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StartseiteCampus & Karriere"Im Moment herrscht eine ganz große Sorge"29.06.2017

Inklusions-Initiative"Im Moment herrscht eine ganz große Sorge"

Noch vor den Sommerferien soll in NRW die Auflösung von Förderschulen für behinderte Kinder gestoppt werden. Die Rückkehr zum Förderschul-System wäre ein fatales Signal für den Bund, sagte Eva-Maria Thoms von der Initiative mittendrin e.V. im Dlf.

Eva Thoms im Gespräch mit Kate Maleike

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Ein Rollstuhl steht am 09.10.2014 in Stuttgart (Baden-Württemberg) im Klassenzimmer einer Gemeinschaftsschule.  (dpa / Inga Kjer)
Inklusionsschulen sind "nicht nur eine Chance für Kinder mit Behinderung, sondern auch für Kinder ohne Behinderung", meint Eva Thoms von der Initiative mittendrin e.V. (dpa / Inga Kjer)
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Kate Maleike: Auch in der Schulpolitik soll sich in NRW einiges verändern. Denn die hatte maßgeblich ja zur Abwahl von Rot-Grün beigetragen. Das Turbo-Abi wird zum Beispiel abgeschafft und auch beim Thema Inklusion hat die neue Landesregierung eine andere Vorstellung als die alte. Noch vor den Sommerferien - und das ist ja schon in gut zwei Wochen - soll die Auflösung von Förderschulen für behinderte Kinder gestoppt werden. Viele von diesen Schulen waren ja in den letzten Jahren zugunsten des gemeinsamen Unterrichts von Schülern mit und ohne Behinderung aufgelöst worden, das wiederum war bei vielen Eltern und Lehrkräften aber auf Kritik gestoßen. Die bundesweite Initiative mittendrin e.V. engagiert sich seit vielen Jahren für eine Schule für alle. Frage also an Eva-Maria Thoms von der Initiative: Was bedeutet denn jetzt diese Entscheidung der neuen Landesregierung für die Inklusion in Nordrhein-Westfalen?

Eva-Maria Thoms: Das kann man noch nicht wirklich sagen. Es ist ja auch noch nicht wirklich verkündet worden, wie die Landesregierung da jetzt vorgehen will. Bis vor wenigen Tagen hat der neue Ministerpräsident ja noch verkündet, dass keine Sonderschule mehr geschlossen würde, auch diejenigen nicht, für die es eigentlich schon Schließungsbeschlüsse gibt. Und gestern habe ich eine Meldung gelesen, dass er möglichst alle erhalten möchte. Möglichst alle, also, das hört sich dann schon mal ein bisschen anders an. Ich habe den Eindruck, er hat inzwischen mal nachgesehen, um welche Schulen es sich dabei handelt, und festgestellt, dass da zum Teil Schulen dabei sind, die nur noch 6 oder 11 oder 14 oder 25 Schüler haben, und da fehlt ihm offenbar selbst der Glaube, dass es sinnvoll ist, die noch aufrechtzuerhalten.

"Ein politisches Signal, das wir für falsch halten"

Maleike: Trotzdem bedeutet diese Entscheidung der neuen Landesregierung ja eigentlich eine Umkehr von der bisherigen Politik. Das heißt, die Förderschulen werden weiter als Parallelsystem beibehalten. Das kann nicht in Ihrem Interesse sein!

Thoms: Im Moment ist es in erster Linie ein politisches Signal, und zwar eins, das wir für falsch halten. Das hat damit zu tun, dass das Thema Inklusion im Wahlkampf ja sehr kontrovers und zum Teil auch sehr polemisch gehandhabt worden ist, sodass hier in Nordrhein-Westfalen sich auch eine Stimmung breitgemacht hat, dass das mit der Inklusion jetzt irgendwie vorbei wäre. Und ich glaube, dass die neue Landesregierung das so gar nicht meint. Also, sowohl der neue Ministerpräsident als auch die neue Schulministerin haben sich seit Jahren für inklusive Bildung ausgesprochen und ich glaube, ganz, ganz wichtig wäre jetzt, dass sie möglichst schnell deutlich aussprechen, deutlich kommunizieren, dass sie die Inklusion an den Schulen in Nordrhein-Westfalen auch weiterentwickeln wollen.

Maleike: Jetzt ist die Tatsache, dass Nordrhein-Westfalen vielleicht über ein Scheitern der Inklusion debattiert - Sie sagten, dieses Signal sei im Wahlkampf deutlich gegeben worden -, ja keins, was nur aus Nordrhein-Westfalen kommt. Wir haben seit einigen Monaten Befragungen auf dem Tisch, die auch für andere Bundesländer sagen, dass vor allem die Lehrer sagen, die Inklusion ist ein guter Gedanke, aber wir kriegen das nicht umgesetzt, weil wir zu wenig Personal haben, weil wir zu wenig Sachkenntnis haben und weil wir auch zu wenig Räumlichkeiten und Unterstützung haben. Was heißt denn dann jetzt der "roll-back" sozusagen in Nordrhein-Westfalen bundesweit?

Thoms: Ja, falls es einen roll-back in Nordrhein-Westfalen geben würde, wäre das natürlich auch ein fatales Signal für den Bund. Aber ich gehe eigentlich nicht davon aus. Weil, es ist ein Menschenrecht, es wird umgesetzt werden müssen und das Einzige, was man aus den Klagen der Lehrer schließen kann, ist, dass eben mehr getan werden muss, um die Schulen entsprechend auszustatten und um die Lehrer fortzubilden. Es gibt nicht die Alternative, mit der Inklusion wieder aufzuhören.

"Im Moment herrscht eine ganz große Sorge"

Maleike: Was sagen denn Ihre Mitglieder bei mittendrin e.V.? Wie fällt da im Moment das Urteil aus?

Thoms: Ja, im Moment herrscht eine ganz große Sorge, weil wir ja auch in unserem Umfeld und über die veröffentlichte Meinung mitbekommen, dass die Stimmung so ist. Aber wir sind der ganz tiefen Überzeugung, dass das, sagen wir mal, eine ganz typische Delle ist, die sich immer einstellt, wenn Menschenrechte verwirklicht werden sollen. In dem Moment, wo es ernst wird, regt sich Widerstand, dann wird es erst mal schwierig, aber ich denke mir: Da es um ein Menschenrecht geht und wir eine demokratische Gesellschaft sind, wird sich das auch wieder zurechtrütteln und wir werden weiter daran arbeiten, das inklusive Bildungssystem aufzubauen.

Maleike: Ist es denn so, dass die Eltern von Kindern mit Behinderung tatsächlich immer sagen, wir wollen auf eine Regelschule?

Thoms: Das ist unterschiedlich. Also, es gibt ganz viele, die ihre Kinder auf einer inklusiven Schule haben wollen, es gibt andere, die der Angelegenheit noch nicht so ganz trauen. Im Prinzip wünschen sich alle Eltern von Kindern mit Behinderung, dass ihre Kinder in der Mitte der Gesellschaft leben können, und zwar auch in der Schule. Natürlich müssen sie sich in der Schule auch willkommen fühlen und die Schüler müssen auch ordentlich unterrichtet werden, das ist der Unterschied. Dann gibt es Eltern, die haben ein Vertrauen, dass es klappt, weil sie es vielleicht auch an guten Beispielen sehen, oder sie haben ein Vertrauen, dass sie in der Lage sein werden, da an der Schule auch mitzuwirken, dass es klappt. Und es gibt andere Eltern, die sehen das eher pessimistisch oder haben auch schlechte Erfahrungen gemacht oder von schlechten Erfahrungen gehört oder werden entsprechend beraten, und die sagen im Moment noch: "Nee, ich möchte für mein Kind lieber die Sonderschule".

"Nicht nur eine Chance für Kinder mit Behinderung"

Maleike: Was, sagen Sie denn, müsste jetzt eigentlich passieren, damit diese - ich sage jetzt mal - schlechte Stimmung oder umkippende Stimmung beim Thema Inklusion in Deutschland sich wieder verändert? Also, wenn Sie sagen, die Schulen brauchen Verstärkung, was meinen Sie damit genau?

Thoms: Es ist die Verantwortung der Politik erstens zu sagen, dass wir inklusive Bildung wollen, zweitens zu sagen, dass inklusive Bildung keine Last ist, sondern eine ganz großartige Chance für unsere Schulen, dass nämlich alle Kinder sich dort wohlfühlen können und alle Kinder dort entsprechend gefördert werden können. Es ist eben nicht nur eine Chance für Kinder mit Behinderung, sondern auch für Kinder ohne Behinderung, dass ein Zusammenleben möglich ist und schon von Kindheit an gelebt werden kann. Was die Regierungen jetzt natürlich tun müssten, außer sich engagiert zu bekennen, ist ordentliche Pläne aufstellen, in welchen Schritten sie das verwirklichen wollen. Und damit meine ich nicht zeitliche Schritte, weil, Zeit ist genug vergangen, sondern ich meine konkrete Maßnahmen. Wenn zu wenige Lehrer da sind, dann muss dafür gesorgt werden, dass mehr Lehrer ins Schulsystem kommen. Wenn die Schulen nicht darauf vorbereitet sind, dann muss man sie sukzessive darauf vorbereiten und auch sukzessive Barrierefreiheit herstellen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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