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StartseiteInterviewInnenansichten einer Besatzungsarmee14.09.2012

Innenansichten einer Besatzungsarmee

Israelische Soldaten sprechen über ihren Dienst in den Palästinensergebieten

"Breaking the Silence" ist ein Zusammenschluss ehemaliger israelischer Soldaten, die über die Vorgänge und Praktiken der Armee in den besetzten Gebieten berichten. Denn die Lebensumstände der Palästinenser und das Vorgehen der Armee seien in Israel weitgehend unbekannt, sagt Dana Golan, Geschäftsführerin der Organisation.

Dana Golan im Gespräch mit Christoph Heinemann

Israelische Soldaten patrouillieren durch Hebron. (AP Archiv)
Israelische Soldaten patrouillieren durch Hebron. (AP Archiv)

Christoph Heinemann: "Breaking the silence", das Schweigen brechen ist der englischsprachige Name einer israelischen Nicht-Regierungsorganisation. 2004 wurde sie von ehemaligen israelischen Soldaten gegründet, und die haben Aussagen von Kameradinnen und Kameraden gesammelt, die im Gaza und im Westjordanland gedient und in einigen Fällen gewütet haben. Denn dieses Buch beschreibt die Zügellosigkeit und die Verrohung von Soldaten, wie sie zu allen Zeiten in allen Kriegen stattgefunden hat. Ein Beispiel aus Nablus aus dem Jahr 2002:

"Wir haben ein wichtiges Haus eingenommen, dort Stellung bezogen, und einer der Scharfschützen hat auf einem Dach, zwei Dächer entfernt, einen Mann ausgemacht. Ich vermute, er war zwischen 50 und 70 Meter entfernt, unbewaffnet. Ich habe den Mann durch das Nachtsichtgerät gesehen, er war unbewaffnet, es war zwei Uhr früh. Ein unbewaffneter Mann lief auf dem Dach herum, er lief einfach nur herum. Wir haben es dem Kompaniechef gemeldet. Der Kompaniechef hat gesagt, erschießen Sie ihn. Der Scharfschütze hat geschossen, er hat ihn erschossen. Der Kompaniechef hat entschieden, hat über Funk ein Todesurteil gegen diesen Mann erlassen, gegen einen unbewaffneten Mann."

Heinemann: Heute erscheint im Handel die deutsche Fassung des Buches mit 146 Zeugenaussagen, veröffentlicht in Form von Interviews. Der Titel des Buches ist derjenige der Organisation, also "Breaking the silence", und über diese Organisation schreibt im Vorwort Avi Primor, der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland:

"Diese jungen Leute wollen niemanden verleumden, sie wiederholen keinen Tratsch und Klatsch, sie verbreiten keine Gerüchte. Sie erzählen nur das, was sie selbst gesehen haben, und sogar, was sie selbst getan haben."

Geschäftsführerin von "Breaking the silence" ist Dana Golan. Sie war während ihres Militärdienstes in Hebron stationiert. Dort leben rund 500 Israelis unter 160.000 Palästinensern und sie werden von rund 2000 Soldaten bewacht. Ich habe Dana Golan vor dieser Sendung gefragt, welche ihre wichtigste Erfahrung in Hebron war.

Dana Golan: Die wichtigste Erfahrung war für mich, Palästinenser zu sehen und zu sehen, wie sie leben, zu sehen, wie Leute im Alter meiner Eltern und Großeltern verhaftet werden, wie Menschen unter der Gewalt von Soldaten leiden, die Suche nach Waffen, wenn man mitten in der Nacht in palästinensische Häuser hineingeht und Frauen auszieht. Ich musste Frauen daraufhin untersuchen, ob sie irgendetwas versteckt hatten. Das habe ich dort erstmals mitbekommen.

Wenn man in Israel aufwächst, sieht man keine Palästinenser – es sei denn, man lebt in den Siedlungen. Keiner weiß, wie sie leben. Als ich nach Hebron kam, habe ich die Palästinenser nicht gehasst, ich hatte nur große Angst vor ihnen. Auf einmal zu sehen, dass man selbst nicht allein Opfer ist, das hat mein Weltbild ins Wanken gebracht.

Heinemann: Gibt es in Israel nicht den Wunsch, mit der Politik in den palästinensischen Gebieten konfrontiert zu werden?

Golan: Die israelische Gesellschaft gilt als sehr militant, aber weniger als zehn Prozent der Bevölkerung geht zum Einsatz in die palästinensischen Gebiete. Als ich vom Dienst dort nach Hause zurückkehrte, wussten die meisten Leute in meiner Umgebung nicht, worüber ich redete und welche Erfahrungen ich gemacht hatte. Die Leute wollen nichts wissen und man weiß immer, dass man alles Mögliche mit der Sicherheitslage rechtfertigen kann. Keiner muss sich mit den Zuständen befassen.

Heinemann: Die Leute wollen das nicht wissen?

Golan: Sie wollen das nicht wissen, und ich muss sogar sagen, dass, als ich mit meinen Erfahrungen heimkehrte, ich nicht das Gefühl hatte, dass ich die mit jemandem teilen konnte.

Heinemann: Was hat Sie dazu gebracht, der Organisation "Breaking the silence" beizutreten?

Golan: Ich habe den Militärdienst 2004 beendet und bin 2008 erstmals nach Hebron zurückgekehrt, auf einer Tour mit "Breaking the silence". Als ich durch die Straßen von Hebron lief, die ich wiedererkannte, fielen mir viele Dinge aus der Zeit meines Dienstes ein. Selbst ein offener und ehrlicher Mensch wie ich sprach mit niemandem über diese Erfahrungen. Und als ich die Reaktionen um mich herum sah, wusste ich, dass in dem Augenblick, in dem ich mich an das alles wieder erinnert habe, es für mich keinen anderen Weg geben würde, als die Wahrheit auszusprechen.

Heinemann: "Informationen am Morgen" im Deutschlandfunk, ein Gespräch mit Dana Golan, der Geschäftsführerin der Organisation "Breaking the silence". Unter diesem Titel erscheint heute in Deutschland ein Buch über Berichte israelischer Soldaten in den palästinensischen Gebieten. War es für Sie und für die Soldaten, die Sie interviewt haben, schwer, das Schweigen zu brechen?

Golan: Es war sehr schwierig. Die Armee gehört in der israelischen Gesellschaft zu den Heiligtümern. Niemand stellt sie in Frage und niemand stellt Fragen. Die Armee sichert unser Leben in Israel und sorgt dafür, dass es einen israelischen und jüdischen Staat gibt. Auf unsere Arbeit gibt es in Israel unterschiedliche Reaktionen. Einige unterstützen sie, aber den meisten Menschen fällt es ausgesprochen schwer, etwas, was die Armee tut, zu hinterfragen.

Wir veröffentlichen auch nicht nur Grausamkeiten; wir sprechen über die Checkpoints. Während wir jetzt sprechen, sind im gesamten Westjordanland Patrouillen unterwegs. "Lasst sie unsere Gegenwart spüren", heißt es in der Armee. Die Palästinenser sollen immerzu wissen, dass die israelische Armee anwesend ist.

Heinemann: Wie haben Sie die Aussagen und die Interviews überprüft?

Golan: Wir machen Gegenproben und gleichen ab die Identität der Person – Israel ist ein kleines Land. Die Leute, die interviewt werden, sind ehemalige Soldaten. Man bekommt heraus, ob jemand in den palästinensischen Gebieten im Einsatz war oder nicht. Wenn wir auf ungewöhnliche Aussagen treffen, dann veröffentlichen wir sie nur, wenn sie von zwei Augenzeugen unabhängig voneinander bestätigt werden. Viele Geschichten haben wir noch nicht veröffentlicht und warten auf eine Überprüfung.

Heinemann: Wie reagiert die israelische Regierung?

Golan: Als 2004 die Fotoausstellung, die zur Etablierung der Organisation "Breaking the silence" führte, gezeigt wurde, war es für die Behörden noch einfacher, uns wohlgesonnen zu sein. Die erste Ausstellung wurde sogar in der Knesset in Jerusalem gezeigt. Heute lässt die Regierung keine Gelegenheit aus, damit wir Personal abbauen müssen. Sie versuchen, unsere Spenden zu unterbinden, und Außenminister Avigdor Lieberman hat uns in den Medien als Terrorhelfer bezeichnet.

Heinemann: Fürchten Sie nicht, dass die Informationen, die Sie verbreiten, von Antisemiten oder solchen Leuten missbraucht werden können, die grundsätzlich gegen Israel eingestellt sind?

Golan: Natürlich befürchte ich das, aber Antisemiten, die Israel kritisieren, brauchen mich nicht. Es besteht ein großer Unterschied zwischen der Kritik an der Politik Israels und anderen Dingen.

Heinemann: Sie veröffentlichen diese Informationen jetzt in Deutschland. Wie sollte die deutsche Regierung damit umgehen?

Golan: Gerade weil die Freundschaft und die Kontakte zwischen Israel und Deutschland so eng sind: Ich möchte, dass mein bester Freund mir sagt, wenn ich etwas falsch mache. Ich möchte, dass er mich in die Ecke zieht und mir sagt, was machst du da, und es wäre gut, wenn Politiker dasselbe in Israel täten, die Wirklichkeit wahrnehmen und sie bedenken, wenn über politische Lösungen diskutiert wird. Ich möchte, dass sie gute Freunde Israels sind und meinem Land und meiner Regierung sagen, seit 45 Jahren macht ihr da etwas falsches. Die militärische Besatzung ist kein historisches Ereignis, sondern ein bis heute andauerndes System.

Heinemann: Dana Golan, die Geschäftsführerin der Organisation "Breaking the silence". Unter diesem Titel erscheint heute ein Buch über die Berichte israelischer Soldaten in den palästinensischen Gebieten. Und in Berlin ist im Willy-Brandt-Haus von heute an bis zum 29. September eine Fotoausstellung mit Zeugnissen der Besatzung zu sehen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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