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StartseiteInterview"In dieser Diskussion ist Frau Böhmer untergetaucht"08.09.2010

"In dieser Diskussion ist Frau Böhmer untergetaucht"

SPD-Integrationsrat von Köln fordert Rücktritt der Integrationsbeauftragten

Tayfun Keltek schließt sich der Kritik seiner Partei an der Integrationsbeauftragten Maria Böhmer an. Die CDU-Politikerin sei "dieser Aufgabe nicht gewachsen". Keltek habe schon mehrere Integrationsbeauftragte erlebt. Keine sei "so defensiv gewesen wie Frau Böhmer".

Tayfun Keltek im Gespräch mit Sandra Schulz

Tayfun Keltek, Vorsitzender des Integrationsrats der Stadt Köln (SPD) (nrwspd.de)
Tayfun Keltek, Vorsitzender des Integrationsrats der Stadt Köln (SPD) (nrwspd.de)

Sandra Schulz: Wenn die Diskussion um Thilo Sarrazin ein Gutes hat: Von der Auseinandersetzung um das Buch eines Bundesbankvorstandes hat sich der Schwerpunkt jetzt verlagert zum eigentlichen Thema, nämlich hin zu der Frage, die wir allerdings ja auch nicht zum ersten Mal diskutieren und die uns natürlich auch noch lange beschäftigen wird: Wie steht es um die Integration in Deutschland, was können wir von Migranten verlangen, aber auch welche Chancen sie bekommen müssen. Am Vormittag hat das Kabinett ein neues Integrationsprogramm gebilligt. Wir wollen das in den kommenden Minuten weiter diskutieren. Am Telefon begrüße ich den Vorstandsvorsitzenden der Landes-AG der kommunalen Migrantenvertretung in Nordrhein-Westfalen und den SPD-Politiker Tayfun Keltek. Guten Tag!

Tayfun Keltek: Guten Tag, Frau Schulz.

Schulz: Ist das Kabinett auf dem richtigen Weg?

Keltek: Weitgehend ja, was ich am Rande mitbekommen konnte. Die Diskussion über Sarrazin, das ist ja der richtige Weg, aber da muss man, glaube ich, auch aufpassen, alleine Forderungen reichen nicht aus, dass man auch die Voraussetzungen dafür schafft. Eine wichtige Voraussetzung zum Beispiel dafür ist, dass man Institutionen und Strukturen auch den Gegebenheiten passend macht, umstellt. Diese Umstellung ist zwingend notwendig. Als Beispiel nenne ich: Die deutsche Schule sieht in der Regel die Migrantenkinder nicht vor. Das heißt, ihre Begabungen, ihre Schwächen werden in der Regel nicht so erarbeitet, wie das sein sollte. Das heißt, wo die Kinder sind, da sollten, glaube ich, diese Einrichtungen sich auf die Kinder einstellen. Die Schule muss für die Kinder sein, nicht umgekehrt.

Schulz: Das sind ja alles keine Fragen nur der Institutionen, sondern auch der Personen, und deswegen will die Bundesregierung jetzt ja auch vermehrt Menschen mit Wurzeln im Ausland ermutigen, Lehrer zu werden. Wie kann das klappen?

Keltek: Sicher! Das wird klappen, wenn man das zum Ziel macht. Zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen in den letzten drei Jahren haben wir dort große Erfolge erreicht, dass viele junge Männer und Frauen sich auch für diese Ausbildung entschieden haben. Dafür gab es ja auch ein Regierungsprogramm von der letzten Regierung und das war, glaube ich, das Beste, was überhaupt die letzte Landesregierung in der Hinsicht je gemacht hat. Das kann man auf jeden Fall hinkriegen. Das geht nicht in einer Schule, wo 80 Prozent der Schülerinnen und Schüler einen Migrationshintergrund haben und da gibt es gar keinen Lehrer mit Migrationshintergrund. Das heißt, diese Verständigung, auch Vertrauensbildung ist sehr, sehr schwierig. Ich bin zum Beispiel selbst im Schuldienst. Ich weiß, was das heißt, für viele Schülerinnen und Schüler jemanden dabei zu haben, der sie auch versteht.

Schulz: Wir sprechen jetzt über das staatliche Engagement. Umgekehrt: Leisten die Migranten ihren Beitrag denn auch?

Keltek: Ja, selbstverständlich! Diese Unterstellung, dass die Migrantinnen und Migranten weitgehend sich nicht integrieren wollen, das ist eine Behauptung, die nach meiner Auffassung unverschämt ist. Es gibt sicher eine kleine Gruppe, die in der Hinsicht diesen Behauptungen entsprechen, aber die kann man überhaupt nicht benennen. Das ist ein sehr, sehr geringer%anteil. Es gibt sicher Strukturen, die würden gerne diese Menschen an sich anbinden, um dadurch auch Politik machen zu können. Ich meine gewisse Organisationen oder Verbände und so weiter. Dann muss man die bekämpfen, nicht die Menschen insgesamt kollektiv.

Schulz: Ja. Aber wir haben die Zahl heute Vormittag wieder gehört von Bundesinnenminister de Maizière, der von zehn bis 15 Prozent integrationsunwilliger Migranten spricht. Sind das nicht zu viele? Sie haben gerade von einem kleinen Anteil gesprochen. Aber zehn bis 15 Prozent, ist das ein kleiner Anteil?

Keltek: Ich betrachte diesen Anteil übertrieben und ich meine, das ist nicht mehr als fünf Prozent.

Schulz: Gleichzeitig eine Zahl, die aber auch Kritik natürlich auch an der Arbeit der Integrationsräte ist, ob das jetzt fünf Prozent sind, zehn oder 15. Was entgegnen Sie auf die Kritik?

Keltek: Wissen Sie, diese fünf Prozent, diesen Anteil werden Sie in jeder Gesellschaft haben. Diesen Anteil kriegen sie naturgemäß in jeder Hinsicht. Sie haben eine kleine Gruppe, mit der sie Probleme haben. Sie können nicht von diesen kleinen Gruppen ausgehen und dann die Mehrheit irgendwie verteufeln. Das ist das Gefährliche, glaube ich, im Moment in der Diskussion. Wir bekämpfen das selbstverständlich als Integrationsräte. Alle unsere Angebote, ohne Ausnahme, gehen an alle. Aber trotzdem: Das wäre ja illusorisch zu behaupten, dass man ja alle mitnehmen könnte. Das geht nicht! Zum Beispiel in der deutschen Gesellschaft kann man auch einen bestimmten Anteil sogar für die Integration, für die Bildung nicht mitnehmen. Das Ziel muss sein, diesen Anteil möglichst klein zu halten.

Schulz: Ja. – Wir können das mit den Zahlen, mit den Prozentsätzen jetzt natürlich nicht klären. Die Frage ist, wie zielführend die Diskussion über diese einzelnen Werte überhaupt ist. Wir erleben es jetzt ja in der Diskussion, auch in der Diskussion um Thilo Sarrazin, der ja auch viel Zuspruch erfahren hat, dass sich in Deutschland viele Menschen schlichtweg überfordert fühlen. Muss man das nicht ernst nehmen?

Keltek: Das muss man sehr ernst nehmen. Wissen Sie, es gibt eine ganze Menge Untersuchungen, die belegen immer wieder, in der Gesellschaft gibt es einen großen Anteil, der Migrantinnen und Migranten insgesamt ablehnt. Sie hätten lieber eine homogene Gesellschaft, die sie auch aus ihren Vorstellungen oder durch ihre Erfahrungen beibehalten wollen. Das ist eine Illusion. Diese falsche Vorstellung muss man erst mal aufklären und dann sagen, das geht nicht. Die Welt ist klein geworden. Wir sind miteinander irgendwie eng verbunden. Das ist diese Bewegung, Mobilität in der Welt, und das ist ja auch unsere Zukunft und gleichzeitig unser Schicksal. Sich dagegen zu stellen, ist in der Regel auch eine Rückentwicklung. Keine Gesellschaft kann aber ohne Zuwanderung, ohne diese Mobilität erfolgreich existieren. Anstatt das zu bekämpfen, trägt leider die Politik und die Medien immer dazu bei, als ob das normal wäre, das möglich wäre. Zum Beispiel, das wird immer wieder vergessen, 80 Prozent der hiesigen Bürgerinnen und Bürger lehnen den Islam ab. Anstatt nach dem 11. September differenziert den Islam zu behandeln, hat man versucht, diese Einstellung so stehen zu lassen.

Schulz: Aber Herr Keltek, ist das wirklich Ihre Antwort auf die Frage und auch auf die Diskussion, den Deutschen Fremdenfeindlichkeit pauschal zu unterstellen?

Keltek: Nein! Nein, auf keinen Fall. Das muss man sehr differenziert nennen und ich habe auch gesagt, das ist zum Teil eine Illusion. Das muss nicht unbedingt immer Fremdenfeindlichkeit sein. Aber ein fremdenfeindlicher Anteil ist da vorhanden. Das sollte man auch nicht irgendwie verschweigen.

Schulz: Und da ist vor allem auch die Integrationsbeauftragte gefordert, Maria Böhmer, an der jetzt ja harsche Kritik laut wird. Der SPD-Innenexperte Sebastian Edathy sagt, dass wenn die Kanzlerin wirklich neue politische Impulse setzen wolle, Böhmer das Amt abgeben müsse. Verstehen Sie warum?

Keltek: Ich kann das gut verstehen. Wissen Sie warum? – Ich habe mehrere Integrations- oder mehrere Ausländerbeauftragte erlebt, Frau Funcke, Frau Schmalz-Jacobsen und dann Frau Becker zum Schluss von den Grünen. Keine war so defensiv gewesen wie die Frau Böhmer. Frau Böhmer sagt nur, was die Politik ihr erlaubt. Aber für diese Funktion brauchen wir eine Persönlichkeit, zum Beispiel wie Frau Süssmuth, wie Herrn Geißler, die den Mut haben, auch die Wahrheit öffentlich auszusprechen. In dieser Diskussion ist Frau Böhmer untergetaucht. Ihre Aufgabe wäre, glaube ich, im Moment dazu Stellung zu nehmen. Sie hat mehr Macht im Vergleich zu den anderen Beauftragten, aber von ihr erfährt man viel weniger.

Schulz: Aber Frau Böhmer war ja nun auch schon zu schwarz-roten Zeiten im Amt. Warum merkt die SPD das jetzt erst?

Keltek: Schwarz-roten Zeiten? – Nein. – Ach so! Ja, ja, sicher.

Schulz: Zu Beginn der Großen Koalition genau.

Keltek: Richtig. In der Hinsicht finde ich auch nicht in Ordnung, dass man damals nicht gefordert hat, sondern erst jetzt fordert, dass Frau Merkel sie ablöst. – Insgesamt ist sie nach meiner Auffassung dieser Aufgabe nicht gewachsen. Zum Beispiel eine Persönlichkeit von der CDU, sage ich noch mal, wie Herr Laschet, solche Persönlichkeiten, die mit dem Thema eng verbunden sind, die haben Ahnung davon. Statt solche Persönlichkeiten wie Frau Süssmuth für diese Funktion vorzusehen, nimmt man eine Frau, die mit dem Thema früher überhaupt nichts zu tun gehabt hat. Die kommt dahin und besetzt diese Funktion, am Ende kommt nicht viel heraus.

Schulz: Der Vorsitzende des Integrationsrats der Stadt Köln, Tayfun Keltek, heute in den "Informationen am Mittag". Danke Ihnen.

Keltek: Ja, bitte! Gerne geschehen.

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