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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenIn der DDR geboren, aber nicht mehr Erwachsen geworden31.05.2012

In der DDR geboren, aber nicht mehr Erwachsen geworden

Sammelband von ostdeutschen Wissenschaftlern

Junge DDR-Forscher gewähren in ihrem neuen Buch "Aus einem Land vor ihrer Zeit" Einblick in ihre aktuellen Arbeiten. Und beschreiben, was jene Generation bewegt, die zur Wendezeit 1989/90 noch im Kindesalter war und wie sie auf die DDR blickt.

Von Isabel Fannrich

Ausweise des MfS (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
Ausweise des MfS (picture alliance / dpa / Soeren Stache)

"Ich schreibe ja ein Stück DDR-Mediengeschichte. Bei mir geht es darum, wie in der DDR mit westlichen Medien umgegangen wurde. Und bisher wurde die Geschichte teilweise als bloße Herrschaftsgeschichte geschrieben. Und dadurch bleiben manche Fragen außen vor, also gerade, wie im Alltag mit westlichen Medien umgegangen wurde."

Franziska Kuschel promoviert an der Berliner Humboldt-Universität über "Schwarzseher, Schwarzhörer und heimliche Leser." Die Historikerin hat soeben ein Buch mitherausgegeben: "Aus einem Land vor ihrer Zeit" - eine Aufsatzsammlung von 25 jungen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen. Sie alle wurden zwischen 1975 und '85 geboren. Die Mauer fiel in ihrer Kindheit.

"Wenn ich mir die Forschungsergebnisse und auch die Aufsätze, die Geschichten, die sie erzählen, anschaue, würde ich sagen, ist kein Unterschied zu erkennen, ob sie nun die ostdeutschen Wurzeln haben oder in der alten Bundesrepublik sozialisiert wurden, oder zumindest sie als Kinder erlebt haben. Sondern da würde ich sagen überwiegt das Gemeinsame mehr, als dass es heute noch Trennendes gibt."

Sie untersuchen die SED und die Kinder politischer Häftlinge. Sie vergleichen die Prosa beider deutscher Staaten. Die Treuhandanstalt interessiert sie genauso wie die Bürgerrechtler im vereinten Deutschland.

Egal, ob West oder Ost, sagt Franziska Kuschel: Geprägt sei ihre Generation durch dieselben Idole und Fernsehsendungen sowie die Musik der 80er-Jahre. Die politisch aufgeladenen Debatten der 90er gingen an ihr vorbei.

Einen unbefangeneren Blick attestiert auch Ulrich Mählert den heute Mitte-20- bis Mitte 30-jährigen Historikern und Politikwissenschaftlern, Psychologen und Kunsthistorikern. Im Vergleich zu ihren vom Kalten Krieg geprägten Vorgängern zeichneten sie sich durch einen individuelleren Zugang zur DDR-Geschichte aus. Der wissenschaftliche Referent der Stiftung Aufarbeitung:

"Es ist ein wesentlich unbefangenerer Blick, weil diese Generation, die sich jetzt als Doktoranden mit der DDR beschäftigen, wenn überhaupt, Kindheitserinnerungen aus Ostdeutschland hat. Und diejenigen, die aus Westdeutschland stammen – mit acht Jahren oder mit sieben Jahren hat man noch keine Wahrnehmung der DDR gehabt, im Zweifel auch keine Wahrnehmung des Umbruchs von 1989/90 - das heißt also die blicken auf ein Land und auf die Situation der deutschen Teilung, die für sie auch nicht wesentlich näher liegt, als beispielsweise die Weimarer Republik oder das Dritte Reich."

Als Anfang der 90er-Jahre die DDR-Archive geöffnet wurden, konzentrierten die Forscher sich auf den Machtapparat der DDR. Seit rund zehn Jahren aber rücken Fragen nach der Realität der SED-Diktatur in den Mittelpunkt, nach der Alltags- und Kulturgeschichte und ihren Protagonisten.

Auch eine Gruppe junger Wissenschaftler von der Humboldt-Universität will der Vielfalt der DDR-Forschung ein Podium geben. Die Sozialwissenschaftler Sandra Matthäus und Daniel Kubiak, Jahrgang '83 und '82, haben den Rotkäppchen-Salon gegründet. Hier stellen junge und ältere Wissenschaftler ihre Arbeiten zur Diskussion.

Voraussetzung: Die Themen und Methoden sollen den festgefahrenen Ost-Diskurs aufbrechen. Daniel Kubiak:

"Was uns auffällt, ist, dass es schon eine Ambivalenz gibt zwischen dem öffentlichen Diskurs und zwischen dem, was erforscht wird. Der öffentliche Diskurs ist doch in meiner Wahrnehmung immer noch sehr stark bestimmt: Stasi, Unrechtsstaat und vielleicht immer mal so in Phasen auch so ein bisschen Ostalgie."

Uwe Krähnke: "Stasi assoziieren wir mit den IMs, die bis heute sehr regelmäßig dann öffentlich enttarnt werden. Und im Grunde genommen ist das aber ein schiefes Bild vom MfS. Denn neben den circa 170.000 Inoffiziellen Mitarbeitern gab es 91.000 sogenannte hauptamtliche Mitarbeiter. Und die bleiben aber in den öffentlichen Medien weiterhin im Verborgenen."

Uwe Krähnke referiert im Rotkäppchen-Salon. Er leitet an der Uni Leipzig ein Forschungsprojekt über die hauptamtlichen Mitarbeiter des ehemaligen DDR-Geheimdienstes. Ziel ist das soziologische Porträt jener Gruppe, die bis 1989 in privilegierter Position organisierte, dass Menschen bespitzelt, verfolgt und drangsaliert wurden. Aus welchen Bevölkerungsschichten stammten die Mitarbeiter? Wie waren sie biografisch in das Ministerium für Staatssicherheit verstrickt? Und wie sahen sie sich selber?

Obwohl Krähnke bei Mauerfall bereits 22 Jahre alt war, fühlt er sich heute von den Fragen der sogenannten Dritten Generation Ostdeutschland angesprochen. Das Netzwerk für dagebliebene und abgewanderte Ostdeutsche, Jahrgang '75 bis '85, hat sich vor zwei Jahren gegründet – mit dem Ziel, Ideen für die Zukunft zu entwickeln und sich über die Vergangenheit auszutauschen.

"Was ist da passiert? Was hat das mit mir gemacht? Inwiefern wurde hier Identitätsprägung gemacht, erzeugt? Und welche Erzählungen gibt es über die Zeit, die ich ja nur bis ins Erwachsenenalter mit erlebt habe."

Daniel Kubiak und Sandra Matthäus fühlen sich dieser "Dritten Generation" zugehörig:

Kubiak: "Die "Dritte Generation Ostdeutschland": Für mich sind es die, die in der DDR nicht mehr erwachsen werden konnten und die damit – und das ist für mich so ein ganz entscheidender Punkt – die sich nicht rechtfertigen müssen, wenn es um irgendwelche Schuldfragen geht."

Matthäus: "Es gibt irgendwie doch sehr viel Gesprächsbedarf, auch gerade unter uns jüngeren Menschen. Uns interessieren wahnsinnig viele Dinge, auch so dieses beständige Mitbekommen – so geht mir das zumindest – was für Wissenslücken ich einfach noch hab."

Ulrich Mählert von der Stiftung Aufarbeitung hält den Begriff der "Dritten Generation Ost" für ein Konstrukt – wenig tauglich, um eine Altersgruppe flächendeckend zu umfassen, möglicherweise aber brauchbar, um eine gemeinsame Generationserfahrung zu beschreiben: Die persönliche Erfahrung etwa, in der DDR nicht mehr erwachsen geworden zu sein oder die Eltern in der Transformationszeit als Vorbild verloren zu haben. Sandra Matthäus:

"Dieses Zusammenspiel aus persönlichem Bezug immer noch logischerweise – also an Teile meiner Kindheit kann ich mich schon noch auch erinnern. Aber vor allen Dingen vermittelt über die Eltern und auch Verwandtschaft und Bekanntschaft, was so ein merkwürdiger, wie so ein Zwischenraum, zwischen Ostdeutschland und DDR ist. Also natürlich habe ich aktiv meine Verwandten und Bekannten in Ostdeutschland erlebt und nicht mehr in der DDR. Aber natürlich ist diese DDR-Erfahrung da immer präsent."

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