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StartseiteInterview"In diesem Fall ist Frau Galinski weit über ihr Ziel hinausgeschossen"04.09.2008

"In diesem Fall ist Frau Galinski weit über ihr Ziel hinausgeschossen"

Zentralratspräsidentin Knobloch verteidigt Henryk M. Broder

In der Auseinandersetzung zwischen dem Publizisten Henryk M. Broder und Evelyn Hecht-Galinski um ihre umstrittenen Israel-Kritik in einer Fernsehsendung, hat die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, die Partei Broders ergriffen. Meinungsfreiheit müsse auch für Broder gelten. Außerdem benutze Hecht den Namen ihres Vaters, "um Aufmerksamkeit und offene Türen zu erreichen", so Knobloch.

Charlotte Knobloch im Gespräch mit Silvia Engels

Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden  (AP)
Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden (AP)
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Denkverbot durch Antisemitismus-Vorwurf?

Silvia Engels: Es ist ein seit Monaten schwelender Streit. In einem Schreiben an die WDR-Intendantin Monika Piel hatte der Publizist Henryk M. Broder der Tochter Heinz Galinskis, des verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, antisemitische Statements vorgeworfen. Die Betroffene, Evelyn Hecht-Galinski, die in einer WDR-Sendung aufgetreten war, zog vor Gericht. Sie klagte auf Verbot dieser Äußerung und sie bekam teilweise Recht. Broder darf diesen Vorwurf nicht mehr erheben. Das entschied gestern das Kölner Landgericht. Allerdings setzte sich Frau Hecht-Galinski nicht mit der Forderung durch, Broder dürfe ihr in keinem Zusammenhang Antisemitismus vorwerfen. Das Gericht legt hier Wert auf den konkreten Einzelfall. In der Hauptsache geht der Rechtsstreit nun wo möglich noch weiter. Am Telefon ist Charlotte Knobloch. Sie ist die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland. Guten Morgen, Frau Knobloch.

Charlotte Knobloch: Guten Morgen.

Engels: Was sagen Sie zu diesem Urteil?

Knobloch: Ich möchte auf keinen Fall dieses Urteil kritisieren. Das steht mir nicht zu. Ich möchte aber sagen, dass Frau Hecht den Namen ihres Vaters dazu benutzt, um Aufmerksamkeit und offene Türen zu erreichen. Sie sollte sich, wenn sie schon den Namen Galinski benutzt, sicher daran erinnern, wie ihr Vater in einer solchen Situation gehandelt hätte - sicher nicht so wie Frau Galinski. Ich bin absolut dafür, dass die Meinungsfreiheit, die auch für Herrn Broder gilt, auch weiter gelten soll und gelten muss. Und wenn Antisemitismus im Raum steht, dann sollte nicht nur Herr Broder darüber sprechen, sondern viele andere und diesen Antisemitismus auch anprangern und Verleumdungen richtigstellen. Ich glaube, das wäre die richtige Antwort auf diesen Gerichtsstreit.

Engels: Frau Hecht-Galinski ist für Kritik an der israelischen Regierung, speziell mit Blick auf die Palästinenser-Politik der israelischen Regierung bekannt. Aber kennen Sie denn Äußerungen von Frau Hecht-Galinski, die Sie in dem Zusammenhang antisemitisch einordnen würden?

Knobloch: Ich bin nicht befugt und möchte es noch mal sagen, in irgendeiner Form das Urteil des Gerichts zu kommentieren, werde das auch nicht tun. Aber Antisemitismus ist heutzutage mit Antizionismus gleichzustellen und wenn Aussagen nicht sachlich begründet sind und sachlich vorhanden sind, dann müssen sie gerügt werden. Ich bin absolut dafür, dass Kritik an einem Unrecht, wenn es vorhanden ist, wirklich gerecht wäre, aber in diesem Fall ist Frau Galinski weit über ihr Ziel hinausgeschossen.

Engels: Bislang hat allerdings Henryk M. Broder seine Vorwürfe in dieser speziellen WDR-Sendung nicht in der konkreten Sache belegt, was Frau Hecht-Galinski da gesagt hat, was er im Einzelnen bemängelt. Er will das aber tun, wenn Frau Hecht-Galinski in der Hauptsache weiterklagt. Sollte dieser Streit weitergehen, oder schadet es unter dem Strich vielleicht doch insgesamt?

Knobloch: Wenn Unrecht vorhanden ist, dann muss nach Recht gesucht werden. Ich glaube, Herr Broder wird das selbst entscheiden und wie er auch entscheidet, werde ich ihn immer unterstützen.

Engels: Schon im Vorfeld des Urteils wurde allerdings in deutschen Feuilletons über diesen Fall diskutiert. Der Autor Patrick Bahners warf Broder vor, seine preisgekrönte publizistische Strategie der verbalen Aggression nutze den Spielraum der Meinungsfreiheit, um ihn einzuschränken. Kritiker Israels - so Patrick Bahners - sollten eingeschüchtert werden. Sehen Sie die Gefahr?

Knobloch: Nein. Das ist überhaupt nicht der Fall. Ich habe schon mal gesagt und möchte es immer wieder betonen: Wenn Unrecht geschieht, wo immer es auch ist auf der Welt - und es gibt viele Orte, an denen Unrecht geschieht, und da höre ich keine Kritiker; wäre auch vielleicht für Frau Hecht sehr richtig, verschiedene Themen aufzugreifen. Aber ich glaube, man sollte es dabei belassen und den weiteren Verlauf beobachten.

Engels: Nun kennen wir ja noch nicht diese konkreten Vorwürfe, die dann Herr Broder wo möglich erhebt. Aber setzt Herr Broder deshalb vielleicht auch dieses große Wort vom Antisemitismus zu generell ein?

Knobloch: Herr Broder ist ein bekannter Journalist und er weiß genau, in welche Richtung er seine Worte darstellen soll.

Engels: Können Sie genau definieren, wann jemand ein Antisemit ist?

Knobloch: Indem er Vorurteile und Rachegedanken an die Öffentlichkeit bringt.

Engels: Aber nicht, wenn er Israel generell und speziell in seiner Palästina-Politik kritisiert?

Knobloch: Wenn Fehler in irgendeinem Land vorkommen, dann hat jeder das Recht, besonders in unserer Demokratie, zu kritisieren, aber immerhin sachlich.

Engels: Schauen wir auf das Thema generell. Wie groß ist die Gefahr mittlerweile in Deutschland, dass sich der gewichtige Vorwurf des Antisemitismus abnutzt, wenn er Teil einer Alltagsauseinandersetzung wird?

Knobloch: Das Thema kann nicht abgenutzt werden, ganz im Gegenteil. Das Thema ist eine Angelegenheit, die mich sehr beunruhigt, und ich glaube, wir sollten wieder zur Realität und zum Tagesgeschäft übergehen.

Engels: Avi Primor, der frühere israelische Botschafter in Deutschland, hat letzte Woche hier im Deutschlandfunk gesagt, man solle mit diesen Vorwürfen des Antisemitismus sehr vorsichtig sein, denn wenn man immer rufen würde, der Wolf käme, dann sei keiner mehr alarmiert, wenn der Wolf tatsächlich käme. Ist da was dran?

Knobloch: Nein. Ich teile absolut nicht die Meinung von Herrn Primor, obwohl ich ihn sehr schätze.

Engels: Kann es sein, dass speziell in Deutschland diese Debatten spezifisch zum Antisemitismus immer wieder geführt werden?

Knobloch: Nein. Es wird nichts hingeführt, wo nicht Grundlagen vorhanden sind.

Engels: Sie sehen also nach wie vor die Gefahr des wachsenden Antisemitismus?

Knobloch: Ich sehe ihn nicht nur, ich spüre ihn auch.

Engels: Haben Sie Beispiele?

Knobloch: Nein. Die sind jetzt in dieser Angelegenheit, über die wir uns jetzt unterhalten, nicht ein Thema, sondern wir sollten uns wirklich zum Thema Antisemitismus vielleicht an anderer Stelle mal sprechen.

Engels: Charlotte Knobloch, die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland. Ich bedanke mich für das Gespräch.

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