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Startseite@mediasresStraftat Journalismus26.04.2018

Inhaftierte MedienvertreterStraftat Journalismus

In der Türkei sitzen mehr als 150 Journalisten und Mitarbeiter von regierungskritischen Medien im Gefängnis. Der Vorwurf gegen sie lautet meist "Terrorismusunterstützung". Viele müssen sich noch vor Gericht verantworten - es drohen lange Haftstrafen. Ein Überblick.

Demonstranten protestieren vor der Botschaft der Türkei in Berlin bei einer Aktion von Amnesty International und Reporter ohne Grenzen für Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei. (dpa/Maurizio Gambarini)
Demonstration für Presse- und Meinungsfreiheit vor der türkischen Botschaft in Berlin (dpa/Maurizio Gambarini)
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Mehr als 150 Journalisten und Medienvertreter sitzen in der Türkei in Haft oder müssen sich vor Gericht verantworten. Einen Überblick liefert die Internetseite P24.

@mediasres hat einige Fälle in den Blick genommen:

Der türkische Journalisten Can Dündar steht an einem Pult mit Mikrofonen und hält eine Rede. (dpa / Georg Wendt)Journalist Can Dündar bei einer Rede in Hamburg. (dpa / Georg Wendt)Can Dündar

Inhaftiert von November 2015 bis Februar 2016

Can Dündar ist als Journalist für verschiedene Medien tätig, unter anderem auch für die Wochenzeitung "Die Zeit". Vor seiner Inhaftierung war er in der Türkei zuletzt Chefredakteur der Tageszeitung "Cumhuriyet". Inzwischen ist er Chefredakteur der zweisprachigen Online-Plattform "Özgürüz".

2015 berichtete "Cumhuriyet" darüber, dass der türkische Geheimdienst Waffen an islamistische Milizen in Syrien geliefert habe. Wenige Monate nach den Veröffentlichungen wurden Dündar und weitere Mitarbeiter der Zeitung wegen des Vorwurfs der Spionage und der Mitgliedschaft in einer Terrororganisation festgenommen. Im Februar 2016 hob das türkische Verfassungsgericht die Untersuchungshaft auf.

Im Juli 2016 reiste Can Dündar nach Deutschland aus, seither lebt er im Exil in Berlin. Das Verfahren gegen ihn wird in Abwesenheit fortgesetzt.

Murat Sabuncu nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft umgeben von Unterstützern. (imago/Cemil Ozdemir)Murat Sabuncu nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft. (imago/Cemil Ozdemir)Murat Sabuncu

Inhaftiert von Oktober 2016 bis März 2018

Der "Cumhuriyet"- Chefredakteur Murat Sabuncu wurde, ebenso wie ein Großteil seiner Mitarbeiter bei Razzien Ende 2016 festgenommen. Anschließend saß er mehr als ein Jahr in Untersuchungshaft. Bei den Terrorvorwürfen gegen ihn geht es um Unterstützung der Gülen-Bewegung und der PKK.

Zusammen mit dem "Cumhuriyet"-Herausgeber Akin Atalay, dem Investigativjournalisten Ahmet Sik und weiteren Angeklagten wurde Murat Sabuncu im April 2018 verurteilt. Das Gericht in Istanbul verhängte gegen ihn eine Strafe von siebeneinhalb Jahren Gefängnis.

Nach dem Urteil sagte Sabuncu: "Journalismus ist kein Verbrechen, wir haben nur Journalismus betrieben." In dem Prozess waren als Indizien Artikel und Twitter-Nachrichten der Angeklagten aufgeführt worden.

Für die Dauer eines Berufungsverfahrens bleiben die "Cumhuriyet"-Mitarbeiter zunächst auf freiem Fuß.

Der "Cumhuriyet"-Herausgeber Akin Atalay nach seiner Freilassung im April 2018 (imago/Mehmet Yirun)Der "Cumhuriyet"-Herausgeber Akin Atalay nach seiner Freilassung im April 2018. (imago/Mehmet Yirun)Akin Atalay

Inhaftiert von November 2016 bis April 2018

Akin Atalay ist Herausgeber der Tageszeitung "Cumhuriyet". Er wurde im November 2016 festgenommen wegen des Vorwurfs der Terrorunterstützung. Seitdem steht er mit etlichen weiteren Mitarbeitern der Zeitung vor Gericht. Laut Staatsanwaltschaft sei "Cumhuriyet" von Anhängern der sogenannten Gülen-Bewegung unterwandert. Atalay sagte zum Prozessauftakt: "Säkulare Werte, Unabhängigkeit und Freiheit sind in der Geschichte von ‚Cumhuriyet‘ fest verwurzelt".

Zusammen mit dem "Cumhuriyet"-Chefredakteur Murat Sabuncu, dem Investigativjournalisten Ahmet Sik und weiteren Angeklagten wurde Akin Atalay im April 2018 verurteilt. Das Gericht in Istanbul verhängte gegen ihn eine Strafe von mehr als acht Jahren Gefängnis, verfügte aber zugleich Atalays Entlassung aus der Untersuchungshaft.

Für die Dauer des weiteren Verfahrens bleiben alle Angeklagten auf freiem Fuß.

Der türkische Journalist Ahmet Sik (imago/Depo Photos)Der türkische Journalist Ahmet Sik (imago/Depo Photos)Ahmet Sik

Inhaftiert von Dezember 2016 bis März 2018

Der Autor und Investigativjournalist Ahmet Sik wurde im Oktober 2016 festgenommen und kam in Untersuchungshaft. Der Vorwurf gegen ihn: "Propaganda für eine terroristische Organisation".

Zusammen mit dem "Cumhuriyet"-Herausgeber Akin Atalay, dessen Chefredakteur Murat Sabuncu und weiteren Angeklagten wurde Sik im April 2018 verurteilt. Das Gericht in Istanbul verhängte gegen ihn eine Strafe von siebeneinhalb Jahren Gefängnis.

Die Angeklagten bleiben allerdings während des angestrebten Berufungsverfahrens zunächst auf freiem Fuß.

11.04.2018, Türkei, Istanbul: Die ehemals in der Türkei inhaftierte Deutsche Mesale Tolu steht an der Anlegestelle in Karaköy. Der Journalistin und Übersetzerin droht weiterhin Gefängnis. (dpa/Linda Say)Die Journalistin und Übersetzerin Mesale Tolu (dpa/Linda Say)Mesale Tolu

Inhaftiert ab April 2017 (am 18. Dezember 2017 wurde sie unter Auflagen aus der Untersuchungshaft entlassen)

Mesale Tolu wurde in Ulm geboren und ist in Deutschland aufgewachsen. Als Journalistin arbeitete sie unter anderem für das linke türkische Nachrichtenportal "Etha", meist als Übersetzerin. Ein Istanbuler Gericht hatte im Dezember 2017 ihre Freilassung aus der Untersuchungshaft angeordnet. Zu den Auflagen gehört allerdings, dass sie die Türkei nicht verlassen darf. Das Besondere an ihrem Fall ist, dass sie zusammen mit ihrem inzwischen dreijährigen Sohn in Haft war.

Derzeit läuft der Prozess gegen Tolu. Ihr wird – zusammen mit weiteren Angeklagten – Mitgliedschaft in einer Terrororganisation vorgeworfen, gemeint ist die linksextreme MLKP. Aus Sicht von Beobachtern dürfte sich der Prozess noch länger hinziehen.

Enis Berberoğlu

Inhaftiert seit Juni 2017

Enis Berberoğlu war als Journalist bei CNN Türk tätig von 2009 bis 2014 Chefredakteur der türkischen Tageszeitung Hürriyet. Er ist außerdem Politiker der Republikanischen Volkspartei (CHP) und saß für seine Partei im türkischen Parlament.

Berberoglu wird vorgeworfen, den Journalisten Can Dündar und Erdem Gül von der Zeitung "Cumhuriyet" Filmmaterial aus dem Jahr 2014 zugespielt zu haben. Darauf soll zu sehen sein, wie der türkische Geheimdienst Waffen ins Kriegsgebiet nach Syrien transportiert. Die Zeitung berichtete über den Fall.

Im Februar 2018 wurde Berberoglu wegen "Geheimnisverrats" zu knapp sechs Jahren Haft verurteilt. Zuvor war er bereits im Juni 2017 wegen der Vorwürfe zu 25 Jahren Haft verurteilt worden, ein Berufungsgericht hatte das Urteil jedoch aufgehoben und der Fall musste neu aufgerollt werden.

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