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StartseiteInterview"Uns muss jetzt geholfen werden"26.05.2018

Initiative "Kitakrise Berlin""Uns muss jetzt geholfen werden"

Ann-Mirja Böhm, Mitorganisatorin der Initiative "Kitakrise Berlin" fordert schnelle Hilfe für Eltern bei der Suche nach einem Kitaplatz. 25.000 neue Plätze bis 2021 zu schaffen, sei zwar richtig, helfe aber momentan nicht weiter, sagte sie im Dlf. Die aktuelle Lage sei für Kitas und Eltern der "absolute Horror".

Ann-Mirja Böhm im Gespräch mit Stefan Heinlein

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Ann-Mirja Böhm, Initiatorin der Kitakrisendemo in Berlin (Britta Pedersen/dpa )
Ann-Mirja Böhm hat 60 Kitas angeschrieben, bis sie einen Betreuungsplatz gefunden hat (Britta Pedersen/dpa )
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Stefan Heinlein: Es gibt eine gute Nachricht für alle Eltern in Berlin: Ab Sommer dieses Jahres, ab dem 1. August genau, sind alle Kitas in der Hauptstadt kostenfrei. Doch zum Jubeln gibt es für viele Familien keinen Grund, denn trotz eines Rechtsanspruchs auf einen Kitaplatz ab dem ersten Lebensjahr sind Betreuungsplätze häufig absolute Mangelware. Viele Eltern suchen monatelang vergeblich nach einem Platz für ihren Nachwuchs. Ein gewaltiges Problem nicht nur in Berlin. Fast allerorten, vor allem in den Ballungsräumen herrscht Kitanotstand. In Berlin will man sich diese Mangelverwaltung nicht länger bieten lassen, heute deshalb eine große Demonstration gegen die Kitakrise. Anja Nehls mit den Einzelheiten.

Und am Telefon begrüße ich jetzt Ann-Mirja Böhm. Sie hat mit anderen Vätern und Müttern heute die Demonstration in Berlin geplant und organisiert. Guten Morgen, Frau Böhm!

Ann-Mirja Böhm: Guten Morgen!

Heinlein: Frau Böhm, lassen Sie uns an Ihren Erfahrungen teilhaben. Wie schwierig ist es in Berlin, an einen Kitaplatz zu kommen?

Böhm: Es ist extrem schwierig, und ich glaube, wir Mütter, Väter hätten das im Vorhinein auch alle nicht für möglich gehalten. Ich glaube, jeder von uns hat, wie ich auch, angefangen, ganz entspannt zu suchen, so eine ganz entspannte Excel-Liste mit 20 Kitas anzulegen und einfach mal loszulegen und ein paar anzurufen. Und am Ende werden es immer mehr und immer mehr, und die Listen füllen sich, und ich hatte am Ende fast 60 Kitas auf der Liste, knapp 150 Tagesmütter, die ich angefleht habe. Und da ist man dann irgendwann so am Ende, dass man dann nicht mehr weiter weiß, weil man einfach keine Plätze bekommt.

"Für Eltern wie für Kitas der absolute Horror"

Heinlein: Anrufen, Sie sagen anrufen. Ist das Stichwort Digitalisierung bei der Kitasuche auch in der Hauptstadt also nach wie vor ein Fremdwort?

Böhm: Das ist es auf jeden Fall im Moment noch. Es ist ja so, dass jede Kita da logischerweise auch ein Alleinkämpfer ist im Moment noch. Es sieht so aus, die eine Kita ruft man an, lässt sich auf die Warteliste setzen, bei der nächsten schreibt man einen Brief, dann eine Mail, dann meldet man sich über die Maske der Webseite an oder man muss was ausdrucken, persönlich vorbeibringen. Es gibt einfach kein zentrales System, wie das geregelt ist, und das ist natürlich für Eltern wie auch genauso für Kitas der absolute Horror, und es ist unfassbar aufwendig, und es bündelt Energie, unglaublich viel.

Heinlein: Eine schwierige Suche also. Gilt das für alle Stadtteile und Altersgruppen in Berlin gleichermaßen, oder gibt es da durchaus Unterschiede?

Böhm: Für alle Stadtteile im S-Bahn-Kreis, so weit ich weiß, schon. Das ist zumindest unsere Erfahrung. Für alle Altersstufen – kann ich jetzt nicht genau sagen. Das große Problem ist mit allen, die so seit 2016 geboren sind, da gab es ja den Geburtenboom in Berlin, und dass jetzt so ab Dreijährige, da werden die Gruppen ja, glaube ich, auch ein bisschen größer. Aber da, nageln Sie mich nicht drauf fest, vielleicht entspannt es sich da ein bisschen. Aber das kann ich nicht sagen. Für die Kleinen, die noch ein wenig mehr Betreuung, diese kleinen Krippenplätze brauchen, da ist es auf jeden Fall ganz, ganz furchtbar.

"Ich habe keine Freunde, die auf meine Kinder aufpassen können"

Heinlein: Frau Böhm, ab dem Sommer sind ja Kitaplätze in Berlin kostenlos. Ist es da nicht in Ordnung, wenn man als Eltern, als Väter und Mütter dann ein wenig warten muss auf einen Kitaplatz und so lange dann ein wenig improvisiert mit Großeltern, Freunden oder Nachbarn?

Böhm: Wenn man Eltern hat und Freunde hat, die da auf die Kinder aufpassen können, na klar. Ich hab keine Freunde, die auf mein Kind aufpassen können. Die müssen alle arbeiten. Ich selbst muss auch, um meine Wohnung zu finanzieren, arbeiten, genauso wie mein Freund. Und dadurch, dass es ja den Rechtsanspruch ab einem Jahr gibt, finde ich das auch nur fair, dass man den dann auch geltend machen möchte.

Heinlein: Wären Sie als Mutter denn bereit zu zahlen, wieder Gebühren zu akzeptieren, wenn dann garantiert ist, dass man sofort in der näheren Umgebung einen Kitaplatz erhält?

Böhm: Das würde ich sofort machen. Ich würde sofort sagen, wir zahlen die gleiche Gebühr, die wir jetzt im Moment zahlen, wenn wir dafür sofort einen Kitaplatz haben. Selbstverständlich, natürlich.

Heinlein: Sind Sie allein mit dieser Auffassung, oder glauben Sie, dass die Mehrheit der Eltern im Nachhinein sagt, es war ein Fehler, diese Kitagebühren abzuschaffen, weil es dann eben an Kitaplätzen mangelt?

Böhm: Das kann ich Ihnen, ehrlich gesagt, nicht so sagen, oder ich kann da wirklich nur für mich persönlich sprechen, weil wir da jetzt keine Aussage von der ganzen Initiative Kitakrise treffen. Ich habe mit einigen gesprochen, die durchaus sagen, wir würden das gern wieder bezahlen, wenn es dann Kitaplätze für jeden gibt. Aber es wird sicherlich genauso gut die geben, die sagen, nein, ich kann mir das gar nicht leisten, und ich bin froh, dass es die Kosten nicht mehr gibt.

"Jeder hat das Recht, einfach wieder arbeiten zu gehen"

Heinlein: Nun kann man sagen, Frau Böhm, Eltern werden mit Kindergeld und Erziehungsgeld und jetzt eben auch kostenlosen Kitaplätze ohnehin gegenüber Alleinstehenden kräftig gefördert. Kann da nicht ein Elternteil erst einmal zu Hause bleiben und sich um die Kinder kümmern?

Böhm: Das ist bei vielen bestimmt möglich. Wenn Sie darauf hinaus wollen, dass die Frauen wieder zu Hause bleiben sollen und zurück an den Herd sollen, ist das definitiv was, was ich absolut nicht befürworte. Ich finde, jeder hat das Recht, einfach wieder arbeiten zu gehen, und vor allen Dingen auch zu dem Zeitpunkt, wann er oder sie das möchte. Das ist dann wirklich nun jetzt erst mal meine persönliche Auffassung, aber ich – ja, das ist schlicht und einfach meine Meinung. Ich glaube, das ist eine ganz persönliche Einschätzung von jedem. Und ich sehe das tatsächlich so, ich möchte gern wieder arbeiten, wann ich das möchte, und nicht, wenn jemand anderes es mir vorschreibt.

"Wir sind diejenigen, die diese Krise überhaupt jetzt benannt haben"

Heinlein: In Bayern gibt es ja dieses Betreuungsgeld, manche nennen es ja "Herdprämie", wenn ein Elternteil zu Hause bleibt und das Kind nicht in die Kita schickt. Ist das auch ein möglicher Lösungsansatz, um kurzfristig die Situation vielleicht bei Ihnen in Berlin auch zu verbessern, zu entspannen?

Böhm: Wir jetzt als Initiative Kitakrise, die jetzt nun diese Demo veranstaltet, sind auch gar nicht diejenigen, die da jetzt die Adressaten sind für die Lösungsvorschläge. Wir sehen uns ganz klar als diejenigen, die die Opfer dieser Krise sind. Wir sind diejenigen, die diese Krise überhaupt jetzt benannt haben und überhaupt jetzt so ein großes Interesse heraufbeschworen haben, und sind ganz froh darüber, dass überhaupt darüber gesprochen wird und dass diese Krise nun jetzt existiert. Aber wir haben gar nicht die Zeit zu sagen, das sind die Lösungsvorschläge, oder so und so sieht es in anderen Bundesländern aus, das könnte für Berlin auch funktionieren. Das wäre vermessen von uns, zu sagen, wir sind jetzt diejenigen, die die Lösungen haben. Das ist einfach nicht so.

Heinlein: Frau Böhm, wird die Kitakrise in Berlin kleingeredet und die Verantwortung zwischen den Parteien hin- und hergeschoben? Ist das Ihr Eindruck?

Böhm: Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube, mittlerweile kann sich kein Politiker mehr rausreden. Ich glaube, jetzt ist es ja gerade so, man sieht es ja auch in den Medien, jeder hat eine Meinung dazu zu der Kitakrise. Da wird sicherlich jetzt jeder mitreden wollen, und ich denke, da wird in der nächsten Zeit, oder wir hoffen zumindest, dass in der nächsten Zeit auch ganz viel passieren wird.

"Berlin fährt seit ein paar Jahren mit der Titanic"

Heinlein: Wer hat denn Schuld aus Ihrer Sicht an dieser Misere? Der rot-rot-grüne Senat nimmt da jetzt viel Geld in die Hand, um die Situation dann tatsächlich zu verbessern. Er hat angekündigt, 25.000 neue Plätze bis zum Jahr 2021.

Böhm: Wir begrüßen natürlich jede einzelne Aktion, neue Plätze zu schaffen auch für die Zukunft, das ist super. Das Ding ist für uns natürlich, uns muss jetzt geholfen werden. Wir sind die Mütter und Väter, die jetzt im Moment arbeitslos sind, und jetzt können teilweise die Mieten nicht bezahlt werden, und die Karrieren liegen auf Eis. Deshalb sind wir natürlich offen für ganz viele Vorschläge, aber letzten Endes können wir einfach nur hoffen, dass uns jetzt schneller geholfen wird als in den nächsten Jahren. Und wer jetzt schuldig ist – na ja, ich sage mal, Berlin fährt seit ein paar Jahren mit der Titanic, wir fahren alle mit. Vor ein paar Jahren haben wir den Eisberg gerammt, und wir wissen alle, oder die Politik weiß, dass es definitiv zu wenig Rettungsboote gab. Und in der Situation befinden wir uns gerade. Welche Person da der Adressat ist, kann ich Ihnen jetzt auch nicht sagen ehrlich gesagt. Das wollen wir auch gar nicht, wir wollen auch gar nicht mit dem Finger auf irgendwen zeigen. Uns ist ja auch bewusst, dass der Senat auch was tut. Wir sagen ja auch nicht, die Senatorin und ihr Stab macht nichts. Das wäre natürlich auch wieder vermessen. Aber wir sagen natürlich, es ist einfach nicht genug passiert. Und das ist für uns ganz wichtig.

"Wir habne keine Vorschläge. Das ist nicht unsere Aufgabe"

Heinlein: Was ist denn Ihr Vorschlag, der Vorschlag Ihrer Initiative, für eine kurzfristige Lösung des Problems?

Böhm: Wir haben keinen Vorschlag, ganz einfach. Wir haben keinen Vorschlag. Das ist nicht unser Job. Das ist auch nicht das, was wir leisten können. Hätten wir die Zeit und hätten wir das Know-how, dann würden wir das ja machen. Aber wir haben alle andere Jobs, wir haben alle unsere Kinder zu Hause. Wir organisieren diese Demo, und das kostet uns extrem viel Zeit und Nerven. Wir machen das unglaublich gern, wir sind sehr glücklich, dass wir das machen können.

Aber es einfach nicht machbar, sich da noch mit Details der Haushaltsplanung auseinanderzusetzen. Und außerdem, da muss man sich wirklich lange mit auseinandersetzen, da muss man ganz viele Gespräche führen, und das schafft man nicht innerhalb von vier Monaten.

Heinlein: Frau Böhm, eine Hauptursache für die Kitakrise sind ja die fehlenden Erzieherinnen und Erzieher. Wären Sie denn persönlich bereit, Ihr Kind auch von weniger qualifizierten Quereinsteigern betreuen zu lassen?

Böhm: Gute Frage. Habe ich mir ehrlich gesagt noch nie Gedanken drüber gemacht.

Heinlein: Das ist ein Vorschlag, den der Senat unter anderem macht.

Böhm: Genau. Ja, genau. Wir haben gestern auch eine große Diskussion gehabt darüber. Ich glaube, es kommt immer ein bisschen drauf an, was diese Person und was diese Leute für einen Hintergrund haben. Wenn das Leute sind, die diesen Job total gern machen möchten, dann bin ich absolut dafür. Ich hab tatsächlich einfach aufgrund der Zeit und aufgrund des Stresses ehrlich gesagt noch nicht wirklich drüber nachgedacht.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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