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StartseiteBücher für junge LeserVom Gleichsein und Anderssein23.09.2017

Inklusion im Kinder- und JugendbuchVom Gleichsein und Anderssein

Ob körperlich, geistig oder seelisch andersartig: In der Kinder- und Jugendliteratur sind Akteure mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen längst Normalität geworden. Die Protagonisten werden in die gewohnten Erzählformen integriert - und doch bleibt immer noch die Dramatisierung ihrer Andersartigkeit.

Von Maria Riederer

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Jugendliche liest zuhause ein Buch.  (dpa / Sari Gustafsson)
Inklusionsgeschichten für junge Leser gibt es inzwischen viele. Doch auch bei besten Absichten geht mit dem Erzählen des Andersseins immer auch seine Dramatisierung einher. (dpa / Sari Gustafsson)
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Das Thema Inklusion ist seit einigen Jahren Dauerbrenner, wenn es darum geht, wie Kinder am besten zusammen leben und lernen. Die Vision lautet: Gemeinsam trotz aller Verschiedenheiten, ohne Ausgrenzung, mit Blick auf den Einzelnen. In der Umsetzung immer noch eine Utopie.

Was die Wirklichkeit noch nicht zustande bringt, ist in der Kinder- und Jugendliteratur längst angekommen. In den aktuellen Programmen deutschsprachiger Verlage findet sich einiges zu den Themen: körperliche oder geistige Beeinträchtigung oder auch seelische Andersartigkeit. Auch das Umfeld der betroffenen Protagonisten meldet sich in der Literatur mehr und mehr zu Wort.

"Daniel is different" - ein Gefangener seiner selbst

Dass jemand von der Norm abweicht, also anders ist, steht manchmal schon im Titel. So zum Beispiel: "Daniel is different", ein Jugendroman des Kanadiers Wesley King:

"Es war an einem Dienstag, als mir zum ersten Mal klar wurde, dass ich verrückt war. Naja, die Vermutung war mir schon früher gekommen, war ja unvermeidlich, aber ich hatte gehofft, es wäre nur eine Phase, so wie damals mit drei, als ich ein Feuerwehrauto sein wollte."

Im Grunde weiß Daniel schon lange, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Als Ich-Erzähler weiht er den Leser sofort in seine Störung ein - noch bevor er klar macht, warum nun ausgerechnet jener Dienstag schicksalhaft für ihn wurde. Zunächst ist es nämlich ein ganz normaler Dienstag, an dem Daniel das Datum für einen Test notieren möchte - den 19. Oktober:

"Als ich ansetzte, '19' zu schreiben, hielt mein Stift abrupt auf der Seite inne, mitten in der '1'. Und dann kamen sie. Ich nenne sie Zaps. Sie bewirken unterschiedliche Sachen, aber es gibt ein bestimmtes Schema, das folgendermaßen abläuft:
1. Schlechter Gedanke
2. Schreckliches Gefühl oder schreckliche Empfindung, ungefähr so, als wäre man gerade von einem Dementor angegriffen worden
3. Erkenntnis, dass man sterben oder verrückt werden oder nie wieder glücklich sein kann, wenn man nicht sofort etwas unternimmt"

Daniel verbirgt seine Zaps, so gut er kann. Ob er auf der Straße Rasenkanten meidet oder im Bad fünfhundert Zahnputzbewegungen absolviert - all das tut er in aller Stille, für sich allein. Daniel erträgt sein Anderssein, aber er erträgt nicht die Vorstellung, seine Familie oder seine Mitschüler und Freunde in die Welt der Ängste und Zwänge einzuweihen.

Daniel kommt klar - bis jemand seine Zwänge durchblickt

Der erwähnte Dienstag ist der Tag, an dem zum ersten Mal ein anderer Mensch in Daniels kranke Seele zu blicken scheint. Es ist Sara, ein Mädchen, das selbst nur mit Begleiterin am Unterricht teilnimmt und nie ein Wort sagt:

"Die anderen nannten sie Psycho-Sara, ich hatte sie jedoch nie etwas Verrücktes tun sehen. Sie wirkte bloß verstört. Ich konnte mit ihr mitfühlen. Manchmal war ich selbst ziemlich verstört. Als ich mit Max und Taj an Sara vorbeilief, passierte etwas Merkwürdiges. Sie drehte sich zu mir um, ihre trüben Augen wirkten plötzlich klar und scharf. 'Hallo Daniel', sagte sie."

"Daniel is different" erzählt von der Annäherung zweier Heranwachsender, die beide wissen, dass sie anders sind. Diese Annäherung vollzieht sich in einer Art Kriminalgeschichte, bei der sie beweisen, dass sie geistig ganz auf der Höhe sind. Obwohl Daniel sich mit Sara anfreundet und auch in seiner Peer-Group weiterhin gut angenommen ist, bleibt er durch das Verschweigen seiner Angstattacken die längste Zeit ein Gefangener seiner selbst. Einzige Mitwisser sind der Autor und der Leser, der genauestens eingeweiht wird, zum Beispiel in sein abendliches Ritual:

"1. Mit zehn Schritten von meinem Zimmer zum Badezimmer
2. Zähne mit zehn Vertikal- und fünf Horizontalbewegungen pro Seite putzen
3. Mit fünf Schritten zur Toilette gehen"

"Das war der Hirbel" - ein Extrem zum Aufrütteln

Der Leser steht als stiller Beobachter in der Tür, aber Daniel bleibt allein. Damit erinnert er an einen Klassiker der Literatur zum Thema Behinderung und Ausgrenzung aus dem Jahr 1973. In "Das war der Hirbel" erzählt Peter Härtling von einem kranken und geistig behinderten Jungen, den niemand versteht.

"Das Interessante ist dabei, dass dieser Hirbel dabei eigentlich nur einen einzigen Verbündeten hat, nämlich den Erzähler selbst - der auch auktorial erzählt, aber der natürlich seine 'Macht' verwendet, um dem Leser den Hirbel nahezubringen", sagt Gabriele von Glasenapp, Leiterin der Kölner Arbeitsstelle für Jugendmedienforschung. "Also die Menschen sagen - und der Erzähler sagt: Nein, so war es nicht, eigentlich ist der Hirbel ganz anders, eigentlich kann er nämlich das und das. Aber der Erzähler kann den Hirbel nicht retten."

"Niemand, Fräulein Maier nicht und die Direktorin nicht, wusste, was der Hirbel dachte und wer er eigentlich war", heißt es im Buch, "Im Grunde war er ein Fremdling. Er war krank, er konnte sich nicht ordentlich ausdrücken, er tat eine Menge Sachen, die alle durcheinander brachten oder aufregten."

So kommt es, dass er nach mehrmaligen Fluchtversuchen aus dem Heim von der Polizei aufgegriffen und in eine Klinik gebracht wird, wo sich seine Spur verliert. Die Erzählung endet mit einer Unbarmherzigkeit, die in moderneren Geschichten für Kinder zum Thema Behinderung nicht mehr vorkommt.

"Man muss natürlich sagen, dass Härtling auf ein Extrem gesetzt hat, das ist natürlich auch der Zeit geschuldet, er wollte das so ziemlich schonungslos mal den Lesern darbieten, und er bietet den Lesern natürlich nicht diese Entlastung, die letztendlich Max von der Grün den Lesern - aus gutem Grund auch - geboten hat.

"Vorstadtkrokodile" - Utopie gelungener Integration

Max von der Grün hat mit seinen bis heute viel gelesenen und mehrfach verfilmten "Vorstadtkrokodilen" drei Jahre nach dem "Hirbel" einen anderen Weg gewählt und damit seinerseits einen Meilenstein gesetzt. Sein Protagonist Kurt sitzt im Rollstuhl und ist auf die Hilfe anderer angewiesen. Kurts heller Kopf verschafft ihm den Respekt einer Kinderbande, die ihn am Ende sogar zu ihrem Anführer wählt. In den Folgefilmen, die den Roman nicht nur nacherzählen, sondern auch fortsetzen, gerät Kurt - der dann Kai heißt - sogar zum Helden mit magischem Rollstuhl.

Die "Vorstadtkrokodile" haben mit ihrer Utopie von gelungener Integration viele andere Werke nach sich gezogen. In den aktuellen Büchern über Behinderungen oder Einschränkungen gelingt es den zunächst außenstehenden jungen Helden fast immer, eine Tür zur Gemeinschaft zu öffnen, die zunächst verschlossen war.

"Die Texte sind visionärer, als es die Realität teilweise ist!, sagt Gabriele von Glasenapp. "Sie eilen der Realität voraus und zeigen - und das ist ja auch Aufgabe von Fiktion, wenn man von Aufgaben sprechen möchte, - wie es sein könnte."

Erweiterungsband von "Wunder" - erweiterte Perspektiven

"Okay, okay, okay. Ich bin nicht nett gewesen zu August Pullman! Große Sache. Davon geht echt nicht die Welt unter, Leute! Wir können uns jetzt auch mal wieder einkriegen, okay. Da draußen laufen Millionen von Menschen rum und da ist eben nicht jeder nett zu jedem. So ist das halt."

Auggie Pullman ist zurück. Vier Jahre nach dem Erscheinen von Raquel J. Palacios "Wunder" hat die amerikanische Autorin jetzt einen Erweiterungsband vorgelegt. Die Geschichte von Auggie, der von Geburt an ein schwer entstelltes Gesicht und damit verbunden auch gesundheitliche Probleme hat, wird in diesem neuen Buch nicht weitererzählt, sondern die Erzählperspektiven werden erweitert.

Im ersten Band kam zunächst Auggie, ein wacher und schlauer Junge, selbst zu Wort, dann seine Schwester und einige Freunde. Jetzt erhalten zwei weitere Freunde eine Stimme, und auch Augusts größter Widersacher, Julian. Julian kommt im ersten Band miserabel weg. Am Ende ist nicht mehr Auggie, sondern Julian der Außenseiter. Jetzt bekommt er die Möglichkeit, sich selbst zu äußern und die Rolle des Antagonisten abzustreifen:

"Nach dem ersten Blick den ich auf August geworfen hatte, wollte ich mir nur noch, naja, die Augen zuhalten und schreiend wegrennen. Ich weiß, das klingt fies, und das tut mir leid. Aber es ist die Wahrheit. Und jeder, der behauptet, ihm wär's beim ersten Blick auf Auggie Pullman anders gegangen, der ist nicht ehrlich."

"Es geht ja bei Inklusion im Allgemeinen auch um Fremdverstehen und Selbstverstehen."

Romanheld verhilft Menschen zu Selbstbewusstsein

Daniela Frickel und André Kagelmann vom Institut für deutsche Sprache und Literatur untersuchen Kinder- und Jugendbücher zum Thema Inklusion auch unter dem Gesichtspunkt der Didaktik:

"Dadurch, dass hier diese Perspektivenstruktur gewählt ist, dieses multiperspektivische Erzählen, ist es eben notwendig und möglich für die Leser, auch ihre eigene Position näher zu entwickeln und sich in die anderen Perspektiven hineinzuversetzen."

"Das wäre so eine klassische Aufgabenstellung, dass man sagen würde, naja, wir kennen jetzt eine Perspektive, schreib doch mal auf, wie aus der Sicht von der und der Person die Situation sich gestaltet hat. Man könnte sagen, dass dieses Buch so angelegt ist."

Raquel J. Palacio hat mit "Wunder" einen Welterfolg gelandet. Dass im zweiten Band ein bisschen zu dick aufgetragen wird mit den Hintergrundgeschichten der neuen Protagonisten, wird dem weiteren Erfolg des Titels keinen Abbruch tun. Auggie Pulman hat schon jetzt eine regelrechte Fangemeinde im Internet.

"I am Auggie Pullman" heißt ein Video auf Youtube, in dem Kinder und Jugendliche mit und ohne körperliche Behinderung ihre Solidarität zu dem Romanhelden äußern. So hat eine Fiktion für Kinder dazu beigetragen, dass echte Menschen aus dem Schatten heraustreten und sich selbstbewusst dem plötzlich gar nicht mehr so andersartigen Romanhelden anschließen. Sie zeigen das Gesicht, das Auggie zu Anfang des ersten Bandes mit wenigen Worten als unbeschreiblich bezeichnet hatte:

"Ich werde nicht beschreiben, wie ich aussehe. Was immer ihr euch vorstellt - es ist schlimmer."

"Eins" - Suche nach Normalität und Individualität

Freak, Monster, Mutanten - mit solchen Vokabeln müssen sich Romanhelden wie Auggie herumschlagen, die äußerlich aus der Norm fallen. Dazu gehören auch Grace und Tippi aus Sarah Crossans 2016 erschienenen Roman "Eins", der von der Jugendjury für den Kinder- und Jugendliteraturpreis 2017 nominiert wurde.

Grace und Tippi sind an der Hüfte verbundene Zwillinge und sehen sich - genauso wie August Pulmann - der Entscheidung der Eltern ausgesetzt, die Kinder nach langer Schonung nun doch in eine öffentliche Schule zu schicken und den Blicken der anderen auszusetzen. Während August die schwierige Reise in die Welt der sogenannten Normalen alleine antritt, sind Grace und Tippi naturgemäß zu zweit. Zumindest sind sie das auf den ersten Blick. Es gibt nur eine Ich-Erzählerin, Grace:

Während ich den letzten Rest meines Eises schlecke,
höre ich, wie jemand sagt:
"Ein siamesischer Zwilling zu sein, muss
das Schlimmste.
Überhaupt.
Sein."

Und niemand lacht,
denn es ist kein Scherz.
Es ist bloß sehr traurig gemeint und
sehr wahr.

Und doch
kann ich mir
hundert Dinge
vorstellen,
die schlimmer sind,
als Seite an Seite mit Tippi zu leben,
als in diesem Körper zu wohnen
und diejenige zu sein,
die ich schon immer war.

"Eins" ist in gewisser Weise eine Inklusionsgeschichte. Grace und Tippi müssen sich in der neuen Schule zurechtfinden, aber schon bald haben sie zwei enge Freunde gefunden, Yasmeen und Jon, ebenfalls Außenseiter, die mit den Zwillingen bald ein festes Team bilden. Die Literaturwissenschaftlerin Judith Leiß liest in diesem Buch, das in Versform geschrieben ist, aber zwei Geschichten:

"Ich muss sagen, als ich den Roman zum ersten Mal - ich hab den geschenkt bekommen, dann dachte ich, müssen das verbundene Zwillinge sein, ich weiß nicht, das schien mir so ein bisschen sensationslüstern auch, ich habe eine Weile gebraucht um zu verstehen, dass das natürlich das perfekte Figurenmerkmal ist, um sowohl Behinderung als auch diese Individuationsthematik zusammen und ineinander verschränkt zu verhandeln."

Grace träumt vom Alleinsein

"Tippi schnarcht
neben mir,
während der Wind draußen wirbelt und pfeift
und ich am liebsten aufstehen und nachschauen würde,
was vor sich geht, aber ich habe Angst, sie zu wecken.
Also bleibe ich ganz still liegen
und lausche
und versuche, mir vorzustellen, wie der
Hurrikan wohl ist
und wie es wäre,
aufzustehen und aus
unserem Schlafzimmerfenster zu schauen,
- ganz
allein. "

Judith Leiß: "Manchmal gibt es so eine Szene, wenn die beiden zu ihren Psychologinnen gehen, dann setzen sie sich jeweils die Kopfhörer auf, um nicht zu hören, was die andere - über sie wahrscheinlich - auch erzählt. Dieses Problem, für sich zu sein, was Eigenes zu haben, sich abzugrenzen gegenüber der Anderen. Und erst nachdem klar wird, möglicherweise wird sie die Schwester verlieren, wird ihr glaube ich auch deutlich, wie stark die Schwester eben Teil ihrer ganz individuellen Besonderheit ist."

Die Geschichte von Grace und der Suche nach Normalität und Individualität mündet in einer Tragödie. Plötzlich geht es nicht mehr um Behinderung oder Normalität, um eins oder zwei, sondern um Leben oder Tod. Sarah Crossan erzählt in eindrucksvoller Weise vom Dilemma zwischen Graces Wunsch nach Freiheit und Normalität auf der einen und der Liebe zu ihrer Schwester auf der anderen Seite. Hinter diesem Drama treten alle anderen Themen in den Hintergrund. Es geht um den Menschen in seiner Ganzheit.

Ich hatte mich lange Zeit vor der Welt versteckt
Ich bin ein Feigling gewesen.
Aber hier ist meine Geschichte.
Die Geschichte, wie es ist, zwei zu sein.
Die Geschichte, wie es ist, eins zu sein.

"Wunderland" - autobiografische Graphic Novel

Interessant wird es auch dann, wenn eine Inklusionsgeschichte nicht fiktiv, sondern real ist. Und wenn die körperliche Versehrtheit eines Kindes und Heranwachsenden nicht nur in der Vorstellung des Lesers sichtbar wird, sondern in konkreten Bildern. Beides ist der Fall in Tom Tiraboscos autobiografischer Graphic Novel "Wunderland". Der Schweizer Autor erzählt darin von seiner Kindheit und Jugend, von seiner Familie und seinem künstlerischen Werdegang. Eine zentrale Rolle spielt sein jüngerer Bruder Michel:

"Mein Bruder wurde mit zwei verkürzten Armen, ohne Hände und mit einem verkürzten Bein geboren, das dann auch noch amputiert wurde, damit er eine Prothese tragen konnte. Was den Charakter betraf, war Michel von Anfang an kämpferisch, lebendig und fröhlich - er war viel weniger verträumt und melancholisch als ich. Als Kind habe ich meinen Bruder idealisiert - er war mein Superheld. Obwohl ich älter war als er, war er mir ein Vorbild an Durchsetzungskraft und Kämpfernatur."

Tiraboscos Bilder zeigen Michel, wie er mit wild entschlossenem Blick durchs Leben zieht und sich von Hänseleien Gleichaltriger scheinbar nicht beirren lässt. Seine Armstumpen setzt er ebenso als Waffe ein wie seine Beinprothese. Er hat einen hellen Kopf, gewinnt Schachwettbewerbe und spielt wunderschön Panflöte. Aber es gibt auch die andere Seite:

"Er hat sich einen Panzer zugelegt, um die Blicke der anderen auszuhalten. Bis heute hasst er es, wenn die Leute bei seinem Anblick weinerlich werden und ihn bemitleiden. Dabei litt er jeden Tag, er hatte Schmerzen und war traurig, weil er eben nicht so war wie alle anderen."

Auf einer Zeichnung steht Michel als Heiliger Sebastian, fast nackt, gefesselt an eine Märtyrer-Säule, durchbohrt von Pfeilen, die er sich mit den Zähnen aus dem eigenen Fleisch zieht. Die Menschen jubeln ihm zu:

"Diese Zeichnungen empfand Michel zunächst als zu hart. Er wollte nicht, dass man ihn so sah, mit drei verstümmelten Gliedmaßen. Heute steht er als Musiker auf der Bühne, und die meisten Leute wissen nicht, dass er eine Beinprothese trägt. Und dann komme ich und setze seinen versehrten Körper mit meinen Bildern derart ins Scheinwerferlicht - damit hatte er Probleme. Es ist bei diesem Genre eine echte Herausforderung, die Wahrheit zu zeichnen, ohne Persönlichkeiten zu verletzen."

Deshalb lässt Tirabasco am Ende des Buches seinen nunmehr erwachsenen Bruder Michel selbst zu Wort kommen. Ein wichtiger Perspektivwechsel, denn hier zeigt sich besonders deutlich, dass der Autor und Illustrator das Thema "Behinderung" durch seine eigenen Schwächen hindurch reflektiert und den behinderten Bruder dadurch stärker gemacht hat als dieser sich tatsächlich fühlte:

"Diese letzten Seiten waren mir wichtig. Denn dieses Gespräch war für mich eine Entdeckung: Dass er mich in der gleichen Weise idealisiert hat wie ich ihn."

"Struwwelpeter" - düstere Ironie

Michel Tirabosco, die Zwillinge Grace und Tippi, August Pulmann - sie alle müssen mit der äußeren Andersartigkeit leben, aber sie müssen sich nicht dafür rechtfertigen. Sie können nichts dafür - daran gibt es keinen Zweifel. Bei Buchhelden mit geistigen oder seelischen Beeinträchtigungen ist das häufig anders. Oft wird ihre Veranlagung nicht erkannt, sie passen nicht in das Raster und werden dafür gestraft. Das hat eine lange Tradition. Schon im Struwwelpeter finden alle Kinder, die aus der Reihe tanzen, ein schlimmes Ende:

"Ob der Philipp heute still / wohl bei Tische sitzen will?"
Also sprach in ernstem Ton / der Papa zu seinem Sohn,
und die Mutter blickte stumm / auf dem ganzen Tisch herum.
Doch der Philipp hörte nicht, / was zu ihm der Vater spricht.
Er gaukelt / und schaukelt / er trappelt / und zappelt
auf dem Stuhle hin und her.
"Philipp, das mißfällt mir sehr!"

Maria Linsmann-Dege, leitende Kuratorin am Troisdorfer Bilderbuchmuseum:

"Das ist ja auch diese These, die immer wieder vertreten wurde, dass Hoffmann im Struwwelpeter verschiedene Behinderungsformen thematisiert hat, zum Beispiel Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom beim Zappelphilipp und beim Hans-guck-in-die-Luft, das ist eher so die verträumte Variante. Und eben Anorexia nervosa bei dem Suppenkasper. Oder betont aggressives Verhalten beim bösen Friedrich.

André Kagelmann will den Struwwelpeter aber auf keinen Fall als relevant für die heutige Inklusionsdebatte verstanden wissen.

"Wenn Sie sich die Art der Strafen anschauen, dann ist ja klar, dass er das gar nicht ernst meint, deshalb wollen die Kinder diese Geschichten hören, weil sie wissen, das ist nicht ernstzunehmen letztendlich."

Mit Philipp, Hans, Friedrich und ihren Leidensgenossen endet es jedenfalls böse. Sie werden für ihr abweichendes Verhalten bestraft.

"Weil das nicht als Schicksal verstanden wird, sondern weil das als Eigenkonstrukt der Kinder verstanden wird - das ADHS Kind könnte sich zusammenreißen, das magersüchtige Kind könnte was essen, man muss nicht mit den Streichhölzern spielen."

Die düstere Ironie, mit der der Psychiater Heinrich Hoffmann 1844 den Struwwelpeter schrieb, hat im heutigen Kinder- und Jugendbuch keinen Platz mehr. Ziel ist es jetzt, den Protagonisten einen Weg in die Gemeinschaft zu bahnen - und der Gemeinschaft das Innenleben des Helden nahezubringen. Die Palette der Beeinträchtigungen oder speziellen Begabungen wird dabei immer größer. "Vom Autismus ist die Rede und vom Asperger Syndrom ist die Rede und vom Downsyndrom ist die Rede - das heißt, die ganze Bandbreite der Beeinträchtigungen wird in den Kinderromanen in den Bilderbüchern abgebildet, aufgegriffen, kann man sagen."

"Tagebuch eines Möchtegernversagers" - Hochbegabung als erlebte Behinderung

Auch die Hochbegabung, das Zuviel an Wissen und Können, wird von manchen Kindern als Behinderung erlebt und in der Kinderliteratur entsprechend thematisiert:

"Ich will darüber schreiben, warum ich ein Versager werde. Ich mag das Wort "Versager" nicht, aber alle gebrauchen es. Bis zum heutigen Tag war ich das genaue Gegenteil. Die Art Schüler, dem die anderen - vor allem meine große Schwester - am liebsten eine reinhauen würden. Ein Notendurchschnitt von 1,1. Nicht 1,0, damit man mir nicht wirklich eine reinhaut."

Katharina Farkas von der Pädagogischen Hochschule Zug hat sich mit dem Thema Hochbegabung im Kinder- und Jugendbuch beschäftigt und auch das "Tagebuch eines Möchtegernversagers" des französischen Autors Luc Blanvillain gelesen. Nils will einfach nur normal sein.

"Er hat eben auch diese Situation, dass er sehr viel kann und sehr gut ist und seine Eltern das auch sehr toll finden, und er entscheidet sich dann, eine Null zu werden - auf Französisch kann man sehr gut sagen "un nul" - und er wird dann ein Anfänger, also "un nul débutant", er möchte dann einer sein, der nichts kann, und dafür entscheidet er sich."

Nils benutzt seine bei einem Schulwechsel vorgetäuschte Minderbegabung nicht nur als Eintrittskarte zur Gemeinschaft der normalen Schüler, sondern auch als Vorwand, sich der schönen Mona zu nähern. Dass auch Mona einen winzigen Mangel hat, überrascht nicht.

Sie hinkt. Ihr Hinken hat mich sofort neugierig gemacht, und weil ich durch ihr geheimnisvolles Gesicht abgelenkt war, habe ich mich voll in die Nesseln gesetzt.
"Was hast du für eine Behinderung"rutschte es mir heraus. Ich hielt sofort nach einer Mauer Ausschau, um meinen Kopf dagegen zu knallen.
Zum Glück antwortete Mona: "Und du?"
Ich wurde rot. "Ich? Ich bin ein Versager."

Natürlich verheddert sich Nils, bei aller Hochbegabung, in seinem eigenen Konstrukt. Natürlich gewinnt er Mona für sich, natürlich ist er am Ende wunschgemäß Teil der Klassengemeinschaft. Das alles ist unterhaltend, aber wenig überraschend. Wie weit entfernt scheinen hiervon Peter Härtlings Hirbel oder Max von der Grüns Kurt von den Vorstadtkrokodilen - vielleicht die ersten wirklichen Inklusions- bzw. Exklusionsgeschichten für junge Leser.

Integriert - aber trotzdem als andersartig dramatisiert

In der Kinder- und Jugendliteratur sind Akteure mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen längst Normalität geworden und Teil von mehr oder weniger gelungenen Schul-, Detektiv- Abenteuer- oder Liebesgeschichten.

Alles gut? Keineswegs. Auch wenn die Protagonisten noch so gut in die gewohnten Erzählformen integriert werden - die Dramatisierung ihrer Andersartigkeit bleibt doch nicht aus. Inklusion ist möglich, aber der Wunsch der Betroffenen nach wirklicher Normalität bleibt in der Literatur - wie im Leben - unerfüllt.

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