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StartseiteTag für TagImportierter Islamismus03.04.2013

Importierter Islamismus

Politikerin aus Nordmali wirbt für Unterstützung gegen Islamisten

In dieser Woche hat das militärische Trainingprogramm der EU in Mali begonnen. Für die malische Politikerin Oumou Sall-Seck hat der traditionell friedliche, vielfältige Islam in Mali ohne Hilfe aus dem Ausland keine Chance, sich gegen die islamistischen Rebellen durchzusetzen.

Von Martina Sabra

Soldaten der malischen Armee im Ausbildungscamp Koulikoro in Mali (picture alliance / dpa / Christoph Sator)
Soldaten der malischen Armee im Ausbildungscamp Koulikoro in Mali (picture alliance / dpa / Christoph Sator)

"Meine Mutter ist eine Touareg. Sie gehört zu einer sehr bekannten und einflussreichen Familie in Nordmali. Mein Vater ist ein Fulbe. Aufgewachsen bin ich mit der Songhai-Kultur. Ich habe auch Verwandte, die Songhai sind."

Die Songhai gelten unter den zahlreichen Völkern Malis als besonders kultiviert und gebildet. Oumou Sall-Seck ist stolz auf ihre vielschichtigen Wurzeln, und auf ihre außergewöhnliche politische Karriere: Im Jahr 2004 schaffte sie es als zweite Frau ihres Landes, zur Bürgermeisterin gewählt zu werden – in der Stadt Gundam. Das ist eine besonders konservative Region in Nordmali, wo traditionell eigentlich nur alte Männer entscheiden dürfen.

Oumou Sall-Seck wollte aus Gundam ein Modell für die ganze Region machen. Sie ließ Gesundheits- und Bildungszentren für Frauen und Kinder bauen, bot Alphabetisierungskurse an. Die Bürger von Gundam waren zufrieden mit ihrer jungen Bürgermeisterin und wählten sie im Jahr 2009 erneut für fünf Jahre, diesmal sogar mit absoluter Mehrheit. Doch im Frühjahr 2012 war der Traum von der Demokratie vorbei. Die malische Regierung wurde gestürzt. Islamistische Terrorgruppen eroberten Nordmali und auch Gundam. Der Amtssitz und das Privathaus von Oumou Sall-Seck wurden geplündert.

"Sie haben nicht nur mein Haus zerstört, sondern auch die Schulen, die Sozialzentren, die Apotheken. Den armen Frauen, die sich mit Mühe etwas aufgebaut haben, wurden die Pumpen gestohlen, die Geschäftseinrichtung, alles. Sie sind durch sämtliche Privathäuser gegangen. Sie stahlen Geld, Autos, Motorräder, ja sogar das Getreide. Was sie nicht mitnehmen konnten, haben sie kurz und klein geschlagen."

Oumou Sall-Seck kann immer noch nicht fassen, woher dieser Hass rührt. Sie ist überzeugt: Bei dem aktuellen Konflikt geht es nicht um die Religion, sondern um die Profite aus dem internationalen Drogenhandel. Nordmali liegt an einer wichtigen Sahara-Handelsroute für Drogen, die auch von Drogenkartellen aus Lateinamerika genutzt wird. Dass die Terrorgruppen behaupten, im Namen des Islams zu handeln, hält Oumou Sall-Seck für reine Propaganda. Tatsache ist: Rund 90 Prozent der Bevölkerung Malis sind Muslime der sunnitischen Glaubensrichtung. Ihr Islam war nie monolithisch, sondern immer stark durch vorislamische Elemente und durch den Austausch mit nichtislamischen religiösen Traditionen geprägt. Oumou Sall-Seck:

"Wir praktizieren unsere Religion korrekt, in einer perfekten Symbiose mit den anderen Religionen vor Ort. Bei offiziellen Feierlichkeiten sind Vertreter aller anderen Religionen dabei. Man betet gemeinsam, man besucht sich gegenseitig. Die Scharia wurde in Mali nicht angewandt. Gut, das Familienrecht in Mali war teilweise auch eine Kopie des islamischen Rechts. Aber diese Scharia, mit dem Handabhacken, die gehört bei uns nicht zum nationalen Gesetz."

Welche Auswirkungen der islamistische Terror auf die religiöse Kultur in Mali haben wird, kann man noch nicht abschätzen. Tatsache ist aber auch, dass die Islamisten in Nordmali nicht vom Himmel gefallen sind. Wie in vielen Ländern der islamischen Welt gab es auch in Mali in den letzten Jahren immer mehr gesellschaftliche Kräfte, die mit finanzieller Unterstützung der arabischen Golfmonarchien einen rückschrittlichen, intoleranten Islam propagierten. Im Jahr 2011 verabschiedete die damalige Regierung auf Druck konservativer Gruppen ein religiöses Familienrecht, das die ohnehin vorhandene Benachteiligung der malischen Frauen verschärfte. Fortschrittliche malische Frauenorganisationen protestierten vergeblich. Oumou Sall-Seck hofft, dass das radikale Vorgehen der Islamisten im Norden ihren Landsleuten die Augen für die totalitäre Bedrohung geöffnet hat:

"Ich glaube, dass die Malier aus dieser Krise auch etwas gelernt haben. Sie sehen diesen sogenannten Islam jetzt mit kritischeren Augen."

Die prekäre Sicherheitslage in Nordmali wird dadurch jedoch nicht besser. Oumou Sall-Seck appelliert eindringlich an die Europäische Union und besonders an Frankreich und Deutschland, der Armee ihres Landes mit Ausbildung und Ausrüstung zu helfen. Denn die Terrorbanden sind zwar aus Gundam vertrieben worden. Doch ihre Verstecke sind nicht weit weg. Und die Terroristen demonstrieren ihre Macht, indem sie immer wieder aus dem Hinterhalt Zivilisten angreifen und massakrieren. Der angekündigte Rückzug Frankreichs macht Oumou Sall-Seck große Sorgen.

"Ich will gar nicht daran denken. Ich habe Angst, dass die Terroristen in unsere Gegend zurückkehren. Wenn die Franzosen uns den Rücken kehren, ohne dass wir eine starke eigene Armee haben, dann wird Mali explodieren."

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