Sonntag, 17.12.2017
StartseiteBüchermarktIndividualisierung eine Erweiterung der Freiheit?27.12.2004

Individualisierung eine Erweiterung der Freiheit?

Karl-Otto Hondrich entdeckt die "Liebe in Zeiten der Weltgesellschaft"

Warum mokierten sich so viele Zeitgenossen über die weltweite Trauer um Lady Diana? Für Karl Otto Hondrich verdrängt die Soziologie nach wie vor die Macht der Gefühle, vor allem die der kollektiven Gefühle. Dabei brauchen wir Gefühle gerade in allen sachlichen oder rationalen Bezügen zur Wirklichkeit. Wie sollte man beispielsweise Menschenrechte weltweit durchsetzen, wenn sich niemand engagieren würde? Das gelingt aber nur, wenn sich zur rationalen Einsicht eine emotionale Betroffenheit gesellt. Prominente Figuren - Schauspieler, Sportler, Politiker beispielsweise - spielen eine wichtige Rolle, wenn sich Vernunft und Gefühl in öffentlichen Angelegenheiten verbinden - man denke an das soziale Engagement der Königin der Herzen. So bemerkt Hondrich über Prominente:

Von Hans-Martin Schönherr-Mann

Karl Otto Hondrich: "Liebe in Zeiten der Weltgesellschaft" (edition suhrkamp)
Karl Otto Hondrich: "Liebe in Zeiten der Weltgesellschaft" (edition suhrkamp)

Sie scheinen durch ihre Individualität zu brillieren oder auch zu berühren. Aber in Wirklichkeit berühren sie uns so stark, weil sich in ihnen die Gefühle von unzähligen Menschen bündeln - die kollektiven Gefühle - und wieder zurückstrahlen. Sie haben also einen Gefühlsvereinigungseffekt für uns und darin liegt letztlich ihre große gesellschaftliche Ausstrahlungskraft, ihre integrierende Wirkung, die wir meistens nicht erkennen.

Die Sozialwissenschaften beschäftigen sich nur ungern mit solchen Effekten der Popkultur, weil diese ihrem Anspruch auf rationale Gestaltung der sozialen Beziehungen widersprechen - und weil sicher auch Lady Di wie die sie umhegende Verehrung eigentlich peinlich banal anmutet. Die Aufsätze des Buches, die teilweise in Tageszeitungen erschienen, richten sich daher auch gegen jenen Trend in der Soziologie, den heutigen Individualisierungsprozess als eine Erweiterung der Freiheit und als Verwirklichung vernünftiger sozialer Strukturen zu begreifen. Unter Individualisierung versteht die zeitgenössische Subjektsoziologie die Auflösung traditioneller Strukturen und Bindungen an die Familie, den Stand, deren Vertreter und an Parteien - man denke an den Niedergang der Stammwählerschaft. Doch Karl Otto Hondrich gibt zu bedenken:

Denn bei jeder Individualisierung gibt es im Hintergrund auch Gemeinschaftsbildung und Rückgriff auf frühere Gemeinschaften, auf Herkunftsbindungen. Ohne die Sicherheit, die uns eine Herkunftsfamilie vermittelt hat in emotionaler Stabilität und in anderen Fähigkeiten, können wir gar nicht hinaustreten in eine Welt und uns individualisieren. Und wenn es in der Welt gefährlich wird, wenn ein Partner uns verlässt, wenn jemand stirbt, dann gehen wir zurück zu den Herkunftsbindungen, der frühen Familie, den Geschwistern, den frühen Freunden um dort Schutz und Halt zu suchen.

Auch die frei gewählte Liebe, wie sie für die westliche Kultur typisch ist, wenn nicht mehr die Eltern die Ehe arrangieren, braucht diese emotionalen Bindungen an die Herkunft. Der Leitartikel befasst sich denn auch mit den kulturell unterschiedlichen Vorstellungen von Liebe und Ehe. Die westliche Form verbindet beides auf romantische, also gefühlsbetonte Weise, während andere Kulturkreise, beispielsweise die islamische Welt, beides trennen und sich - das ist Hondrichs überraschende Diagnose - dadurch im Grunde rationaler verhalten. Die traditionelle Familie trennt Ehe und Kinder von der wankelmütigen Liebe, während die romantische dieses alles vereint. Damit konstituiert die romantische Liebesbeziehung einen Ort, der vor fremden Einflüssen schützt, vor dem Staat, der Gesellschaft, den Herkunftsfamilien. Die Liebenden gehören in der Familie primär zusammen, in die andere Menschen oder Institutionen nicht eindringen dürfen. Was sich derart als Hort der Freiheit verkauft, entwickelt häufig unbemerkt eminente Zwänge - was die 68er schon wussten und deswegen die freie Liebe propagierten, die allerdings so frei auch wieder nicht ist. Daran denkt Hondrich auch nicht:

Die Liebenden sind frei sich zu binden, sie sind frei Kinder zu bekommen oder nicht. Aber hinter diesem Freiheitsgefühl stehen gewaltige normative Zwänge. Es gibt den Zwang, dass man nur noch aus Liebe heiraten und nur noch aus Liebe Kinder der Liebe oder Wunschkinder haben soll. Aus diesen normativen Zwängen der modernen Gesellschaft, erwachsen die Tendenzen, die wir heute vielfach beklagen. Es werden weniger Kinder geboren, weil die normativen Zwänge die uns umstellen, der Beruf, eine gute Ausbildung, das Harmoniegebot mit dem Partner, alles das lässt eine große und dauerhafte Liebe und den Moment des Kinderkriegens als einen harmonischen übereinstimmenden Akt immer unwahrscheinlicher werden.

Wenn man einst von Emanzipation und Liberalisierung zumindest langfristig ein höheres Maß an sozialer Gleichheit erwartete, so sieht man sich im Hinblick auf die Liebe jedenfalls getäuscht. Die berufliche Emanzipation der Frau führt dazu, dass Beziehungen zunehmend innerhalb derselben sozialen Gruppe entstehen, während früher Männer normalerweise gezwungen waren, weniger gebildete Frauen zu heiraten.

Andererseits verteidigt Hondrich die romantische Liebe gegen den Vorwurf der Irrationalität. Die Liebe macht verschiedene Phasen durch: Man lernt sich kennen, man zieht zusammen, man bekommt Kinder, man trennt sich. Das wahre Gesicht des anderen aber lernt man nicht erst am Schluss kennen. Auch die Phase der Verliebtheit beruht nicht auf der Lüge, vielmehr zeigen sich in ihr genauso wahre Gesichter, die sich für einander attraktiv machen, wie im Rosenkrieg am Ende eben unattraktiv.

In der Geschichte einer Liebesbeziehung, die anfängt mit der Verliebtheit und aufhört möglicherweise mit der dramatischen Trennung, gibt es eine ganze Sequenz von Realitäten, die tatsächlich Realitäten sind, wenn auch immer nur Ausschnitte einer großen Realität.

Trotzdem - so Hondrich - entgeht die romantische Liebe nicht dem Paradox, nämlich dass trotz großer Emotionalität immer weniger Kinder das Licht der Welt erblicken und die westlichen Gesellschaften ein ernstes Bevölkerungsproblem bekommen, während die traditionellen Gesellschaften mit erheblich weniger Emotionalität, auf die sich die Ehen dort gründen, noch immer explosiv wachsen. So ergibt sich das Bild eines weltweiten Kulturkampfes, der nicht mit Waffen, sondern unspektakulär offenbar in den Schlafzimmern ausgefochten wird und der doch nachhaltige Folgen zeitigen kann:

Es gibt in der sehr viel größeren Welt der ärmeren traditionsbestimmten Gesellschaften ein sehr viel rationaleres und unromantisches Verhalten zur Ehe und zum Kinderkriegen. Es gibt eine andere Vorstellung von Liebe. Die Liebe des Paares ist viel stärker eingebettet in Loyalitäten zur Familie und zu Männern und Frauen als bestimmende Gruppen in diesen Gesellschaften. Es gibt die ganz rationalen Arrangements, die wir in den scheinbar irrationalen traditionellen Gesellschaften finden, die rationalen Arrangements der Eheschließung, dass nur das zusammenkommt, was nach den Interessen der Herkunftsfamilien auch zusammen passt, hat zur Folge, dass relativ viele Kinder gezeugt werden.

So kann dieser Kulturkampf zu weltweiten Spannungen führen, wenn aus ihm ein zunehmender Migrationsdruck entsteht. Oder aber - dafür plädiert Karl Otto Hondrich - beide unterschiedlichen Familienvorstellungen können sich vorab durch die längst vorhandenen Vermischungen und interkulturellen Begegnungen gegenseitig befruchten. Als Mann kann man da beruhigt sein, dass dann sicherlich weiterhin die Frauen die Kinder kriegen! Nur woher wieder die Alimente nehmen?

Leidet die westliche Familie also unter der romantischen Liebe, während die traditionelle mit hoher Rationalität das Bevölkerungswachstum beschleunigt, so erhält die Familie in der euro-amerikanischen Welt vielleicht Hilfe von unerwarteter Seite. Das Ansinnen der Homosexuellen, heiraten zu dürfen und Kinder adoptieren zu können, schwächt - so Hondrich in einem anderen Aufsatz des gut lesbaren Bandes - nämlich keineswegs die Familie. Vielmehr ehrt und stärkt es eine Institution doch, wenn Menschen an ihr teilhaben wollen.

Hier haben wir also entgegen der landläufigen Meinung, dass die Homosexuellen-Ehe die Ehe bedroht, eher eine Stärkung der Institution, und dadurch, dass Homosexuelle heiraten, wird ja die Ehe der übrigen nicht tangiert, ihre Liebe nicht tangiert und auch ihre Neigung Kinder zu kriegen oder ihr Entschluss keine Kinder zu kriegen nicht tangiert.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk