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StartseiteBüchermarktIn den Armen der Frauen14.11.2004

In den Armen der Frauen

Henry Fielding: "Tom Jones. Die Geschichte eines Findlings"

Im neuesten Roman <em>Yellow Dog</em> des englischen Autors Martin Amis gibt es einen Gangster, der sich Joseph Andrews nennt. Das Pseudonym hat er sich hinter Gittern zugelegt, nachdem er in der Gefängnisbibliothek auf ein Buch mit dem Titel "Tom Jones" gestoßen war. Was auf den ersten Blick wie die Biographie seines Lieblingssängers aussah, entpuppte sich als Roman und uralter Schinken. Enttäuscht begann der Sträfling dennoch zu lesen, schließlich war er so begeistert, dass er nach weiteren Büchern dieses Autors fragte: Man gab ihm <em>The Adventures of Joseph Andrews</em>, Henry Fieldings ersten berühmten Roman, und so kam der Knastbruder auf einen neuen Namen, unter dem er fortan Angst und Schrecken verbreitet.

Von Joachim Scholl

Die Tower Bridge in London (AP)
Die Tower Bridge in London (AP)

Martin Amis entwirft diese drollige Geschichte in nur wenigen Zeilen, er muss die Pointe nicht erläutern, seine englischen Leser verstehen sie augenblicklich. Henry Fielding ist in Großbritannien Schulstoff und gehört zu jener imposanten Ahnenreihe von literarischen Gründungsvätern, die mit entschiedener Originalität, formalem Wagemut und, was insbesondere Fielding anbetrifft, mit stilistischer Unverfrorenheit eine eigenständige, über die nationalen Grenzen rasch hinausgehende ästhetische Tradition bildeten.

"Unsere Romane, unsere Trauerspiele – woher haben wir sie denn als von Shakespeare, Fielding und Goldsmith", bemerkte der alte Goethe in seinen Notizen zu "Dichtung und Wahrheit". In der Tat hat sich die gesamte europäische Roman-Literatur des späten achtzehnten und frühen neun-zehnten Jahrhunderts an Fieldings "Joseph Andrews" und "Tom Jones" orientiert - die Werke von Wieland, Jean Paul und E.T.A Hoffmann, Laurence Sterne, Jane Austen und William Thackeray, Stendhal und Balzac sind bei aller Unterschiedlichkeit ohne diese Wegmarken nicht zu denken.

Was war nun das bedeutsam Neue, das Fielding in seiner Zeit so populär und einflussreich werden ließ? Man kann es in zwei knappe Begriffe fassen: Realismus und Humor. Die Welt und ihre Menschen so lebensnah, so umfassend wie möglich zu zeigen, die Wirklichkeit zu schildern, wie sie tatsächlich ist: große Männer und kleine Gauner, tugendhafte Damen und lüsterne Kokotten, Unschuld und Schande, Schönes wie Hässliches, Erhabenes und Niederes, also die ganze Palette von Mensch und Gesellschaft – das ist der spektakulär neue Ansatz. Zur gewissenhaften Ausführung bedarf es aber eines außerordentlich souveränen Autors, der frei von Zwängen und Abhängigkeiten über die Darstellung und ihren Stil entscheidet.

Hier formuliert Fielding wirkungsmächtige Regeln für den künftigen Massenerfolg der noch jungen Gattung des Romans. In der Vorrede von "Joseph Andrews" entwickelt er seine Theorie des "comic epic poems in prose", also des komischen, epischen Prosa-Gedichts. Mit Hilfe des Humors sucht der Autor die Gegensätze zusammenzuspannen, bindet er das Hohe an das Niedere, der Leser soll über beides gleichzeitig lachen und dadurch belehrt und gebessert werden. Und dieser Leser ist die wichtigste Instanz, der sich ein solcher Erzähler verpflichtet fühlt, wie Fielding gleich im ersten Kapitel des "Tom Jones" eröffnet:

Ein Autor sollte sich nicht als einen Herrn betrachten, der einen privaten oder mildtätigen Schmaus gibt, sondern vielmehr als einen, der eine öffentliche Garküche unterhält, in der alle Menschen um ihres Geldes willen willkommen sind. [....] Die Kost, die wir hier zubereitet haben, ist keine andere als die "Menschliche Natur". Nun könnte von feinfühlenderen Geistern vielleicht der Einwand kommen, dies Gericht sei zu gewöhnlich und vulgär, denn was sonst ist der Gegenstand all der Romanzen, Romane, Theaterstücke und Gedichte, von denen die Verkaufsstände überquellen? Viele exquisite Speisen könnte der Epikuräer zurückweisen, wäre es ihm ein hinreichender Grund, sie als gewöhnlich und vulgär zu verachten, weil etwas davon unter demselben Namen auch in den armseligsten Gassen anzutreffen ist. In Wirklichkeit aber ist wahre Natur bei Autoren ebenso schwer anzutreffen wie Bayonner Schinken oder Bologneser Schinken in den Geschäften.

Der Erzähler bricht hier eine erste Lanze für das "gewöhnliche" Leben, und zwar gleich ziemlich dreist, wenn er behauptet, dass dieses Thema nicht nur in Romanen, sondern auch in Theaterstücken und Gedichten vorkäme. Das ist nämlich keineswegs der Fall, sondern streng verpönt. Drama und Lyrik sind zu Fieldings Zeit die anerkannten, unangefochtenen Kunst-Gattungen, die sich edle, "hohe" Gegenstände wählen, das normale Leben einfacher Personen kommt auf der Bühne oder im Vers nicht vor. Der Roman gilt dagegen als Schund und billige Unterhaltung, meist sind es Liebesschmonzetten und Kriminalballaden für’s niedere Volk.

Wer es in der Literatur zu Ehren bringen will, muss sich davon fernhalten; "Romanschreiber" ist Mitte des 18. Jahrhunderts ein Schimpfwort. Schon zu Beginn seines Buches macht Fielding also klar, dass er viel riskiert. Zugleich wird die entschiedene Abkehr von den traditionellen Literaturvorstellungen deutlich. Wie selbstbewusst Fielding dabei auftritt, zeigen die zahlreichen Ansprachen an seine Leser, die von ihrem Autor fortwährend darüber unterrichtet werden, was er so vorhat und plant, wie es ihm geht und in ihm ausschaut, welche Entwicklungen der Geschichte zu erwarten sind. Und keinen Zweifell lässt er daran, dass er der Herr in einem neuen Haus ist, worin er sich nach Belieben einrichtet. Später wird man vom "auktorialen Erzähler" sprechen, dem allwissenden, omnipotenten Erzähler und alleinigem Organisator von Handlung und Charakteren. Mit diesem Erzähler entsteht der realistische Roman, wie er Epoche machen wird, Henry Fielding hat ihn erfunden.

Mein Leser sollte nicht überrascht sein, wenn er im Verlaufe dieses Werkes manche Kapitel sehr kurz, andere wiederum sehr lang findet, manche, die den Zeitraum nur eines Tages, andere, die Jahre einschließen, kurz und gut, wenn meine Geschichte zuweilen stillzustehen, dann wieder dahinzufliegen scheint. Für all das werde ich mich vor keinem Gerichtshof der Kritiker als rechenschaftspflichtig betrachten, da ich in Wahrheit der Begründer einer neuen Gattung des Schreibens bin und daher dessen Gesetze nach eigenem Gutdünken machen kann.

Es ist eine weit verzweigte, ereignis- und personenreiche Geschichte, die Henry Fielding erzählt. Eines Abends findet der fromme und fürsorgliche Landadlige Squire Allworthy in seinem Bett ein Findelkind. Nachdem die vermeintliche Mutter, die Dienstmagd Jenny Jones, ausfindig gemacht und bestraft wurde, nimmt Mr. Allworthy den Säugling an Sohnes Statt, er tauft ihn Tom Jones. Wenig später geht Mr. Allworthys Schwester Bridget, ein reifes Mädchen von über 40, einem tückischen Mitgiftjäger ins Netz. Dieser stirbt allerdings kurz nach der Heirat und hinterlässt einen Sohn namenes Blifil, der nun zusammen mit Tom im Haushalt der Allworthys aufwächst. Während Tom sich zum treuherzigen, braven Naturburschen mausert, wird aus Blifil ein Gauner und Heuchler.

Durch eine Verleumdung bringt er den Ziehvater Allworthy dazu, Tom aus dem Haus zu jagen. Dieser ist umso verzweifelter, als er gerade in die Nachbarstochter Sophia verliebt ist, die aber auf Geheiß ihres Vaters den bösen Blifil heiraten soll. Nun setzt eine doppelte Flucht- und Vertreibungsgeschichte ein, die schließlich bis zu fünf Parteien über die englischen Landstraßen, durch Wälder und Gasthöfe scheucht. Zuletzt landet man in London, um auch dort in allerlei, diesmal höfische Händel und Intrigen zu geraten. Im Mittelpunkt stehen immer Treulosigkeit, Verrat und jede Form von Verwechslung und Missverständnis, wobei Fielding vor allem die Erotik als handlungstreibendes, dabei oft komisches Motiv einsetzt. So etwa schon in der Eröffnungs-Sequenz, als Mr. Allworthy den Findling entdeckt:

Mr. Allworthy erreichte sein Haus sehr spät am Abend und zog sich, nach einem kurzen Abendessen mit seiner Schwester, stark ermüdet in seine Kammer zurück. Dort schickte er sich an, nachdem er einige Minuten auf den Knien zugebracht – eine Gewohnheit, die er unter keinen Umständen aufgab - , ins Bett zu steigen, als er beim Anheben der Bettdecke zu seiner großen Überraschung darunter einen Säugling gewahrte, der da, in grobes Leinen gewickelt, tief und fest schlummerte. Eine Zeitlang stand er da, in Verwunderung ob dieses Anblicks verloren, doch da in seinem Geiste stets die Gutmütigkeit obsiegte, wurde er schon bald von Gefühlen des Bedauerns für den kleinen Wicht vor ihm erfüllt. Sodann läutete er die Glocke und gebot einer älteren Bedienten, sich sogleich zu erheben und zu ihm zu kommen. Unterdessen betrachtete er die Schönheit der Unschuld, die in jenen lebhaften Farben erschien, womit Kindheit und Schlaf sie stets zeichnen, so begierig, dass seine Gedanken zu sehr darin gefangen waren, um zu bedenken, dass er im Hemde war, als die würdige Dame eintrat.

Was nun folgt, ist eine typische Fielding-Szene: die Matrone Mrs. Deborah prallt entsetzt zurück angesichts ihres entblößten Herrn und wähnt sich doch unversehens - und blitzartig charmiert - im Zentrum eines amourösen Antrags. Erst das Baby rückt die Dinge zurecht und wird sogleich zum Anlass, "leichte" Mädchen, mangelnde Tugend und allgemeine moralische Verworfenheit in aller Härte anzuprangern.

Solche drolligen Passagen gibt es zuhauf, sie werden flankiert durch zum Teil recht drastische Liebesabenteuer, in die Tom Jones seit frühester Jugend verstrickt wird. Denn er ist ein ausgesprochen süßer Fratz, mit wunderhübschem, zartem Gesicht, aber kräftig-männlicher Physis, dazu kommen ein sanftes Wesen und gutes Herz. Kurzum: Tom wird von so gut wie jeder Dame angebaggert und flachgelegt, von der üppigen Wirtsfrau über diverse Mägdelein bis zur adeligen Lady. Fast jede Verwicklung endet in irgendeinem Bett, so dass der berühmteste englische Literaturkritiker des 18. Jahrhunderts, Dr. Samuel Johnson, empört ausrief: "Ich kenne kaum ein verderbteres Buch!"

Und nun schoss Mrs. Waters, indem sie sanft jene beiden Leuchtkugeln hob, die auf den armen Jones schon Eindruck zu machen begannen, aus ihrem ganzen Antlitz auf einen Schlag eine Salve kleiner Reize in einem Lächeln ab. Kein Lächeln des Frohsinns, keines der Freude, sondern ein Lächeln der Zuneigung, wie es die meisten Damen stets zur Verfügung haben und das ihnen dazu dient, gleichzeitig ihre Gutmütigkeit, ihre hübschen Grübchen und ihre weißen Zähne zu zeigen. Dieses Lächeln fuhr unserem Helden direkt in die Augen, und seine Wucht brachte ihn sogleich ins Taumeln. Eine Unterhandlung zwischen den Parteien ward nun auf den Weg gebracht, während die listenreiche Schöne ihre Attacke so schlau und unmerk- lich fortsetzte, dass sie das Herz unseres Helden schon beinahe unterworfen hatte, bevor sie erneut zu Akten der Feindseligkeit griff. Um die Wahrheit zu gestehen, fürchte ich, dass Mr. Jones eine Art Scheinverteidigung aufrechthielt und, ohne seine Treue zu der schönen Sophia gebührend zu wägen, gleichsam wie ein Verräter die Garnison übergab. Kurzum, kaum hatte die recht amouröse Unterhandlung geendet und die Dame die prächtige Batterie entblößt, indem sie achtlos ihr Tuch vom Halse fallen ließ, als Mr. Jones‘ Herz gänzlich eingenommen war und die schöne Eroberin die üblichen Früchte ihres Sieges genoss.

Wobei hinzuzufügen ist, dass Tom Jones jene Mrs. Waters gerade vor einer Vergewaltigung bewahrt hatte, und die Gerettete nun ihren Dank entsprechend reizvoll abstatten will. Fielding gestaltet seinen Helden durchweg als Casanova contre coeur, eigentlich will Tom immer seiner Sophia treu bleiben, kann aber den beständigen Versuchungen nicht widerstehen. Auch dieses Charakterbild zeichnet Fielding nach seiner Vorstellung vom "komischen" Wesen des Menschen, in dem hehre Ideale sich mit realen Begierden mischen und ihnen regelmäßig unterliegen. Zugleich steht die Figur des Tom Jones noch in einem anderen, literarisch aktuellen Kontext.

1740 erschien der Brief-Roman Pamela oder die belohnte Tugend von Samuel Richardson. Das Buch schildert die Geschichte einer ehrbaren Magd, die den permanenten Nachstellungen ihres lüsteren Dienstherrn so moralisch aufrecht begegnet, dass dieser, davon tief beeindruckt und christlich geläutert, sie zum Traualtar führt. Der extrem rührselige Roman wurde ein Sensations-Erfolg beim Publikum, rief etliche Nachahmer, aber ebensoviel Hohn und Spott hervor. Schon ein Jahr später veröffentlichte ein anonymer Autor eine deftige Parodie Shamela – es war kein anderer als Henry Fieldung. Bis dahin hatte der damals 33-jährige überhaupt keine Prosa geschrieben.

Das Theater war sein eigentliches Metier, mehr als 25, oftmals politisch satirische Stücke hatten ihn zu einem erfolgreichen Dramatiker und Direktor einer eigenen Bühne gemacht. 1737 schlug die Zensur zu, Premierminister Robert Walpole verfügte durch den Licensing Act die Schließung aller privat betriebenen Theater. Über Nacht erwerbslos geworden, musste sich Fielding aus dem literarischen Leben notgedrungen zurückziehen; er holte ein Jura-Studium nach, lebte dürftig vom Erbteil seiner Frau und wurde 1740, just im Erscheinungsjahr der Pamela, zum Barrister in den Westminster Courtrooms bestellt. Es waren Richardsons Herzensergießungen, die Fieldung zum Romancier machten. Jetzt fand er Geschmack an der Prosa. An die Shamela-Satire, die das tugendsame Vorbild in ein rattenscharfes Luder verwandelte, knüpfte der Autor 1742 seinen "Joseph Andrews" als keuschen Bruder der kleinen Schlampe.

Und noch im Tom Jones spiegelt sich nicht nur in der zwiespältigen Natur des Helden die literarische Abrechnung mit Richardsons Roman-Modell. Vielmehr outet sich der Erzähler ganz offen als Gegner, er greift entschlossen zur Feder, um Stellung zu beziehen. Die Schlüpfrigkeiten des Romans waren kein Selbstzweck, sondern literaturpolitische Attacke:

Es gibt eine Gruppe religiöser oder vielmehr moralischer Schriftsteller, die lehren, auf dieser Welt sei Tugend der sichere Weg zum Glück und Laster zum Unglück. Eine sehr bekömmliche und bequeme Lehre, gegen die wir nur eines einzuwenden haben, nämlich, dass sie nicht stimmt. Ja, wenn diese Autoren mit Tugend die Ausübung jener Kardinaltugenden meinen, die, wie gute Hausfrauen, zu Hause bleiben und sich nur um die eigene Familie kümmern, so gestehe ich diesen Punkt sehr bereit- willig zu, tragen sie zum Glück doch so sicher bei und führen zu ihm hin, dass ich sie eher Einsichten denn Tugenden nennen möchte. Wenn aber mit Tugend eine gewisse relative Eigenschaft gemeint ist, die sich unablässig außer Haus beschäftigt und ebenso daran interessiert scheint, das Wohl anderer wie auch das eigene zu verfolgen, so kann ich nicht ganz so leicht zustimmen, dies sei der sicherste Weg zur menschlichen Glückseligkeit, da ich fürchte, dass wir dann in unsre Vorstellung von Glück auch Armut und Verachtung mit einschließen müssten, dazu alles Unheil, was Verleumdung, Neid und Undankbarkeit über die Menschen bringen können; ja, manchmal werden wir besagtes Glück zum Gefängnis begleiten müssen, da so manche sich durch die oben genannte Tugend dahin gebracht haben.

"Allen Geist und Humor" habe er eingesetzt, um "die Menschheit mit Lachen von ihren Lieblingstorheiten und –lastern zu befreien", heißt es in der Vorrede des Romans. Dieser Gedanke erinnert mit Absicht an die antike Dramentheorie des "prodesse et delectare", und bewusst verleiht Fielding seinem Prosawerk einen solchen Rang, den die zeitgenössischen Kunstrichter und Kritiker ihm noch über längere Zeit nicht zubilligen werden. 1755, sechs Jahre nach der Veröffentlichung von Fieldings Roman, wird der besagte Kritiker Dr. Johnson die Roman-Gattung allgemein als "bescheidene Erzählung, die im Allgemeinen von Liebe handelt" abqualifizieren. Noch zählt das Genre nichts, doch längst hat es beim Publikum reüssiert.

Deshalb ist Tom Jones auch unter dem literatursoziologischen Aspekt der Leserschaft außerordentlich interessant. Denn mit seinem ungewohnten witzigen Stil, seiner vollständig neu justierten Optik auf Mensch und Gesellschaft erreichte der Roman auch eine neue, junge Schicht von Lesern. Man muss sich klarmachen, dass zu Beginn des 18. Jahrhunderts jenseits von Klerus und Adel kaum jemand lesen konnte, um 1700 beziffert man die Alphabetisierungs-Quote in Großbritannien auf lediglich zehn Prozent. Daneben war die damalige Welt noch im Wortsinn dunkel: Nach einem durchschnittlichen Arbeitstag von 14 Stunden blieb nur der Abend als Lesezeit, doch Licht war teuer, und nur die Reichen konnten sich Kerzen leisten. Ebenso die Bücher. In der Regel erschienen Romane in mehreren gebundenen Bänden.

Man hat ausgerechnet, dass noch um 1820 der Preis eines einzelnen Bandes in England zehn Shilling betrug, was nach heutigem Maßstab etwa 100 Euro entspricht. Dieses Problem lösten erst die fahrenden Leihbüchereien. 1740 wurde die erste in London gegründet. Sie brachten Literatur buchstäblich unters Volk. Für einen Penny war nun fast jeder neue Roman zu haben, und vor allem die "kleinen" Leute – Dienstboten, Lehrlinge, Handwerker - standen Schlange, wenn der vollgepackte Bücherwagen auf den Dorfplatz rumpelte. Einschneidende Reformen des Bildungswesens senkten mit den Jahrzehnten die Analphabetenquote, und die Leser schulten ihre frisch erlernte Fähigkeit am liebsten an der Lektüre von Romanen.

Mit Robinson Crusoe von Daniel Defoe erschien 1719 der erste weltweite Bestseller, und obwohl die offizielle Literaturkritik mitsamt einer erbosten Geistlichkeit die Lektüre von Romanen mit ungezählten öffentlichen Appellen verwarf, war der Siegeszug der Gattung nicht mehr aufzuhalten. Der allmähliche Geschmackswandel auch in gebildeten Kreisen lässt sich gut am Kommentar einer prominenten adeligen Schriftstellerin jener Zeit ablesen.

Dieser Richardson ist ein sonderbarer Geselle. Ich verachte ihn von Herzen und lese ihn eifrig, mehr noch, ich schluchze bei der Lektüre in schockierender Weise...

...gab Lady Mary Wortley Montague mit Blick auf jenen ominösen Kontrahenten Fieldings zu Protokoll. Insofern war der Weg für den Erfolg des "Tom Jones" 1749, als der Roman in vier Bänden erschien, bereits geebnet; die Zeit war reif für eine solche freizügigere Stimme. Henry Fielding hat seinen bald einsetzenden Ruhm nicht sonderlich genießen können. Zeitlebens von Krankheiten geplagt, starb er schon fünf Jahre später, im Alter von nur 47 Jahren. Unsterblich bleibt sein Verdienst, an das diese neue Übersetzung des "Tom Jones" erinnert.

Als 600. Band in der famosen Reihe der Manesse Bibliothek der Weltliteratur findet Fielding nun einen würdigen Platz. Die Übersetzungsgeschichte des Romans ist ein eigenständiges spannendes Kapitel der Literaturgeschichte. Eike Schönfeld meistert die vielen sprachlichen Klippen des Originals mit souveräner Eleganz. Ein glänzendes und für das Verständnis unabdingbare Nachwort von Werner von Koppenfels rundet die mustergültige Edition ab. Es werden vermutlich nicht wenige Leser sein, die, mit dem Gauner aus Martin Amis‘ Buch, "Tom Jones" bloß für einen Pop-Sänger halten. Jetzt kann man wieder entdecken, dass mit ihm alle Freuden, Schönheiten und Erkenntnisse begannen, die wir so genießen, wenn wir einen Roman aufschlagen.

Henry Fielding
Tom Jones. Die Geschichte eines Findlings
Manesse Bibliothek der Weltliteratur, 2 Bd., 1616 S., EUR 49,90

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