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StartseiteGesichter EuropasIntegration am Bosporus28.03.2009

Integration am Bosporus

Deutsche in der Türkei

Deutsche gab es schon immer in der Türkei. Sie dienten dem Sultan als Offiziere und bauten unter Atatürk das Hochschulsystem der neuen Republik auf. Heute verbringen sie in der warmen Sonne Alanyas ihren Lebensabend. Etwa 30 000 Deutsche leben ständig in der Türkei. Vielerorts hat sich eine deutsche Parallelgesellschaft in der Türkei aufgebaut: mit Kirchengemeinden, Bäckereien, Kneipen, Schulen und Buchläden - Integration einmal anders herum.

Reportagen von Gunnar Köhne Redakteurin am Mikrofon: Barbara Schmidt-Mattern

Istanbul mit Brücke über den Bosporus. (AP)
Istanbul mit Brücke über den Bosporus. (AP)

Die Türkei ist ihr Zuhause, aber einen türkischen Pass würden sie nie beantragen. Ihre Sprache ist deutsch, aber Deutschland ist für die meisten von ihnen ein fremdes Land - so kompliziert kann Integration in der Praxis klingen, doch in einem sind sich die so genannten Bosporus-Deutschen einig: Sie leben gerne in der Türkei. Zwischen 15.000 und 30.000 Deutsche sollen es im ganzen Land sein - genaue Zahlen existieren nicht. Wohl aber eine gut ausgestatte Infrastruktur - in Istanbul finden sich nicht nur deutsche Schulen und Kindergärten, sondern auch deutsche Bäckereien und Supermärkte.

Besuch bei Penguen, Istanbuls Satireblatt

In der Redaktion von Penguen, mitten im Istanbuler-Amüsierviertel Beyoglu, sieht es aus, wie in einer deutschen WG der siebziger Jahre: Zwischen alten Zeitungen und ungewaschenen Kaffeetassen sitzen zwei übernächtigte Mittvierziger in Schlabberpullis. Die Karikaturisten Bahadir Baruter und Metin Üstundag sind die Chefs von Penguen - dem türkischen Pendant zur deutschen Satirezeitschrift Titanic. Bahadir Baruter hat seine langen, hellen Haare zu einem Zopf gebunden. Wenn von Deutschen die Rede ist, dann fällt ihm als erstes seine Schulzeit auf dem Istanbuler Knaben-Gymnasium wieder ein, in dem auch entsandte deutsche Lehrer unterrichteten:

"Wir fanden unsere deutschen Lehrer immer sehr komisch. Uns fiel auf, dass die immer so bunte Socken trugen, orange, manchmal auch grün. Das war sehr gewöhnungsbedürftig. Und dann gingen die immer so humorlos, aber systematisch zu Werke. Da sahen wir Jungs das erste Mal das Gegenteil von einem Türken."

Wer Metin Üstundag, den zweiten Chef von Penguen, nach Deutschland befragt, erhält unverkennbar die Antwort eines Satirikers:

"Ich bin in meiner Jugend schon früh mit deutscher Folklore in Kontakt gekommen. Dann waren da die deutschen Pornofilme. Die kamen eigentlich immer aus Deutschland, warum weiß ich auch nicht. Dann wiederholte unser Staatsfernsehen in den siebziger Jahren die deutsche Fernseh-Show "Spiel ohne Grenzen". Da hüpften Erwachsene in einem Sack um die Wette und hatten dabei einen Riesenspaß. Wenn ich mich recht erinnere, traten da deutsche Landkreise gegeneinander an. Da dachte ich damals: Warum können die anatolischen Landkreise nicht auch so entspannt im Sackhüpfen antreten?"

Die besondere Beziehung zwischen Deutschland und der Türkei lässt sich an vielen Beispielen ablesen, an den gleich drei Goethe-Instituten in Istanbul, Ankara und Izmir, an den drei deutschsprachigen Gymnasien am Bosporus, und an der Tatsache, dass beide Regierungen eine deutschsprachige Universität in Istanbul errichten wollen. Deutschland ist noch immer der größte Handelspartner der Türkei, und die schönsten Strände an Ägäis und Mittelmeer sind von Stuttgartern, Berlinern und Dortmundern bevölkert. Die Stadt Alanya im Süden der Türkei ist ohnehin fest in deutscher Hand. Unzählige Rentner haben sich dort niedergelassen - man spricht deutsch. In Istanbul gibt es hingegen keinen ausgewiesenen Stadtteil, der fest in deutscher Hand wäre.

Auffälligstes Merkmal ist unweit des Galata-Turms auf europäischer Seite noch die Trutzburg namens "Teutonia". Der gleichnamige Verein war früher Treffpunkt für die Bosporus-Deutschen. Heute dient dafür die Buchhandlung Mühlbauer:

Buchhandlung Mühlbauer

Suche Wohnung, biete WG-Zimmer, Kinderbetreuung durch Erzieherin mit deutschem Examen, Yoga-Kurse, Öko-Urlaub an der Ägäis und immer wieder Deutsch-Nachhilfe. In dicken Zettelschichten ist an diesem schwarzen Brett angepinnt und angeklebt, was Deutsche oder Deutschsprachige in Istanbul loswerden wollen. Einen besseren Platz gibt es für solche Inserate nicht, denn hier, am Ende der Istanbuler Promeniermeile Istiklal Caddesi, gleich neben der vornehmen schwedischen Konsulatsvilla, ist der Eingang zur deutschen Buchhandlung Mühlbauer.

Die Einrichtung erinnert eher an ein Antiquariat: Braune Holzregalmeter voller Taschenbücher, dazwischen auch tatsächlich Suhrkamp-Ausgaben aus den siebziger Jahren. Die aktuellen Taschenbuch-Hits der "Spiegel"-Bestsellerliste stehen auf einem Drehständer. Auf der gläsernen Vitrine, gleich neben der Kasse, liegen deutsche Fernseh-Zeitschriften und Nachrichtenmagazine aus. Reiseführer, Bildbände, Orhan Pamuk, Archäologie und Anthologien - was immer auch auf Deutsch über und aus der Türkei veröffentlicht wird - Mühlbauer hat's. In einer Ecke am Ende des Ladens hinter Laptop und Stapeln von Bestellungen sitzt der Chef, Thomas Mühlbauer. Kein in sich versunkener Bücherwurm mit Nickelbrille, sondern ein Sportstyp mit braungebrannter Halbglatze. Mühlbauer deutet auf die Deutsch für Ausländer-Ausgaben, die sich neben seinem Schreibtisch stapeln:

"Unser Hauptgeschäft ist Deutsch als Fremdsprache beziehungsweise Schulbücher. Aber wir haben auch eine fachspezifische Abteilung oben, Medizin, Technik, die ganzen DIN-Normen, die werden von den Unis verlangt. Allein von Belletristik könnte man hier nicht überleben. Wir sind insgesamt zehn Personen, die hier in diesem Laden arbeiten."

Eine ältere Frau möchte ein sprachwissenschaftliches Fachbuch aus Deutschland bestellen. Bestellungen aus Almanya dauern zwei Wochen, sagt der Chef, der türkische Zoll, wissen Sie. Auf Mühlbauers Schreibtisch steht ein eingerahmtes Foto seines Vaters Josef. Der wollte 1945 nach russischer Gefangenschaft eigentlich nach Persien, blieb dann aber doch am Bosporus hängen und gründete vor fast 60 Jahren die Buchhandlung - strategisch gut gelegen unweit des deutschen Gymnasiums und des österreichischen Lyzeums. Als Josef Mühlbauer 1991 starb, brach Sohn Thomas seine Baufachausbildung am Niederrhein ab und kehrte nach Istanbul zurück:

"Ich fühl mich hier nicht als Fremder! Natürlich, wenn man hier auf die Ausländerbehörde muss, (lacht) dann wird man alle paar Jahre daran erinnert, dass man doch kein Türke ist. Aber sonst habe ich nie Repressalien zu spüren bekommen. Selbst nicht nach den Bränden von Solingen."

Ein alter Mann kommt herein und steuert sogleich auf Mühlbauer zu. Es ist Harald Böhmer, Verfasser von Büchern über das Leben türkischer Nomaden und über anatolische Naturfarben, die es natürlich auch bei Mühlbauer zu kaufen gibt. Böhmer ist mal wieder in der Stadt:

"Ich bin das erste Mal 1960 in die Türkei gekommen, als Lehrer der deutschen Schule. Das war die einzige deutsche Buchhandlung hier. Der Vater des jetzigen Buchhändlers hier war ein enger Bekannter. Wir haben hier noch eine Mietwohnung, aber das Haus haben wir in Deutschland. Wir pendeln ... einer der ersten Wege geht hierher. Hier habe ich auch Zugang zum Internet, da konnte ich gestern mal nachprüfen, was da los war."

Ein anderer Kunde blättert derweil unsicher in einer deutschen Übersetzung des Koran während er darauf wartet, bedient zu werden.

"Ich komme das erste Mal in den deutschen Buchladen. Ich lebe in Deutschland. Meine Frau, die ich gerade geheiratet habe, macht einen Sprachkurs und braucht dafür ein Lehrbuch. Das will ich hier kaufen. Diese Sprachkurse sind ja jetzt vor der Familienzusammenführung Pflicht. Als jemand der in Deutschland aufgewachsen ist, fühlt man sich hier im Buchladen gleich wie zuhause."

Viele Kunden wollen gar kein Buch kaufen. Die Touristen fragen Mühlbauer nach dem Weg, Lehrer nach einer Wohnung. Für viele Deutsche am Bosporus ist Mühlbauer erste Anlaufstation, Kontakt- und Nachrichtenbörse. Der Buchladen liegt in Beyoglu, dem Viertel der Kneipen, Künstler und Konzerte, zu dem sich viele Neuankömmlinge aus Almanya hingezogen fühlen. Der 42-Jährige hilft gern beim Einleben. Er zeigt auf die Vereinswimpel von Fenerbahce Istanbul und Borussia Mönchengladbach, die hinter seinem Platz einträchtig nebeneinander hängen. Seine Botschaft an die Landsleute: In dieser Stadt beide Welten mit einander zu vereinen sei gar nicht so schwer:

"Wenn einer isoliert leben will, dann kann er das hier. Und ich glaube, dass sich viele hier gar nicht groß mit dem hiesigen Land und seinen Gepflogenheiten beschäftigen wollen oder können, wenn sie nur übergangsweise hier unten sind. Aber es gibt auch solche, die, auch wenn sie nur für ein Jahr hier sind, voll powern und toll türkisch lernen. .. Wenn mir jemand sagt, dass er auch nach so und soviel Jahren keinen Anschluss findet - da würde ich sagen, das liegt viel an ihm selber."

Kati Hirschel ist 44 Jahre alt, führt eine kleine Buchhandlung in Istanbul und jagt gerne Mörder, um sich von ihrem unglücklichen Liebesleben abzulenken. Erfinderin der deutschen Detektivin am Bosporus ist die türkische Autorin Esmahan Aykol. 2006 erschien ihr Roman "Bakschisch", in dem Kati Hirschel ihren zweiten Fall löst - und nebenbei bei jeder Gelegenheit Türken - und Deutsche - aufs Korn nimmt:

Vielleicht wissen Sie, dass ich im Lieblingsviertel der Istanbuler Intellektuellen, in Cihangir, eine riesige wunderbare Wohnung habe. Oder nein, hatte. Ich hatte sie, bis Anfang letzten Monats die Wohnungseigentümerin von mir eine Mieterhöhung von 150 Euro verlangte. Wenn Sie zu den Lesern gehören, die an dieser Stelle sagen: "Wieso denn Euro, wohnen Sie denn nicht in der Türkei?", dann muss ich Ihnen leider sagen, dass Sie von Istanbul keine Ahnung haben.
Und rümpfen Sie jetzt nur nicht die Nase über solche Klischees. Wenn ich so etwas sage, dann muss etwas dran sein. Schließlich in ich ja sonst immer die erste, die sich über die Vorurteile der Türken bezüglich der Deutschen beklagt. Im übrigen kann mir niemand ausreden, dass Klischees aus dem Leben gegriffene Weisheiten sind. Zum Beispiel weiß niemand besser als ich, wie geizig, freudlos, pedantisch und obrigkeitshörig die Deutschen sind.


Vier Jahre lang, von 1835 bis 1839, erkundete Helmuth Graf von Moltke das Osmanische Reich. Der preußische Generalfeldmarschall war zunächst für eine Bildungsreise in den Südosten Europas vom Dienst freigestellt worden. 1836 diente er auf Wunsch des Sultans als Instrukteur der türkischen Truppen. In seiner Briefsammlung mit dem Titel Zustände und Begebenheiten in der Türkei zeichnet er ein lebendiges Bild Istanbuls in der Mitte des 19. Jahrhunderts:

Spaziergang am Bosporus
Arnaut-Kjöi, den 12. Februar 1836

Arnaut-Kjöi hat eine wunderschöne Lage an einer der engeren Stellen des Bosporus. Unter meinem Fenster ist, was man hier die Iskele nennt, der Landeplatz des Dorfes. Dort herrscht reges Leben und lärmendes Gewühl, denn die Griechen, welche die Mehrzahl der Einwohner bilden, sind noch heute ein geschwätziges Volk. Ein Menge von Kaiks warten hier auf die Gäste; istambola! - "nach Stambul!" - rufen die Türken; istanpoli! - "nach der Stadt!" - die Griechen.
Ein köstlicher Spaziergang führt von hier längs des Ufers um die freundliche Bucht von Bebek. Unter mächtigen Platanen erhebt sich dort eine zierliche Moschee und ein Kiosk des Großherrn. Dann geht es längs eines Begräbnisplatzes mit schönen Zypressen bis zu einem alten Schlosse, dem gewöhnlichen Ziel meiner Promenade.


Helmuth Graf von Moltke zählt heute zu den bekanntesten Deutschen, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts in die Türkei reisten, es waren vor allem Offiziere, Kaufleute, Ingenieure und Handwerker. Sie alle finden in den nachfolgenden Jahrzehnten am Bosporus eine neue Heimat. Auch in Ankara hinterlassen die Zuwanderer ihre Spuren. Viele der bekanntesten Bauwerke dort stammen von deutschen und österreichischen Architekten. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts werden die Beziehungen noch enger, im Ersten Weltkrieg erklärt sich die Türkei zum Bündnispartner der Deutschen. Nach 1933 holt die Türkei zahlreiche Gegner des NS-Regimes ins Land - jüdische Akademiker, Wissenschaftler, und Sozialdemokraten. Staatsgründer Atatürk will das Bildungssystem seines Landes modernisieren, und so kommen ihm die deutschen Wissenschaftler gerade recht. Während der Kriegsjahre leben rund 1.200 deutsche Emigranten am Bosporus, darunter so bekannte Namen wie Ernst Reuter oder Paul Hindemith. Nach Atatürks Tod 1938 und dem Kriegsausbruch ein Jahr später geraten die deutschen Zuwanderer jedoch unter Druck und verlieren ihre Privilegien. Als die Türkei 1944 an der Seite der Alliierten in den Krieg eintritt, werden viele Deutsche als so genannte "feindliche Personen" in Provinzstädte umgesiedelt und unter Beobachtung gestellt.

Heute bilden die Bosporusdeutschen gemeinsam mit Griechen und Armeniern die winzige christliche Minderheit in der Türkei. Sie sind gerade einmal 100 tausend Christen unter 70 Millionen Türken. Die fehlende Rechtssicherheit macht Kirchengemeinden am meisten zu schaffen. Man bleibt unter sich und hat seine Orte, zum Beispiel den Evangelischen Friedhof in Feriköy:

Familie Köhle, in vierter Generation am Bosporus

"Evangelicorum commune coemeterium", steht über dem schmiedeeisernen Eingangstor. Gemeinsamer Friedhof der Evangelischen. Daneben das Jahr: 1859. Ein paar Schritte weiter, in der winzigen Kapelle, drängen sich etwa fünfzig Gemeindemitglieder auf den schmalen Holzbänken. Sie singen den Choral "Jesu, meine Zuversicht" - ihr Friedhof wird 150 Jahre alt. Ganz vorn sitzen Christa und Erwin Köhle, wie fast jeden Sonntag, und das so lange sie denken können. Denn das Ehepaar ist hier in Istanbul geboren, so wie drei Generationen vor ihnen auch. Bosporusdeutsche nennt man Familien wie die Köhles. Für sie ist dieser Friedhof steinerner Zeuge ihrer ungewöhnlichen Familiengeschichte.

Nach dem Gottesdienst bricht die Gemeinde auf zu einer Führung über den Friedhof - vorbei an den schiefen und verwaschenen Grabsteinen deutscher Eisenbahningenieure, Orientbank-Direktoren, Pfarrer, Offiziere des Kaisers und Abenteurer. Der Osmanische Sultan hatte den ausländischen Christen für ihre Toten ein Landstück weit außerhalb Konstantinopels zugewiesen. Heute liegt der Stadtteil Feriköy mitten drin im tobenden Verkehr der 15-Millionen-Stadt. Die Grabfelder sind ordentlich nach Ländern getrennt, Holland liegt neben Deutschland, das als damaliges Preußen das größte Stück für sich reserviert hat. Erwin Köhle geht der Gruppe mit leichten Schritten voran. Vor dem schlichten Grab einer Diakonisse des ehemaligen deutschen Krankenhauses bleibt der 73-Jährige stehen, seine wachen Augen blitzen auf, er schmunzelt:

"Es gab ja eine sehr beliebte Geburtsstation im deutschen Krankenhaus. Da waren diese beiden Schwestern, die haben sowohl meine Geschwister und mich zur Welt gebracht, als auch später meine Kinder - dann schon etwas betagt. Schwester Annchen und Schwester Luise. Ja..."

Ein paar Schritte weiter das Familiengrab der Köhles. Auf den zwei hellen Marmorsteinen stehen die Namen Heinrich und Wilhelm Köhle. Kurz verharrt Erwin Köhle vor den Gräbern seines Vaters und Großvaters, dann streicht er sich die vom Wind zersausten schütteren Haarsträhnen aus der Stirn und wendet sich an die Gemeinde:

"Die Köhles kamen zwischen 1845 und 1850 in die Türkei. Es waren mehrere Geschwister. Wir wissen nur ganz allgemein, dass die Arbeitsverhältnisse in Deutschland zu der Zeit sehr, sehr schlecht waren. Und damals kamen eben attraktive Angebote aus der Türkei. Die Bahn, das Militär, für die Handwerker Arbeiten am Topkapi Sarayi, die Wassereinrichtung wurde gemacht, Heizung wurde eingerichtet. Das haben alles Leute gemacht, die hat man hier am Ort nicht finden können. Dafür haben sie Handwerker aus dem Ausland hergebracht. Dazu zählte auch mein Großvater, der Wilhelm Köhle der hier liegt, der war noch Handwerker."

In Osmanischer Zeit lebten in Istanbul verschiedene Bevölkerungs- und Religionsgruppen zusammen - und doch blieb jede für sich. Die Italiener, die Engländer und die Deutschen hatten ihre eigenen Schulen, ihre eigenen Kirchen und Clubs. So ist es bis heute geblieben. Beim Gang vorbei an manchen alten Freunden aus der Gemeinde kommen bei Erwin Köhle Erinnerungen hoch, an das lustige Treiben im Deutschen Club "Teutonia" in den sechziger Jahren:

"Es gab einen Eröffnungsball Anfang der Saison, es gab ein Nikolausfest, es gab ein Weihnachtsfest, es gab einen Neujahrsball, es gab einen Frühlingsball, einen Sommerball und einen Abschlussball. Dazwischen gab es Hochzeiten, es wurde gekegelt, Billard, Theateraufführungen."

Am nächsten Tag in Erwin Köhles Büro - eine Handelsvertretung deutscher Pharmaunternehmen. Der Senior ist immer noch jeden Tag im Geschäft, den Hemdkragen aufgeknöpft, die Ärmel hochgekrempelt. Die beiden Söhne arbeiten nebenan. An der Wand eine Luftbildaufnahme eines großen deutschen Pharmakonzerns, ein jahrzehntelanger Kunde, daneben eine Wanduhr aus Kirschholz - eine Erinnerung an den Club Teutonia. Dort trafen sich ab 1933 auch die deutschen Nazis - die Türkei kümmerte es zunächst nicht. Erwin Köhle hat es von seinen Eltern erzählt bekommen:

"Natürlich war die Partei hier aktiv. Es wurden Parteiversammlungen durchgeführt, es gab für Istanbul einen Gauleiter. Und man hat sich dann samstags in der Teutonia getroffen zu Redenschwingen und Parteigesprächen. Ich meine, in der Schule hat man's gemerkt: Es wurden dann irgendwann die jüdischen Schüler ausgeschlossen. Es wurde ihnen gesagt, dass sie leider die Schule verlassen müssen."

Als die neutrale Türkei in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges zu den Alliierten übertrat und dem Deutschen Reich den Krieg erklärte, wurden die Köhles, wie alle anderen Deutschen im Land zunächst interniert, später dann abgeschoben. Aber Erwin Köhle kam schnell wieder zurück, der Bosporus war seine Heimat, Deutschland ist ihm bis heute fremd. Aber das sind ihm die Türken auch. Nie käme er auf die Idee die türkische Staatsangehörigkeit zu beantragen. Man bleibt unter sich:

"Ich hätte mir nicht gewünscht, dass meine Tochter einen Türken heiratete. Sie hat einen Deutschen geheiratet und ist jetzt getrennt von ihm - nun ja. Aber das hätte ich mir nicht gewünscht. Warum? Eigentlich aus ganz praktischen Gründen. Weil wir hier einfach zu viele Mischehen haben, wo es im Grunde nicht funktioniert."

Köhle verschränkt trotzig die Arme vor der Brust. Die Deutschen in Deutschland mit ihrem Integrationsgerede! Er kann gut verstehen, dass auch die Türken in Deutschland lieber unter ihresgleichen bleiben wollen.

"Immer wenn ich davon lesen, frage ich mich: Was stellt sich die Regierung eigentlich vor, wenn sie sagt: die Türken sollen sich integrieren? Man könnte ja einen Weg zeigen. Integrieren heisst ... dass er deutsch kann. OK, das ist verständlich. Ich spreche sehr gut türkisch. Aber was man unter Integration versteht? Dass sie ihre Sprache aufgeben sollen, dass sie mit ihren Kindern deutsch sprechen sollen, Religion wechseln...? Ich weiß nicht, was damit gemeint ist! Oder dass sie sich in das alltägliche Leben dort einfügen sollen. Und das tun wir hier gefälligst."

Die Türken fahren alle wie die Irren. Sie müssen immer ganz dringend irgendwohin, haben immer etwas überaus Wichtiges vor, und deshalb dürfen sie nie auch nur eine einzige Sekunde verlieren. Inzwischen sind hier sogar Digitalanzeigen an den Ampeln installiert worden, an denen man ablesen kann, wie viele Sekunden es noch dauert, bis die Ampel umspringt. 20, 19, 18 ... 9, 8, 7 ... Wir leben in einem Land, in dem die Sekunden von lebenswichtiger Bedeutung sind! Grauenhaft. Immer wenn all die dicken Hausfrauen und bärtigen alten Männer mitbekommen, dass sie nur noch sieben Sekunden haben, bis die Fußgängerampel auf rot schaltet, dann fangen sie an zu rennen, nur um nicht warten zu müssen, bis es wieder grün wird. - Die Taxifahrer spinnen sowieso alle. Manche sind vielleicht noch halbwegs normal, wenn sie mit dem Taxifahren beginnen. Aber nach einem Jahr Autofahren in Istanbul flippt der normalste Mensch aus.

Ein deutscher Professor sucht dieser Tage gleichgesinnte Radler für Fahrradtouren an der Promenade des Marmara-Meeres, Herr Özdemir bittet um Arbeit als Werkzeugmacher in der Touristikbranche, und dann ist da noch das Inserat für eine Babyschwimmgruppe, übrigens deutschsprachig! Wer einen Blick wirft auf das virtuelle Schwarze Brett, dass der deutschsprachige Verein "Die Brücke" ins Internet gestellt hat, der merkt schnell, wie rege, vielseitig und weit verzweigt der Austausch zwischen Türken und Deutschen in der Türkei heute funktioniert. Die Biographien sind so gemischt wie die Anzeigen selbst - die Mehrheit der Menschen, die bei der "Brücke" inserieren, sind im besten Sinne Grenzgänger. Der Verein hilft aber nicht nur bei der Arbeits- und Kontaktsuche, er kümmert sich auch um die Belange der in der Türkei verheirateten deutschen Frauen. Lange Zeit gab es zum Beispiel immer wieder Probleme mit der Aufenthalts-Genehmigung, die jedes Jahr neu beantragt werden musste. Dass es der "Brücke" schließlich mit Unterstützung der Bundesregierung gelang, mehrjährige Aufenthaltsgenehmigungen für die deutschen Ehepartner durchzusetzen, das verbucht der Verein als einen seiner größten Erfolge. Ihren türkischen Ehepartner haben die Frauen entweder während des Urlaubs in der Türkei oder zuhause in Deutschland kennengelernt - ansonsten ist über die Frauen wenig bekannt, weder deutsche noch türkische Medien interessieren sich besonders für sie. Manche gemischte Ehe hält Jahrzehnte, doch die bürokratischen Hürden bleiben hoch.

Nach wie vor muss der Verein viel Unterstützung leisten, bei Problemen mit Ämtern und Schulen, oder wenn es zu Familienkonflikten kommt. Auch Hannelore Sezgin hat sich an die "Brücke" gewandt, weil sie nach dem Tod ihres Mannes Hilfe brauchte.

Von Anatolien zurück nach Flensburg: Hannelore Sezgin kehrt heim

"Hab' ich noch was vergessen Ihnen zu erzählen?"

Langsam schiebt Hannelore Sezgin ihren rundlichen Körper Richtung Garderobe. Das Rheuma macht ihr zu schaffen. Behände bindet sie einen breiten Wollschal um den Kopf und steckt dessen Enden in den Kragen des dunklen Wintermantels. Nur wegen der immer noch beißenden Kälte, betont sie. Ja, damals im Dorf, da hätten die Nachbarn getuschelt, warum denn die Deutsche nicht zum Islam übertrete. Aber ihr Mann und ihr Schwiegervater hätten zu ihr gehalten. Sie sei Christin, aber eine gute und treu sorgende Ehefrau und Schwiegertochter. Dennoch gab es solche, die ihre Einladungen zum Essen nicht annehmen wollten, weil sie ihr Geschirr aus Deutschland mitgebracht hatte - Geschirr, von dem sicher einmal Schweinefleisch gegessen worden war.

Das Dorf hat "Hannelore Hanim", Frau Hannelore, wie es in der Türkei heißt, schon vor ein paar Monaten hinter sich gelassen. Nun läuft sie durch die schiefen Straßen von Arapkir. Das ist die nächstgelegene Kleinstadt, 5000 Einwohner, eine wild gewürfelte Siedlung in einem ostanatolischen Hochlandtal. Auf den stumpfen Bergrücken liegt noch Schnee, unten stehen kahle Pappeln; sie sind das einzige sichtbare Gewächs. Zwei Mal am Tag läuft die 64-Jährige die Hauptstraße hinunter, vorbei an den staubigen Auslagen der Krämerläden, den beschlagenen Fenstern der Männerteestuben, und den herumlungernden Halbstarken. Im Bach schwimmen leere Plastikflaschen.

"Das ist die Sauberkeit vom kleinen Dorffluss hier. Da ärgere ich mich jedes Mal wenn ich da gucke. ... Aber kann man nicht ändern. Da kämpfe ich seit 22 Jahren mit."

Rückblende: Flensburg, Anfang der siebziger Jahre. Hannelore, damals 27 alt, und ihre Mutter bleiben in der Innenstadt neugierig vor einer türkischen Bäckerei stehen. Die süßen Baklava haben es der Mutter angetan, die Tochter dagegen fühlt sich von Bekir angezogen, einem freundlichen türkischen Werftarbeiter aus Hamburg, der am Wochenende seinem Freund, dem Bäcker aushilft. Auf Hannelores Kommode in Arapkir steht neben dem Porzellandackel das unscharfe Hochzeitsfoto: Sie in geblümtem Sommerkleid, er in dunklem Anzug, schwarzes dichtes Haar, dicker Schnauzbart, ernster Blick. Bekir sucht sich Arbeit in Flensburg, aber kurz darauf geht die Firma pleite und Hannelore wird in ihrer Baufirma auf den Plan für Kurzarbeit gesetzt. Die Zukunft in Almanya ist auf einmal unsicher. Dann wird auch noch der Schwiegervater in Bekirs ostanatolischem Heimatdorf krank. Wir gehen in die Türkei, sagt Bekir 1987. Warum nicht, antwortet Hannelore und packt ein deutsch-türkisches Wörterbuch und ihre Saftpresse ein. Im Dorf wachsen Trauben und Aprikosen, hatte Bekir gesagt und vorab den Umbau des alten Familienhauses in Auftrag gegeben:

"Strom war gekommen, aber fließend Wasser für jedes Haus nicht. Da war ich eigentlich ein wenig sauer deswegen. ... Da wurden wir von einem schlecht gelaunten Schwiegervater empfangen. Ihm hatte nicht gepasst, wie wir das Haus umgebaut hatten. Wir wollten es ja genauso haben wie in Deutschland - sogar mit Tapeten an den Wänden. Aber mein Schwiegervater wollte das ja nicht. Nun, als ich das Haus sah - es war für mich ein Schock. In der zweiten Etage, da sollte unser Schlafzimmer sein, da war der Balkon von Brettern vernagelt. Keine Treppe, keine Fliesen, keine Armaturen. Nur Fenster, Türen und elektrische Leitungen waren drin. ... Also wartet sehr viel Arbeit auf uns."

Die Frauen kichern über die Deutsche mit den meerblauen Augen, die ihre Hausarbeit mit Gummihandschuhen verrichtet und die Küchen der Nachbarinnen neugierig mit ihrem Wörterbuch betritt. Bekir, ihre türkische Liebe aus Flensburg, verändert sich in seinem Dorf, ist viel außer Haus. Seine Verwandten sind ihm wichtiger als ich, denkt sie oft. Und dann ist da noch der Schwiegervater, der in seinen letzten Lebensjahren mit zunehmender Demenz zum Tyrannen wird. Trost spendet die Natur:

"Wenn mir alles zuviel wurde, dann bin ich raus gegangen. Am Ende des Weges gab es einen großen Stein, da habe ich mich hingesetzt und mir die Landschaft angeguckt. Wir konnten den Keban-Stausee sehen. Dann der blaue Himmel, das Gezwitscher der Vögel. Dann kehrte Ruhe ein bei mir."

Hannelore Sezgin erhebt sich schwerfällig, um nach dem Tee in der Küche zu schauen. Bald wird sie auch diese 80 Quadratmeter Wohnung in einem eilig hochgezogenen Wohnblock am Rande von Arapkir verkaufen. Vor dem Fenster das Sonnen beschienene karge Tal, in der Mitte des Wohnzimmers steht ein Holzofen. Hierhin waren die Sezgins gezogen, nach dem Bekir, der zehn Jahre älter war, schon mehrere Bypässe hinter sich hatte. Bekir stirbt kurz nach seinem Vater. Ein Jahr ist das nun her. Hannelore Sezgin vermisst ihren Mann. Vielleicht wäre sie sogar in der Türkei geblieben, doch der türkische Staat zeigt sich der Ausländerin gegenüber abweisend:

"Ausländer dürfen in Dörfern kein Grund erwerben. Und wenn sie Grund erben, dann müssen sie es sofort verkaufen. Das bedeutet dann, dass der Ausländer auch nicht mehr im Dorf leben kann, denn wenn er alles verkauft hat, wo soll er dann wohnen?"

In ein paar Wochen, wenn die Erbschaftsangelegenheiten mit der Verwandtschaft abgewickelt sind, will Hannelore Sezgin zurück nach Flensburg. Verwandte hat sie dort nicht mehr, aber sie hat einen Platz in einer Seniorenwohnanlage gefunden. Jeder Gang durch Arapkir ist ein Stück Abschied:

Der Barbier ruft sie mit energischen Handbewegungen in seinen schummrigen Laden, der Kurzwarenhändler von gegenüber kommt hinzu geeilt, es gibt eine Runde Tee in Tulpengläsern für alle. Hannelore sitzt auf der Kante des kunstledernen Wartestuhls, legt die gefalteten Hände in den Schoß und schaut zu Boden. Sie solle doch bleiben, beschwören die massigen Männer ihre deutsche Nachbarin. Der Kurzwarenverkäufer, ein Mann mit würdevoller Miene, pult nachdenklich mit dem Zeigefinger in einer Zigarettenpackung. Von der Deutschen könne man was lernen:

"Wenn Hannelore Hanim in meinen Laden kommt zum Einkaufen, dann bringt sie immer eine leere Tüte mit. Da sieht man: Sie ist ein sehr sparsamer und gebildeter Mensch."

Hannelore Hanim schweigt und lächelt verlegen. Richtig Türkisch hat sie nie gelernt, die Verwandtschaft hat sie nie wirklich akzeptiert. Aber dennoch ist ihr in all den Jahren viel Herzlichkeit begegnet. Es wird kein leichter Abschied aus Anatolien:

"22 Jahre kann man nicht auslöschen. Ich bin zwar Deutsche, aber denke manchmal türkisch. Und so wie mir die Umstellung hier schwer fiel, wird es mir wahrscheinlich auch schwer fallen, deutsch zu denken. Ich hab mich sehr wohl gefühlt."

Wir verabredeten, dass ich Herrn Arslan abends nach Dienstschluss im Sultanahmet-Viertel treffen würde, im Teegarten Duvardibi. Nach kurzem Zögern fand ich unter einem guten Dutzend Tischen den von Kasım Arslan heraus. Ich muss allerdings zugeben, dass mir einige äußere Faktoren dabei zu Hilfe gekommen waren. Im Teegarten war nämlich ein großer Teil der Tische mit jungen Paaren besetzt, an einigen anderen Tischen saßen türkische Familien, bestehend aus je zwei Erwachsenen und mindestens vier Kindern. Ein paar nordeuropäische Touristen hatten ihre Hosenbeine und die Ärmel ihrer T-Shirts hochgekrempelt, um auch die letzten müden Sonnenstrahlen noch auszunutzen, und betrachteten mit unendlichem Erstaunen den Kaffeesatz in ihren Tassen. Ich hätte wetten können, dass die Deutschen unter ihnen gleich vom Kellner einen Löffel verlangen und den Kaffeesatz aufessen würden, denn die Deutschen sind das einzige Volk, das noch im Erwachsenenalter den Krümeln nachtrauert, die sie als Kind auf dem Teller zurückgelassen haben.

Seit September 2007 müssen Ehepartner aus Nicht-EU-Staaten vor der Einreise nach Deutschland Grundkenntnisse der deutschen Sprache nachweisen. Die Bundesregierung will damit unter anderem Zwangsverheiratungen bekämpfen. Umso mehr fühlte sich die Türkei düpiert, als die neue Regelung eingeführt wurde. Doch die Zahlen sprechen für sich: Tatsächlich hat der so genannte Ehegatten-Nachzug aus der Türkei im letzten Jahr deutlich nachgelassen. Die Durchfaller-Quote in den Sprachkursen der türkischen Goethe-Institute lag im ersten Halbjahr 2008 bei 39 Prozent. Darunter manche blutjunge Türkin, die absichtlich durch die Prüfung gefallen ist, offiziellen Stellen zufolge handelt es sich bei diesen Fällen allerdings um Ausnahmen.

Umgekehrt wächst in Kreuzberg oder Köln-Mülheim die Sehnsucht nach dem Bosporus. Immer mehr Berufsanfänger, die in Deutschland geboren und ausgebildet wurden, zieht es zurück in die Türkei - dort werden sie dann "Deutschländer" genannt. Die meisten von ihnen gehen nach Istanbul, denn der Arbeitsmarkt in der 15-Millionen-Metropole verspricht am ehesten interessante und gut bezahlte Jobs. So kehrt die Generation der 20- bis 30-Jährigen vor allem aus wirtschaftlichen Gründen in die Türkei zurück, während noch ihre Eltern aus genau dem gleichen Grund die Türkei in den 70er Jahren verlassen haben.

Zu den Arbeitgebern, die von den vielen Rückkehrern und ihren guten Deutschkenntnissen besonders profitieren, gehören die Callcenter. Dort gibt es reichlich Arbeit, aber einen nicht immer ehrlichen Umgang mit den Kunden:

Rollenwechsel im Callcenter: Türkische Rückkehrer arbeiten auf Deutsch

Sie heißen Martin Pütz oder Simone Breitenbach und arbeiten in einem Frankfurter Callcenter. Sie sitzen vor Bildschirmen, auf denen die Bestellungen eines großen deutschen Versandkaufhauses flimmern. Über einen Kopfhörer sind sie mit den Kunden in Offenbach, Rendsburg oder Bielefeld verbunden, die für 14 Cent pro Minute nachfragen, ob die bestellte Bluse mit Karomuster für 14,99 versandfertig sei:

"Möchten Sie als Summe oder in Raten bezahlen? Wir haben da noch ein Angebot aus der Damenabteilung ..."

Was die Kunden am anderen Ende der Leitung nicht wissen sollen: Martin Pütz und Simone Breitenbach heißen eigentlich Ümit oder Ayse und sie nehmen die Anrufe nicht in Frankfurt, sondern in einer Großraumetage im Istanbuler Büroviertel Sisli entgegen. Aber die 350 meist jungen Telefonisten, die hier in engen Reihen vor ihren Monitoren sitzen, sprechen dennoch Deutsch wie Martin oder Simone - denn sie kommen aus Deutschland und viele haben auch einen deutschen Pass. Man nennt sie Rückkehrer - obwohl sie eigentlich nicht in ihr, sondern in das Land ihrer Eltern zurückgekehrt sind. So wie Geschäftsführer Ümit Suval, der mit hochgekrempelten weißen Hemdsärmeln das Geschehen von einem Glaskasten aus beobachtet:

"Also ich sage immer: mein Vaterland ist die Türkei, aber meine Mutterstadt ist Berlin. Ich bin gebürtiger Berliner. Dadurch ist die Beziehung immer da. Man ist kein Türke ... Wenn man mit dieser deutschen Mentalität aufgewachsen ist und dann in die Türkei kommt, ist man total verdutzt und fragt sich: Was sind denn das für Umstände, die hier herrschen?"

Eine junge Frau mit schwarzen Locken unter dem Kopfhörer streckt, wie im Schulunterricht, den Finger in die Luft. Sie braucht Hilfe, ein Problem mit der Bestellung eines Happy Hour Artikels. Eine Ausbilderin eilt in ihre Richtung. Die Telefonistin hält den Anrufer in der Leitung derweil mit säuselnden Worten hin. Ganz wenige Angestellte tragen ein Kopftuch. Bei den Frauen überwiegen enge Jeans und Shirts mit V-Ausschnitt. Auf einer großen elektronischen Anzeigetafel werden die Mitarbeiter ermahnt, keine Kunden zurück zu rufen. Alles auf Deutsch. Auch untereinander wird geschwäbelt und rheinisch gedehnt, wer auch nur "Tamam" sagt - das türkische Wort für OK -, muss eine Türk-Lira in die Kaffeekasse werfen.

"Hier leben wir untereinander wie in Deutschland. Und wenn wir dann raus gehen vor die Tür, sind wir in der Türkei, in Istanbul."

Die Teeküche des Callcenters. Grelles Neonlicht, an der Wand ein Flachbildschirm auf dem fast lautlos türkische Popvideos flimmern. Sermin Armizen hat sich auf eines der zitronengelben Kunstledersofas gesetzt. Seit zehn Jahren versucht die sportliche Deutsch-Türkin, in Istanbul eine echte Türkin zu werden. Sie arbeitete zunächst in einem türkischen Unternehmen, verstand aber nicht, warum es selbstverständlich sein soll, auch für die Ehefrau des Chefs Erledigungen zu machen. Und auch privat ließ sie kaum etwas unversucht, um sich zu integrieren:

"Ich hab's probiert und habe einen richtigen türkischen Mann geheiratet. Aber es ging nicht. Er hat ganz andere Ansichten gehabt, eine ganz andere Kultur gehabt. Das hat dann nicht geklappt. ... Dass ich aus Deutschland komme und das ich sehr frei leben würde und falsch denken würde - das habe ich sehr oft zu hören bekommen, sowohl von ihm als auch von seiner Familie."

In Istanbuls deutschen Callcentern heiraten die Mitarbeiter darum untereinander. Dutzende Familiengründungen wurden in den Teepausen schon angebahnt. Auch nach Feierabend bleiben die Deutschländer gerne unter sich. Wer in Deutschland aufgewachsen ist, heißt in der Türkei: Almanci, übersetzt: Deutschländer. Für die Callcentermitarbeiter in Sisli ist das nicht etwa ein Schimpfwort. Aber auf Sehnsucht nach Deutschland trifft man hier auch nicht gerade.

Dass sie ihre türkischen Namen und ihren Arbeitsort Istanbul nicht verraten sollen, weil es Deutsche gibt, die nicht bei einem Türken bestellen würden - das erinnert den 27-jährigen Selim Kilic an die unangenehmen Seiten seines vorherigen Lebens in Hamburg:

"Es gibt auch in der Türkei Rechte, die keine Ausländer mögen. Aber wenn man merkt, dass das die Mehrzahl ist, und wenn man irgendwo arbeitet und von zehn Leuten sind acht gegen einen, dann hat man natürlich keine Lust darauf. Ich habe keine Lust darauf, das ganze Leben darum zu kämpfen, dass ich akzeptiert werde. Bloß weil ich ein Türke bin oder türkische Vorfahren hab. Ich bin ja auch kein ganzer Türke."

650 Euro verdient man in einem deutschen Callcenter am Bosporus. Das ist etwas mehr als ein türkisches Durchschnittsgehalt. Aber natürlich viel weniger als in Frankfurt. Sonst hätte das deutsche Versandhaus seine Hotline ja nicht in die Türkei verlegt. Die jungen Rückkehrer sind für die Verlegung dieser Arbeitsplätze dankbar. Und die 45-Stunden-Woche? Die beiden Studentinnen im Pausenraum, die eben noch tuschelnd ihre Köpfe zusammengesteckt haben, zucken mit den Schultern: In der Türkei sei das die Mindestarbeitszeit. Deutsche Verhältnisse am Arbeitsplatz seien ein Vorteil. Typisch deutsche Kunden am anderen Ende der Leitung dagegen nicht immer:

"Die sind manchmal verärgert. Die verstehen aber auch wenn du sagst, wir entschuldigen uns und wir werden Ihnen weiterhelfen."

Die Türkei hat sich verändert, sie ist europäischer geworden, erklären die Deutschländer, und Istanbul sei sowieso längst eine europäische Metropole. 50 Meter vom Callcenter entfernt hat C&A eröffnet. Daneben die Filiale einer Bremer Kaffeerösterei. Als ob Deutschland den Rückkehrern hinterher zieht. Viel Deutsch am Bosporus, lacht Ümit Savul, aber deutscher als wir Callcenter-Türken geht's nicht:

"Als ich heute morgen zur Arbeit kam, da kam mir ein Mitarbeiter entgegen und der begrüßte mich auf deutsch. Das fand ich interessant."

Integration am Bosporus: Das waren Gesichter Europas über Deutsche und "Deutschländer" in der Türkei. Autor unserer Reportagen war Gunnar Köhne. Die Literatur wurde gelesen von Claudia Mischke und Bernt Hahn. Die Musik hat Babette Michel ausgewählt, und Redakteurin am Mikrofon war Barbara Schmidt-Mattern.

"Der Türke geht mit einer Mentalität des Irgendwie und der Improvisation durchs Leben - mit einem Inschallah! und diesem aufmunternden Maschallah - das heißt "großartig"! Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich ein Deutscher, der hier lebt, mit dieser Haltung zurecht finden kann. Wenn zehn Deutsche Essen gehen, dann wird die Rechnung hinterher bis auf den Cent aufgeteilt. Die Türken aber streiten sich hinterher darum, wer die Zeche übernimmt und am Ende bezahlt derjenige, der am betrunkensten ist. Ein sehr interessanter Unterschied, finde ich."

Literatur:
Esmahan Aykol, Bakschisch. Ein Fall für Kati Hirschel. Zürich: Diogenes, 2006, S. 8ff., Übersetzung: Antje Bauer

Hellmuth v. Moltke, Briefe über Zustände und Begebenheiten in der Türkei aus den Jahren 1835-1839. Hrsg. Helmut Arndt. Libri Books on Demand, Heidelberg 2000, 1. Auflage, S. 73f., 84ff

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