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StartseiteInterview"In bestimmten Situationen kann das Kondom der Anfang der Moralität sein"22.11.2010

"In bestimmten Situationen kann das Kondom der Anfang der Moralität sein"

Bischof bejaht gelockertes Kondom-Verbot des Papstes

Der Hamburger Bischof Hans Jochen Jaschke hält das nun gelockerte strikte Kondom-Verbot des Papstes für ein "gutes Zeichen". Dennoch, so Jaschke, stünde die Entscheidung nicht im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche.

Hans Jochen Jaschke im Gespräch mit Martin Zagatta

Weihbischof Hans-Jochen Jaschke findet die klare Aussage des Papstes zum gelockerten Kondom-Verbot gut.  (AP Archiv)
Weihbischof Hans-Jochen Jaschke findet die klare Aussage des Papstes zum gelockerten Kondom-Verbot gut. (AP Archiv)

Martin Zagatta: Verbunden sind wir jetzt mit dem Hamburger Bischof Hans Jochen Jaschke. Guten Tag!

Hans Jochen Jaschke: Guten Tag!

Zagatta: Bischof Jaschke, wie bewerten Sie diese Äußerungen des Papstes? Ist das ein Kurswechsel?

Jaschke: Der Papst spricht klar aus, was katholische Moraltheologie immer erwogen hat. In vielen Situationen muss man abwägen und da gibt es dann eben auch Entscheidungen, die ein größeres Übel verhindern müssen. Natürlich wissen alle – und der Papst hat das immer wieder gesagt -, Aids, die Aids-Thematik, das Aids-Problem braucht eine Verantwortlichkeit, wir müssen lernen, eine humane Sexualität zu praktizieren, das Kondom als solches rein technisch kann es nicht lösen. Aber in bestimmten Situationen kann das Kondom der Anfang der Moralität sein und ich finde es gut, dass der Papst das einmal so deutlich gesagt hat.

Zagatta: Das hat er noch nie so gesagt. Das ist schon ein Umdenken, oder?

Jaschke: Ja, aber wir kennen alle aus Afrika die sogenannte ABC-Regel, A wie abstinent, B wie Change your behave, ändere dein Verhalten und C wie use a Condom. Also in dieser Folge, A, B, C, Abstinenz lernen, eine humane Verantwortung lernen, das Verhalten ändern, und dann auch das Technische sehen, in dieser Konsequenz hat auch die Katholische Kirche in der Aids-Frage immer Menschen beraten.

Zagatta: Aber das ist ja dem Papst vorgeworfen worden, dass es in der Praxis in Afrika längst schon so gehandhabt wird, wie Sie uns das jetzt schildern. Der Papst hat bei seinem Besuch 2009 aber immer noch Kondome verteufelt, hat gesagt, Kondome würden die Probleme nur noch verschlimmern. Insofern sind das doch jetzt zumindest, oder interpretiere ich das falsch, völlig neue Töne?

Jaschke: Ich finde es gut, dass der Papst das so klar gesagt hat. Als der Papst im Flugzeug gefragt wurde, hat er gesagt, das Kondom an sich, das Kondom als solches ist nicht die Lösung. Wenn das Kondom dazu führt, dass Sexualität immer mehr verwildert, dann ist natürlich ein großes Bedenken angesagt. Aber, dass das Kondom in bestimmten Situationen eine Hilfe für verantwortlichen Umgang sein kann, gerade für Verhinderung und Verhütung von Aids, ich finde es gut, dass das jetzt endlich so deutlich gesagt wurde.

Zagatta: Und das ist schon etwas Neues. Das ist jetzt nicht der alte Kurs?

Jaschke: Also ich sage, in der offiziellen Sprache ist es etwas Neues. In der Praxis und auch von der Moraltheologie her, weil man ja sagt, man muss auch abwägen in bestimmten Situationen, ist es nicht so neu, wie es den Anschein hat. Aber in der Wahrnehmung der Leute ist es neu und ich denke, es führt auch zu einem guten Stück Klärung und auch Befreiung und Erleichterung.

Zagatta: Also aus dem Mund des Papstes ist es uns zumindest völlig neu. Hat Sie das jetzt überrascht, denn ausgerechnet Papst Benedikt gilt ja in der Öffentlichkeit zumindest als erzkonservativ? Hätten Sie ihm das zugetraut?

Jaschke: Ich kenne ja den Papst ganz gut, weil ich vor langen Jahren, 1975, bei ihm eine Doktorarbeit geschrieben habe. Der Papst ist ein kluger, intelligenter Mann, er spielt mit Gedanken, und das hat er ja in einem Interview gesagt mit dem Herrn Seewald offenbar, und da merkt man, dass er doch intellektuell sehr liberal ist und umsichtig ist. Ich finde es gut, dass er sich diese Freiheit behalten hat und dass er uns dann auch wieder zum Staunen bringt. Wir haben ja auch gestaunt über seine erste Enzyklika über die Liebe, da hat er ja auch über den Eros gesprochen. Also man soll ihn nicht festlegen und ein richtiger Intellektueller muss auch immer wieder solche Schablonen durchbrechen.

Zagatta: Und mit diesen Äußerungen jetzt zu Kondomen, zu Aids hat er Sie auch in Erstaunen gebracht?

Jaschke: Ja! Ich war erstaunt, aber ich habe von ihm auch schon mal gehört, vom Papst, dass er sagt, der Anfang der Moralität kann darin bestehen, dass jemand verantwortungsvoll das Kondom benutzt. Der Anfang der Moralität, hat er schon mal gesagt, aber nicht so laut. Dass er es jetzt laut und öffentlich sagt, das ist, denke ich, ein gutes Zeichen.

Zagatta: Welche Folgen kann das in der praktischen Arbeit haben in der katholischen Kirche?

Jaschke: Die praktische Arbeit wird sich nicht verändern. Wir werden immer wieder als katholische Christen – aber ich denke, jeder verantwortliche Mensch muss das sagen – darauf achten, dass Sexualität etwas Humanes bleibt oder etwas Humanes wird, keine technische Sache. Sexualität und Liebe gehören zusammen, Sexualität und Verantwortung für den anderen Partner oder die Partnerin, all das ist so selbstverständlich. Aber es droht, vergessen zu werden in einer Welt, wo alles um Technik und Methoden geht.

Zagatta: Wenn Sie den Papst so genau kennen, wie ist das jetzt zu interpretieren, dass er diese Äußerungen, dass Kondome in bestimmten Situationen zulässig seien, verengt hat auf männliche Prostituierte? Ist das zulässig?

Jaschke: Ich will da jetzt nicht in Details gehen, ich habe jetzt nicht vor Augen, was er genau gesagt hat. Aber ein Kondom wird ja im Prinzip von Männern genommen und er hat zum Beispiel, glaube ich, auch gesagt, er denkt schon an bestimmte Situationen, die im Einzelnen natürlich bewertet werden müssen.

Zagatta: Wenn der Papst sich da jetzt zumindest für uns Laien doch deutlich anders äußerst, einen Kurswechsel dort vornimmt – so kommt es ja in der Öffentlichkeit auch herüber -, Herr Bischof Jaschke, hat das vielleicht auch mit den Missbrauchsfällen und der Diskussion zu tun, dass die katholische Kirche derart unter Druck steht, sich da jetzt vielleicht irgendwie menschennäher zu geben?

Jaschke: Ich glaube nicht, dass da ein Zusammenhang besteht. Gerade unser Papst, auch als er schon Kardinal war, hat in der Missbrauchsgeschichte, in diesen schrecklichen Missbrauchssituationen immer auf Klärung gedrungen und eher für den Null-Toleranz-Kurs plädiert. Aber es gab auch andere Stimmen im Vatikan und es hat eben doch recht lange gebraucht, bis die Kirche dort zu einer wirklich klaren Sprache und zu einem klaren Verhalten gekommen ist. Und wenn wir bei diesem Thema jetzt, Aids, auch so ein klärendes Wort sagen, das den Menschen hilft, dann ist das sicherlich in Ordnung.

Zagatta: War dieses klärende Wort aus Ihrer Sicht überfällig?

Jaschke: Wir sind froh, dass es gefallen ist. Ich bin sicher, der Heilige Vater hat in dem Gespräch mit dem Journalisten dieses Wort gesagt, weil es ihm dann natürlich auch in einer Gesprächssituation geeignet erschien. Er hat ja nicht eine hochoffizielle Verkündigung vorgenommen, sondern im Gespräch, im Dialog zu diesen Äußerungen gefunden.

Zagatta: Der Hamburger Bischof Hans Jochen Jaschke. Bischof Jaschke, ich bedanke mich für das Gespräch.

Jaschke: Ja, bitte. Alles Gute!

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