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StartseiteFirmenporträtDas mühsame Leben von „Dolce Vita“07.07.2017

Inside Africa: EritreaDas mühsame Leben von „Dolce Vita“

Viele Stromausfälle, schlechte Wechselkurse und eine ständig wechselnde Belegschaft - die italienische Textilfirma "Dolce Vita" produziert in Eritrea und hat dort mit vielfältigen Problemen zu tun. Mit Überstundenzuschlägen und Leistungsprämien versucht die Firma ihre Arbeit wieder produktiver zu machen.

Von Linda Staude

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Arbeiterinnen an Nähmaschinen und Bügeleisen in einer Fabrik in Eritrea (ARD / Linda Staude)
Wenn der Strom mal wieder ausfällt, versuchen viele Firmen die Zeit mit Generatoren zu überbrücken. (ARD / Linda Staude)
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Hochbetrieb in der Baumwollspinnerei von Dolce Vita. Die riesigen Maschinen wickeln in Windeseile weißes Garn auf große Spulen. Dutzende davon in endlosen Reihen. Am Eingang der großen Werkshalle liegen dicke Ballen mit bauschiger, weißer Baumwolle - fertig zum Säubern, Kämmen und Spinnen. Das Rohmaterial stammt größtenteils aus Westafrika.

"Das Gute daran ist, dass wir afrikanische Baumwolle in Afrika zu Garn verarbeiten. Das Garn verkaufen wir an Unternehmen in Italien, die Tischdecken oder Bettwäsche herstellen, solche Sachen", sagt Pietro Zambaiti.

Er ist der Chef von Zambaiti Eritrea, einem der wenigen Privatunternehmen des Landes. Auf dem Werksgelände am Rand von Asmara wurden schon in den 30er Jahren Textilien hergestellt. Aber von der alten Fabrik war am Ende des Unabhängigkeitskrieges gegen Äthiopien nicht mehr viel übrig.

Ein Dollar für eine Fabrik

"Mein Vater ist 1993 hierhergekommen. Als ihm angeboten wurde, die Fabrik zu übernehmen, hat er gesagt, ok, aber nur, wenn ihr sie mir für einen Dollar gebt. Denn alle Gebäude waren verkommen, die Maschinen uralt. Wir wussten, dass der Investitionsbedarf sehr, sehr hoch sein würde".

Gut zehn Jahre hat es gedauert, bis die eritreische Regierung sich auf diesen Deal mit dem italienischen Investor eingelassen hat. Heute arbeiten 550 Menschen in der rundum modernisierten Fabrik, die meisten davon Frauen.

Konzentriert beugen sich die Arbeiterinnen über dampfende Bügeleisen. Sie glätten Ärmel, Kragen, Vorder- und Rückenteile von Hemden für den Export nach Italien.

Häufig wechselnde Belegschaft

Gleich daneben nähen andere die Einzelteile zusammen. In Windeseile, denn die Firma zahlt neben einem überdurchschnittlichen Grundgehalt eine Prämie für gute Leistungen. Trotzdem wechselt die Belegschaft häufig, klagt Pietro Zambaiti.

"Das hat eine Kombination von Ursachen. Eine ist, dass Leute das Land verlassen. Aber ich glaube, es hat mehr mit dem Geld zu tun, das die Auslandseritreer in Deutschland oder Schweden zum Beispiel an ihre Familien schicken. Die Leute kriegen ihr Geld so und arbeiten nicht mehr".

Auf dem Schwarzmarkt hat jeder Dollar in der Vergangenheit 60 oder gar 80 Nakfa gebracht. Eine Überweisung von 30 Dollar war da schon mehr als das Durchschnittsgehalt pro Monat. Tödlich für die Wirtschaft, so Präsidentenberater Yemane Gebreab.

"Unsere Wirtschaft braucht eine Strukturreform. Zuallererst müssen wir stärker wachsen, mehr produzieren, damit wir mehr konsumieren können. Wir können nicht nur von den Auslandsüberweisungen abhängig bleiben".

Schlechter Wechselkurs, hohe Lohnkosten

Ende 2015 hat die Regierung kurzerhand eine Währungsreform durchgeführt, den Schwarzmarkt trocken gelegt und Schecks und Quittungen statt Barzahlung verordnet. Die plötzliche Umwälzung hat das Land allerdings erst mal ins Chaos gestürzt.

Stefanos schweißt in seinem kleinen, dunklen Laden auf dem berühmten Medebar-Markt in Asmara Metallgestelle für Stühle und Betten zusammen. Geld ist knapp, sagt der 23-Jährige, es reicht gerade für das Nötigste.

"Die Situation in unserem Land ist sehr hart. Die Wirtschaftskrise macht es sehr schwer, zum Beispiel eine eigene Familie zu gründen. Aber ich hoffe, dass bessere Zeiten kommen werden".

Auch die lokalen Dolce-Vita-Läden waren wochenlang gähnend leer. Aber weil 85 Prozent seiner Produktion in den Export gehen, macht Pietro Zambaiti der offiziell festgelegte Wechselkurs größere Sorgen. 17 Nakfa bekommt er für jeden verdienten Euro. Realistischer wären 30, sagt er. Die Folge: Vor allem die Lohnkosten sind zu hoch für den hart umkämpften Weltmarkt.

"Wir müssen in einem höheren Marktsegment konkurrieren. Wir können nicht gegen Bangladesh antreten, da können wir nur verlieren. Wir müssen bessere Produkte herstellen als Bangladesh. Und das haben wir erreicht", sagt Zambaiti.

Stromausfälle hemmen Wachstum

Eine Gruppe Kleinkinder tobt durch einen überdachten Pausenhof. Der werkseigene Kindergarten entlastet die Mütter unter den Arbeiterinnen und soll auch dabei helfen, erfahrene Kräfte im Betrieb zu halten. Überstundenzuschläge, Leistungsprämien - all das hat dazu beigetragen, die Produktivität zu steigern. Das größte Problem lässt sich dagegen nicht so leicht lösen.

"Das ist die Energieversorgung. In der Näherei können wir Stromausfälle mit Generatoren überbrücken. Aber in der Spinnerei sind sie ein Riesenproblem, weil die so viel Strom verbraucht, dass man mit Generatoren nie wettbewerbsfähig sein kann".

Pietro Zambaiti hofft, dass der Energiemangel in ein paar Jahren Geschichte ist. Eritrea investiert kräftig in erneuerbare Energien - unter anderem mit Hilfe der EU. Dann könnte Dolce Vita vielleicht die Produktion ausweiten.

"Zurzeit ist das noch nicht praktikabel, aber wir träumen für die Zukunft davon, Jerseystoffe vom Garn bis zum fertigen Kleidungsstück hier zu produzieren. Wenn wir weiter wachsen und stärker werden, kann das eine Option sein".

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