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StartseiteBüchermarktIn die Hand von Schwärmern30.03.2006

In die Hand von Schwärmern

Ulrich Raulff (Hrsg.): Vom Künstlerstaat. Ästhetische und politische Utopien

Dem Thema Staat ist also eine gesteigerte Aufmerksamkeit gewiss, und so mag es kein Zufall sein, dass nun ein Buch mit dem Titel "Vom Künstlerstaat – Ästhetische und politische Utopien" erscheint. Herausgeber des Bandes mit Aufsätzen verschiedener Wissenschaftler ist der Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach und langjährige Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Ulrich Raulff.

Von Krischan Schroth

Auch Richard Wagner (Photogravure nach einer Fotografie von Franz Hanfstaengl) schwebte ein veritabler Künstlerstaat vor. (Münchner Stadtmuseum)
Auch Richard Wagner (Photogravure nach einer Fotografie von Franz Hanfstaengl) schwebte ein veritabler Künstlerstaat vor. (Münchner Stadtmuseum)

Wo bleibt der Staat? Der Staat zieht sich aus der Verantwortung zurück: aus dem Gesundheitswesen, Stichwort: Privatisierung der Krankenhäuser; aus der Altersvorsorge, Stichwort: Eigenverantwortung; aus der Bildungspolitik, Stichwort: Studiengebühren und so weiter.

So schallt es immer hektischer und öfter durch die Medien. Darin spricht sich nicht nur die Sorge aus, der Staat als Sozialinstrument könnte verlustig gehen, sondern er könnte auch seine Kraft, Wertmaßstäbe zu setzen, einbüßen. Ein Staat, der dergestalt immer konturloser und flüchtiger wird, so das Bedenken, könnte der nicht bald vollends seine Steuerungs- und Gestaltungsfähigkeiten verlieren, in seinen Grundfesten erschüttert werden?

Mancher meinte dies bereits aus der Folterandrohung gegenüber dem Entführer des Bankierssohnes Jakob von Metzler ableiten zu können. Ein erstes Anzeichen dafür, daß Willkür ein Machtvakuum ersetzt? Dem Thema Staat ist also eine gesteigerte Aufmerksamkeit gewiss, und so mag es kein Zufall sein, dass nun ein Buch mit dem Titel "Vom Künstlerstaat – Ästhetische und politische Utopien" erscheint. Herausgeber des Bandes mit Aufsätzen verschiedener Wissenschaftler ist der Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach und langjährige Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Ulrich Raulff. Quer durch die Geschichte wird dem Hybriden Künstlerstaat nachgespürt, von Nero und Michelangelo über Goethe und Wagner zu George.

Den neuzeitlichen Anfang dieser irritierenden Mischung von Kunst und Politik macht, so Raulff, Francesco Petrarca. Seine Dichterkrönung auf dem römischen Kapitol 1341 stellte den Dichter mit dem Herrscher oder besser mit Cäsar, in Anlehnung an die Antike, auf eine Stufe. Hier hätten wir es bereits zu tun mit einem:

"fließenden Seitenwechsel zwischen Politik und Kunst, Politiker und Künstler"."

Was nichts anderes hieße, als dass:

""Künstler nach der Macht greifen oder Machthaber sich als Künstler stilisieren."

Welche "Sprengkraft" ein Mangel an Trennschärfe zwischen beiden Bereichen für den jeweiligen Akteur haben kann, zeigt der, im wörtlichen Sinne, Fall Neros. Im Jahre 64 hatte ein Brand zu großen Teilen Rom zerstört. Bald tauchte das Gerücht auf, Nero habe während des Feuers auf seiner "Hausbühne" den Untergang Trojas besungen, womit Rom gemeint gewesen wäre. Neben der Vermutung, Nero habe Rom angezündet, um es anschließend nach seinen Plänen umzugestalten, stach vor allem das Gerücht hervor, dass Nero sich, dabei eine reale Gefahr auf niedrige Weise ästhetisierend, als Schauspieler betätigt habe – hier noch privat, später öffentlich. Das, meint der Professor für Alte Geschichte Egon Flaig, sei sein eigentliches Vergehen gewesen:

"(...) Schauspieler unterlagen der Infamie (...) Ein Schauspieler (...) durfte keinen Waffendienst leisten, kein öffentliches Amt bekleiden; vor Gericht galt sein Zeugnis meist nichts. (...) Was sollten die Senatoren von einem solchen Kaiser denken, was die konservative Bürgerschaft der Hauptstadt, und was erst die Legionen und die Garde?"

Nero hatte, nach römischen Maßstäben, eine Grenze überschritten, nämlich die zwischen Kunst und Politik, was, so Flaig, entscheidend zu seinem späteren Sturz beigetragen habe.

Bedeutet das, Herrscher dürfen keine Kunst betreiben und Künstler sind von der Politik ausgeschlossen? Keineswegs. Ludwig IV. und Friedrich der Große beweisen das Gegenteil, dieser dichtete und spielte Flöte, jener tanzte. Nur wußten diese absoluten Monarchen streng zwischen Staatsgeschäften und Pläsier zu unterscheiden. Obzwar sie große Förderer der Kunst waren, wären sie nie auf die Idee gekommen, sich von Künstlern in die Politik greifen zu lassen oder deren Utopien voll in die Tat umsetzen zu wollen. Diese klare Bereichsteilung läßt sich im umgekehrten Falle auch bei Goethe beobachten. Goethe hatte eben nicht, wie Ernst Osterkamp, Professor für Neuere Deutsche Literatur, überzeugend herausarbeitet, einen Künstlerstaat im Auge, als er in die Politik eintrat:

"Weder der Minister noch der Dichter Goethe hat eine Durchdringung der Systeme von Politik und Kunst gewünscht, im Gegenteil: Goethe hat in keiner einzigen staatlichen Entscheidung die Tatsache zur Geltung gebracht, daß er ein Künstler war, sondern sich vom ersten Tag in Weimar, an dem er offizielle Funktionen übernahm, dem Regelsystem der Politik und des Hofes unterworfen (...)"

Goethe wusste nur zu gut zwischen humanistischen Idealen und ihrer praktischen Machbarkeit zu unterscheiden. Das bewahrte ihn vor einer lächerlichen Überhöhung seines ohnehin bedeutenden Werkes und erhielt ihm die Integrität als Minister. Einen Dichter-Fürsten hat erst die Nachwelt aus ihm gemacht.

So entschieden die Dinge auseinanderhalten, das konnte oder wollte ein anderes deutsches Genie nicht, Richard Wagner. Ist von seinem Oeuvre die Rede, fällt stets ein entscheidendes Wort, das Wort Gesamtkunstwerk. Von diesem Punkt aus fließen auf heikle Art künstlerische und außerkünstlerische Gebiete zusammen. Hier offenbart sich ein versuchter absoluter Zugriff Wagners auf alle Lebensbereiche, der nur Schiffbruch erleiden kann, weil der Künstler seine angestammte Sphäre weit hinter sich läßt. Wagner schwebte ein veritabler Künstlerstaat vor:

"in dem nicht nur (...) die Vereinigung der verschiedenen Künste unter einem Dach anvisiert wird, sondern die modellhafte Aufhebung des gesellschaftlichen Partikularismus und Egoismus, die Darstellung der vollendeten menschlichen Natur als gemeinsames Werk der Menschen der Zukunft entworfen wird. Es geht nicht nur um eine ästhetische, sondern auch um eine gesellschaftliche Utopie, um die Wiederkehr der Totalität der Natur (...)"

So Jens Malte Fischer, Professor für Theaterwissenschaft. Wagner hatte allen Kredit bei seinem Mäzen Ludwig, der, wo er konnte der Wirklichkeit entfloh. Ludwig ließ sich zunächst allzu gerne auf Wagners narkotische Visionen ein. Doch als der Komponist immer dreister in die Staatskasse griff und schließlich um die Entlassung bzw. Ersetzung wichtiger Minister bei Ludwig nachsuchte, mag ein letzter Herrschaftsinstinkt in dem Bayernkönig wach geworden sein und er beendete die Mesalliance.

Weit radikaler noch, aber kaum an einer realen Verwirklichung interessiert, war das Konzept des Künstlerstaates des Stefan George. Sein Staat, genannt "das geheime Deutschland", war ein ganz und gar ätherischer, geistiger Staat, dessen Fluchtlinien sich in George selbst kreuzten, einem absoluten Dichter. Wie das Reich Georges aussieht – das entzieht sich absichtlich einer logischen Fassung. Vielleicht ist es ein ritterliches, christliches, das in weiter Ferne liegt. Vielleicht ist es etwas wie das Reich des Stauferkaisers Friedrich II., wie es Georges Jünger Ernst Kantorowicz beschrieb. Dessen Kern eine Dichterschule bildete, die als geistige Macht das eigentliche Herrschaftszentrum darstellte. Vielleicht ist es aber auch ein Reich, das weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft zu suchen ist, sondern in einer Art Zeitlosigkeit ruht, so wie es bei dem Georgejünger Max Kommerell anklingt:

"innerhalb des rohen Macht- und Zweckstaates und unabhängig von ihm (...) beginnt hier auf diesem Boden und zu jeder Stunde der ästhetische Staat, gebildet von der Gemeinde der Schönheitsanbeter, die das Gesetz in ihre Empfindung aufnahmen (...)"

Dass Künstler wie Wagner oder George ab Mitte des 19. bis Anfang des 20. Jh. immer häufiger die Frage nach dem Gesamtkunstwerk stellten, also nach der Einheit von Kunst, Rechtswesen, Architektur, Mode, Sitten usw., speist sich nicht zuletzt aus einem deutlichen Entfremdungsgefühl in der aufkommenden Moderne. Der deutsche Faschismus oder der Staatssozialismus haben dieser Sehnsucht herrisch entsprochen.

Auf den Staat abzielende Ästhetik-Experimente, mit allen praktischen Konsequenzen, soviel machen die Verfasser des Bandes deutlich, haben in der Politik nichts zu suchen. Bleibt die Frage, ob die Politik als Herrschaftsinstrument des Staates ein ästhetikfreier Raum ist. Zu erinnern wäre an das Wort Schellings, der meinte, daß "der Staat ein Kunstwerk sein" solle, wo "alle Handlungen des öffentlichen Lebens nur verschiedene Zweige eines allgemeinen objektiven und lebendigen Kunstwerks" seien. Aus einer erhöhten Perspektive wie dieser, mag alles menschliche Schaffen zum Kunstwerk werden, eine Kathedrale ebenso wie ein hochdifferenzierter Rechtstext oder ein Staat. Die Bewunderung gilt hier dem hohen Organisationsgrad, dem Bau einer Sache. Doch vermag ein solch kunstvoller Bau nur so lange in Bann zu ziehen, wie er intakt ist.

Der vorliegende Band, hervorgegangen aus einem Symposium, das 2004 stattfand, beleuchtet auf abwechslungsreiche wie anregend-gelehrte Weise die Risiken, die einem Staatswesen drohen, wenn es in die Hand von Schwärmern und Utopisten fällt. Doch ist der Künstlerstaat, also die Vermischung von Kunst und Politik, ein Phänomen der Vergangenheit? Mit einem Gegenwartsbezug, der staatliche Instabilitäten hätte ausloten können, halten sich die Autoren auffallend zurück.

Einen engeren Bezug stellt fast nur der Herausgeber Ulrich Raulff her, wenn er auf den Gebrauch der Ikonographie der Monarchie von Pop-Kings und -Queens hinweist, die sich an ihrer Rolle des "Herrscher[s] der Kunstwelt" berauschen. Den medialen Aspekt der Problematik Künstlerstaat, über die Musikindustrie hinaus, stärker ins Auge zu fassen, hätte dem Buch jedoch gewiß nicht geschadet – denken wir an die gefährlich eruptive Macht des Fernsehens, auf dessen Showbühnen sich Medienzaren aller Art Gehör verschaffen und wo Kunst bzw. Unterhaltung und Politik nahtlos ineinander übergehen.


Ulrich Raulff (Hrsg.), Vom Künstlerstaat.
Ästhetische und politische Utopien, Hanser Verlag

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