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StartseiteComputer und KommunikationDer Mensch zwischen Ingenieurskunst und IT 13.06.2015

Informationsgesellschaft am ScheidewegDer Mensch zwischen Ingenieurskunst und IT

Ist all das, was heute mit Hilfe der IT möglich ist, auch wirklich wünschenswert? Über diese und ähnliche Fragen diskutierten mehr als 300 Wissenschaftler auf der Konferenz der Internationalen Gesellschaft für Informationsstudien in Wien. Oft kam das Argument auf, dass nach gängiger Ingenieurslogik vor allem die Information im Mittelpunkt stehe - der Mensch allenfalls am Rande.

Von Mariann Unterluggauer

Modell einer historischen Dampfmaschine (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
"Die Technologie kam zu einem Zeitpunkt in die Welt, als wir Menschen noch in einer engen Beziehung zu unserer Umwelt standen", sagte der Anthropologe Terrence Deacon auf der Konferenz in Wien. (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)

Fünf Tage lang diskutierten an der Technischen Universität in Wien mehr als 300 Wissenschaftler aus aller Welt über die zentralen Entwicklungen in der Informationsgesellschaft. Die einen beklagten die Entmündigung des Menschen durch die Maschinen. Andere sahen die Lösung gesellschaftlicher Probleme in der Schaffung eines globalen Gehirns. Auch wenn von den Veranstaltern der Konferenz – der internationalen Gesellschaft für Informationsstudien – Transdisziplinarität eingefordert wurde, reichten die Mittags- und Kaffeepausen kaum aus, um die unterschiedlichen Positionen zu klären.

"Ich denke, dass das aus einer Ingenieurslogik kommt; dass alles, was technisch möglich, auch wünschenswert ist."

Christian Fuchs, Informatiker und Professor für "soziale Medien" an der Universität Westminster in London.

"Wenn man sich vorstellt, dass das Internet der Dinge im Haus alles kontrolliert und Einzug im Körper hält, dann stellt sich schon die Frage, ob gewöhnliche Menschen es als wünschenswert empfinden, dass das, was technisch möglich ist, auch das moralisch gute und moralisch wünschenswerte Leben ist."

Die Automatisierung, so andere Konferenzteilnehmer, habe keineswegs für eine Befreiung von unmenschlichen Arbeitsbedingungen gesorgt, sondern die unmenschlichen Produktionsweisen nur auf andere Kontinente verschoben.

Der Anthropologe Terrence Deacon von der Universität von Kalifornien in Berkley vertrat in Wien die Position, Maschinen seien mit dem Ziel entwickelt worden, menschliche Unzulänglichkeiten zu beheben. Dafür wurden Schaufeln, Flugzeuge und Rechenmaschinen erfunden.

"Maschinen brauchen keine Fürsorge"

"Die Technologie kam zu einem Zeitpunkt in die Welt, als wir Menschen noch in einer engen Beziehung zu unserer Umwelt standen. Unser verlängerter Arm waren die Tiere. Tiere fühlen Schmerz und reagieren darauf, ob man sie gut oder schlecht behandelt. Wir waren gezwungen, auf ihre Emotionen und ihren Gesundheitszustand Rücksicht zu nehmen. Bei den Maschinen ist uns das egal. Maschinen brauchen keine Fürsorge. Wir spüren, wir sind von toten aber animierten Dingen umgeben."

Maschinen könnten Emotionen bestenfalls simulieren. Ihnen fehle das menschliche Gewissen, und ihr Fähigkeit auf menschliche Bedürfnisse zu reagieren beschränke sich auf statistische Bewertungsalgorithmen. Im Internet könne man schlichtweg nicht zu Hause sein, Mensch sein, so Terrence Deacon. Denn logisches, lineares Denken sei eine Einbahnstraße.

"Sollten wir in Zukunft einen Weg finden, unsere Produkte mit echtem Bewusstsein auszustatten, dann wären wir wieder an unserem Ausgangspunkt angelangt. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte lautet: Wir Menschen sind nicht einmal in der Lage, unsere Mitmenschen gut zu behandeln; obwohl wir wissen, dass sie Gefühle haben. Sollten wir also je Geräte erschaffen, die Emotionen verspüren und leiden können, dann bezweifle ich, dass wir sie pfleglich behandeln werden."

Auf der Konferenz wurde klar, dass das Dilemma unserer Gesellschaft auf einem Missverständnis beruht. Die Ingenieurslogik folgt allein der Definition von Information, die vom Mathematiker und Elektrotechniker Claude Shannon 1948 vorgelegt wurde. Sie beschäftigt sich mit Aspekten der Kontrolle von Kommunikationskanälen, der Steigerung von Datendurchsatzraten und der Verbesserung von Speicherverfahren. Weder der Mensch noch der Inhalt spielen bei Shannon eine Rolle. Die Gesellschaft hingegen verbindet Information immer noch mit Inhalt und Bewusstsein.

Die Konferenz endete auf einem Ausflugsschiff, wo sich alle einig waren: Die Diskussion habe gerade erst begonnen.

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