia Geraldi und das Mädchen Asia Crippa in "La Pevillina" (Filmgalerie 451)
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"La Pivellina"

Beatrix Novy: Pivello heißt italienisch Grünschnabel, Anfänger oder Neuling. Eine Pivellina müsste also folglich ein weiblicher, kleiner Grünschnabel sein. So viel verrät der Filmtitel also. "La Pivellina" kommt in unsere Kinos. Ein österreichisch-italienischer Film von Tizza Covi und Rainer Frimmel. Ein kleiner Film, der aber bei Festivals schon sehr viel Eindruck gemacht hat. Rüdiger Suchsland, was ist es denn, was diesen materiell doch eigentlich sehr bescheidenen Film so anziehend macht?

Rüdiger Suchsland: Ja, das ist so ein Film, der, wenn man das nur so hört, alles falsch macht, was man falsch machen kann, und der dann doch alles richtig macht. Also man sagt ja immer, keine Kinder, keine Tiere im Kino, das wird nie was. Und auch wenn man nur hört, worum es geht, dann glaubt man das gar nicht, denn es geht um eine ältere Frau, die Haare hat, so feuerrot gefärbt, die als Artistin eines Wanderzirkus arbeitet, und die findet ein kleines, verlassenes, offenbar ausgesetztes Kind, nimmt es bei sich auf, anstatt es den Behörden zu übergeben. Man denkt erst mal, das ist jetzt sentimental, das ist Sozialrealismus, aber dann stellt sich doch heraus, dieser Film, von zwei Regisseuren - einer Italienerin, Tizza Covi, und dem Österreicher Rainer Frimmel - zusammen gemacht, ist einfach einer der ungewöhnlichsten Filme der letzten Jahre. Der ist ganz großartig, der ist genial, der ist auch ein bisschen wahnsinnig. Bis zum Ende weiß man eigentlich nicht genau, was das denn soll, und gleichzeitig ist er trotzdem ungemein spannend und vor allem sehr, sehr lustig.

Novy: Kommen wir mal zur Machart. Also es ist ja offenbar kein Film, der wie alle anderen Filme ein totales Kunstprodukt ist, in dem jede Szene, jede Einstellung, jeder Fortlauf vorbestimmt sind, sondern da geht es irgendwie anders zu.

Suchsland: Ja, es ist halbdokumentarisch, kann man sagen. Also es vereint sozusagen die Tugenden von Dokumentar- und Spielfilm. Es ist mit Laien gedreht, die beiden Hauptdarsteller - oder eigentlich gibt es drei Hauptdarsteller, aber die beiden erwachsenen Hauptdarsteller, das sind auch Menschen, die im Zirkus arbeiten, und Kino hat ja da seine Ursprünge, im Jahrmarkt, im Zirkus. Hier geht es zu diesen Ursprüngen zurück zu so einem Wanderzirkus, arme Leute, kleiner Zirkus, trotzdem, man sieht auch Löwen, man sieht Messerwerfer, man sieht Clowns und ihre Kunststücke. Das macht einfach erst mal Spaß. Das ist aber ganz unmittelbar und ganz real mit so einer Kamera, die nah an den Leuten dran ist, gedreht. Und die eigentliche Hauptfigur, die ist sowieso ein Naturtalent, muss das auch sein, die ist nämlich erst zwei Jahre alt und heißt Asia, und die steht wirklich im Zentrum. Das ist dieses kleine Mädchen, was dann gefunden wird, und man fragt sich die ganze Zeit, wie machen die das, dass die nie in die Kamera schaut, dass die im richtigen Moment lacht oder weint, dass die im richtigen Moment genau das sagt, was sie sagen muss.

Novy: Ja genau, wie machen die das?

Suchsland: Ja, wie machen die das? Man fragt sich das, ja? Es ist wahrscheinlich so, dass dieses Kleinkind eigentlich ein Naturtalent ist, dass die Filmemacher gar nichts machen, aber Geduld haben. Und offenbar haben die Filmemacher so sich sehr viel Zeit genommen. Die haben erst mal drei Wochen lang mit diesem kleinen Mädchen einfach zusammengelebt, in diesen Wohnwagen des Zirkus, und haben sich aneinander gewöhnt, und dann irgendwann sieht das Mädchen gar nicht mehr die Kamera und man spielt eigentlich mit diesem kleinen Kind. Und die haben sicher sehr viel Material gehabt, haben das dann so zusammengeschnitten, dass es einen kurzen Film, nämlich 85 Minuten langen Film, ergibt, und der ist dann wahnsinnig dicht, der ist wahnsinnig spannend. Es kommt unglaublich viel drin vor, wenn man das mal später versucht zu rekapitulieren. Im Grunde geht es aber um die Geschichte eines Findelkindes, das von einem Zirkus aufgenommen wird.

Novy: Und geht es nicht auch ein bisschen um den Zirkus? Es ist ein kleiner Wanderzirkus, so was gibt es ja noch, aber das haben wir eigentlich kaum im Blick, wie es da zugeht. Ist das aussterbend oder ist das vital, wie stellt sich das dar in diesem Film?

Suchsland: Das ist beides. Es stellt sich als sehr, sehr vital dar, und es ist natürlich auch so die Geschichte der Gaukler. Wie gesagt, das Kino seit seinen Urzeiten hat damit was zu tun, aber auch, wenn wir uns an den italienischen Film erinnern, an die großen Zeiten - Fellinis "La Strada", die Filme, die Pasolini in den 60er-Jahren im Theater gemacht hat, auch mit den Proletariern. Und das hier ist natürlich so ein Zirkus der kleinen Leute, ein fahrendes Zirkusproletariat kann man sagen, und das wird einfach wie in einem Dokumentarfilm geschildert. Also man sieht gar nicht mal eine Vorstellung, man sieht aber das Leben dazwischen und das Leben an den Rändern. Man sieht also, wie die Messerwerfen üben - man denkt dann immer: Wahnsinn, die werfen ja wirklich mit einem Messer, und wie schafft der das, dass der den nicht trifft. Also dieses Staunen, was man auch kennt vom Zirkus, das empfindet man selber als Zuschauer auch. Und man bekommt wahnsinnig viel mit von diesem Leben. Natürlich bekommt man auch die Not mit. Und es ist schon ein Film, der gewissermaßen mit einem sozialen Naturalismus, den man zum Beispiel von den Dardenne-Brüdern kennt, ganz unsentimental, ganz ungeschönt auch einfach die Verhältnisse im Italien Berlusconis zeigt. Es hat ganz klar so diesen politischen Subtext, dass auch das Italien, was ja auch mit einem Showbusiness zu tun hat, diese rechte, fast faschistische Politik, die aber, das ist so ein glattes Showbusiness und ein gekünsteltes Showbusiness. Dem stellt dann dieser Film, wenn man so will, auch so ein Gegenshowbusiness gegenüber, was dann zeigt, was eigentlich die wahre Kunst ist und was sozusagen eine riskante Kunst ist. Insofern nimmt dieser Film "La Pivellina" auch das frühste Kino wieder auf. Man kann an so ein Meisterwerk wie "Nanuk, der Eskimo" denken, der ja auch so eine Mischung aus Spiel- und Dokumentarfilm ist.

Novy: Große Empfehlung von Rüdiger Suchsland. "La Pivellina" heißt der Film, der schon letztes Jahr in Cannes gezeigt worden war und jetzt in unsere Kinos kommt.

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