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StartseiteBüchermarktIn den eigenen Umriss gebannt" Kriegsaufzeichnungen, literarische Fragmente und Briefe aus den Jahren 1939 bis 194516.06.2002

In den eigenen Umriss gebannt" Kriegsaufzeichnungen, literarische Fragmente und Briefe aus den Jahren 1939 bis 1945

Herausgegeben von Gabriele Liselotte Ewenz

Felix Hartlaub, 1913 geboren, als Einunddreißigjähriger Ende April 1945 im umkämpften Berlin verschollen, war eines der außergewöhnlichsten Talente der deutschen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine fragmentarischen "Aufzeichnungen aus dem Zweiten Weltkrieg" gehören zum Bedeutendsten, was über das Leben im "Dritten Reich" geschrieben wurde.

Wolfgang Schneider

Hartlaub hatte im Weltkrieg allerdings nicht mit feindlichen Soldaten, sondern mit Aktenbergen zu kämpfen. Bis in die letzten Kriegstage blieb er vom Fronteinsatz verschont. Stattdessen wurde der Historiker, Sohn des renommierten und von den Nazis bereits 1933 seines Amtes enthobenen Kunstgeschichtlers Gustav Friedrich Hartlaub, vom Auswärtigen Amt zunächst in die Archive des eroberten Paris geschickt. Von 1942-1945 schließlich war er in den Führerhauptquartieren "Werwolf" und "Wolfsschanze" Mitarbeiter am offiziellen "Kriegstagebuch" des Oberkommandos der Wehrmacht. Wohl keinem anderen Schriftsteller sind so nahe Blicke auf die Machtzentrale des Hitlerregimes möglich gewesen.

Unter dem Titel Im Sperrkreis erschienen die privaten "Aufzeichnungen" erstmals 1955, nachdem Hartlaub offiziell für tot erklärt worden war. Sie stießen bei Kritikern und Schriftstellern sogleich auf ein enthusiastisches Echo; trotzdem sind sie bis heute ein Geheimtipp geblieben. Jetzt hat der Suhrkamp Verlag in zwei Bänden die bisher aufwendigste Hartlaub-Edition veranstaltet. Sie bietet nahezu vollständig, was der Autor in den Jahren 1939-45 geschrieben hat: eine textgenaue Fassung der "Aufzeichnungen", einige literarische Fragmente, unter denen die düster-verquälte Erzählung "Breughels Affe" aus dem Sommer 1939 herausragt, sowie auf fast fünfhundert Seiten mehr als zweihundertdreißig Briefe. Der zweite Band enthält neben einer konzisen Einführung in Leben und Werk einen ausführlichen Kommentar. Die Herausgeberin Gabriele Liselotte Ewenz bemüht sich angesichts des heiklen thematischen Bereichs um präzise informierende Sachlichkeit und verzichtet auf moralisierende oder auch nur wertende Zugaben.

Der Krieg überraschte Hartlaub in einer ungeklärten Lebenssituation. Frisch promoviert, schwankte er zwischen literarischen und wissenschaftlichen Plänen und zweifelte überhaupt an seiner Tauglichkeit für irgendein Berufsleben. Die Briefe an den Vater, der den Ausbildungsweg des Sohnes mit professoralem Erwartungsdruck verfolgte, sind nicht selten skrupulöse Rechenschaftsberichte, in denen das vermeintlich Versäumte durch unermüdliche Projektskizzen und lange Listen anzuschaffender Bücher kompensiert wird.

Im September 1939 wird Hartlaub eingezogen und verbringt das erste Kriegsjahr als Angehöriger einer "Sperrballon-Einheit" an vergleichsweise ungefährlichen Orten: in Bad Saarow, im Ruhrgebiet und in Wilhelmshaven. Er wundert sich, wie die weniger geschichtspessimistischen Kameraden den neuerlichen Weltkrieg anfangs auf die leichte Schulter zu nehmen versuchen:

Alle sind eisern entschlossen, so gemütlich wie irgend möglich zu leben, den Krieg zur Sommerfrische auszugestalten... Weihnachten will man spätestens wieder zuhause sein, lieber schon früher, wenn das schöne Wetter alle ist.

Dem völlig unsoldatischen Büchermenschen macht der militärische Alltag in den beengten Quartieren schwer zu schaffen. Er klagt über "Ratlosigkeit, Sinnlosigkeit des Ganzen" und das "radiogetränkte Gemeinschaftsleben in der überheizten Baracke":

Schlaflosigkeit, markerschütterndes Schnarchen überall. Zum ersten Mal erfahre ich: im Krieg gibt es kein richtiges Schlafen. Jede zweite Nacht Wache, die Schlaf-Nacht regelmäßig durch mehrstündigen Fliegeralarm und verschiedene Manöver unterbrochen... Auf die Realität des Weltkriegs war ich trotz allen Politisierens nicht vorbereitet - ich bin völlig fassungslos... Das Miterlebenmüssen der Weltgeschichte in dieser Zuspitzung ist qualvoll.

In den Briefen an die Eltern spricht er schon 1939 von der "europäischen Katastrophe". Irritiert hört er die ersten Berichte über Greueltaten in Polen, wenn etwa als Rache für einen ermordeten deutschen Soldaten eine ganze Dorfbevölkerung hinter Panzer gekettet und zu Tode geschleift wurde. Gegen die Kriegsverblödung geht er durch "verzweifeltes Lesen" an - und durch seine Tagebuchaufzeichnungen, die sich von üblicher Tagebuchschreiberei schon dadurch unterscheiden, daß das erlebende "Ich" vollkommen zurückgenommen wird. Der Autor will nichts als beobachtendes Auge sein. Natur- und Stadtschilderungen, kleine Genreszenen vom Rand des Krieges entstehen, literarische Übungsstücke. Schließlich sehnt Hartlaub die Versetzung ins Feindesland herbei.

Das besetzte Paris nimmt er zunächst mit einem ästhetizistischen Blick für Farbe und Gestalt wahr, die Stadtlandschaft reduziert sich auf eine fast abstrakte Formenwelt. Die bedrohliche, apokalyptische Zeitstimmung wird kaum direkt ausgesprochen, sie schlägt sich nieder in einer spätexpressionistischen Dämonisierung der Dinge.

Die Wolken brüten zerfleddert über den Dächern... Am Ende der Straße ist der Himmel pflaumenblau unterlaufen, die einzige Farbe, deren der Dunst nicht Herr wird. Die Tauben flattern schwerfällig, wie mit eisenbeschlagenen Flügeln. Die Wäsche klebt am Leib, Schmerz im Inneren der Augäpfel. Dabei weht es kalt aus allen Haustoren und Seitenstraßen. Die Gosse voll von dem üblichen Rohrbruch, unerklärlich schnell und lautlos eilt das Wasser vorbei... Überall stößt der Blick auf Hundekot, gequälte Fragmente. Ein weißgrauer, alter mopsartiger Hund, der hustet, niest, sich mit tiefer Befriedigung erbricht... Landser, wohl entlassene Reservisten, in unglaublich schlecht sitzenden Uniformen, hängenden Hosenböden, ein unwahrscheinlich saures und gequetschtes Schlesisch im Rachen... Da ist der Regen auch schon da. Bösartige, wie gezielte Tropfen... Die große Hakenkreuzflagge steht in mächtiger Welle nach links, wie künstlich mit Heißluft gebläht...

Hartlaub war mit den Techniken des modernen Romans vertraut - er hatte Proust, Kafka, Faulkner, Hemingway, Thomas Wolfe und Julian Green gelesen. Und er war ein begeisterter Kinogänger, der sich - wie viele avancierte Schriftsteller seiner Zeit - eine Erneuerung der Literatur durch filmische Schreibweisen versprach. Sein die Physiognomien der Dinge abtastender Kamerablick ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür.

Hartlaub sympathisiert mit der französischen Kultur und sieht den Krieg bis auf weiteres als Gelegenheit, sich mit günstigen Taschenbuchausgaben der französischen Literatur einzudecken. Als Deutscher in Zivil, mit ausgezeichneten Sprachkenntnissen und keineswegs arischem Aussehen, macht sich der melancholische Flaneur bei Einheimischen jedoch immer wieder als "ganz besonders ekliger Spion und Niemandsländler" verdächtig.

Seine Verlegenheit unterscheidet sich von der verbreiteten Herrenmenschen-Attitüde der Besatzer, die sich in den Restaurants regelmäßig über Wein und Essen beschweren, obwohl sie zuhause, so Hartlaub, "wahrscheinlich den Kitt von den Wänden fressen". Die Demütigung einer großen europäischen Nation vor der anderen hat für ihn etwas Unbegreifliches. Auffallend sei das tiefe Schweigen, zu dem sich die Franzosen entschlossen hätten. Nichts mehr vom schwirrenden und lauten Pariser Straßenleben:

Jetzt hörst du nur die vielen Schritte auf dem Pflaster oder dem hartgefrorenen Schnee... die Menschenschlangen vor den Läden stehen fast lautlos, ein Schutzmann daneben tut, als ob er nicht da wäre... Die Ablehnung, wenn man erst einmal hinter die betont bewahrten Formen sieht, noch viel schroffer als vorgestellt.

Eroberer und Sieger haben Sex-Appeal, das galt ein paar Jahre später für die amerikanischen Soldaten im zerstörten Deutschland, aber auch schon für die Wehrmacht in Paris. In dieser Hinsicht wurde die schweigende "Resistance" offenbar auf breiter Front unterlaufen. Die großartige Erzählung "Weltwende im Puff" oder die folgende Szene aus der Metro schildern Situationen des erotischen Etappenlebens:

Metro. Auf den schmalen, niedrigen Sitzen im Gedränge, Knie gegen Knie, sitzen sich gegenüber: Ein Oberschütze und eine Orientalin. Sein Kamerad sieht sie von der Seite. Beide studieren sie unausgesetzt, sich mitunter am Kinn, unterm Mützenrand kraulend. Sie sitzt bewegungslos, den langen Rücken an die Lehne geheftet..., hält die langbewimperten Lider ständig gesenkt... Die Nase ein langer schmaler Grat, bis zu einem jähen Knick... Die vorspringende Unterlippe und die wilde Bitternis der Mundwinkel erinnern an ein edles Kamelgesicht. - Sie müssen aussteigen. Draußen auf dem Bahnsteig: "Dolle Weiber gibt det hier... Wat war'n det nu wieder für ne Judenschickse?" - "Gloob ick nich. Eher ne Türkin." - "Nee, die sind kleener. Wohl so ne olle Araberstute." - "Oll? Die war dir noch keene Dreissig." - "Machen Punkt! So verbraucht, welk, janz wüst..." - "Aber doch jarnich so übel nich. Weeßte wat, Maxe, sone jesunde kleene Rassenschande - ick wär jarnich abgeneigt..."

Gerade durch seine Arbeit als Historiker entwickelte Hartlaub gegenüber der offiziellen Geschichtsschreibung ein wachsendes Mißtrauen. Auch dem konventionellen historischen Roman konnte er nichts abgewinnen. Dennoch bemühte er sich um eine Synthese von Literatur und Geschichtsschreibung. Seine Aufzeichnungen wollte er nach dem Krieg als Material für einen Roman verwenden. Ein hoher militärischer Stab sollte darin gleichsam aus der Froschperspektive dargestellt werden. Als "Chronist unter der Tarnkappe", der das Gefühl hatte, in eine märchenhaft günstige Beobachterposition getorkelt zu sein, wollte Hartlaub seine Epoche nicht bewerten, sondern überliefern. Er war davon überzeugt, daß niemand weniger von der Zeit begreife als die Zeitgenossen. Man bleibe "auf eine so beschämende Weise in den eigenen Umriß gebannt".

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, daß Hartlaub seine Mitarbeit am Kriegstagebuch des OKW als bloße Aktenschinderei empfinden musste. In einem Brief beschreibt er seine Tätigkeit im Führerhauptquartier "Werwolf", das fünfzehn Kilometer von der ukrainischen Stadt Winniza von 25000 Zwangsarbeitern in kurzer Zeit errichtet worden war:

Nach der Arbeit fragst du. Über das Inhaltliche darf natürlich nichts verlauten, es dreht sich da wirklich um das Allerdiskreteste, die großen Linien und Planungen der obersten Führung... Ein Denken in großen Massen und Räumen... Wir reihen einfach gedrängte Inhaltsangaben und Zusammenfassungen der Aktenstücke, die unmittelbar aus den Händen der geschichtemachenden Männer in unsere Mappen geflattert kommen, aneinander.

Ganz anders die zumeist in den Nächten entstandenen privaten Aufzeichnungen. Es sind, wie Durs Grünbein anmerkte, "Innenansichten aus dem Maschinenraum der Diktatur, vorgetragen im schnoddrigen Ton des mitgeschleiften Fatalisten". Am Ort der höchsten Machtkonzentration herrscht eine eigentümliche Ereignislosigkeit. Mit satirischem Zugriff schildert Hartlaub den bürokratischen Alltag im windstillen Auge des Orkans:

Das kleine Kiesrund am hinteren Ausgang der langen Arbeitsbaracke - ein Tisch mit Fernsprechanschluß und einigen Stühlen. Hier arbeitet der General im Freien - der volle, etwas untersetzte, aber bauchlose Rumpf straff aufgerichtet, die gepflegte Hand an der bräunlichen glatten Wange. Durchstilisiert und von sich selber geschwellt wie ein Wappentier.

Hartlaub wurde immer wieder als Augenmensch bezeichnet - aber er hat auch ein übergenaues Ohr, dem sich vor allem die parodistische Ironie der Aufzeichnungen verdankt. Der rauhe Jargon der Soldaten, der Slang der Zyniker und Mitläufer, das in alle Lebensbereiche vorgedrungene NS-Deutsch in seiner Mischung aus Schneid und Pathos, die Phrasen der Kollegen und Vorgesetzten - all dies wird in einer gelegentlich an Gottfried Benn erinnernden Überblendungstechnik zusammenmontiert und mit Formulierungen von dichterischer Leuchtkraft versetzt. Typen des "Dritten Reichs" werden so deutlich, etwa der Karrierist und Reserveoffizier:

Das waren lauter reizende, kulante Herren, die hätten aus der eigenen Verwandtschaft stammen können... Aber im Grunde bildeten gerade diese Leute die faule Stelle dieses Stabes... eine ganz widerwärtige Fauna, glitschige, kaltblütige Wetterfrösche... Die erledigten alles prompt und spielend mit ihrer im Geschäftsleben erworbenen Routine, gaben präzise Auskünfte, stellten Verbindungen her, boten niemandem eine Angriffsfläche und taten im Grunde nichts... Dieses bedenkliche Kopfwiegen, wenn es schlecht stand, dieses Backenaufblasen, Schlafmittelchen, Appetitlosigkeit. Der pisswarme Brustton, mit dem ein Erfolg begrüßt wurde... Wenn es gut geht, wird sich von hier zweifellos etwas Vorteilhaftes arrangieren lassen, die Finanzierung der Ostgebiete, das Kreditwesen im Balkanraum. Warum soll man sich bei der Bewerbung nicht auf die Vertrauensstellung berufen, die man hier jahrelang bekleidet hat, als unentbehrlicher Berater des Chefs OKW in der Treibstofffrage z.B. Wenn es schief geht: "Ja, um Himmels willen, wir waren ja nur ausführende kleine Organe, was haben Sie denn gedacht. Ich sah von Anfang an haargenau, wie die Sache enden würde, aber was konnte ich schon sagen als nur gerade geduldeter Reserveonkel, wo Feldmarschälle das Maul hielten wie Rekruten. Hitler habe ich übrigens in den ganzen Jahren nur ein-, zweimal gesehen. Sie können sich den Zusammenhang gar nicht indirekt genug vorstellen, das ging um ein paar Dutzend Ecken herum, mein Gott, das war ein riesiges System von sich überlagernden Dienstbereichen, Kommandostäben, Sperrkreisen, wenn man da jeden einzelnen haftbar machen wollte..." Und dann ließen sich vielleicht gewisse Beziehungen wieder anknüpfen, das Londoner Bankhaus, der frühere jüdische Kompagnon, mit dem man bis zuletzt in Verbindung gestanden hatte, nur wegen der Kinder war der Verkehr etwas eingeschränkt worden. Bei der Arisierung hatte man sich auch großzügig erwiesen, man war ja Mensch, der Radau-Antisemitismus, war mir, offen gesagt, immer in der Seele zuwider. Gewiss, die Judenfrage drängte zur Lösung, aber die Methoden, zu denen man griff... Und dann hätte man natürlich Unterschiede machen müssen.

Zunehmend klagt Hartlaub über die enorme Arbeitsbelastung und die soziale Verkümmerung. Die Eintönigkeit und Blasiertheit des Betriebes gehe über jede Schilderung hinaus. Aber das Stöhnen unter den Aktenbergen ist kein antifaschistisches Geräusch. So kritisch sich manche Passagen der "Aufzeichnungen" lesen, als entschiedenen Regimegegner wird man Hartlaub nicht verbuchen können. Innere Emigration war für den Introvertierten seit der Jugend in ganz unpolitischem Verständnis eine Lebensform: als soziales Außenseitertum und geistige Katakombenstimung. Er sah den Nationalsozialismus gewiss mit Distanz - aber so sah er fast alles.

Von den Konzentrationslagern ist nie die Rede. In den Führerhauptquartieren gab es jeweils den Sperrkreis I, in dem Hitler mit dem Genius der Geschichte rang und die engste politische und militärische Umgebung untergebracht war; diese war wesentlich besser unterrichtet als der im Sperrkreis II arbeitende militärische Stab, zu dem Hartlaub gehörte. Am deutlichsten wird seine diffus-unpolitische Haltung im Zusammenhang mit dem Attentat vom 20. Juli:

Über die Ereignisse von vorgestern, die wir ... ziemlich direkt und mit einer Menge aufregender Details mitbekommen haben, kann ich natürlich garnichts schreiben. Dass es gut abgegangen ist, ist auf ein unwahrscheinliches Zusammentreffen kleiner Zufälle... zurückzuführen und tatsächlich als reines Wunder zu bezeichnen. Von den übrigen Maßnahmen der kleine Verräterclique habt ihr in Berlin wahrscheinlich mehr gemerkt als ich hier.

Sicher, auch in privaten Briefen war Vorsicht geboten. Auffallend ist jedoch, daß sich der Brief dann umso ausführlicher mit der erotischen Misere beschäftigt und dabei auch die wehrkraftzersetzende (und sowieso undeutsche) Ironie nicht scheut:

...es handelt sich meist um 20jährige, z.T. in recht anziehender Ausführung - und meine völlige Unerfahrenheit auf dem Gebiet des normalen großdeutschen Flirtes im 5. Kriegsjahr und in der Behandlung der durchschnittlichen deutschen Frau. (Motto: "Frauen wollen genommen werden") - Du ersiehst daraus vielleicht, daß hier ein zunehmend sich verschärfendes erotisches Klima eingerissen ist. Kaum ein Abend vergeht ohne Fest... Die Blitzkriegstrategie, auf den eigentlichen Kriegsschauplätzen heuer nicht mehr so gefragt, feiert hier ihre letzten Triumphe.

Während im Sperrkreis getanzt wird, schrumpfen die Fronten, versinken die Städte in Schutt und Asche, arbeiten die KZs auf Hochtouren. Die Leiden der Bevölkerungen werden im offiziellen Kriegstagebuch nicht erwähnt; sie sind bloß Späne der Weltgeschichte. Hier wird der "Untergang ganzer Städte als sekundäres Detail empfunden". Dennoch ist für Hartlaub der vom Luftkrieg bedrohte Großstädter, der die Todesangst täglich ins Haus geliefert bekommt, der Prototyp des apokalyptischen Jahrzehnts.

Irgendwie ist das Aushalten der Bevölkerung in den Bombenstädten das Erste, was mich an diesem Krieg begeistert oder wie man es nennen soll. Dieser Stoff ist eigentlich ja viel gewaltiger noch als das Frontgeschehen, außerdem wirklich neu, was man von den Schlachten der Uniformierten ja nicht gerade sagen kann. Der Soldat und die ihm bestimmte Gefahr gehören ... doch zusammen, aber zwischen einer Bombe und einer Wohnung fehlt irgendwie das Zwischenglied.

Ein anderes Hauptthema der oft glänzend formulierten Briefe ist Hartlaubs unschlüssige Liebe zu der in Berlin lebenden Übersetzerin Melita Laenebach. Eine anfangs nur als "Urlaubsnotstandsmaßnahme" gedachte Begegnung wird für ihn zum Lichtblick im Desaster. Die eine gemeinsame Urlaubswoche sei wie eine Höhle, die sich "momentan im stürzenden Gestein des Zeitalters" gebildet habe, schreibt er in Variation einer berühmten Kleist-Metapher. Es hat etwas Befremdendes und zugleich auch sehr Anrührendes, diese Liebesbriefe aus der "Wolfsschanze" zu lesen. Ein Jahr später war Melita Laenebach in Berlin ausgebombt und Hartlaub tot. Seine Aufzeichnungen und Briefe sind keine schnelle, aber eine faszinierende Lektüre. Diese Edition ist ein Glücksfall, weil sich die Texte Hartlaubs durch die ergänzende Biographie in Briefen sehr viel eindringlicher erschließen: als artistische Prosa und einzigartiges Zeitdokument zugleich.

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