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Jürgen Fuchs wurde in die DDR "hineingeboren", als der Arbeiter und Bauernstaat gerade ein gutes Jahr lang existierte. Er stammte aus einer Arbeiterfamilie, bot also die besten Voraussetzungen, von Anfang an gefördert zu werden. Der Vater war Elektriker, die Mutter arbeitete bei der HO, der staatlichen Handelsorganisation. Kein Mißtrauen gegenüber den Schlacken einer falschen bürgerlichen Herkunft, so durfte man vermuten, konnte den Weg des begabten und früh gesellschaftlich aktiven Jungen aufhalten. Er wollte auch ein "guter Sozialist" werden. Aber das Abitur an der Erweiterten Oberschule in seiner vogtländischen Geburtsstadt Reichenbach fiel ins Jahr 1968. Da war das Denken und Fühlen junger Leute aufgewühlt von den Ideen des "Prager Frühlings". Erfüllt von den im Nachbarland umlaufenden enthusiastischen Vorstellungen eines "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" engagierten sich Fuchs und seine Freunde gegen die sturen DDR-Bürokraten. Die Schüler verbreiteten Texte von Reiner Kunze und von Wolf Biermann, der später zu einem engen, stets bewunderten Freund und Mentor werden sollte.

Manfred Jäger

Zum Abitur wurde Fuchs zwar noch zugelassen, aber ein Studium kam zunächst nicht in Frage. Er absolvierte eine Lehre bei der Reichsbahn - erst danach wurde er zum Psychologiestudium in Jena zugelassen. Die Schulleitung in Reichenbach versuchte jedoch noch zu verhindern, daß der"mißratene Zögling" Aufstiegschancen bekam. Erst eine sogenannte Eingabe an Erich Honecker ermöglichte es ihm, 1971 immatrikuliert zu werden. Unter dem Titel "Dummgeschult?" hat Fuchs über zwei Jahrzehnte später Gespräche mit seinem einstigen Deutschlehrer Gerhard Hieke geführt, der 1968 wegen seiner Kritik an der Intervention der Warschauer-Pakt-Staaten aus dem Schuldienst geflogen war.

1973 trat Jürgen Fuchs in die SED ein, immer noch befangen in der Illusion, die guten Sozialisten könnten den dogmatischen Beton von innen aufbrechen. 1975 wurde er aus der Partei wieder ausgeschlossen, und zwei Monate später, wie es hieß, "wegen Schädigung des Ansehens der Universität in der Öffentlichkeit" kurz vor dem Abschlußexamen exmatrikuliert. Robert Havemann, der beherzte Regimekritiker, der ihm zum väterlichen Freund geworden war, nahm ihn und die junge Familie in seinem Haus in Grünheide auf. Fuchs fand Arbeit in einem von der Kirche betreuten Heim für geistig behinderte Kinder.

Nachdem er die von prominenten Schriftstellern der DDR entworfene Protesterklärung gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterzeichnet hatte, wurde er im November 1976 verhaftet. Es kam zu einer Solidaritätskampagne in der Bundesrepublik, gestützt durch die erste Buchveröffentlichung: Bei Rowohlt erschien der Band "Gedächtnisprotokolle", der die Dokumente und die Verhöre enthielt, die zu seiner Entfernung aus der Universität Jena geführt hatten. Im August 1977 wurde Fuchs mit seiner Familie ausgebürgert und nach Westberlin abgeschoben. Das Bändchen "Vernehmungsprotokolle" von 1978 schilderte aus dem Gedächtnis die Hafterlebnisse. Stets war die Genauigkeit des Chronisten für den Schriftsteller Fuchs wichtiger als die ästhetische, gar spielerische Umsetzung der Wirklichkeitserfahrung. Aber sein Lakonismus und die verfremdete Beobachtung der eigenen Bewußtseinslage verliehen den Texten dennoch eine ästhetische Qualität, die den autobiographischen Zeugnissen Wirkungen sicherte, die Sachbücher nie hätten erreichen können.

Das gilt auch für die beiden Bücher über die "Nationale Volksarmee", mit denen Fuchs einen in der zeitgenössischen deutschen Literatur nur wenig beachteten Gegenstand sensibel und kritisch aufnahm. Der Roman "Fassonschnitt" berichtete 1984 aus einem Abstand von fast 15 Jahren vor allem von den ersten beiden Wochen der Grundausbildung, der zweite Roman "Das Ende einer Feigheit" beschrieb 1988 eine Wehrübung, zu der der Student einberufen worden war. Aufzuschreiben, was ihm widerfuhr, gehörte zur Überlebensstrategie des Jürgen Fuchs. Aber er wollte damit auch immer Lebenshilfe für andere geben. Seit 1979 hat er als Psychologe in verschiedenen Beratungsstellen in Berlin gearbeitet. Seine schriftstellerische Tätigkeit mochte er von dieser helfenden Zuwendung nie als ein ganz anderes trennen. Politik und Literatur waren ihm keine "Sachgebiete", die auf unterschiedliche Weise behandelt werden müßten.

Als die DDR untergegangen war, färbten sich seine anfänglichen Befreiungsgefühle rasch wieder dunkel ein, weil er überall Verdrängung und Vergeßlichkeit sehen mußte. Er litt darunter, daß den uneinsichtigen Tätern oft mehr Aufmerksamkeit galt als den nach wie vor als lästige Zeugen eingestuften Opfern. Zu seinen grotesken Lebenserfahrungen gehörte es, daß er 1987 den Thomas-Dehler-Preis mit Sascha Anderson teilen mußte, der 1991 als inoffizieller Mitarbeiter der Stasi enttarnt wurde. Seine bemerkenswerte literarische Recherche in den Irrgärten und Aktenlagern, die von dem unrühmlichen DDR-Ministerium für Verfolgung und Zersetzung hinterlassen wurden, trägt den Titel "Magdalena. MfS Memfisblues-Stasi - Die Firma VEB Horch & Gauck". Die Chance des unerschrockenen und unabhängigen Schriftstellers Fuchs lag darin, sich mit dem freien Blick eines von außen kommenden Beobachters umzusehen, ohne sich durch die herrschenden Regeln der Administration eingrenzen zu lassen. Ein produktiver Kunstgriff war die Erfindung der sogenannten Knaststimme, die als innerer Widerpart Einreden vorbrachte. Sie nahm kritische Einwände vorweg und gab Gelegenheit, sie ernst zu nehmen, anzunehmen oder zurückzuweisen. Dabei stilisierte Fuchs sich nicht zum geradlinigen Helden. Er beschrieb die Mischung aus Mut und Nachgiebigkeit in seinem Leben, die Versuche, Konflikte nicht eskalieren zu lassen, die Zufälle, die ihn dazu ermunterten, ein Grundgesetz des Systems nicht mehr zu beachten: Anpassung wird honoriert, und dafür reicht es, nicht durch "falsche Bewegungen" aufzufallen.

Wenn man den jetzt so früh und überraschend verstorbenen Jürgen Fuchs mit einem Wort charakterisieren sollte, fiele einem als erstes wohl "Aufrichtigkeit" ein. Er hätte gern jedermann vertraut, aber er mußte zu viele Enttäuschungen auf sich nehmen. Er hat es dennoch geschafft, nicht verbittert zu werden. Weil er seine eigenen Erfahrungen nicht verdrängen konnte, blieb er stets auf der Hut. Er konnte sich den Luxus nicht leisten, entspannt zu reagieren. Der Wachsame hat sich nicht "verbraven" lassen und vor allem mit seinem letzten Werk "Magdalena" kraftvoll eine heutzutage als außenseiterisch geltende moralische Existenz bezeugt. Er nahm in Kauf, anstößig sein zu müssen und folglich nicht jedermanns Freund sein zu können.

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