• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 14:05 Uhr Campus & Karriere
StartseiteSonntagsspaziergangLeoparden mitten in der Großstadt Mumbai03.01.2016

IndienLeoparden mitten in der Großstadt Mumbai

Im Dschungel der Großstadt: Diese Redewendung passt auf Mumbai wörtlich. Denn umgeben von dicht besiedelten Wohnbezirken gibt es mitten in der Stadt einen Urwald, in dem seit jeher Leoparden wohnen. Begegnungen mit der gefährlichen Raubkatze werden immer häufiger.

Von Achim Nuhr

Leopard im Baum im Dachigam-Nationalpark, Indien. (picture alliance / dpa / Farooq Khan)
Leopard im Baum im Dachigam-Nationalpark, Indien: In Mumbai leben die gefährlichen Raubkatzen sehr eng mit Menschen zusammen. (picture alliance / dpa / Farooq Khan)
Mehr zum Thema

Indien Zwischen Kohle, Klima und Entwicklung

Indien Hitzige Debatte über religiöse Intoleranz

Weil der Sanjay-Gandhi-Nationalpark mitten in Mumbai liegt, ist er umgeben von einem Meer an Bewohnern. Mehr als 250.000 Menschen leben gleich am Waldrand, ganz nah an den Leoparden, den wichtigsten Raubtieren des Parks. Hier, mitten in Mumbai, haben Leoparden innerhalb von fünf Jahren 107 Menschen attackiert. Mehr als die Hälfte der Opfer starben: 57 Menschen.

Krishna Tiwari ist Leiter der City-Forests-Initiative Mumbai, die die Stadt-Leoparden erforscht. In T-Shirt, Jeans und Turnschuhen eilt er durch den Wald. Sein wichtigstes Ziel: die Zahl der Begegnungen zwischen Mensch und Raubtier so gering und schadenfrei wie möglich zu halten. Tiwari, ein stämmiger Mann mittleren Alters mit Schnauzbart, möchte zuerst das Herz des Urwalds zeigen: die grüne Lunge einer dicht bevölkerten Metropole. Makler behaupten, dass hier manche Immobilien schon teurer bezahlt würden als in New York. Nur im Urwald ist noch richtig Platz. Dort fahren wir nun auf Tiwaris Motorrad zuerst über eine asphaltierte, schmale Straße.

Dann wird der Wald immer dichter, die Straße endet und wir gehen zu Fuß weiter. Tiwaris Ziel ist ein Adivasi-Dorf. So werden in Indien die Ureinwohner genannt – die einzigen, die legal im Nationalpark wohnen dürfen, weil sie dies schon seit Menschengedenken tun.

Häufige Begegnung mit Leoparden

Die Adivasis, so heißt es, begegnen den Leoparden besonders häufig. Das geht meistens gut aus, weil die Adivasis aus Erfahrung wissen, wie man mit Raubkatzen umgeht. Wir erreichen Junapada, eine kleine Siedlung mit etwa 50 Blech- und Holzhütten. Die Behausungen sind mit Plastikplanen überzogen, die gegen den Monsun-Regen schützen sollen. Tiwari spricht eine alte Frau mit rundem Gesicht und hängenden Schultern an. Sie sieht aus, als wäre sie Mitte 60.

"Im Dunkeln können wir die Leoparden zwar nicht sehen. Aber wir bemerken sie trotzdem, weil sie diesen beißenden Geruch verströmen. Dann wissen wir sogleich: Da draußen ist jetzt gerade wieder mal mindestens ein Leopard unterwegs. Dann warnen wir uns gegenseitig und bleiben in unseren Hütten. Richtig nah kommen sie aber nur selten heran. So direkt, auf wenige Meter, stand bisher in meinem ganzen Leben nur dreimal ein Leopard vor mir. Und dabei ist nie etwas passiert. Die Nachbarn kamen immer schnell hinzu und schrien laut, um das Tier zu vertreiben. Und das lief dann immer gleich weg."

Die Waldsiedlung wirkt abgelegen - als wären wir tagelang durch einen Dschungel hierher marschiert. Doch in ruhigen Momenten, wenn die Menschen schweigen und die Tiere leiser schreien, ist das Brummen der Stadtautobahn draußen zu hören. Tiwari übersetzt, was Frau Warilka in Marathi erzählt, der regionalen Sprache des Bundesstaats Maharaschtra. Seit etwa 20 Jahren wird dessen Hauptstadt in Indien Mumbai genannt, statt wie zuvor Bombay. Aber Frau Manjula Ganu Warilka hat ganz andere Sorgen.

"Die Forstbehörde überlegt, hier endlich eine Toilette für uns zu bauen. Das fänden wir natürlich toll. Ein paar Politiker haben uns bereits geholfen, eine Handpumpe zusammenzubauen. Es gibt hier allerdings immer noch keinen Strom und kein fließendes Wasser. Hier ist eben ein Schutzgebiet. Aber das ist auch gut so. Denn anderenfalls, wenn der Schutz einmal aufgehoben würde, kämen hier gleich am ersten Tag 50.000 Menschen angerannt, um Wohnbuden zu errichten."

Frau Warilkas bisschen Geld reicht für einen schönen Sari und Modeschmuck an Hals und Ohren. In ihrer Hütte hängen mehrere Taschen mit Kleidung und Haushaltsgeräten an Wandhaken. Ein Schrank aus Sperrholz ist das einzige massive Möbelstück. Wir sitzen auf Stühlen an einem Plastiktisch.

Die zusammengenagelte Hütte von Frau Warilka lässt sich nicht abschließen. Für die meisten armen Inder ist das ein Riesenproblem: Denn wenn sie hinaus ins Dorf oder in die Stadt gehen möchten, könnten Diebe eindringen und mitnehmen, was ihnen gefällt. Doch hier ist es besser: Im Wald nähert sich so leicht kein Dieb. Und die anderen Dorfbewohner passen mit auf.

"Unsere Enkelkinder sollen es einmal besser haben und in richtigen Berufen arbeiten. Die können doch nicht mehr einfach den ganzen Tag durch den Wald laufen, Feuerholz sammeln und dann für ein paar Rupien verkaufen. Oder mitten im Wald auf Feldern schuften, ohne dass da viel bei herumkommt. Aber ich gebe zu: Ich weiß eigentlich gar nicht genau, was die jungen Menschen selbst darüber denken. Vielleicht sind einige unzufrieden, dass sie immer noch im Wald leben müssen. Aber andererseits hat sich bei mir noch nie jemand beschwert."

Manche junge Leute seien allerdings bereits weggezogen in die Stadt, erzählt Frau Warilka beim Abschied. Draußen in der Stadt hätten sie nirgendwo so viel Platz wie hier. Der Nationalpark ist über 100 Quadratkilometer groß. Das entspricht mehr als 14.000 Fußballfeldern. Tiwari und ich gehen zurück zu der Piste, auf der sein Motorrad steht.

Bald rasen wir über eine zehnspurige Stadtautobahn, auf der die Gesetze des Dschungels zu herrschen scheinen. Am gefährlichsten sind Laster und Busse, die stets Vorfahrt haben, weil sie die größten Fahrzeuge sind. In teuren Limousinen fahren reiche, einflussreiche Menschen, die man am besten auch gleich vorlässt.

Fahrt durch den Großstadt-Dschungel

Motorisierte Rikschas drohen mit massiven Fahrgasthäuschen und scharfen Metallkanten. Ganz unten in der Hierarchie kommen die Motorradfahrer: Sie versuchen, ihre Verwundbarkeit durch einen schnellen, wendigen Fahrstil auszugleichen, allen voran Tiwari. Nahe der Südspitze des Sanjay-Gandhi-Nationalparks verlassen wir den "Westlichen Express Highway" und erreichen das Dorf Maruschi Pada. Tiwari begrüßt einen Bekannten: Einen Mann um die 50, der zu einem karierten Hemd einen weißen Lungi trägt, den traditionellen Wickelrock für Männer.

"Ständig laufen Leoparden durch unser Dorf. Hier suchen sie nach Hunden, Nagetieren und Hühnern - praktisch allem, was sie gerne fressen. Sie packen die Tiere und laufen mit ihrer Beute in den Wald. So um sieben, halb acht abends geht das los, gleich nach Sonnenuntergang. Vor einer Woche kamen zwei Nachbarn von der Arbeit und sahen einen Leoparden da drüben sitzen. Vorgestern kam ich nach Hause und dahinten saßen gleich zwei. Das ist hier normal."

Herr Vishnu Balu Karpade wohnt in einer Holzhütte mit Blechdach und Freiluftküche. Neben seiner Hütte stehen grün angelaufene, halb verfallene Steinbungalows, die noch die Briten hinterließen, als Indien im Jahr 1947 unabhängig wurde. Neu hinzugekommen sind seitdem viele klassische Slum-Bauten aus Backsteinen und Pappe, zwischen denen sich Müll stapelt. In den Plastikabfällen sammelt sich der Monsunregen – eine Brutstätte für Moskitos, die Malaria und Dengue verbreiten. Karpades Familie wanderte aus dem bettelarmen Bundesstaat Bihar nach Mumbai. Er wuchs hier in der Gegend als Städter auf: Ohne Erfahrung oder Wissen, wie man mit Leoparden umgeht.

"Die Schwester meiner Frau war gekommen, um auf unserem kleinen Feld bei der Ernte zu helfen. Nach dem Abendessen, so gegen halb neun, ging sie zu unserem Plumpsklo, aber sie kam von dort nicht mehr zurück. Nach zehn Minuten wurden wir unruhig und gingen sie suchen. Als Erstes bemerkte ich eine einzelne Sandale, dann abgebrochene Bananenblüten - als wäre etwas über den Boden geschleift worden. Dann sah ich, wie ein Leopard meine Schwägerin in den dunklen Wald zerrte. Drei andere Leoparden schauten ihm dabei zu."

Leoparden wiegen selten mehr als 75 Kilogramm und reichen Menschen nur bis zur Hüfte – kein Vergleich zu den deutlich größeren Löwen. Trotzdem können Leoparden erwachsene Menschen über längere Strecken schleifen und sogar einen Baum hochzerren. Meistens erlegen die Raubkatzen aber kleine Tiere. Aufrecht stehende Menschen erscheinen ihnen zu groß.

Immer häufiger kommt es zu gefährlichen Begegnungen

Der Schwägerin wurde die Toilette zum Verhängnis, zu der Herr Karpade nun führt: Etwa zehn Meter entfernt von seiner Hütte, auf einer kleinen Lichtung, ist ein Loch im Boden zu erkennen. Darüber hängt brusthoch als Sichtschutz eine Plastikplane. Die Frau hockte damals in Augenhöhe mit dem Leoparden, der sie im Dunkeln für ein Tier halten konnte. Würde hier stattdessen ein Klohaus mit einer Türe stehen, wäre Herr Karpades Schwägerin noch am Leben. Die Leoparden streifen nachts um seine Wohnhütte, weiß der Forscher Tiwari:

"Ich habe hier eine Kamerafalle aufgebaut. Das Objektiv ist direkt auf seine Hütte gerichtet. Filmaufnahmen zeigen einen Leoparden, der nachts zuerst direkt vor der Hütte sitzt. Dann steht er auf und geht weg. Nur fünf Minuten später kommt Herr Karpade aus seiner Hütte und geht auf das Plumpsklo."

Jetzt muss Herr Karpade zur Arbeit gehen. Er hat einen Job in der Nachbarschaft gefunden: ausgerechnet in Bollywood, dem Epizentrum der indischen Filmindustrie. Dort arbeitet er als Helfer im Pumpenhaus der "Film City", in der die Studios einen Streifen nach dem anderen abdrehen. Der Fußweg von Herrn Karpades Dorf nach Bollywood führt zwar nicht weit, aber mitten durch einen Wald voller Leoparden. Deshalb ergreift er nun entschlossen einen dicken Bambus-Stock und eine Taschenlampe.

"Auf dem Weg zur Arbeit begegne ich meistens Leoparden. Dann habe ich natürlich Angst. Ich versuche, ihnen aus dem Weg zu gehen, wo es nur geht. Aber manchmal arbeite ich in der Nachtschicht. Dann gehe ich abends hin und vor Morgengrauen zurück – genau zu den Jagdzeiten. Dann sehe ich ihre Augen im Licht der Taschenlampe leuchten. Aber bisher beobachten sie mich nur. Sie schauen, wer da kommt. Und dann gehen sie in eine andere Richtung, um mir auszuweichen. Ich glaube, wir haben alle Angst: sie vor mir und ich vor ihnen."

Doch in Mumbai wird der Platz immer knapper. Und immer mehr Menschen werden Leoparden begegnen.

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk