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StartseiteCampus & Karriere"In jeder Klasse gibt es Homophobie"15.08.2011

"In jeder Klasse gibt es Homophobie"

Psychologin So-Rim Jung über die Diskriminierung von Schwulen und Lesben in der Schule

Der Lesben- und Schwulenverband verschickt einen Brief an alle Berliner Eltern, der auf Deutsch, Türkisch und Arabisch über Homosexualität aufklärt. Vorbehalte gegenüber Homosexuellen seien noch immer weit verbreitet und häufig Anlass für Mobbing, erklärt So-Rim Jung, die den Brief mitverfasst hat.

So-Rim Jung im Gespräch mit Manfred Götzke

Regenbogenfahne vor dem Bielefelder Rathaus. (picture-alliance/ dpa)
Regenbogenfahne vor dem Bielefelder Rathaus. (picture-alliance/ dpa)
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Manfred Götzke: Wussten Sie, dass fünf bis zehn Prozent aller Menschen lesbisch oder schwul sind? Diese Frage steht in einem Brief, der in den nächsten Tagen an alle Berliner Eltern verschickt wird, und zwar in Deutsch, Türkisch und Arabisch. Warum? Homophobie ist nicht nur ein Problem in Bundesliga-Fußballclubs, sondern in so gut wie jeder Schulklasse in Deutschland, und auch im Jahr 2011 kommt ein Outing vor der Familie für viele Schwule und Lesben absolut nicht infrage. Der Lesben- und Schwulenverband will mit diesem dreisprachigen Brief etwas dagegen tun und ein wenig Sexualkundenachhilfe bei Eltern und Schülern leisten. Die Psychologin So-Rim Jung bietet an Berliner Schulen Workshops zum Thema Homosexualität an und hat den Brief mit verfasst. Frau Jung, eigentlich würde man ja meinen, Homosexualität ist im Jahr 2011 kein Riesentabuthema mehr?

So-Rim Jung: Also, wir haben jetzt zehn Jahre nach der Einführung des Lebenspartnerschaftsgesetzes immer noch keine anständige Gleichstellung von homosexuellen Partnerschaften. Wieso denn? Also, wenn Homosexuelle doch komplett gleichgestellt sind und wenn da offiziell keine Diskriminierung ist, wie kann das denn sein? Ich finde es halt nicht stichhaltig zu sagen, na ja, die Gesamtgesellschaft, da ist doch gar keine Diskriminierung mehr - das stimmt nicht.

Götzke: Wie verbreitet ist denn Homophobie an deutschen Schulen heute immer noch?

Jung: Wir merken in den Klassen, ja, auf jeden Fall. In jeder Klasse gibt es Homophobie, in jeder einzelnen. Und das kann auch das Charlottenburg-Wilmersdorfer Gymnasium sein. Die unterscheiden sich in der Drastik der Ausdrücke und in ihrer Disziplin, also im Wedding, da wird sich dann auch im Unterricht, während wir da sind, gesagt: "Halt die Fresse." Und in Charlottenburg, da wird dann halt irgendwie aufgezeigt, aber was dann kommt an Argumenten, es ist eins zu eins das Gleiche: Das ist doch unnatürlich, das ist nicht gesund, das ist Sünde. Und das ist unmännlich, so was. Also, gerade gegenüber Schwulen.

Götzke: Berlin hat seit zehn Jahren einen schwulen Bürgermeister, der sich dazu bekannt hat, es gibt den Christopher Street Day. Also, warum gibt es dann in den Schulen solche Vorbehalte und auch so ein Unwissen?

Jung: Na ja, das muss man sich, das ist ja ganz einfach: Wer weiß denn vom CSD und wer weiß denn, wer Bürgermeister ist? Wir sind zum Teil in Klassen, da fragen sich die Schüler, wer ist denn gerade Bürgermeister, wissen wir gar nicht.

Götzke: Müssen homosexuelle Schüler Angst vor einem Outing haben?

Jung: Ja. Also, es ist leider so, dass wir das nicht uneingeschränkt empfehlen. Also, wir haben Schüler und Schülerinnen, die nach den Workshops zu uns kommen mit Tränen in den Augen und sagen, was soll ich jetzt machen, ich bin 14 Jahre alt, eben haben drei Schüler aus meiner Klasse gesagt, die würden mich verhauen, wenn ich - also, so was kommt auch in den Workshops! -, die haben gesagt, die würden mich verhauen und wenn ihr dann weg seid, dann traue ich mich nicht mehr. Wir haben gerade eine Handreichung rausgebracht zu Mobbing: Homophob motiviertes Mobbing ist die Nummer-eins-Mobbing-Ursache in Deutschland. Das ist ganz, ganz schrecklich, das muss man sich wirklich ganz deutlich vor Augen führen. Du bist schwul! Und damit ist nicht gemeint, du bist schwul, du bist homosexuell, sondern du bist irgendwie abweichend, du passt nicht in unsere Norm von Männlichkeit.

Götzke: Jetzt wendet sich der Brief, der Elternbrief natürlich an die Eltern. Was wollen Sie bei den Eltern erreichen?

Jung: Wir haben gemerkt, wir erreichen ganz bestimmte Zielgruppen nicht mit unserer Öffentlichkeitsarbeit. Die fühlen sich nicht angesprochen. Und bevor wir jetzt irgendwie einen Brief verfassen, der in einfachem Deutsch ist - was auch eine Möglichkeit wäre -, wollten wir so viel Inhalt so prägnant wie möglich rüberbringen. Und wir haben einfach diesen tollen Kooperationspartner, den TBB, und dann haben wir die Gelegenheit halt beim Schopfe gepackt.

Götzke: TBB, können Sie das noch mal erläutern?

Jung: Ach so, den Türkischen Bund Berlin. Ja, wir haben dann gedacht, das ist das Allertollste, wenn wir die Informationen, die wir rüberbringen möchten, ganz gebündelt und ganz deutlich in so einen Brief packen und den Leuten direkt mit nach Hause geben können. Also, so direkt werden wir nie wieder Leute erreichen. Das ist eine ganz tolle Gelegenheit.

Götzke: Zum Teil stehen da ja eigentlich Selbstverständlichkeiten drin, von denen jeder vermuten würde, das weiß jedermann. Also, zum Beispiel die Tatsache, dass fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung homosexuell sind, warum glauben Sie, müssen Sie das den Eltern noch mal deutlich machen?

Jung: Das ist ja tatsächlich so, dass das die wenigsten Leute wissen. Wir sprechen hier von ganz normalen Leuten, die beschäftigen sich mit dem Thema nur, wenn sie müssen. Also, Homosexualität ist immer noch ziemlich unangenehm als Thema für die meisten Leute und ich spreche jetzt wirklich nicht nur von türkischen oder arabischen Eltern, sondern der Brief ist ja auch immer auf Deutsch, der richtet sich ja nicht nur an türkische und arabische Eltern.

Götzke: Trotzdem muss die Frage erlaubt sein: Sind türkische und arabische Eltern homophober als deutsche?

Jung: Das ist auch in Ordnung, wenn Sie fragen. Aber ich würde das jetzt so pauschal nicht unterschreiben wollen. Also, ich glaube, dass sehr religiöse Menschen eher Vorbehalte haben, aber das hat halt nicht direkt was mit der Herkunft zu tun. Es gibt so ganz bestimmte Faktoren und das ist auch durch Studien belegt, das sind so Akzeptanz von rigiden Männlichkeitsnormen und starke Religiosität, die da reinspielen und die viel unmittelbarer mit Homosexuellenfeindlichkeit zu tun haben. Wir haben auf der einen Seite die Herkunft und na ja, dann mag das so sein, dass in bestimmten Regionen Religiosität einfach eine größere Rolle spielt, aber es ist nicht die Herkunft an sich. Wir führen hier keine Gendebatte, das ist ganz, ganz wichtig.

Götzke: Aber warum richten Sie sich denn konkret an türkische und arabische Eltern?

Jung: Ja, weil wir einfach gemerkt haben, dass wir die sonst nicht erreichen mit unserer Öffentlichkeitsarbeit. Und tatsächlich, in der Beratung, dich ich durchführe, gibt es auch einfach häufig die Bitte danach.

Götzke: Homosexualität 2011 noch ein Riesentabuthema offenbar?

Jung: Auf jeden Fall!

Götzke: Und deshalb verschickt der Schwulen- und Lesbenverband in Berlin einen Aufklärungsbrief an alle Berliner Eltern. Die Psychologin So-Rim Jung ist eine der Mitautorinnen, vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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