• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 10:05 Uhr Gottesdienst
StartseiteCampus & Karriere"Die Probleme sind andere geworden"04.01.2016

Inklusion Blinder und Sehbehinderter"Die Probleme sind andere geworden"

Wie inklusiv sind Studium und Beruf für blinde und sehbehinderte Menschen bald 200 Jahre nach Entwicklung der Blindenschrift? Vieles ist einfacher geworden, sagt Heinz Willi Bach vom Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf. Doch die Digitalisierung hat neue Probleme geschaffen.

Heinz Willi Bach im Gespräch mit Michael Böddeker

(DPA/Wolfgang Moucha)
Die Blindenschrift wurde 1825 von Louis Braille entwickelt (DPA/Wolfgang Moucha)
Mehr zum Thema

Sabriye Tenberken Warum empfinden Sie Ihre Blindheit als Geschenk?

Hilfen für Blinde Manuskript: Draht in eine dunkle Welt

MindTags Aufkleber mit Sensor bringt Dinge zum Sprechen

Welt-Braille-Tag Keine Sehkraft, aber fit am PC

Realität und Utopie Chancen und Grenzen der Inklusion auf dem Arbeitsmarkt

Farb-Unterstützung durch "Color Visor"

Michael Böddeker: Heute ist Weltbraille-Tag – die Brailleschrift kann man mit den Fingern ertasten, dadurch erleichtert sie vielen blinden und sehbehinderten Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und zum Beispiel auch am Studium. Wie gut das funktioniert, darüber spreche ich jetzt mit Heinz Willi Bach, er ist zweiter Vorsitzender des Deutschen Vereins der blinden und sehbehinderten Menschen in Studium und Beruf. Schönen guten Tag!

Heinz Willi Bach: Guten Tag, Herr Böddeker und schönen guten Tag, liebe Hörer des Deutschlandfunks!

Böddeker: Die Brailleschrift, die begegnet einem inzwischen ja auch immer öfter im Alltag, zum Beispiel an Geldautomaten, aber wie sieht es an den Hochschulen aus? Ist Studieren mittlerweile gut möglich, trotz Sehbehinderung oder Blindheit?

Bach: Ich will es mal so sagen: Es ist leichter möglich als vor 30 oder 40 Jahren, die Probleme sind andere geworden.

Böddeker: Wo liegen die Probleme denn?

"Im Nachhinein angleichen ist viel teurer"

Bach: Die Probleme liegen zum Teil in der Informationstechnologie. Blinde Menschen kommen mit IT, mit Internet und mit E-Mail und so weiter sehr gut zurecht, sind auch eine Hilfe, solange und sofern diese Einrichtungen barrierefrei gestaltet sind. Das sind sie aber in der Regel nicht. Zum Beispiel die Lernplattformen, die die Universitäten und die übrigen Hochschulen haben, die verwenden meistens "Ilias". In Teilen ist diese Lernplattform nicht zugänglich für blinde Menschen.

Böddeker: Das heißt, das müsste direkt in der Programmierung der Seiten und der Inhalte schon berücksichtigt werden?

Bach: Das wäre am besten. Man kann auch im Nachhinein reparieren und angleichen und so weiter, aber das ist in aller Regel sehr viel teurer, sehr viel aufwendiger und auch nicht so umfassend.

Böddeker: Abgesehen davon, dass die Seiten angepasst sein müssen, was brauchen Sie noch an technischen Hilfsmitteln, zum Beispiel, um diese Seiten eben lesen zu können?

Bach: Jeder blinde Mensch, der in einem qualifizierten Beruf tätig ist oder der auf einen qualifizierten Beruf hingeht, was diese Menschen alle benutzen, das ist ein normaler hochwertiger Computer, das ist in der Regel eine Sprachausgabe, und das ist eine Blindenschriftzeile, die den Bildschirminhalt zeilenweise für den blinden Menschen auch taktil lesbar macht.

Böddeker: Wie sieht es mit anderer Hilfe aus, zum Beispiel, brauchen Sie Begleitpersonen, um im Studienalltag zurecht zu kommen?

Bach: Solange die Welt nicht vollständig zugänglich und barrierefrei ist, sind blinde Menschen in der Ausbildung, im Studium, im Beruf wie auch in der Freizeit immer wieder auf Assistenzleistungen angewiesen. Das ist im Studium nach wie vor der Fall, machen wir es mal konkret: Klausuren werden zum Beispiel über eine Lernplattform elektronisch gestellt, oder Übungsklausuren. Wenn die nicht zugänglich sind, das ist oft der Fall für blinde Studierende, dann müssen die von Assistenten herausgefunden und dann mühselig umkopiert werden oder durch eine sogenannte elektronische Texterkennungssoftware geschickt werden, die auch fehleranfällig ist, und das macht eben dann große Mühe. Ich meine, das müssen wir uns sowieso vorstellen – wenn ein Mensch mit schwerwiegender Behinderung, wenn diese Menschen einen akademischen Abschluss erreichen, dann steckt dahinter doppelt oder dreimal so viel Aufwand wie dieselbe Examensnote bei einem nichtbehinderten Menschen.

Böddeker: Und was ist Ihre Erfahrung – bekommen blinde und sehbehinderte Menschen die Hilfen, die sie brauchen?

Bach: Das ist sehr unterschiedlich. Es ist besser geworden. Assistenzleistungen werden nach Gesichtspunkten der Eingliederungshilfe nach dem bisherigen Sozialhilferecht schon gewährt, allerdings setzt dies voraus, dass man mehr oder weniger mittellos ist. Also mehr als 2.600 Euro auf der hohen Kante dürfen diese jungen Menschen nicht besitzen.

Böddeker: Und so etwas wie Blindengeld, hilft das?

Bach: Ja, natürlich. Das ist eine pauschalierte Leistung, die gewährt wird, ohne, dass im Einzelnen nachgewiesen werden muss, wofür. Diese Gelder werden zum Teil für Vorlesedienste, für Assistenzleistungen, für Taxen und so weiter eingesetzt.

Böddeker: Wobei ja das Blindengeld auch je nach Bundesland unterschiedlich ausfällt und auch hier und da auch gekürzt worden ist. Macht sich das dann auch direkt im Alltag bemerkbar?

"Die Vermittlungs- und Beratungstechnologie müsste sich grundlegend ändern"

Bach: Ja, das ist sehr traurig. Ich glaube, die geringsten Blindengeldleistungen liegen bei knappen 300 Euro und die höchsten durchaus, als Blindenhilfe, bei ca. 650 Euro – das sind Unterschiede.

Böddeker: Wir haben bisher vor allem über das Studium gesprochen, aber lassen Sie uns zum Schluss auch noch kurz auf die Arbeitswelt blicken: Die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Verena Bentele, fordert hier ein Umdenken in den Unternehmen. Wie sieht es denn da aus, wie sind die Einstiegsmöglichkeiten in den Beruf für blinde oder sehbehinderte Menschen?

Bach: Ich will es mal so formulieren und auch nur ein exemplarisches Problem herausgreifen: Die Vermittlungs- und Beratungstechnologie müsste sich grundlegend ändern. Es führt nicht zum Erfolg, wenn man bei einer stellenorientierten Vermittlung auch behinderte oder schwerwiegend behinderte Menschen vorschlägt, die werden es nicht werden. Es ist vielmehr, denke ich, die Lösung, gezielt für blinde, gehörlose und anders scherwiegend behinderte Menschen mögliche Arbeitsplätze zu suchen, aufzufinden und diese Menschen dann dort zu platzieren. Die Leute sind ja nicht nur behindert in einer bestimmten Weise, sondern die haben auch Talente, die haben Stärken, die haben natürlich auch Schwächen, die haben Vorlieben und so weiter, und da den richtigen Arbeitsplatz zu finden, das macht die Menschen nicht nur selbstständig, sondern das macht auch allen Beteiligten Freude.

Böddeker: Sagt Hein Willi Bach vom Deutschen Verein der blinden und sehbehinderten Menschen in Studium und Beruf am heutigen Weltbraille-Tag. Vielen Dank für das Gespräch!

Bach: Danke ebenfalls!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk