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StartseiteKultur heute"Dieses Urteil ist eine Schande für Sisis Regentschaft"12.03.2016

Inhaftierung von Ahmed Naji"Dieses Urteil ist eine Schande für Sisis Regentschaft"

In Ägypten sitzt der Schriftsteller Ahmed Naji hinter Gitter, weil er in seinem jüngsten Roman den "öffentlichen Anstand" verletzt haben soll. Seit Monaten übt das Sisi-Regime massiven Druck auf die Kulturszene aus. Aber Ahmed Najis Inhaftierung scheint das Fass jetzt zum Überlaufen gebracht zu haben.

Von Cornelia Wegerhoff

Die Hände eines Gefangenen an einem Gitterfenster. (imago/CHROMORANGE)
Über 700 Schriftsteller, Künstler und Intellektuelle erklärten sich bereits mit dem Verurteilten solidarisch. (imago/CHROMORANGE)

"My Name is Ahmed Naji. I am a journalist and writer from Egypt."

Locker präsentierte sich Ahmed Naji noch im Januar beim niederländischen Auslandssender RNW. Das Programm lässt sich mit der Deutschen Welle vergleichen. Der 30-jährige Schriftsteller war dort regelmäßig als Video-Blogger tätig. In seinem letzten Bericht erzählte er von den Ermittlungen gegen sich, aber gab sich optimistisch.

"Sie klagen mich an, als sei ich der fiktive Charakter in meinem Buch. Wenn das Gericht mit seinem Urteil anerkennt, dass das Literatur ist, ein Roman, wird das einen großen Einfluss auf die Meinungsfreiheit in Ägypten haben."

Doch das Gericht entschied anders. Seit drei Wochen sitzt Ahmed Naji hinter Gitter.

"Er sitzt im Torra-Gefängnis in Kairo. Sein Anwalt sagt, es geht ihm einigermaßen gut, den Umständen entsprechend."

Nael Toukhy ist ein Freund Ahmed Najis. Auch er ist Schriftsteller und Journalist. Die Verurteilung des Weggefährten hat ihn schockiert.

"Wir haben alle gedacht, es gäbe maximal eine Geldstrafe. Ahmed Naji hat die Politik kritisiert, aber er war kein politischer Aktivist. Er ist ein Literat, ein Künstler, ein Blogger. Dass er an vielen Fäden gezogen hat, war wohl heikel. Aber er wurde bestraft wegen seiner literarischen Werke, nicht wegen politischer Taten. Und genau das macht jetzt Vielen Angst. Auch ich fühle mich unterdrückt und habe Angst."

Angeblich schwere schwere Herzrhythmus-Störungen durch Lektüre einer schlüpfrigen Szene

Ägyptens staatlicher Zensor hatte vorher nichts zu bemängeln am jüngsten Roman von Ahmed Naji, der ihn ins Gefängnis gebracht hat. "Istikhdam al Hayah", "Gebrauchsanweisung für das Leben", so lautet der Titel des Buches, das schon im Jahr 2014 veröffentlicht wurde. Es beschreibt die Höhen und Tiefen im Alltag eines Ich-Erzählers. Besonders junge Leser begeisterten sich für den Roman, der in arabischer Umgangssprache geschrieben ist und in dem auch mal ein Geschlechtsteil beim Namen genannt wird. Im vergangenen Jahr veröffentlichte das Kairoer Literaturmagazin "Akhbar al Adab", das zu einer staatlichen Verlagsgruppe gehört, noch mal einen Auszug des Buches. Kurz darauf schaltete ein Leser die Behörden ein, ein 65 Jahre alter Anwalt. Er will bei der Lektüre einer schlüpfrigen Szene schwere Herzrhythmus-Störungen erlitten haben.

"Eigentlich ist sie nicht so schlimm. Wenn jemand etwas liest, was ihm nicht gefällt, dann soll er das Buch gefälligst aus der Hand legen", so der renommierte Kairoer Verleger Mohamed Hashem. Doch der Kläger mit dem schwachen Herzen sah in der literarischen Beschreibung einer durchzechten Nacht des Protagonisten, die mit einer reiferen Bekanntschaft und Oralsex endet, einen – so wörtlich- "bösartigen Angriff auf die öffentliche Moral und die guten Sitten".

"Dass man einen Autor für eine Figur aus seinem Buch, eine Figur, die etwas Unanständiges macht, so bestraft, als hätte er es selbst getan, das ist völliger Blödsinn."

Zusammen mit anderen namhaften Persönlichkeiten aus der ägyptischen Kulturwelt, darunter allein fünf ehemalige Kulturminister Ägyptens, hat Mohamed Hashem eine Petition initiiert.

"Mehr als 750 Leute haben mittlerweile unterschrieben, darunter bildende Künstler, Filmemacher, Autoren, Dichter. Alle sind gegen das Urteil. Und nicht nur das: Sie sind auch gegen die gesamte Vorgehensweise des Systems. Es geht hier nicht nur um Naji und seine Freiheit. Es geht hier grundsätzlich um die Freiheit des Wortes."

Denn die wurde zwar in Ägyptens neuer Verfassung ausdrücklich als schützenswertes Gut verankert, doch Justiz und Sicherheitsapparat setzen die Kulturszene seit Monaten massiv unter Druck. Unabhängige Kultureinrichtungen wurden geschlossen. Es gab immer wieder Razzien, Festnahmen, Gerichtsverfahren. In der Petition heißt es dazu:

"Mit Sorge sehen wir die Zunahme unterdrückerischer Praktiken, die Attacken auf öffentliche, persönliche, akademische und künstlerische Freiheiten."

Mohamed Hashem macht dafür Ägyptens Präsidenten verantwortlich:

"Dieses Urteil ist eine Schande für Sisis Regentschaft. Er will die Leute unterdrücken. Als ob er alle in einen Käfig packen wollte, damit keiner mehr was sagt. Aber deshalb werden wir nicht still sein. Die können uns nicht ängstlich machen."

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