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StartseiteBüchermarktImposant und doch kläglich10.02.2009

Imposant und doch kläglich

Arnaud Cathrine: "Richard Taylor wird vermisst", Verlagsbuchhandlung Liebeskind, 224 Seiten

Der in Paris lebende Schriftsteller Arnaud Cathrine ist 35 Jahre alt. Da erstaunt es, dass er in den vergangenen zehn Jahren bereits sieben Romane und etliche Kinderbücher veröffentlicht hat. "Richard Taylor wird vermisst" ist sein zweiter Roman, der jetzt auf Deutsch erscheint. Darin rätseln zehn Frauen rätseln über einen Mann, der sie alle bewegt. Die Stimmungslagen reichen von unterschwelliger erotischer Irritation über hingebungsvolle Bewunderung bis hin zu nackter Verzweiflung.

Von Christoph Vormweg

Zehn Frauen schildern ihre Begegnungen mit dem 30-Jährigen und spiegeln dabei ihre eigenen Seelenlandschaften. (Stock.XCHNG / Helmut Gevert)
Zehn Frauen schildern ihre Begegnungen mit dem 30-Jährigen und spiegeln dabei ihre eigenen Seelenlandschaften. (Stock.XCHNG / Helmut Gevert)

Jeder, der Romane schätzt, kennt das Leid: Hundert Seiten gelesen, aber immer noch kein Feuer gefangen. Arnaud Cathrine steht für das exakte Gegenteil: Er gehört zu den Quicky-Romanciers. Schon nach wenigen, knapp geschnittenen Sätzen reißt seine Prosa mit. Der Redefluss einer Geständigen packt uns. Doch was will sie gestehen? Der Köder wirkt auf den ersten Blick schlicht und alltäglich. Eine frischverheiratete Engländerin erzählt von ihrer siegreichen Wohnungssuche, ihrer kürzlich geborenen mustergültigen Tochter und ihrem Eheleben mit Richard, der für das britische Radio BBC arbeitet. Arnaud Cathrine:

"Die meisten meiner Bücher spielen im Ausland. Das ist wie die Verkleidung eines Schauspielers. Das kommt mir entgegen. Ich fühle mich niemals so frei wie in der Haut einer Frau in England. Ich habe Romane geschrieben, die in Spanien und in den USA spielen. Das ist wie eine Maske: wie die Maske eines Schauspielers. Ich bin ein recht schamhafter Autor, was nicht gerade in Mode ist. Um wirklich ich selbst zu sein, um den Mut oder besser die Kraft zu finden, das zu sagen, was ich sagen möchte, brauche ich Kostüme, Kulissen, Pappmaché. Das hilft mir sehr, mich anzuvertrauen."

Das Dekor der Fremde: Es gibt Arnaud Cathrine auch die Freiheit für einen eigenwilligen Humor, lakonisch, trocken, ein bisschen schwarz, ein bisschen britisch – aber immer teuflisch nah dran an den Abgründen der Alltagsrealitäten. Etwa, wenn sich Sue Taylor nach überstandener Schwangerschaft an den Absturz ihres Kleinfamilienglücks erinnert. Die neue Nachbarin torpediert ihre Existenz:

Ich war zufrieden. Zufrieden mit der Kleinen. Zufrieden mit der Wohnung. Mit Richard. Und meinen Hüften. Und meinen Brüsten. Ich war zufrieden. Und dann kam sie. [...] Und es fing schon am ersten Abend an. Die Kleine schlief. Ich sah eine Folge der Sitcom "Absolutely Fabulous", Richard las Zeitung. Wir lagen friedlich unter den glatten und uns vertrauten Bettdecken, bereit für die Nachtruhe... Und plötzlich: Stöhnen. Und gleich darauf Juchzen. Heulen. Richard dreht sich zu mir: "Hörst du dasselbe wie ich?" Unsere Schlafzimmer grenzen aneinander. Man hört, wie sie an die Wand stößt, an dieselbe Wand, an der Richard und ich uns anlehnen. Und sie macht es sich mit unvorstellbarem Getöse selbst ... Zwanzig Minuten später schläft die Schlampe. Schwamm drüber und hoffen, dass in den nächsten Tagen kein "gogo dancer" dazukommt und mit seinem Keuchen ihre Fanfaren untermalt, die Richard und mich daran erinnert haben, dass unser Sexualleben seit der Geburt der Kleinen auf bedrückende Weise daniederliegt - wobei ich zugeben muss, dass das Kind in einem Ausnahmemoment gezeugt wurde, nämlich mit der Absicht, mich zu schwängern, denn die Lust auf Sex war uns als Paar schon lange abhanden gekommen.

Jennifer Wilson heißt die neue Nachbarin. Mit den Wonnen, die ihr die Onanie bereiten, wirft sie Richard Taylor und seine junge Familie aus der Bahn. Arnaud Cathrine:

"Das amüsierte mich, ein junge, ungebundene, allein lebende Frau darzustellen, die nicht zwangsläufig unglücklich ist. Ich glaube, wenn man schreibt, hat man Lust, Klischees umzustoßen, Stereotypen, Archetypen. Es bereitete mir einfach Vergnügen, die Anmaßung dieser Frau zu beschreiben, die eine scheinbar erfüllte Sexualität lebt, obwohl sie Junggesellin ist – womit ich jetzt überhaupt nicht das Paarleben attackieren wollte. Ich wollte, dass es in diesem Roman weibliche Figuren gibt, die sich sehr voneinander unterscheiden."

Zehn Frauen erzählen von ihrem Verhältnis zu Richard Taylor. Die Stimmungslagen reichen von unterschwelliger erotischer Irritation über hingebungsvolle Bewunderung bis hin zu nackter Verzweiflung. So gesteht Richards BBC-Kollegin Rebecca Swift ihre heimliche Liebe zu ihm, die sie sich aber immer versagt, weil sie panische Angst vor Trennungsschmerz hat. Oder die transsexuelle Nachtklubbesitzerin Vanessa beschreibt Richard im emotional aufgeheizten Kreis ihrer Tresenkinder. Oder die lesbische Schriftstellerin Sarah Kane schildert den Versuch, ihren hoffnungslos verliebten schwulen Freund William mit Richard zusammenzubringen.

Zehn Frauen schildern ihre Begegnungen mit dem 30-Jährigen und spiegeln dabei ihre eigenen Seelenlandschaften: ihre einstigen Liebesträume und Sehnsüchte, die erlebten Enttäuschungen und Abstürze, die eingegangenen Lebenslügen und die alltäglichen Trostlosigkeiten.

"Ja, das ist merkwürdig: Er zieht an, ruft Rührung hervor, bewegt. Dieser Mann ist recht spät aufwacht. Ihm ist klar geworden, dass er an sich vorbeigelebt hat, dass er nur gehorcht und getan hat, was seine Eltern von ihm erwarteten, nämlich heiraten und einen guten Job haben. Und die Frauen kümmern sich um ihn - übrigens auf Gedeih und Verderb: Sie versuchen ihn zu stützen, zu retten. Das ist vielleicht etwas ziemlich Weibliches: diese Aufmerksamkeit, diese Großzügigkeit, den Männern eine zweite Chance zu geben."

Denn Richard Taylor zieht aus der Erkenntnis seines Unglücks drastische Konsequenzen. Aufgestört von den allabendlichen Lustschreien der Nachbarin verlässt er Frau und Kind, ja, er schmeißt sogar seinen BBC-Job hin. Durch die Bekenntnisse der verschiedenen Frauen, zu denen in Arnaud Cathrines Roman "Richard Taylor wird vermisst" auch seine geschockte Mutter gehört, erfahren wir immer neue Indizien über seinen Fluchtweg aus dem eigenen Dasein. Erst scheint Tokio das Ziel zu sein. Doch dann legt Richard in Dover bei einer gewissen Lydia ein mehrwöchiges erotisches Intermezzo ein - bis sein Verlangen erneut versiegt. Schließlich erfahren wir, dass er sich auf eine kleine Insel zurückgezogen hat und malt – wenn er nicht gerade wegen depressiver Anfälle eine psychiatrische Klinik aufsucht.

"Es gibt eine Zweiteilung in diesem Buch. Der Mann, die männliche Figur ist aus Stein. Er ist von einer Gleichgültigkeit, unter der er selbst leidet und die er nicht versteht. Seine Frauen hingegen verkörpern das Leben. Es sind Liebende. Und wenn man liebt, nimmt man das Risiko in Kauf zu leiden. Ich finde es schön, dieses Risiko einzugehen. Für mich sind diese Frauen voller Leben! Sie wagen etwas."

Dumm nur, wenn der Mann im Liebes-Visier ein Hilfloser ist. Richard Taylor wandelt sich vom Feigling zum Herkules, der alle Brücken hinter sich abreißt. Das ist auf den ersten Blick imposant und doch kläglich. Denn die von ihm Verlassenen verzweifeln, kehren zurück in ihr altes Schattendasein oder greifen nach Ersatzankern, um die erotische Misere des Alltäglichen zu bewältigen. Nicht die Frage, ob diese aneinander gereihten - mit Querverweisen und starken Dialogen – gespickten Lebensbeichten einen Roman bilden, interessiert hier. Vielmehr die Frage, womit Arnaud Cathrine uns Leser verführt. Ist es der Schlüssellocheffekt? Wohl kaum. Denn voyeuristische Instinkte werden nicht befriedigt. Der Leser blickt vielmehr in den Spiegel, der in jedem Schlüsselloch wartet. Er wird zurück geworfen auf sich selbst. Mit einem Wort: Arnaud Cathrine fokussiert die existentiellen Liebesprobleme, die jeden betreffen. Er erzählt vielstimmig, mal schonungslos nuanciert, mal mit subtiler Ironie, vor allem aber ohne zu moralisieren über die Seelenqualen der Frauen. Und bei allem Ernst, bei aller beschriebenen Trostlosigkeit verliert er dabei zwischen den Zeilen nie den Sinn für Humor.

Arnaud Cathrine: Richard Taylor wird vermisst. Roman.
Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller.
Verlagsbuchhandlung Liebeskind, München 2008.
224 Seiten. 18,90 Euro.

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