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StartseiteForschung aktuellIndirekter Treffer12.10.2009

Indirekter Treffer

Neue Strategien gegen die Influenza

Medizin. - Schweinegrippe, saisonale Grippe, Sars oder Schnupfen, sie alle sind Viruserkrankungen, die die Atemwege als Einfallstor benutzen. Haben sie sich erst einmal eingenistet, wird ihre Bekämpfung schwierig, weil die Erreger gegen viele Medikamente resistent geworden sind. Die Tagung "Neue Strategien zur Bekämpfung respiratorischer Viruserkrankungen" in Berlin will neue Wege aufzeigen.

Von Volkart Wildermuth

Tamiflu hat seine Wirkung bei einigen Virenstämmen bereits eingebüßt. (AP)
Tamiflu hat seine Wirkung bei einigen Virenstämmen bereits eingebüßt. (AP)

Weltweit haben sich Hunderttausende Menschen mit der Schweinegrippe infiziert, aber nur bei ganz wenigen Fällen haben die Medikamente versagt, war das H1N1-Virus resistent gegen Tamiflu. Eine gute Nachricht, aber das Bild kann sich schnell wandeln, so Professor Stephan Ludwig von der Universität Münster.

"Ein verwandtes Virus zu diesem H1N1 Schweinegrippevirus, das saisonale H1N1 Virus, was jedes Jahr um die die Welt zieht, ist mittlerweile flächendeckend auf der gesamten nördlichen Hemisphäre der Weltkugel resistent gegen Tamiflu. Und zusammengenommen mit dem Fakt, dass in den letzten beiden Influenzajahren die prävalenten Stämme, die klinisch zu Problemen geführt haben, H1N1 Viren waren, kann man im Grund sagen: Tamiflu wirkt nicht mehr gegen die saisonale Grippe."

Und an der sterben jedes Jahr mehrere Tausend Menschen in Deutschland. Resistenzen entstehen, weil sich Viren rasend schnell und ziemlich schlampig vermehren. Ständig entstehen so neue Mutationen, von denen einige das Virus zufällig unempfindlich für die Wirkstoffe der Medizin machen. Ludwig:

"So ist jeder Angriff, nach unserer Meinung, der direkt auf das Virus gerichtet ist, immer sehr, sehr anfällig zur Resistenzbildung."

Stephan Ludwig und seine Partner im deutschen Flu-Research-Net wollen deshalb auf einem Umweg gegen die Erreger vorgehen. Nicht die Viren selbst beeinflussen, sondern die Zelle, Dank der sie leben. Viren können nur deshalb so klein sein, mit so wenigen Genen auskommen, weil sie Meister des Delegierens sind. Wo immer es geht, nutzen sie ganz normale Prozesse in der Zelle für ihre eigenen Zwecke um. Ludwig:

"Wir haben uns konzentriert auf Faktoren in der Zelle, die quasi das, was oben auf der Zelloberfläche passiert in der Zelle übersetzen in eine zelluläre Antwort. Und Viren sind da genauso ein Stimulus wie ein Wachstumsfaktor beispielsweise, die lösen diese Dinge aus. Diese Aktivitäten sind oft dazu gedacht, dass das Virus bekämpft wird von der Zelle. Aber die Viren sind so schlau, dass sie gelernt haben, sich diese Mechanismen und Aktivitäten in der Zelle zu eigen zu machen."

Der Grippeerreger zum Beispiel aktiviert einen bestimmten Signalweg und nutzt die Reaktion der Zelle dazu, Virenerbgut und Virenhüllen zusammenzubringen. Diese Abhängigkeit ist die Achillesferse der Influenzaviren, da ist sich Stephan Ludwig sicher.

"Im Mausmodell konnten wir mit einem bestimmten Inhibitor eines Signalwegs beispielsweise sogar eine richtiggehende therapeutische Wirkung nach mehreren Tagen noch erzielen. Wir haben mit der Behandlung des infizierten Tiers vier Tage nach Infektion erst begonnen und konnten dann trotzdem zeigen, dass die Mäuse länger überlebt haben. Und das ist schon sehr vielversprechend, denn wenn sie so ein Experiment mit Tamiflu machen, funktioniert das nicht mehr."

Nebenwirkungen gab es kaum. Das ist überraschend, schließlich wird ja ein Signalweg gehemmt, der in den Zellen eine wichtige Funktion hat. In der Lunge allerdings ist er normalerweise nicht aktiv. Wenn das neue Medikament als Spray verabreicht wird, stört es gezielt die Vermehrung der Viren, ohne andere Gewebe zu beinträchtigen. Der Wirkstoff muss noch in weiteren Tierexperimenten geprüft werden, bevor Studien mit menschlichen Patienten beginnen können. Finanzkräftige Partner konnte Stephan Ludwig aber schon gewinnen.

"Interessant war das für die Industrie aus dem Grunde, erstens weil Resistenzbildung weitestgehend vermieden ist, weil das Virus die zellulären Faktoren nicht ersetzen kann und weil die Hemmstoffe nicht mehr direkt gegen das Virus wirken sondern indirekt auf etwas, was man den sogenannten Zytokinsturm nennt."

Diese Überreaktion des Immunsystems ist für die Patienten gefährlicher, als die bloße Vermehrung der Viren. Der Zytokinsturm wird über den gleichen Signalweg aktiviert, den auch die Viren nutzen. So kann der neue Hemmstoff den Krankheitsverlauf zweifach mildern. Ob dieser spezielle Wirkstoff hält, was er heute verspricht, muss sich noch zeigen. Die Chancen stehen aber gut, dass zumindest verwandte Medikamente bald in den Apotheken zu haben sein werden. Denn weltweit machen sich Forscher daran, Viren zu bekämpfen, in dem sie ihre Opfer, die Zellen, beeinflussen.

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