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StartseiteBüchermarktImmer mehr auf sich selbst gestellt23.11.2006

Immer mehr auf sich selbst gestellt

Soziologen Bude und Willisch über Armut

Es ist schon verblüffend: Ein schon lange konzipiertes wissenschaftliches Buch trifft genau den Kern einer aktuellen politischen Debatte. Heinz Budes und Andreas Willischs Band über die "Exklusion" in unserer Gesellschaft nähert sich mit wissenschaftlicher Akribie einer Wirklichkeit, die zu betrachten Politiker sich lange geweigert hatten. Der deutsche Sozialstaat ist in der Krise, die Armut nimmt zu.

Von Thomas Kleinspehn

Lebensmittelverteilung an Bedürftige in München (AP)
Lebensmittelverteilung an Bedürftige in München (AP)

Es gibt immer mehr Menschen, die aus der Gesellschaft ausgeschlossen sind - zumindest haben viele von Ihnen das Gefühl. Schon der Soziologenkongreß im Jahre 2004 hatte sich zentral mit dieser Frage beschäftigt. Jetzt haben Wissenschaftler um den Kassler Soziologen Heinz Bude und Andreas Willisch ein Buch herausgebracht, das sich mit den Ausgegrenzten und Überflüssigen beschäftigt. Eine verspätete Debatte, wie Heinz Bude meint.

"Das Erschrecken in der deutschen Gesellschaft ist, dass es so etwas wie eine stille Entkoppelung in unserer Gesellschaft gibt, für die uns die Begriffe fehlen, die wir auf der Ebene der europäischen Union durch die Initiative der Briten und der Franzosen haben. Denn der Exklusionsbegriff ist ein eingeführter Begriff und hat da übrigens offizieller Weise den Armutsbegriff ersetzt. "

Das hatten schon vor Jahren Studien wie die des Franzosen Pierre Bourdieu zum "Elend der Welt" gezeigt. In Deutschland dagegen debattiert man noch heute darüber, ob es eine "Unterschicht" gibt. Dabei zeigen empirische Untersuchungen der SPD-Nahen Ebert-Stiftung und auch der Europäischen Union, dass es in Deutschland eine beträchtliche Schicht von Menschen gibt, die unter der Armutsgrenze leben und als Langzeit-Arbeitslose auch keine Perspektive mehr haben. Mag man über die Zahlen im Einzelnen streiten, so ist für Bude dennoch klar, dass es diese Gruppe von Menschen gibt, die heute durch den Wandel des Wohlfahrtsstaates immer mehr auf sich selbst gestellt sind.

"In dem Maße, in dem der Wohlfahrtsstaat umstellt von der Idee, dass denjenigen zu helfen ist, die in Schwierigkeiten sind, und zwar so zu helfen ist, dass sie ihren Sozialstatus beibehalten können ... wird jetzt umgewechselt auf die Idee, dass der einzelne selber dafür zu sorgen habe, dass er Arbeit findet ... Alle Elemente der Aktivierung sind darauf angelegt, dass sich die Leute selber Arbeit suchen. Das heißt wir haben so etwas wie ein Aktivierungsimperativ in der neuen Wohlfahrtsstaatlichkeit und damit produzieren wir notwendigerweise eine Gruppe von Exkludierten, Überflüssigen gar, denn das sind die Leute, die sich nicht aktivieren lassen."

Die einzelnen Aufsätze im Buch zeigen, dass es offenbar in unserer Gesellschaft viele Menschen gibt, die das Gefühl haben, nicht mehr die Regie über ihr eigenes Leben zu besitzen. Dass hier leicht die Grenzen zwischen der objektiven Situation von Menschen und deren subjektivem Empfinden verschwimmen, ist unmittelbar nachvollziehbar. Die Autoren konstatieren eine allgemeine Unsicherheit in einer Gesellschaft, in der sich auch eine breite Mitte lange sicher fühlte.

"Ich glaube, das ist eine Spätfolge unserer Selbstinterpretation unserer, wie Helmut Schelsky gesagt hatte, "nivellierten Mittelstandsgesellschaft". Wir haben im Grunde die Problembegriffe für das soziale Elend uns abtrainiert. Wir haben keinen normativ aufgeladenen Unterklassenbegriff mehr, die Amerikaner und Briten haben das immer gehabt. "

Und diese Sicherheit des Mittelstands ist inzwischen aufgebrochen, auch wenn real die Armut diese Klasse noch nicht erreicht hat. Das diskutiert beispielsweise die Berliner Soziologin Petra Böhncke differenziert. So sei es wichtig, auch subjektive Faktoren einzufangen. Deshalb fassen viele der Autoren dieses Sammelbandes die Krise der bundesrepublikanischen Gesellschaft nicht nur als eine Erscheinung realer ökonomischer Armut und Arbeitslosigkeit. Auch fehlende Bildung, die Auflösung der Familie als stabilisierender Ort und der Zwang zum Konsum, der erst sozialen Status garantiert, tragen dazu bei, dass Menschen an den Rand der Gesellschaft geraten. Das gilt vor allem für die östlichen Bundesländer, in denen immer mehr Erwachsene, aber auch schon Jugendliche, aus der Gesellschaft herausfallen. Darüber hinaus machen etwa Nicola Tietze und Ingrid Oswald in ihren Aufsätzen deutlich, dass auch neue Migrationsmuster Ausschlussprozesse beeinflussen. So erleben Migranten zwar neue Stabilität in den Aufnahmeländern durch Netzwerke, die sie sich schaffen. Diejenigen jedoch, die dort nicht eingebunden sind, laufen Gefahr, verstärkt zwischen eigener und fremder Kultur zerrieben zu werden. All das trägt dazu bei, dass sich die Schere zwischen Gewinnern und Verlierern im 21. Jahrhundert immer mehr auftut. Nach Budes Ansicht ist das aber ein Problem, dass auf das Innere der Gesellschaft verweist. Der Rand und das Zentrum gehörten zusammen.

"Wir sind aber über die Situation der 90er Jahre insofern hinaus, als man nicht in einer Art von neoliberalen Modell sagen kann, und ich glaube auch die Hygiene unserer Gesellschaft würde das nicht aushalten, dass man sagt, na ja, manche schaffen das und andere schaffen das nicht und haben halt Pech gehabt, aber sind doch am Ende selber Schuld. Denn viele, die sich überflüssig fühlen, warte im Grunde auf eine Art von politisch-gesellschaftlicher Ansprache, die ihnen sagt, wir können eigentlich auf niemanden verzichten, das heißt in der Deutungskultur unserer Gesellschaft fehlt es eigentlich an einer starken Idee von Zugehörigkeit und an einer Realitätsangemessenen Idee von Ungleichheit von Drinnen und Draußen-Situation."

Nimmt man das ernst, dann hat das sehr einschneidende politische Konsequenzen für das Demokratieverständnis der Gesellschaft. Denn ausgeschlossene Menschen haben schnell das Gefühl nicht mehr selbst handeln zu können. Und das überträgt sich leicht auf das Politische. Insofern verdeckt eine Diskussion um Hartz IV, die sich ausschließlich auf das Ökonomische beschränkt, der ganze Umfang des Problems.

"Ich glaube, außerordentlich wichtig ist, dass die Leute, die in den neuen Verwaltungen des Sozialen mit diesen Leuten, die man als exkludiert ansehen kann, die Fall-Manager, dass die überhaupt wissen, um was es geht. Es geht darum, bei jemandem wieder den Sinn der Meisterung seines Lebens zu wecken. Das ist die entscheidende Idee ... Das heißt auch, dass es eine Idee zumutbarer Anstrengungen gibt und zwar nicht aus schlechtem Gewissen heraus oder als repressiver Maßnahme, sondern als einer, auch so gemeinter und als solches auch mitgeteilter Form der Hilfe zur Selbsthilfe. "

Damit kehrt sich der neoliberale Gedanke von der "Schuld" jedes einzelnen um. Bude will gar die Gemeinschafts-Idee des 19. und frühen Jahrhunderts wieder aktivieren.

"Ich glaube auch, dass im Grunde der Solidar-Gedanke eigentlich jetzt erst richtig zur Debatte steht. Denn wir müssen - und damit wird der Solidargedanke unmittelbar politisch - die Anteile der Anteilslosen klären. Was wollen wir denen zugestehen, wie wollen wir die behandeln, die nach unseren Kriterien der Mehrheitsklasse es irgendwie nicht packen, die nicht zurecht kommen, was können wir ihnen zumuten an Eigenleistungen und wofür müssen wir nach wie vor die Allgemeinheit verantwortlich erklären."

In Budes und Willischs Band zur "Exklusion" wird viel Energie darauf verschwendet, Begrifflichkeiten und methodische Finessen zu diskutieren. Auf manches davon hätte man als Leser verzichten können, zumal wenn es in mehreren Aufsätzen immer wieder auftaucht. So bleibt vieles im Abstrakten stecken, wo man gerne Ideen für Veränderungen gelesen hätte. Dennoch regen vor allem die konkreten Aufsätze dazu an, aus ihnen selbst Schlüsse zu ziehen. Sie können die bisherige polemische Debatte auf ein anderes Niveau bringen.

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