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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Alles zählen, was da krabbelt und fliegt"16.04.2018

Insekten in Deutschland"Alles zählen, was da krabbelt und fliegt"

Um Fakten zum Ausmaß des Insektensterbens in Deutschland zu bekommen, will der Naturschutzbund NABU in diesem Sommer zweimal alle Insekten von Bürgern zählen lassen. Dass so etwas bundesweit und artenübergreifend geschehe, sei das erste Mal, sagte NABU-Expertin Daniela Franzisi im Dlf.

Daniela Franzisi im Gespräch mit Georg Ehring

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Bienen kehren zu ihrem Stock auf dem Lohrberg im Nordosten von Frankfurt am Main zurück.  (dpa / Frank Rumpenhorst)
Bienen kehren zu ihrem Stock auf dem Lohrberg im Nordosten von Frankfurt am Main zurück. (dpa / Frank Rumpenhorst)
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Georg Ehring: Pestizide und die intensive Landwirtschaft gelten auch als eine der Ursachen für den Rückgang vieler Insektenarten. Um bis zu drei Viertel sind die Zahlen in den vergangenen Jahrzehnten zurückgegangen. Autofahrer merken das vielleicht auch daran, dass weniger Insekten auf die Windschutzscheibe aufprallen als früher. Der Rückgang der Insekten bewegt auch den Naturschutzbund NABU, er will gesicherte Daten beschaffen und ruft zu einer deutschlandweiten Insektenzählaktion auf. Am Telefon begrüße ich Daniela Franzisi, Insektenexpertin beim NABU. Guten Tag, Frau Franzisi!

Daniela Franzisi: Guten Tag, hallo!

Ehring: Ja, Frau Franzisi, teilen Sie denn die Ansicht, dass die intensive Landwirtschaft eine der wichtigsten Ursachen für das Insektensterben ist, oder gibt es da auch noch andere Faktoren aus Ihrer Sicht?

"Monokulturen sind wie eine Agrarwüste" 

Franzisi: Das ist auf jeden Fall ein sehr großer Grund, warum auch das Insektensterben eben besteht. Also da auch noch mal von unserer Seite, Glyphosat bezeichnen wir ja eigentlich auch als Totalherbizid, weil dadurch ja auch sämtliche Ackerbeikräuter auf so einem Feld vernichtet werden. Das sind zum Beispiel wichtige Nahrungsquellen, die dann Insekten genommen werden. Auch das Thema Neonicotinoide beschäftigt uns stark, weil man weiß, dass Insekten dadurch auch eine verminderte Orientierungs- oder eine verminderte Fortpflanzungsfähigkeit haben. Das sind wichtige Faktoren, wo man gegensteuern sollte.

Ein Aspekt ist aber zum Beispiel bei der intensiven Landwirtschaft auch die starken Monokulturen, das muss man sagen. Wenn man ein Feld hat mit einer Pflanze, das ist für Insekten irgendwo auch eine gewisse Agrarwüste in dem Sinne, dass, auch wenn das Insekt zum Beispiel diese Pflanze mag, sonst nichts anderes auf dem Speiseplan stehen kann. Das kann man sich als Mensch vielleicht auch noch vorstellen, das ist auch nicht so schön, wenn man nur ein und dasselbe jeden Tag hätte zum Essen. Und es gibt auch viele weitere Aspekte natürlich. Da kommt auch ins Spiel, dass es große Flächenversiegelungen gibt, also wenn man eigentlich auch als Insekt keinen Zugang mehr hat zu einem normalen Boden, weil der einfach verschlossen ist – ob das durch Teer ist oder durch große Flächen, die einfach zugepflastert sind. Auch das sind Aspekte, die da mit reinspielen. Also es gibt ganz unterschiedliche Gründe.

Ehring: Sie wollen aber jetzt genaue Daten mithilfe der Bürger beschaffen – wie soll das gehen?

"Jedes Insekt hat sechs Beine"

Franzisi: Genau. Also wir rufen das erste Mal für diese bundesweite Aktion auf, jeder kann sozusagen mitmachen, und wir haben einen Online-Meldebogen entwickelt und eben auch ein Meldeformular per App. Das heißt, wenn man draußen im Garten ist oder auf dem Balkon oder in der Wiese ist und sich da einen festen Ort sucht und für eine Stunde seine Zeit widmet, um eben Insekten zu beobachten, zu schauen, was da krabbelt und fliegt, dann möchten wir das eben zählen lassen und das bundesweit das erste Mal wirklich, wie Sie sagen, eben Daten erheben, um einfach über die Bestände mal was zu wissen, weil man muss sagen, so etwas gibt es eben in Deutschland noch nicht, dass man das auch artenübergreifend macht. Es gibt natürlich viele Studien, wo man auch speziell Schmetterlinge zum Beispiel gezählt hat, aber dass wir einfach mal sagen, die Menschen sollen auch mal gucken, wie viel Marienkäfer sind da noch, wie viele Wanzen, die im Garten noch mit einem leben. Das ist der Ansatz.

Ehring: Wenn ich mich aber gar nicht mit Insekten auskenne, haben Sie da Hilfen, was kann ich da machen?

Franzisi: Wir haben zum einen auf unserer NABU-Webseite, die natürlich immer noch ein bisschen im Aufbau ist, einige Infos. Man muss erst mal, um den Schritt zu wagen, sich dieser Tiergruppe mehr zu nähern, gar nicht so viel wissen. Wichtig ist auf jeden Fall, jedes Insekt hat sechs Beine und drei Körperteile, wenn ich das schon mal weiß, kann ich die Spinnen, die damit oft verwechselt werden, schon mal ausschließen, die wollen wir nicht zählen, und die meisten Insekten haben auch Flügel. Also das ist schon mal so ein Grundwissen, und dann gibt es natürlich auch Bestimmungsliteratur, aber auch wir werden auf der Internetseite da viel Hilfestellung leisten. Und in der App, die wir eben auch haben, um eine Meldung abzugeben, wird es auch Hilfsinformationen geben, Insekten per App auch bestimmen zu können – also das ist auch geplant.

Ehring: Sie haben bestimmte Termine vorgesehen für die Zählung oder einen Zeitraum?

"Mücken wollen wir auch respektvoll behandeln"

Franzisi: Genau. Also los geht es am 1. Juni. Vom 1. Juni bis zum 10. Juni machen wir die erste Zählaktion, und das zweite Mal wird es noch vom 3. August bis 12. August sein, also wirklich im Sommer. Wir sagen ja auch, es ist der Insektensommer, zu dem wir aufrufen, und in diesem Zeitraum darf alles gezählt werden, von der Blattlaus bis zum schönen Schmetterling, was man so findet.

Ehring: Also auch die weniger hübschen Insekten und die Mücken, vor denen man sich eigentlich in Acht nimmt.

Franzisi: Ganz genau, also auch die wollen wir respektvoll behandeln, und die müssen auf jeden Fall auch mit dazu.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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