Dienstag, 12.12.2017
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In meinem Himmel

Goldmann, 380 S., EUR 21,90

Es gab einmal einen Bestseller, der hieß <em>Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse Mädchen überall hin</em>. In Alice Sebolds Erstling sitzt das gute Mädchen bereits im Himmel, und böse Mädchen kommen gar nicht erst vor. Auch keine bösen Jungen. Keine bösen Schwestern, Brüder, Onkel oder Tanten, und Mama und Papa sind sowieso super. Etwas aus dem Rahmen fällt einzig Mr. Harvey. Der bringt das gute Mädchen nämlich um, noch bevor der Roman beginnt.

Sacha Verna

In meinem Himmel wird von Susie Salmon erzählt. Susie Salmon ist mit vierzehn Jahren Opfer eines Sexualverbrechens geworden und beobachtet nun, wie der Titel schon sagt von ihrem Himmel aus, das Tun und Treiben ihrer Liebsten auf Erden. Sie beobachtet, wie Daddy seine Flaschenschiffsammlung zertrümmert, weil Susie nicht mehr da ist, um ihm beim Flaschenschiff-Basteln zu helfen. Sie beobachtet, wie Mom Mann und verbleibende Kinder verlässt und in Kalifornien nach der Unabhängigkeit sucht, die sie allzu früh für Mann und Kinder aufgegeben hat. Nicht dass die Familie dieses Opfer bis dahin nicht wert gewesen wäre. Die Salmons - zwei Erwachsene, drei Sprösslinge - bildeten bis zum Tag der Tragödie eine Bilderbuch-Verwandt- und Gemeinschaft, wie sie Norman Rockwell auch auf seinen idyllischsten Gemälden nicht hingekriegt hat. Mitsamt Hund, Haus und Garten. Am Schluss ist zwar der Hund gestorben und Susie ist immer noch tot, aber Glück und Mutter finden den Weg zurück zu den Salmons: The Happyend. In meinem Himmel war in den USA ein sensationeller Erfolg. Eine Protagonistin, die missbraucht und in Stücke gehackt wird und danach unverdrossen Geschichten über ein intaktes Kleinstadt-Paradies abspult - wer hörte da nicht gerne zu. Alice Sebold ist mit ihrem Debüt eine perfekte Kombination aus Soap Opera und Reality Show zwischen Buchdeckeln gelungen: Kitsch und Quotenwirklichkeit innig vereint. Wir haben eine Reihe nicht zu kompliziert gestrickter, aber einprägsamer Figuren, eine überschaubare Kulisse und für Transzendenz-Bedürftige einen Prise Jenseitigkeit, die sich angenehmerweise mit Glaubensrichtungen aller Art verträgt. Sebolds Version von Walhalla ist ganz auf den jeweiligen Verflossenen abgestimmt. Gemäss dem Motto "virtuell und individuell" hienieden, herrscht auch weiter oben das Primat der persönlichen Bedürfnisbefriedigung. Susies Himmel besteht aus einer Eisdiele, Modemagazinen und der High School ihrer Träume. Allfällige Fragen - etwa: Auf welcher Wolke befindet sich mein Grosspapa? - beantwortet willig die "Aufnahmeberaterin" Franny, einst Sozialarbeiterin für Obdachlose und Arme, der leider von einem aggressiven Kunden das Gesicht weggeschossen worden war.

Alice Sebold versucht sich gelegentlich in trockenem Humor. Ausgerechnet mit einem Wettbewerb, in dem es einen perfekten Mord zu planen gilt, endet das Lager für besonders begabte Schüler, in dem Susies Schwester Lindsey den Sommer nach dem Unglück verbringt. Für schiefes Grinsen soll wohl auch Grandma Lynn sorgen, die, oh Schreck, gelegentlich ein Gläschen zuviel trinkt und zur Beerdigung ihrer Nichte mit der Limousine vorfährt. Doch selbst Grandma Lynn wird vom trägen Strom Zuckerguss fortgespült, der diesen Roman so klebrig und Grandma Lynn nach Jahren des Rabenmutterdaseins zur Erdnussbutter-Pfannkuchen-Expertin macht.

In meinem Himmel ist ein Epös´chen über reine Seelen für reine Seelen und für solche, die es werden möchten. Es bietet einen Leitfaden zur Trauerbewältigung: Seid nett zueinander und schenkt einem verstockten Teenager ein Schlagzeug, damit der sich abreagieren kann und die Finger von Drogen lässt. Es zeigt, dass Moral, Nächstenliebe und Nachbarschaftshilfe (sprich: Apfelkuchenbacken) Werte sind, die es zu bewahren gilt. Es sind dies menschlich-allzumenschliche, das heißt amerikanische Werte, zumal in den Vereinigten Staaten ja sogar Politik auf ähnlichen Prinzipien beruht: Moral, Nächstenhiebe und Nachbarabschaffungshilfe (sprich: nachhaltiges Rasenmähen).

Alice Sebold bedient sich einer kunstlosen, wenn auch nicht plumpen Sprache. Es ist der gepflegte literarische Plauderton, der den Studenten in Creative Writing-Kursen gleich im ersten Semester beigebracht wird. Sie versteht sich auf Rückblenden und Perspektivenwechsel, wozu es freilich nicht allzu viel braucht, da ihre Ich-Erzählerin in ihrer Eigenschaft als körperloses Etwas jederzeit zu allen und jedem Zugang hat. "Ich wünsche euch allen ein langes und glückliches Leben", lautet der letzte Satz. Vielen Dank und Amen und Kinderschänder auf den elektrischen Stuhl.

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