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StartseiteKultur heuteIngmar Bergmans Familiengeheimnis01.06.2011

Ingmar Bergmans Familiengeheimnis

Ein DNA-Test und eine Biografie werfen ein neues Licht auf den schwedischen Regisseur

Ingmar Bergman hat sein Leben lang eine Mutter geliebt und verehrt, die nicht seine leibliche war. Bergman soll das uneheliche Kind seines Vaters und dessen Freundin sein. Das behauptet zumindest eine Nichte Bergmanns in einem neuen Buch - und untermauert ihre Theroie mit einem DNA-Test.

Von Agnes Bührig

Der schwedische Filmregisseur Ingmar Bergman (AP Archiv)
Der schwedische Filmregisseur Ingmar Bergman (AP Archiv)

Die Geschichte hätte einen guten Plot für einen der Filme Ingmar Bergmans abgeben können: Ein ehrbarer Mann der schwedischen Gesellschaft bekommt 1918 ein Kind. Doch weil es stirbt, schiebt er seiner Ehefrau das unerwünschte etwa gleichaltrige Kind seiner Geliebten unter. So könnte es sich auch bei den Bergmans zugetragen haben. Und keiner in der Familie hat bis vor Kurzem bemerkt, dass der kleine Ingmar nicht der biologische Sohn seiner Mutter Karin ist, nicht einmal die Mutter selbst. Das hat einen einfachen Grund, sagt Ingmar Bergmans Nichte Veronica Ralston:

"Es ist dokumentiert, durch Karin Bergman selbst, dass das Kind am Anfang nicht gestillt werden konnte und die Augen nicht öffnete. Deshalb konnte sie keine Beziehung zu ihm aufbauen. Zudem war sie selbst geschwächt, weil sie während der Schwangerschaft die spanische Grippe gehabt hatte."

Ihre Theorie untermauert Ralston mit einem DNA-Test. Sie hat ihr Blut mit der DNA aus Speichelresten abgleichen lassen, die sich unter zwei Briefmarken ihres Onkels Ingmar Bergman aus den 30er- und 50er-Jahren ausmachen ließen. Im Frühjahr stellte die Rechtsmedizin in Linköping wissenschaftlich fest, dass die beiden nicht verwandt sind. Damit war für Ralston klar, dass ihr Onkel eine andere Mutter gehabt haben muss. Das hatte im letzten Jahr auch schon die Künstlerin Louise Tillberg behauptet, die ihre eigene Großmutter als biologische Mutter Bergmans ausgemacht hatte. Bei der Bergman-Stiftung in Stockholm stoßen diese Informationen auf Skepsis, sagt Geschäftsführer Jan Holmberg:

"Es ist nicht das erste Mal, dass jemand das Mysterium Bergman entschleiern will. Als Karin Bergman 1966 starb, hinterließ sie ein heimliches Tagebuch. Daraus ging hervor, dass sie einen Liebhaber gehabt hatte. Nicht aber, dass Ingmar nicht ihr biologischer Sohn ist. Wenn sie das gewusst hätte, hätte es sicher auch in diesem Tagebuch gestanden."

Für die Analyse seines Werkes sei die neue Information - so sie denn stimme - sowieso unerheblich, sagt Holmberg. Schließlich lebe Bergman nicht mehr, sein Werk sei abgeschlossen. Seine Mutter habe er geliebt, wie jedes Kind seine Mutter liebt, unabhängig von der biologischen Beziehung. Wer behaupte, Bergman habe sich wie kaum ein anderer Regisseur so stark mit seiner Kindheit auseinandergesetzt, weil er da etwas Unerforschtes gespürte habe, gebe sich der Spekulation hin. Die Liebe zu seiner Mutter hat er nicht zuletzt in einem Film ausgedrückt, sagt Jan Holmberg:

"Ende der 80er-Jahre, nach Fanny und Alexander, als er bereits mit dem Filmen abgeschlossen hatte, machte er einen Film, der Karins Gesicht hieß. Da hat er Bildmaterial seiner Mutter aus der Jugend bis hin zum letzten Passfoto zusammengeschnitten, als sie über 70 Jahre alt war. Danach wurde spekuliert, ob er das gemacht hat, um die Ähnlichkeiten zwischen sich und seiner Mutter zu erforschen."

Bergmans Nichte Veronica Ralston sagt, sie habe mit dem DNA-Test Klarheit schaffen wollen. Ihr Buch sei eine Auseinandersetzung mit der eigenen Familie. Doch diese reagiert vor allem abweisend auf die neuen Erkenntnisse. Bergmans Sohn Daniel ist vor allem über die Vorgehensweise der Tageszeitung Dagens Nyheter verwundert, die das Thema groß aufmachte:

"Publizistisch gesehen ist es wichtig, dass man alle Quellen für Fehler ausschließt, bevor man eine Information als Wahrheit darstellt. Das hat man nicht gemacht. Und das Testergebnis zeigt nur, dass Veronika und mein Vater nicht über die mütterliche Linie verwandt sind."

Schwiegersohn Henning Mankell, der mit Bergmans Tochter Eva verheiratet ist, schreibt gerade an einer großen Fernseh-Serie über das Leben seines Schwiegervaters. Konfrontiert mit den neuen Erkenntnissen zieht er einen Vergleich zu Brechts "Kaukasischem Kreidekreis": Wer ist die Mutter eines Kindes, diejenige, die es gebiert oder diejenige, die es aufzieht? Ob Karin Bergman beide Rollen für ihren Sohn Ingmar übernommen hat, wird jetzt in der Familie Bergman weiter diskutiert werden.

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