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Informationen aus dem KriegWie verlässlich ist die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte?

Von Anne Tepper
Ossama Suleiman, Leiter der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, steht an einer Straße in Coventry (dpa / picture alliance / Helen Livingstone)
Ossama Suleiman, Leiter der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte (dpa / picture alliance / Helen Livingstone)

Seit sechs Jahren herrscht in Syrien Krieg. Von Anfang an war es schwierig, an gesicherte Informationen zu kommen. Eine Quelle, die immer wieder zitiert wird, ist die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Aber wie verlässlich ist sie?

Ein guter Journalist liefert verlässliche Fakten. In einem Kriegsland wie Syrien ist das aber fast unmöglich. Es ist einfach zu gefährlich. Unbeteiligte wie Journalisten, Hilfsorganisationen, Uno-Experten oder Menschenrechtler haben keinen freien Zugang zu weiten Teilen des Landes. Und wenn doch, dann nur in Begleitung einer Kriegspartei. Die erzählt unter Umständen ihre eigene Version des Geschehens oder auch bewusst die Unwahrheit, Stichwort: Propaganda.

Eine Quelle, die sich selbst als unabhängig bezeichnet, ist die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in London. Nach eigenen Angaben handelt es sich um eine Gruppe, die sich für Menschenrechte einsetzen will. Die Ziele: "Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung". Gegründet wurde sie 2006 von dem Syrer Ossama Suleiman in London, damals arbeitete er noch unter dem Pseudonym Rami Abdurrahman.

Informationen stammen direkt aus Syrien

Auf der Seite der Beobachtungsstelle erscheinen täglich neue Berichte über das Kriegsgeschehen in Syrien. Wer wo kämpft, wie viele Menschen getötet und verletzt werden. Wie Suleiman der New York Times vor vier Jahren berichtete, bekommt er die Informationen dazu von Aktivisten aus Syrien. Er selber versuche jede einzelne Meldung anhand verlässlicher Quellen zu verifizieren, sagte er damals – zum Beispiel Ärzten oder Augenzeugen. 2013 gehörten zu seinem Netzwerk demnach vier Männer in Syrien, die Informationen von mehr als 230 Aktivisten sammelten.

Einschätzung: brauchbare Informationen

Der ARD-Korrespondent für die Region, Volker Schwenck, berichtet, die Menschenrechtsorganisation Amnesty International halte die Informationen für "ganz gut". Die Organisation nutze Zahlen der Beobachtungsstelle und vergleiche sie mit anderen. Schwenck hat zudem über einen Kontakt aus dem Informanten-Netzwerk der ARD einen Syrer zur Beobachtungsstelle befragt. Dessen Einschätzung: "Ich glaube, das ist alles zu 90 Prozent wahr". Die Informationen stammten sowohl von Aktivisten auf Seiten des Regimes als auch von Seiten der Rebellen.

Quellen werden nicht genannt - sind also nicht überprüfbar

Wie genau das Netzwerk funktioniert, wollte der Informant Schwenck nicht erzählen – mit dem Hinweis darauf, dass die Aktivisten in der Regel aus Sicherheitsgründen geheim arbeiteten. Ihre Namen zu nennen, wäre ein tödliches Risiko für die Aktivisten. Die Beobachtungsstelle nennt ihre Quellen also nicht – deshalb werden die Angaben in den Medien oft als "von unabhängiger Seite nicht überprüfbar" bezeichnet.

Welcher Opposition steht die Beobachtungsstelle nahe?

Zudem bekommt die Beobachtungsstelle oft den Zusatz "oppositionsah" – und das obwohl sie selbst sich als unabhängig bezeichnet und der Begriff Opposition in Syrien ohnehin schwierig geworden ist (Wer ist eigentlich die syrische Opposition? Alle, die gegen das Regime von Baschar al-Assad kämpfen? Gehören dazu auch Islamisten oder nur gemäßigte Rebellen? Was ist mit den verschiedenen politischen Oppositionsgruppen im Exil?). Eine verbreitete Erklärung für die Einordnung als "oppositionsnah": Suleiman organisierte in Syrien heimlich Proteste gegen die Assad-Regierung, bis er im Jahr 2000 nach Großbritannien floh. Damit wäre der Gründer der Beobachtungsstelle selbst ein Oppositioneller – gegenüber dem syrischen Regime. Dass er diesem nicht nahe steht, erklärt sich gewissermaßen von selbst: Das Regime verbreitet seine eigenen Berichte vom Kriegsgeschehen und braucht dazu keine Exil-Organisation in London.

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