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StartseiteBüchermarktIn eisige Höhen - Into Thin Air19.03.1998

In eisige Höhen - Into Thin Air

Das Drama am Mount Everest

Am 10. Mai 1996, noch früh am Nachmittag, stand Jon Krakauer, Bergsteiger und Bergjournalist aus Seattle in USA, auf dem höchsten Punkt der Erde, achttausendachthundertundachtundvierzig Meter hoch, auf dem Gipfel des Mount Everest: mit einem Fuß in Tibet, mit dem anderen in Nepal. Die Sonne schien hell und weit. Zu seinen Füßen lag die erhabene Bergwelt des Himalaia, groß, stolz, kalt und majestätisch, wie sie bis vor fünfzig Jahren noch kein Mensch gesehen hat. Hier wohnen Götter und Göttinnen aus buddhistischer Vorzeit, hier darf man, sagen die Einheimischen, keinen Frevel begehen, hier muß man die Gottheiten versöhnlich stimmen.

Volker Geissler

Jon Krakauer japst nach Luft. Er nestelt an seiner Sauerstoffmaske herum, knipst wie in Trance zwei Gipfelphotos und kehrt um. Er steigt wieder zurück, nach unten. Viereinhalb Minuten hat sein Aufenthalt auf dem Dachfirst der Welt gedauert. Mit größter Anstrengung hat er versucht, die Frage zu lösen, wie viele Gehirnzellen aus Sauerstoffmangel in diesen historischen Minuten wohl abgestorben sein müssen. Er kommt zu keinem Ergebnis. Er hustet, er hat Schmerzen, seine Rippen sind verletzt. Siebenundfünfzig Stunden hat er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr geschlafen. Nun ist er wieder auf dem Rückweg: durch die erhabene Bergwelt, vorbei an Müllhalden von weggeworfenen Sauerstoffflaschen und Proviantabfall, vorbei an hartgefrorenen Leichen aus früheren Expeditionen, Ledermumien gleich, wieder zurück ins Leben.

Das also war der größte Augenblick in seinem Bergsteigerdasein. Dafür hatte er sich Monate und Monate vorbereitet, das also war die Erfüllung eines der größten Ziele, die es für Bergbesessene gibt.

Jon Krakauer hatte im Auftrag des amerkanischen Reisejournals "Outside" an dieser Expedition teilgenommen und sollte einen Artikel über die Kommerzialisierung des Mount Everest verfassen. Und weil sich Rob Hall, der Expeditionsleiter davon Werbewirksamkeit für seine Firma Adventure Consultants Expedition versprach, mußte Krakauer nicht wie die anderen Teilnehmer 65.000 Dollar berappen, sondern nur 10.000, und die übernahm die Zeitung.

Eigentlich hätte er bei der Firma "Mountain Madness Expedition" mitklettern sollen, aber dessen Chef, der weltweit erfahrene Bergsteiger Scott Fisher, gab nicht so viel Preisnachlaß wie Rob Hall.

Rob Hall und Scott Fisher sind Dienstleistungsbetriebe. Sie haben die höchstgelegene Marktlücke der Erde entdeckt. Mit vier komfortabel ausgestatteten Zeltlagern zum Akklimatisieren, den Berghang des Mount Everest hinauf, in Höhen von 5000 bis 8000 Meter, stellen sie ein Minimodell für durch Konkurrenz belebte freie Marktwirtschaft dar. Rob und Scott sind Bergfreunde und Konkurrenten. Schnappt der eine dem anderen einen Kunden weg, kann es zu Ganghoferscher Männerdramatik kommen. Ansonsten sind sie befreundet. Ansonsten arbeiten sie zusammen. Menschen aus aller Welt, wenn sie nur fit sind und das nötige Geld haben, wird das Gipfelerlebnis Mount Everest versprochen, der Blick auf die Erde von dem Punkt, der dem Himmel am nächsten ist.

Eine zahlende Kundin in Fishers Gruppe ist die New Yorkerin Sandy Hill Pittman, Hobbybergsteigerin und Millionärin, die sich von einheimischen Lastenträgern Laptops, Faxgeräte, Solaranlage, Akkus, mehrere Filmkameras, Delikatessen und Espressomaschine den Berg hoch schleppen ließ. Ein Extrabote brachte ihr laufend die neuen Ausgaben von "Vogue" und "Vanity Fair". Beim Aufstieg zum Gipfel, am 10. Mai 1996, bekam die etwas zickige Amerikanerin sogar einen persönlichen Bergführer an ihre Seite, einen Sherpa, der sie ans Kurzseil nahm und ziehend, manchmal auch schiebend, nach oben hievte. "Wie der Pflug am Pferd", schreibt Krakauer. Mit Internetberichten, Telefonaten und Faxen aus 7200 Meter Höhe wollte sie Eindruck schinden bei ihren prominenten Partygästen zu Hause in New York.

Die Motive, auf dem Gipfel des Mount Everest zu stehen, sind vielfältig. In Halls Gruppe ist Dr. Seaborn Beck Weathers, ein texanischer Pathologe, der sich noch einmal in seinem Leben beweisen will, daß er ein ganzer Kerl ist. Und da ist Yasuko Namba, die siebenundvierzigjährige Japanerin, Personalchefin eines japanischen Paketdienstes, sie will die älteste Frau der Welt werden, die jemals den Gipfel des Mount Everest erreicht hat. Anatoli Boukreev, ein russischer Bergführer nahm teil, weil er von Scott engagiert wurde und 25.000 Dollar Honorar bekam. Soviel haben die elf Bergsteiger-Sherpas plus Ärztin, Koch und Küchenjunge in Halls Gruppe insgesamt nicht verdient.

Wäre die Geschichte erfunden, wäre die Parallelität zu den Strukturen unserer abendländischen Sonnenuntergangs-Gesellschaft zu konstruiert erschienen. Jon Krakauer kümmert sich nicht um solche Gedanken. Für ihn war der Everest "schon immer ein Magnet für Verrückte, Publicitysüchtige, hoffnungslose Romantiker und andere, deren Stärke nicht gerade das wirkliche Leben ist."

Am 10. Mai 1996 war es dann soweit. Beide Gruppen wollten auf den Gipfel. Beim Gehen vermischten sie sich miteinander. Es war noch eine dritte Crew unterwegs, eine thailändische Expedition. Wären alle gleichzeitig auf dem Gipfel angekommen, so hätten sich dreiunddreißig Menschen da oben mit einem kräftigen "Berg Heil" die Hände geschüttelt. Scott Fisher hätte Gewißheit gehabt, daß Mrs. Pittman weltweit von Talkshow zu Talkshow geladen wäre, um ein Loblied auf ihn zu singen und natürlich auf seine Firma: "Mountain Madness Expedition" - frei übersetzt heißt das etwa Bergverrücktheits-GmbH. Sie selbst hätte sich in dem Moment als eine der begehrtesten Gastgeberinnen New Yorks gesehen, Rob Hall wäre sicher gewesen, daß zwei "Gipfel-Agenturen" gut nebeneinander und miteinander existieren können, der Arzt aus Texas hätte gewußt, daß er ein ganzer Kerl ist, und die zierliche Yasuko hätte ihren Triumphzug durch Japan vorausgeträumt. Die Sherpas, die einheimischen Bergsteiger und Lastenträger, hätten sich mit 1400 Dollar Monatseinkommen zu den Reichen im Lande Nepal gezählt, und Anatoli Boukreev, der Russe, hätte fürs nächste Mal ein noch höheres Honorar erhoffen dürfen.

Aber das Wetter sprach mit. Keiner hat dem Wolkenhäubchen über entferntem Gipfel eine Bedeutung beigemessen. Alle hatten mit sich und mit dem Berg zu tun. Plötzlich war der Himmel schwarz, ein Sturm tobte, Schnee und Eis nahmen jede Sicht. Wahrscheinlich gibt es keinen Platz auf der ganzen Welt, auf dem ein Unwetter so zuschlagen kann wie da oben. Orkanstarke Böen fegten über den Sattel. "Der Wind wehte mit der Heftigkeit von Kugelgeschoßen, der Schneestaub kam wie aus einem Sandgebläse." Die Temperaturen fielen bis auf vierzig Grad minus. Es wurde dunkel wie die Nacht, es wehte und pfiff und dröhnte, als ginge die Welt unter. Jeder der dreiunddreißig Bergsteiger will sich selbst retten. Keiner führt mehr die Gruppe an. Manche versuchen es zu zweit, aber wenn man sich mehr als drei Meter voneinander entfernt, hat man sich verloren.

Neun Menschen sterben. Rob Hall und Scott Fisher sind tot. Der Texaner Dr. Seaborn Beck Weathers liegt eine ganze Nacht in der Eiseskälte im Schnee, hat einen Handschuh verloren und steht am nächsten Morgen plötzlich wie durch ein Wunder auf und findet eins der nahegelegenen Zelte. Man wird ihm einen Arm, mehrere Finger und seine Nase amputieren müssen. Yasuko Namba steht nicht mehr auf, sie ist erfroren. Jon Krakauer hat sich retten können. Er liegt in seinem Zelt, bekleidet mit allem was er hat, und ist von Sinnen. Er ist nicht mehr in der Lage, sich an Rettungsaktionen zu beteiligen. Anatoli Boukreev, der hochbezahlte Bergführer, hatte sich als erster nach unten abgeseilt, dafür wird er von Krakauer später hart kritisiert und schreibt daraufhin selbst ein Buch mit einer Gegendarstellung. Er verunglückt 1997 tödlich in der Südwand des Annapurna II, einem Achttausender ganz in der Nähe.

Ein paar Wochen danach, als Jon Krakauer sich einigermaßen erholt hatte, erschien sein Auftragsartikel im Outside. Krakauer versucht den Wahnsinn, den er erlebt hat, möglichst objektiv zu beschreiben. Viele fanden, es war viel zu subjektiv. Besonders die Angehörigen und Verwandten der tödlich Verunglückten reagierten mit heftigem Zorn. Die Witwe Hall nannte ihn den "Abschaum der Medien", weil er das letzte Funkgespräch zwischen dem Sterbenden und ihr abdruckte, und Scott Fishers Schwester Lisa Fisher Luckenbach schickte ihm einen wütenden Brief, in dem es heißt: "Jetzt, wo Sie zu Hause sitzen, heil und unversehrt, urteilen Sie über die Urteilsfähigkeit der anderen. Sie geben Kommentare darüber ab, was von den Bergführern hätte getan werden sollen, von den Sherpas, den Kunden und arrogant gehen Sie hin und bezichtigen andere des Fehlverhaltens. Vielleicht überlegen Sie einmal, was Sie anrichten. Ich lese in Ihrem Artikel nichts weiter, als Ihr eigenes Ego, das sich völlig kopflos abmüht, in den Geschehnissen einen Sinn zu erkennen. Sie werden Ihren Seelenfrieden, nachdem Sie so verzweifelt suchen, nicht finden."

Krakauer war selbst der Meinung, daß sein Artikel nicht die Dimensionen der Geschehnisse erfaßte, recherchierte erneut und schrieb daraufhin ein Buch. Schon kurz nach seinem Erscheinen wurde es ein Bestseller: "Into Thin Air - In eisige Höhen." Ist dieser Bericht auch nicht unbedingt eine Meisterleistung der Erzählkunst - Amerika hat sicher größere Könner im Genre des literarischen Journalismus hervorgebracht -, die Geschichte ist stark, nicht zuletzt, weil sie authentisch ist, so daß der Leser durchaus einen Moment lang seinen Alltag vergißt, um über den Sinn des Lebens, über den Wahnsinn menschlicher Abenteuerlust und über die Vergänglichkeit allen Seins nachzudenken, spätestens dann, wenn Krakauer am Ende der Geschichte aus dem Brief einer Nepalesin zitiert, die am Fuße des Sagarmathaji aufgewachsen ist.

Sagarmathaji heißt "Göttin Mutter der Erde", und ist der eigentliche Name des Mount Everest: "Ich bin eine Sherpa-Waise. Mein Vater kam im Khumbu-Gletscherbruch ums Leben, als er Ende der sechziger Jahre Lastentransporte durchführte. Meine Mutter starb, als ihr Herz unter einer Last versagte, die sie 1970 für eine andere Expedition schleppte. Drei meiner Geschwister starben an verschiedenen Ursachen, meine Schwester und ich wurden zu Pflegeeltern in Europa und den Vereinigten Staaten geschickt. Ich bin in mein Heimatland nie zurückgekehrt, weil ich glaube, daß es verflucht ist. Meine Vorfahren zogen in die Khumbu-Region, um der Verfolgung in den Tiefebenen zu entfliehen. Dort im Schatten des Sagarmathaji fanden sie heilige Zuflucht. Als Gegenleistung wurde von ihnen erwartet, die heilige Stätte dieser Göttin vor Fremden zu schützen. Aber mein Volk hat das Gegenteil getan. Sie zeigten Fremden den Weg zu dieser heiligen Stätte, und indem sie siegschreiend auf ihr standen, schlugen sie an jedem Glied ihres Körpers Wunden. ... Ich bedauere meinen Entschluß nicht, nicht zurückzukehren, denn ich weiß, daß die Menschen dort dem Untergang geweiht sind, ebenso wie die reichen, überheblichen Fremden, die von sich meinen, sie könnten die Welt erobern. Erinnert euch an die Titanic."

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