Freitag, 23.02.2018
 
Seit 03:30 Uhr Forschung aktuell
StartseiteInterview"In jedem anderen Land wäre das verboten"27.12.2006

"In jedem anderen Land wäre das verboten"

Umweltexperte Andreas Bernstorff über Ölförderung in Nigeria

Für die Explosion einer Treibstoff-Pipeline in Nigeria, der bislang über 250 Menschen zum Opfer fielen, macht der Umweltexperte Andreas Bernstorff eine Mischung aus Korruption, Kolonialismus und Leichtfertigkeit verantwortlich. Die Ölgesellschaften weiterten sich, die praktisch innerhalb von Wohngebieten oberirdisch verlaufenden Pipelines unter die Erde zu verlegen. In jedem anderen Land wäre das verboten, so Bernstorff. Für die völlig verarmte Bevölkerung sei die Versuchung des Benzindiebstahls groß.

Moderation: Doris Simon

Löscharbeiten nach der Explosion einer Treibstoff-Pipeline in Lagos, Nigeria. (AP)
Löscharbeiten nach der Explosion einer Treibstoff-Pipeline in Lagos, Nigeria. (AP)

Doris Simon: Warum geht es so viele Unfälle ausgerechnet immer wieder in Nigeria?

Andreas Bernstorff: Das ist eine merkwürdige Mischung aus Korruption, Kolonialismus und täglicher Leichtfertigkeit. Es ist bereits erwähnt worden, dass die Leitungen oberirdisch liegen. Das kann man nicht machen in Wohngebieten. Es ist dort gang und gebe, im Nigerdelta und auch in der Stadt in dichtbesiedelten Gebieten, dass die mindestens ein Meter dicken Rohre direkt vor den Hauseingängen liegen, wo die Leute drübersteigen müssen, also völlig rücksichtslos werden die dort hingelegt. Das ist die eine Sache, also es liegt sozusagen zutage, dieses Diebesgut, und es ist ja völlig klar, dass eine völlig verarmte Bevölkerung sich da irgendwann überlegt, wie man sich da schadlos hält. Die Öleinkünfte in Nigeria gehen in die Taschen von zwei Prozent der Bevölkerung. Also die Bevölkerung hat - anders als in den arabischen Golfstaaten - von diesem Ölsreichtum des Landes eigentlich gar nichts. Sie sehen den Luxus der Reichen und sie leben selbst in völliger Armut, das ist ein riesiges Land, 150 Millionen Einwohner, doppelt so groß wie Deutschland und ähnlich so dicht besiedelt wie bei uns, und dann dieses Verhältnis, das schreit geradezu nach solchen Dingen. Und nun kommt eine Kombination aus Bandenkriminalität und Kleinkriminalität, das geht eben oft Hand in Hand. Die Profis bohren die Pipeline an, holen sich, so wie ich gehört habe, 150.000 Liter gestern. Mit Tankwagen fahren die da vor und holen das Zeug ab, um es zu verkaufen. Und dann wird das Leck eben weiter genutzt von Einwohnern, die einfach mit Kanistern was holen, und dann kommt ein Motorrad vorbeigefahren und schlägt einen Funken, und dann ist es passiert. Also dieser Unfall ist sozusagen ein Serien-, ein Routine-Unfall leider, leider, der immer wieder passiert. Das wird nicht aufhören, solange in diesem Land nicht technische Umsicht gepflegt wird. Das kann nur eine ordentliche Regierung durchsetzen. Eine ordentliche Regierung gibt es bisher nicht. Und die beste Propaganda des muslimischen Präsidentschaftskandidaten für nächstes Jahr ist: Ich räume mit der Korruption auf.

Simon: Herr Bernstorff, die Regierung in Nigeria ist das eine, dann gibt es noch die Ölgesellschaften. Woanders haben Ölgesellschaften durchaus Möglichkeiten, gegen die Regierung etwas durchzusetzen. Gibt es dieses Interesse der Ölgesellschaften nicht, etwas zu verändern? Das schadet ihnen ja auch.

Bernstorff: Es ist ein ganz verquicktes System. Sie haben sich Regimes gezogen, die ihnen völlig willfährig zu Füßen gelegen haben, jahrzehntelang. Und nun finden sie es schwer, gegen dieses Regime, was sich stabilisiert hat, sich durchzusetzen. Die Gesellschaften wollen natürlich bessere Verhältnisse. Aber andererseits sind nicht bereit, einfach unterirdische Pipelines zu bauen. In jedem anderen Land wäre das verboten, das so zu machen, wie es da geschieht. Es ist eine völlig verquickte, furchtbare Lage, die wahrscheinlich nur durch ein autoritäres Regime demnächst vielleicht möglicherweise gelöst wird, und dann durchaus nicht im Sinne des Westens. Das werden Islamisten sein, die dann da Oberwasser kriegen irgendwann.

Simon: Die Katastrophen wie die Explosion sind die eine Sache, die tägliche Verschmutzung durch die Ölförderung die andere. Wie dramatisch ist das in Nigeria?

Bernstorff: Das ist jetzt auch schon seit Jahrzehnten ein Thema. Die Militärregierung ist ja ganz drastisch vor zehn Jahren nochmal vorgegangen gegen das Volk der Ogoni im Nigerdelta. Dort gibt es eine Widerstandsbewegung, die nennt sich heute Bewegung für die Selbständigkeit des Nigerdeltas, und die fordern einen Anteil an den Öleinkünften. Das sind Leute, die stammen aus bitterarmen Dörfern, die entlang der Pipeline leben. Dort ist zerstört: Ackerland, das Wasser ist kaputt, sie können also nicht mehr fischen. Das ist eine Bevölkerung, die hat gelebt von Fischerei und Ackerbau. Die Mangrovenwälder sind verschmutzt und verdorben, so dass also dort die Leute direkt sehen eine Ursache zwischen ihrer Armut und der Ölindustrie. Und die machen inzwischen ja ganz organisierte Anschläge auf die Mitarbeiter der Ölgesellschaften, sie nehmen Geiseln. Shell musste neulich 400 Mitarbeiter abziehen, also die Lage ist dort richtig gefährlich.

Simon: Das ist aber auch, Nigeria, dann ein Zeichen oder ein Beispiel dafür, wo aller Protest von Umweltorganisationen - Sie sprachen das ja an, diese Proteste gibt es ja seit Jahrzehnten - nichts genutzt haben?

Bernstorff: Die Proteste haben bisher nichts genutzt und nutzen in solchen Ländern auch nicht, das ist so, und es wird wahrscheinlich auf ein autoritäres Regime hinauslaufen, was die Sache irgendwann in den Griff kriegt. Eine andere Lösung sehe ich Augenblick nicht.

Simon: Und damit, glauben Sie, können auch die Ölgesellschaften gut leben?

Bernstorff: Die Ölgesellschaften würden wahrscheinlich unter staatliche Kontrolle genommen bei einem solchen Regime, was sich abzeichnet. Es ist eine Möglichkeit, ich weiß ja nicht, ob das so kommt, aber es sieht so aus, als ob sich so etwas anbahnen könnte. Die Ölgesellschaften werden kontrolliert werden, und dann wird man natürlich überlegen, ob man nicht - es gibt ja eine positive Lösung für solche Probleme - diese Ölländer, die jetzt alle damit rechnen müssen, dass sie irgendwann kein Öl mehr haben, müssen ja vorsorgen. Beispielsweise Norwegen, machen wir mal einen ganz großen Sprung, legt seine gänzlichen Öleinkünfte oder die Überschüsse eben in Fonds an, in ausländische Devisen, und das ist inzwischen, dieser Fonds ist inzwischen 150 Milliarden oder so was wert. Also die sorgen vor. Es wird etwas kommen müssen wie eine staatliche Kontrolle oder gar Verstaatlichung der Ölindustrie und eine vorsorgende Politik. Anders ist das nicht zu machen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk