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Seit 18:40 Uhr Hintergrund

Der Kohlekompromiss wird umgesetzt

Im sogenannten Kohlekompromiss des Jahres 1997 haben Bund, Länder, Unternehmen und Gewerkschaft festgeschrieben, dass die öffentlichen Kohlebeihilfen bis zum Jahre 2005 sinken werden. Die Folge: Zechenstillegungen und Personalabbau. Allein im kommenden Jahr sollen drei Steinkohlebergwerke geschlossen werden. Von den derzeit 65.000 Bergleuten wird in den kommenden fünf Jahren jeder dritte seinen Arbeitsplatz verlieren. Die Deutsche Steinkohle AG in Herne will diesen Stellenplanabbau nach Möglichkeit ohne Kündigungen erreichen. Damit dies gelingt, hat sie sich viel einfallen lassen - und erhöht den Druck auf die Bergleute weiter.

Lothar Kaiser

O-Ton: Anschläger

Im Bergbau ein vertrauter Klang. "Anschläger" heißt der Bergmann, der dem Maschinisten immer dann das akustische Signal gibt, den Anschlag, wenn sich der Förderkorb in Bewegung setzen soll.

In drei Zechen wird das Fahrsignal des Anschlägers im kommenden Jahr bzw. Anfang des Jahres 2001 zum letzten Mal ertönen. In der Zeche Göttelborn im saarländischen Reden, der Zeche Westfalen in Ahlen und in der Zeche Ewald-Hugo in Herten.

Wo bis zum Jahre 2005 die Schließung von zwei weiteren Zechen ansteht, ist noch unbekannt. Diese Entscheidung muss die DSK erst noch treffen. Gerüchte sprechen sogar von drei Zechen. Und in den Bergbaustädten an Ruhr und Saar gehen die Gerüchte um.

"Der Bergbau mit einer langen Tradition, als ein Wirtschaftszweig, der dieses Revier geprägt hat, mit einer eigenständigen Kultur, hat eine hohe öffentliche Wahrnehmung...."

.... sagt Wilhelm Beermann. Der Vorstandsvorsitzende der DSK, der Deutschen Steinkohle AG, einer Tochtergesellschaft des Essener Energie- und Technologiekonzern RAG, ist Chef sämtlicher deutschen Steinkohlebergwerke. Elf an der Ruhr, drei im Saarland und eines in Ibbenbüren.

Doch Tradition ist keine Handelsware. Und mit deutscher Steinkohle lässt sich kaum noch "Kohle machen". Schon seit Jahren nicht mehr. Die Förderkosten deutscher Steinkohle liegen gut und gerne 200 Mark pro Tonne über dem Weltmarktpreis, schätzt der Verein Deutscher Kohleimporteure. Dass die DSK ihre teure Kohle dennoch zu niedrigeren Weltmarktpreisen anbieten kann, verdankt sie den Subventionen der öffentlichen Hand, also dem Steuerzahler. Die Beihilfen füllen die Lücke zwischen Produktionskosten und Erlös. Festgelegt sind sie im sogenannten Kohlekompromiss von 1997. Er kam zustande, nachdem das Bundesverfassungsgericht drei Jahre zuvor den sogenannten Kohlepfennig für grundgesetzwidrig erklärt hatte. Statt des Kohlepfennigs, der in Wirklichkeit 7,5 Prozent der Stromrechnungen ausmachte, hatte das Gericht eine Subventionierung über Steuern gefordert. Alfred Geißler, Landesbezirksleiter Westfalen der Industriegewerkschaft Bergbau, Energie, Chemie (IGBCE):

"Wie sich viele erinnern, haben wir damals die kohlepolitische Vereinbarung abgeschlossen, die vorsieht, dass die öffentlichen Hilfen für den Steinkohlebergbau bis zum Jahre 2005 drastisch halbiert werden und die Zahl der Beschäftigten von damals 84.000 auf nur noch 36.000 zurückgehen wird."

Einst waren es 620000. Dieser drastische Personalabbau geht einher mit Zechenstillegungen. Von den 52 Steinkohlezechen, die es vor dreißig Jahren in Deutschland gab, werden im Jahre 2005 voraussichtlich nur noch zehn übrig sein.

Die öffentlichen Subventionen verringern sich zwischen 1997 und 2005 schrittweise von 9,3 auf 5,5 Mrd. Mark, summieren sich in diesen acht Jahren aber immer noch auf fast 70 Milliarden Mark, 58,55 Milliarden aus der Bundeskasse und 9,61 Milliarden aus der des Landes Nordrhein-Westfalen. Ohne diese Gelder gäbe es ein "Ende mit Schrecken" mit vielen Kündigungen. Sie würden die Bundesanstalt für Arbeit und die Sozialhilfeämter der Kommunen in einem kaum zu übersehenden Ausmaß belasten. Der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Peer Steinbrück steht daher zur Kohlepolitik von Bund und Land:

"Mit den kohlepolitischen Beschlüssen von 1997 ist eine Halbierung der Kohlehilfen des Bundes verbunden. Damit hat der Steinkohlebergbau aus der Sicht der Landesregierung insgesamt bereits einen großen, ja, bezogen auf andere große Subventionsblöcke dieser Republik, einen beispielgebenden Beitrag zum Subventionsabbau in der Bundesrepublik Deutschland geleistet, ohne dass die sozialverträgliche Anpassung und die damit verbundene Verantwortung aufgegeben wird.

Im Kohlekompromiss von 1997 ist der geordnete, sozialverträgliche Stellenabbau im deutschen Steinkohlebergbau in Zahlen festgehalten. Karl-Ernst Brosch, Arbeitsdirektor bei der Deutschen Steinkohle AG:

"Wir müssen in der Zeit bis 2005 noch 30.000 Arbeitsplätze abbauen. "

Allein im kommenden Jahr wird die DSK rund 6000 Arbeitsplätze abbauen müssen. Vorstandsvorsitzender Wilhelm Beermann sieht das, wie er bekennt,...

" ...als ein langjähriger Verantwortungsträger des Unternehmens durchaus mit ein bisschen Wehmut."

Diese Wehmut hat Beermann mit den meisten Bergleuten, aber auch mit vielen anderen Bürgern der alten Kohlestädte gemeinsam. Zum Beispiel in Herten und Gelsenkirchen. Mit dem Verbundbergwerk Ewald Hugo, hervorgegangen aus der Zeche Ewald in Herten und der Zeche Hugo in Gelsenkirchen, verdienen noch immer viele Menschen ihren Lebensunterhalt. Auf sie wirkte daher im vergangenen Jahr die Entscheidung der DSK, die Zeche mit damals noch 5200 Bergleuten zwei Jahre früher zu schließen als geplant, wie ein Schock. Schon jetzt ist die Situation auf dem örtlichen Arbeitsmarkt überaus angespannt. Die Arbeitslosenquote in Herten liegt bei 15, die in Gelsenkirchen bei fast 17 Prozent. Arbeitsdirektor Ernst Brosch:

" All das, was wir jetzt angeschoben haben, dient dem Ziel, auch ohne betriebsbedingte Kündigungen auszukommen."

Vieles ist angeschoben worden. Da wurden Bergleute innerhalb des Mutterkonzerns RAG untergebracht oder in andere Branchen vermittelt, wobei finanzielle Beihilfen den Abschied von der Kohle erleichterte.

"Das kann Existenzgründung sein, ein neues Berufsfeld im süddeutschen Raum, wozu man ein bisschen Startgeld braucht und dergleichen mehr."

Sagt Wilhelm Beermann und nennt als weitere "Unterstützungsmaßnahmen" Umschulung und Anschlussqualifizierung.

"Ich sage bewusst Anschlussqualifizierung, denn es sind Facharbeiter, die nach deutschem Berufsbildungsgesetz ausgebildet sind in verschiedensten Branchen, eine davon ist die Bergtechnik. Und die haben eben eine Ausbildung, die nicht ohne weiteres den Übergang in ein anderes Berufsbild zulässt."

Dreißig Mitarbeiter hat die DSK mittlerweile abgestellt, um Bergleuten beim Ausstieg aus der Kohle zu helfen. Einer dieser " Vermittlungsbeauftragten" oder auch "Job-Berater" ist Jörg Dembek. Der gelernte Elektriker wurde mit 19 Jahren freigestelltes Betriebsratsmitglied und ist es auch heute noch, 17 Jahre später.

"Meine Aufgabe ist konkret, hier vor Ort die sogenannten Beratungsgespräche zu führen, einmal den Kollegen darüber zu informieren, welche Tätigkeiten es außerhalb der DSK gibt, aber auch b) den Kollegen darüber zu informieren, welche finanzielle Absicherung er bekommt. Zum Beispiel hier auf dem Bergwerk Ewald-Hugo machen wir sogenannten Pflichtveranstaltungen, dass wir den Kollegen einfach mal das Angebot komplett noch mal vorstellen können im einzelnen vorstellen können, um ihm zu sagen: Das ist das Angebot, und jetzt, bitte schön, beschäftige dich mit dem Angebot und komm auf uns zu, ob du das annehmen willst; wir geben dir die Möglichkeit, sogar zwei Tage in dem neuen Betrieb einfach mal in den neuen Beruf mal reinzuriechen, ob es was für dich ist, theoretisch im praktischen Teil. Wir versuchen da also Ängste wegzunehmen. Weil sie keinen anderen Betrieb kennen gelernt haben im Laufe ihres Betriebslebens. Da die erste Hemmschwelle zu überschreiten, ist bei vielen Kollegen noch groß. Wir versuchen eben, durch diese Beratungsgespräche diese Hemmschwelle so niedrig wie möglich zu machen, dass also der Schritt gewagt werden kann."

Da ist zum einen das Umschulungsprogramm. Daran haben seit 1992 mehr als 4.500 Mitarbeiter erfolgreich teilgenommen. Gefördert werden Berufe nach Zukunftsaussichten und regionalen Vermittlungschancen.

"Hier hat der Kollege die Möglichkeit, einen komplett neuen Beruf zu erlernen in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt. Dort werden Berufe ausgewählt, die in der Zukunft arbeitsmarktrelevant sind und entsprechend auch gefördert werden. Die Palette reicht vom Bauindustriehelfer über den Landschaftsgärtner bis hin zum Mechatroniker, auch die sogenannten ET-Berufe, ETS-Systemelektroniker oder ET-Netzwerk-Administrator. Die Palette ist also groß und - wie gesagt - ausgerichtet auf den zukünftigen Arbeitsmarkt."

Da ist zum anderen die Handwerkerinitiative, in den Beratungsgesprächen der Jobvermittler nur HWI genannt. Sie kam 1993 durch das gemeinsame Bemühen des Initiativkreises Ruhrgebiet, der Montanindustrie, der Verbände des Handwerks und Einzelhandels sowie von Arbeitsverwaltung und Landesregierung zustande.

"Der Schwerpunkt der Maßnahmen ist die sogenannte Einarbeitungsqualifizierung oder Schnupperqualifizierung. Dort haben unsere Kollegen also die Möglichkeit, ein halbes Jahr lang einen neuen Betrieb kennen zu lernen, um sich ein Bild darüber zu verschaffen, langfristig in diesem neuen Betrieb arbeiten zu wollen, ja oder nein. Die gleiche Möglichkeit hat dann auch der Betrieb. Nach einem halben Jahr müssen dann beide die Entscheidung treffen, ob ein Arbeitsvertrag abgeschlossen wird: Ja oder nein. Wenn nicht, hat der Kollege die Möglichkeit, wieder zurückzukehren zu unserem Bergwerk."

Rund 4900 Bergleute haben in den vergangenen sechs Jahren an diesen Schnupperkursen teilgenommen, die ihnen eine Probebeschäftigung von bis zu sechs Monaten Dauer außerhalb der Kohle ermöglichte.

"Mein Name ist Horst-Burkhard Schwarz, mein Alter ist 38. Ich bin Geschäftsführer der Firma Keitek und führe den Betrieb seit ca. zweieinhalb Jahren. Seit kurzem bin ich auch in den Vorstand der Innung gewählt worden, und da habe ich eigentlich einen ganz guten Kontakt zu. Nur muss ich sagen, dass die reinen Installateurbetriebe davon eigentlich noch nicht so begeistert sind, weil der größte Teil ja aus dem untertägigen Bereich kommt und für den Installationsbereich wahrscheinlich noch nicht so interessant ist. Die müssen sich erst mal komplett umstellen und dieses Bergbaudenken einfach ablegen. Die Leute, die ich jetzt zum Schluss behalten habe, die haben sich eigentlich dadurch ausgezeichnet, dass sie sehr flexibel waren und hoch ausgebildet waren."

"Mein Name ist Thomas Matukat, bin 41 Jahre alt, war auf dem Bergwerk als Elektrosteiger tätig und bin auch durch die Jobbörse zu dieser Handwerksinitiative gekommen und wenn ich mal zurückrechne, ich bin 1973 bei der Ruhrkohle angefangen, da zwischendurch nur die Bundeswehrzeit hatte und dann immer nur bei der Ruhrkohle gewesen bin, ist es natürlich schon eine Umstellung, den Mut zu fassen, sich davon zu lösen. Zur Zeit, kann ich sagen, habe ich es nicht bereut, diesen Schritt getan zu haben."

Ein überragender Erfolg blieb der Handwerkerinitiative bis heute versagt. Laut Statistik kehrten vier von zehn Bergleuten zur Kohle zurück.

O-Ton Anschläger

Im Jobcenter der Zeche Ewald-Hugo in Herten wartet Manfred Kloß auf sein Beratungsgespräch. Er ist 24 Jahre alt und Industriemechaniker.

"Mein Onkel hat hier gelernt, mein Opa, und der hat mir auch gesagt, dass es auf der Zeche die beste Ausbildung gibt. Und deshalb habe ich auch auf der Zeche die Ausbildung gemacht. Ich hatte super Arbeitskollegen sowohl unter Tage als auch über Tage."

"Manni, du bist heute zu uns gekommen, weil du wohl zu Hause die Entscheidung getroffen hast mit deiner Frau, nachdem wir mehrere Beratungsgespräche im Vorfeld gemacht haben, dass du dich also verändern willst. Wir hatten dir das Angebot gemacht, selber zu erleben, wie es ist in einer HWI-Maßnahme, um den neuen Betrieb kennen zu lernen. Wie ist deine Entscheidung zu Hause ausgefallen? Habt ihr miteinander gesprochen?"

"Ja, wir haben miteinander gesprochen. Meine Frau kam auch zu der Entscheidung, dass ich es erst mal versuchen soll, weil die Zeche im Moment keine Zukunft mehr hat. Jetzt versuche ich es da mal."

"Wir hatten dir ja die Ausrechnung gegeben mit der Übergangshilfe, die Ausrechnung der Finanzierung während der HWI-Maßnahme. Meint ihr, ihr kommt finanziell auch mit diesem Betrag über die Runden?"

"Ja, kommen wir gut mit über die Runden."

Nicht alle Beratungsgespräche verlaufen so problemlos.

"Mein Name ist Bernhard Witte, ich bin 31 Jahre alt, habe mehrere schwere Unfälle unter Tage gehabt, habe eine Großzehe ab, habe die Wirbelsäule kaputt. Wenn ich auf den Arbeitsmarkt geschmissen werde, sieht das schon mal schlechter aus als ein Gesunder. Und mir gefällt der Beruf, und umschulen, dann wäre ich 33 1/2 , und wer nimmt einen ohne Facherfahrung?"

"Mein Name ist Dirk Kollöchter, ich bin 34 Jahre alt, Schlosser gelernt und bin seit 7 Jahren in der Wetterabteilung, speziell Fachrichtung Gas(?). Man hat sich so daran gewöhnt, man kennt nichts anderes. Ich habe auch noch nichts anderes gemacht. Ich war eben nur fast 18 Jahre im Bergbau."

"Was glauben Sie, sind die Gründe, warum viele Bergleute noch zögern vor einem solchen Wechsel?"

"Die meisten haben es im Hinterkopf: Es wird schon irgendwie weitergehen."

Diese Haltung des vorsichtigen Abwartens kennt auch die Geschäftsleitung. Wilhelm Beermann:

"Viele sagen zunächst einmal, möge der Kelch an mir vorübergehen und ich meinen Arbeitsplatz, wenn schon nicht in meinem Bergwerk, auf dem ich bin, aber dann auf einem anderen Bergwerk erhalten. Und wenn er sich in eine völlig neue Branche begibt, dann muss man ihn an die Hand nehmen und ihm die Hemmschwelle nehmen."

O-Ton Anschläger

Der moralische und faktische Druck auf die Bergleute wächst, den traditionsreichen Kohle-Arbeitsplatz aufzugeben. Vor allem auf diejenigen, die nicht in den Kohlegruben selbst, sondern übertage in der Verwaltung arbeiten. Und das ist inzwischen fast jeder dritte. Ein Druck-mittel: Weniger Geld in der Haushaltskasse.

"Wir haben hier seit vier Jahren keine Lohnerhöhung mehr gekriegt, wegen dieser Sache natürlich."

"Freizeit haben wir genug. Was nützt es, wenn sie uns jetzt noch mehr Geld abziehen. Wir haben schon so wenig. Wir machen so schon nur Nullrunden."

Alfred Geißler, der Landesbezirksleiter Westfalen der IGBCE, hat Verständnis für die gereizte Stimmung mancher Bergleute.

"Dass es da grummelt, das ist verständlich, man muss nur die Alternative sehen und die Alternative hieße, Entlassungen in die Arbeitslosigkeit."

Schon jetzt kann sich ein Bergmann über zu wenig Freizeit nicht beklagen. Zu den 30 Urlaubstagen kommt eine Fülle freier Tage, so dass es ein Bergmann des Unternehmensverbandes Saar und des niedersächsischen Steinkohleverband im Jahr auf bis zu 55 arbeitsfreie Tage gleich elf Wochen Urlaub bringen kann.

Ein weiteres Druckmittel: Die Mailingaktion "Job-Explorer" zum Aufbau einer Datenbank. Mit Hilfe sogenannter Personalerhebungsbögen will die DSK von allen ihren Mitarbeitern erfahren, von den Abteilungsleitern wie von den Auszubildenden, über welche beruflichen Qualifikationen sie verfügen, insbesondere solche, die Beschäftigungs-Chancen außerhalb des RAG-Konzerns eröffnen. RAG-Vorstandsmitglied Wilhelm Beermann:

"Wir setzen die Anforderungsprofile gegen das vorhandene Profil der Belegschaft, um am Ende, durch uns beeinflusst oder aber durch den Wunsch des Mannes oder der Frau den richtigen Mitarbeiter oder die richtige Mitarbeiterin an den richtigen Platz zu bekommen."

Gefragt wird deshalb auch nach der Bereitschaft der Mitarbeiter, sich umschulen zu lassen oder einen Umzug in Kauf zu nehmen. Die DSK will bei ihren Mitarbeitern persönliche Betroffenheit auslösen. Arbeitsdirektor Karl-Ernst Brosch:

"Wir möchten dadurch, dass wir unsere Mitarbeiter direkt anschreiben und diese Briefe nach Hause schicken, den Mitarbeitern und ihren Familien deutlich machen, wie wichtig es nun ist, dass jeder sich intensiver um einen anderen Arbeitsplatz kümmert, dass sich da keiner zu Lasten der Solidargemeinschaft ausruhen kann. Auch die Ehefrauen sollen merken, welche Probleme im Unternehmen bestehen, und wir hoffen, dass so mancher wachgerüttelt wird und sich darauf besinnt, dass er mit seinen besonderen Qualifikationen ja auch eine Chance außerhalb des Unternehmens haben könnte."

Betriebsratsmitglied Jörg Dembek findet diese Aktion gut.

"Ziel ist es eben, ein umfassendes Profil aller Mitarbeiter zu bekommen, um fast genau für den angebotenen Job auch den Kollegen zu finden, der die entsprechenden Voraussetzungen für diesen Job hat. Das wird also dann eine große Hilfe für alle Personalvermittler bei der DSK sein. Der Betriebsrat steht voll hinter dieser Maßnahme. Sein größtes Ziel ist ja, die übriggebliebenen 36.000 Arbeitsplätze zu sichern. Gelingt es uns also nicht, den Personalabbau so sozialverträglich, wie wir ihn gemeinsam mit dem Vorstand erarbeitet haben, abzubauen, gefährden wir auch die übriggebliebenen 36.000 Arbeitsplätze noch im Jahr 2005. Und von daher steht der Betriebsrat hinter all den Maßnahmen, und wird auch in alle Maßnahmen, die wir hier anbieten, eingebunden."

Sobald alle zurückgeschickten Fragebögen ausgewertet sind, wird die deutsche Steinkohle AG ihre Mitarbeiter ein zweites Mal anschreiben. Dann mit konkreten Vorschlägen für einen Arbeitsplatzwechsel - innerhalb oder außerhalb des Unternehmens. Wilhelm Beermann:

"Nicht nur die werden angesprochen, die auf dem Bergwerk sind, was zur Stilllegung ansteht, alle sind betroffen heißt, dass auch immer die Belegschaft angesprochen ist auf Bergwerken, die eigentlich andere aufnehmen. Und wer sich dort bewegt, macht einen Arbeitsplatz für einen direkt Betroffenen frei. Deswegen sprechen wir auch Leistungsträger an, die man unter normalen Gegebenheiten auch gerne behalten würde."

Die Deutsche Steinkohle AG setzt auf gutes Zureden und Einsicht. Von betriebsbedingten Kündigungen ist keine Rede. Noch nicht. Das könnte anders werden, wenn sich die Bergleute dem Anpassungsprozeß widersetzen sollten. Arbeitsdirektor Karl-Ernst Brosch und DSK-Chef Wilhelm Beermann sind da bislang aber noch zuversichtlich:

"Wir hoffen, dass wir mit der Einsicht unserer Mitarbeiter, die ja in der Vergangenheit einen gewaltigen Personalabbau mitgetragen haben, in der Zukunft eine Beschleunigung erreichen und unser Problem lösen können."

"Ich glaube, dass wir bei Ausschöpfung aller Instrumente, auch mit Erhöhung des Überzeugungsdrucks in der Lage sein werden, das Ziel der Anpassung unter Vermeidung von betriebsbedingten Kündigungen zu erreichen. Dazu zähle ich auch, dass man manchem deutlich klarmachen muss, dass er der Gemeinschaft verpflichtet ist, mitzuziehen, z. B. dann, wenn ihm zumutbare Arbeitsplätze angeboten werden."

Der Einsicht wird nachgeholfen. Etwa in sogenannten Reviergesprächen, vor denen sich die Bergleute nicht drücken können. Die Teilnahme ist Pflicht. Auch in der Zeche Ewald-Hugo in Gelsenkirchen.

Von dreißig Stühlen in einem kahlen, tristen Raum sind gerade mal acht besetzt. Aus Herten ist Jörg Dembek gekommen. Die "abkommandierten" acht Bergleute hören ihm ohne erkennbares Interesse zu.

"Ich darf alle Anwesenden heute recht herzlich zu unserem Reviergespräch zum Jobcenter 2000 begrüßen. Ich hoffe, die Einladungen sind allen Kollegen rechtzeitig zugegangen über den Reviersteiger bzw. über den Schichtsteiger. Jeden Mittwoch finden also solche Reviergespräche statt. Wir wollen über aktuelle Angebote informieren. Wir haben hier einen kleinen Ausschnitt mal mitgebracht und an den Pin-Wänden mal zum Anschauen hingehängt. Gleich in der Pause kann jeder einmal reingucken."

Im April nächsten Jahres macht Ewald-Hugo in Herten und Gelsenkirchen dicht. Von den 5200 Bergleuten werden bis dahin nicht alle in die Anpassung gegangen sein oder einen anderen Arbeitsplatz außerhalb der Kohle gefunden haben. Bergmann Thomas Mattukat:

"Die Verlegungsgespräche sind ja schon gewesen und die meisten der Mannschaft haben ja auch schon den Verlegungsbescheid, wo sie hinkommen. Und sie wissen auch, dass damit Fahrtzeit verbunden ist."

Auch Jörg Dembek, Betriebsratsmitglied und Jobberater, richtet sich auf längere Anfahrtszeiten ein. An eine der verbleibenden Steinkohlezechen im Ruhrgebiet denkt er dabei allerdings nicht. Auch er, der Jobberater, sieht seine berufliche Zukunft außerhalb der Kohle. Und hat sich darauf schon frühzeitig und sorgfältig vorbereitet. Das Abitur an einer Abendschule war da nur der Anfang.

"Ich persönlich bin dabei, in Abendform mich noch mal weiterzubilden. Ich mache ein Studium im Bereich Wirtschaftsrecht. Zielrichtung ist es, spätestens bis zum Jahr 2002 das Auftragsunternehmen DSK verlassen zu haben, wenn im Bereich Personalwesen dort entsprechend meinen Mann zu stehen und meine Erfahrungen, die ich im Laufe meines Betriebsratsdaseins hier auf dem Bergwerk gemacht habe, dort einbringen könnte."

Die Zukunft selbst in die Hand nehmen, nicht abwarten nach dem Motto "Es wird schon gut gehen". Stattdessen Eigeninitiative entwickeln oder zumindest die Hilfe der Jobberater annehmen. Das ist die Haltung, die sich angesichts bevorstehender Zechenstillegungen unter den Bergleuten an Ruhr und Saar immer mehr durchsetzt. Ein Bergmann bringt es auf den Punkt:

"Besser jetzt den Absprung schaffen, als hinterher auf der Straße zu liegen."

O-Ton Anschläger

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