Sonntag, 17.12.2017
StartseiteEssay und DiskursIntellektuelle Grenzgänger29.04.2012

Intellektuelle Grenzgänger

Die Schriftsteller Ernst Toller und Ernst von Salomon

Während der Zeit der Novemberrevolution 1918 hat es im intellektuellen Milieu viele bedeutende Künstler und Schriftsteller gegeben, die einen politischen Frontwechsel vornahmen. Daneben existierte aber auch der Typus des intellektuellen Grenzgängers, der sich in ideologischen Grauzonen bewegte. An zwei solcher Künstlerschicksale von gegensätzlicher politischer Proveninenz erinnert der nun folgende Essay von Michael Böhm über die Schriftsteller Ernst Toller und Ernst von Salomon.

Von Michael Böhm

Karl Liebknecht  spricht auf einer Kundgebung im Jahr 1918 (AP)
Karl Liebknecht spricht auf einer Kundgebung im Jahr 1918 (AP)
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Der Autor porträtierte im vergangenen Jahr bereits Ernst Jünger und Drieu La Rochelle. 2008 erschien sein Buch "Alain de Benoist und die Nouvelle Droite".

Intellektuelle Grenzgänger
Ernst Toller und Ernst von Salomon


Von Michael Böhm


"Wir liegen lange. Es knallt um uns, wir knallen wieder. Wir kriechen schnell zurück. Und an der Ecke steht auch schon auf schlanken Rädern das Geschütz. Kaum sind wir da, reißt einer an der Schnur, es hallt heraus und heult und birst da drüben, reißt ein Loch in die Fassade, lässt die Steine springen. Und aus dem Fenster schleudert sich mit halbem Leib ein Mann, bleibt in der Wölbung hängen. Und langsam wird es Nacht."

Hastig, dicht gedrängt, wie hingeworfen erscheinen diese Zeilen aus Ernst von Salomons Roman "Die Geächteten", die eine Szene aus den Januartagen 1919 in Berlin beschreiben, verfasst wie von zitternder Hand, durchdrungen von kriegerischer Erregung. Sie wirken genauso fieberhaft und leidenschaftlich, wie die Sätze aus Ernst Tollers Autobiografie "Eine Jugend in Deutschland", die von der Bayerischen Räterepublik im selben Jahr berichten. Auch sie sprechen von Kampf und Gewalt, auch sie betonen ein imaginäres "Wir"; so, als suchten sie Selbstbestätigung in der kollektiven Aktion, um die Einsamkeit der Gefängniszelle zu überwinden, in der solche Zeilen geschrieben wurden. Toller:

"Wir ziehen weiter. Der Marienplatz ist menschenleer. Durch die Kaufingerstraße marschieren wir zum Bahnhof. An einem Pfeiler steht ein verlassenes Maschinengewehr, wir nehmen es und schleichen zur Paulskirche. Fünfzig Schritt vor der Kirche stellen wir das Maschinengewehr auf. Vor Aufregung schießt der Mann am Maschinengewehr auf den Turm, schwer rollt das Echo zurück."

Aus beiden Schriften spricht ein ähnlicher Geist, der sich in der gleichen, expressionistischen Sprache manifestiert. Tatsächlich appellierte er auch in Freiheit und Frieden an das, was ihm in Gefängnis und Krieg zu überleben half: an ein "Wir", an "Gemeinschaft", an "Sozialismus".

Doch dieser Geist bekämpfte sich erbittert in den Wirren der Revolution: Als Ernst Toller, als Chef der Roten Armee im April 1919 durch München hastete, um die Bayrische Räterepublik gegen die von der Reichsregierung entsandten Truppen zu verteidigen, lag es vier Monate zurück, dass Ernst von Salomon als Soldat jener feindseligen und rachedurstigen Truppen in Berlin zu verhindern half, in Deutschland eine Räterepublik zu errichten.

Die Novemberrevolution in Deutschland und der Zusammenbruch des Kaiserreiches 1918 bedeuteten für beide Männer den Ausstieg aus vorgezeichneten Lebensbahnen: Für Ernst von Salomon, den 1902 geborenen Sprössling einer preußischen Offiziersfamilie aus Kiel, den Freikorpskämpfer der 1920er Jahre und späteren Schriftsteller, dessen Roman "Der Fragebogen" zum ersten Verlagserfolg in der späteren Bundesrepublik werden sollte.

Und für Ernst Toller, den sieben Jahre älteren Sohn eines Kaufmanns aus Samotschin im heutigen Polen, den gefeierten Autor von Theaterstücken wie "Hinkemann" oder "Masse Mensch".

Den 16-jährigen von Salomon überraschte die Revolution als Zögling der Königlich preußischen Hauptkadettenanstalt in Berlin-Lichterfelde. Dort, wo er gemäß der Familientradition auf staubigen Kasernenhöfen, in kargen Unterrichtsräumen und inmitten herumkommandierender Feldwebel zum Dienst am Staat erzogen werden sollte.

Der preußische Staat, dem seine Vorfahren über Jahrhunderte gedient hatten, stand für eine Idee: Nach ihr rangierte der Dienst am Gemeinwohl über dem Wohl des Einzelnen, über seiner Freiheit und seiner Souveränität. Das gebot einem jeden, seine Pflicht zu tun; aber auch freimütig, gerecht und bescheiden zu sein.

Doch diese Idee, geboren aus dem Geist des aufgeklärten Absolutismus war im Industriezeitalter überholt. Das wilhelminische Kaiserreich war schon eine moderne Gesellschaft, gegründet auf den liberalen Prinzipien, die dem Einzelnen Vorrang vor dem Staat einräumen, ihm erlauben, sich ohne Gedanken an Dienst, Gemeinwohl und Pflicht zu betätigen – selbst wenn es dies nur Unternehmern vorbehielt.

Die wilhelminische Gesellschaft wurde als uneins und zerrissen wahrgenommen, durchzogen von Materialismus und Eigennutz, von sozialen und ideologischen Kämpfen, das heißt, als ein Zerrbild jener hochheilig gehaltenen preußischen Staatsidee.

Dennoch überdauerte diese Idee. Vor allem bei jenen, die jung und idealistisch waren und streng in seinem Geist erzogen wurden: den Königlich-preußischen Kadetten.

Der verlorene Krieg, die Revolution, die untergegangene Monarchie mit der erbärmlichen Flucht des Kaisers bargen für den 16jährigen von Salomon daher auch Hoffnung: Dass etwas Neues beginnen möge, die Nation nicht mehr von kapitalistischen Interessen zersetzt werde und die politische Einheit des Staates sich herstelle – wie während der Französischen Revolution von 1789 aus ihr die Nation erwuchs und wie es in den Augusttagen 1914 schien, als der Kaiser dem Volk zurief, er kenne keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche. Über die Novembertage 1918 in Deutschland, in denen Soldaten, Matrosen und Arbeiter in den Straßen patrouillierten und Philipp Scheidemann in Berlin die deutsche Republik ausrief, schrieb Ernst von Salomon:

"Wir mussten der Revolution einen Sinn geben, wir mussten das Land aufkochen lassen, die Fahnen die gültig waren, und seien es die roten, nach vorn tragen – das mussten wir. Ich wollte die Revolution lieben lernen; vielleicht waren ihre Energien noch nicht geweckt. Vielleicht lauerten die Matrosen auf die Parole, vielleicht standen die Arbeiter, die Soldaten bereits zu heimlichen Bataillonen geformt, vielleicht war die Sprache der Aufrufe schon gesprüht aus den quirlenden Gluten eines unmessbaren, ungeheuerlichen, welttrotzenden revolutionären Willens – die aktivsten Elemente der Nation trugen die Waffen schon in den Händen."

Dass die Revolution weiter geführt werde, hoffte auch der 25jährige Student der Rechts- und Staatswissenschaften Ernst Toller in München.

Schon als Kind in seinem Heimatstädtchen nahe Posen nahm er soziale Missstände wahr: Etwa, dass die Familie seines polnischen Freundes Stanislaus weniger zu essen hatte als er und dass alle armen Leute als schmutzig galten. Der Gymnasiast Toller empörte sich darüber, prangerte öffentlich den Tod von Julius an, einem Debilen aus dem städtischen Armenhaus. Der starb nach einem Gelage mit Bauern an epileptischen Krämpfen, ohne dass ihm jemand half.

Doch Toller selbst zählte zu den Erniedrigten und Beleidigten. Die Tollers waren Juden. Der Schüler fühlte sich nicht nur von Polen angefeindet, die als Katholiken in ihm einen "Mörder Christi" sahen; auch deutsche Kinder verhöhnten ihn als "Jiddchen". Und selbst Glaubensgenossen aus den traditionellen "Schtetln" beargwöhnten ihn: Weil seine Familie ihr Judentum der Moderne öffnete, wie viele andere jüdische Familien im 19. Jahrhundert, und weil sie noch kaisertreuer, noch patriotischer war, als manche christliche in Deutschland. Der junge Toller saß zwischen allen Stühlen, beargwöhnt von jedermann, ohne eine lange Tradition, auf die er mit Stolz hätte verweisen können, ohne festen Ort.

Der Krieg, in den er wie viele andere freiwillig und mit großer Begeisterung zog, schien ihm, dem Juden, all das zu geben, vor allem die Aussöhnung mit Deutschland. Auch für ihn war das berühmte Wort des Kaisers Beweis, nun dazu zu gehören.

Doch der Preis dafür war hoch: Nach dreizehn Monaten an der Front brach Toller physisch und psychisch zusammen, er war kriegsdienstunfähig. Der einstige Hurra Patriot lehnte sich auf. Im Lazarett erfuhr er im Kreise von Verkrüppelten seine innere Wandlung zum Pazifisten. Er traf den Gelehrten Max Weber und den Dichter Karl Bröger. Sie forderten, dass das preußische Klassenwahlrecht abzuschaffen und der Staat zu demokratisieren sei.

Doch Toller erschien das lebensfern, voll "Staatsromantik", denn das Sterben auf den Schlachtfeldern dauerte an. Einzig die Reden des Anarchisten Gustav Landauers zogen ihn in ihren Bann: Dass der Mensch den Staat nicht verändere, wenn er in ihm eine Stimme habe, dass er nur durch Bildung und Einsicht zu einer Gesellschaft von Freien und Gleichen gelange, dass es in ihr keine Hierarchie, keine Gewalt, keinen Staat in ihr gebe. Toller, der Gefährdete, der Ortlose begeisterte sich für diese Utopie. Mitten im Krieg sprach er davon in München und Berlin zu Studenten und Arbeitern. Und 1918 schrieb er sein Drama "Die Wandlung": In ihm wird der Bildhauer Friedrich durch den Krieg geläutert, ruft zu gewaltfreier Revolution auf.

Als am 7. November 1918 in Bayern die Revolution ausbrach, wurde Toller zweiter Vorsitzender des Zentralrats der Arbeiter und Soldaten.

Doch die politischen Entwicklungen ernüchterten ihn bald: Nicht vom Staat her sollte die sozialistische Gemeinschaft entstehen, nicht durch eine parlamentarische Demokratie, in der nun auch das Volk einmal an die Wahlurne gelassen wird, um dann für Jahre abwesend zu sein. Von unten her sollte sich die Gesellschaft verändern, durch eine Rätedemokratie, die keine Unterschiede von Klassen und Rassen kennt, sondern nur die freie Entscheidung des vernunftbegabten und sittlichen Menschen. So wie sie die Arbeiter in Russland versucht und die Kommunisten in Berlin erstrebt hatten – und wie es die Unabhängige Sozialdemokratische Partei in Bayern wollte.

Nachdem ihr Führer, der Gründer des freien Volksstaats Bayern, Kurt Eisner, im Februar 1919 von einem rechtsradikalen Monarchisten ermordet worden war, mündeten die Konflikte zwischen den Anhängern des Parlamentarismus und der Rätedemokratie in Streiks und Schießereien. Im April floh die gewählte Regierung aus München ins innerbayerische Exil. Der Zentralrat der Arbeiter und Soldaten, beherrscht von Anarchisten wie Gustav Landauer und Erich Mühsam, rief die Räterepublik aus. Zwei Tage später wurde Toller dessen Vorsitzender. Nach sieben Tagen putschten sich die Kommunisten an die Macht. Toller geriet in Gefangenschaft. In "Eine Jugend in Deutschland" schreibt er:

"Um zwei Uhr nachts tost von draußen Lärm, alle Türen knallen auf, Soldaten der republikanischen Schutztruppe stürmen mit erhobenen Revolvern in den Saal. Der Führer der Truppe bahnt sich durch die Menge einen Weg und springt auf mich zu, ich weiche zurück, er schreit mich an:

Wir kommen dich befreien!

Die Menge weiß nicht, ob der Überfall ihr gilt oder mir. Da dreht sich der Truppführer mit schussbereitem Revolver zur Menge:

Hände hoch! Verlasst sofort den Saal! Nach dreimaligem Trommelwirbel wird geschossen!

Schon dröhnt der erste dumpfe Trommelwirbel, die Menge ist von Soldaten zerniert, hundert Gewehrläufe richten sich drohend auf den Saal, einige Arbeiter eilen zu den Fenstern, öffnen sie und springen hinaus, die meisten aber bleiben."


Anders als Toller waren von Salomon Ideen fremd, die aus dem utopischen Denken der Aufklärung erwuchsen. Der 16-Jährige kannte nur den Dienst an einem sittlich verklärten Staat. Das war seine Tradition, war ihm fester Ort. In den Revolutionswirren, in der die ihm bisher vertraute Welt zusammenstürzte, blieb ihm nichts anderes, als sich darauf zu besinnen.

Im Januar 1919 schloss er sich einem Freikorps an: einem jener Freiwilligenverbände, die nach einem Erlass der Regierung des Sozialdemokraten Friedrich Ebert den neuen Staat schützen sollten und in denen sich Scharen vom Krieg Entwurzelter, Abenteurer aber auch Idealisten sammelten: Denn widerstreitende Ideologien und Parteien, die die den Staat bedrohen, das verstand von Salomon nicht unter "Gemeinschaft" oder "Sozialismus" – wie viele seiner Kameraden im Freikorps Maercker, die in Berlin den Spartakistenaufstand niederschlugen:

"’Na ihr werdet wohl bald Schluss machen mit dieser Sauregierung?’ Der Unteroffizier sieht den Herrn an und sagt: ‚Ich bin Sozialist’. Der Herr zuckt zusammen, wird rot und geht rasch davon. Bewegung unter uns acht Mann. Unteroffizier Kleinschroth ist Sozialist. Dieser ruhige, dunkle, ernsthafte Mensch. Ich sehe ihn scheu von der Seite an. Der Gefreite Hoffmann dreht mir das fröhliche Gesicht zu und lächelt: ‚Da staunste, was? Ich bin auch Sozialist. Eingeschrieben seit 1913.’ Ich schweige betroffen. Hoffmann sagt halblaut und eifrig: ‚Mensch, wir wollen doch den Staat.’"

Doch in diesem Staat bekämpften sich weiter die Ideologien des ortlosen Denkens, hörte der Bürgerkrieg nicht auf. Auf dem Boden einer zerbrechlichen parlamentarischen Demokratie wollten von Salomon und seine Kameraden einem geeinten Staat nicht dienen: Die Abgeordneten der Weimarer Nationalversammlung verachteten sie als "Kapitalisten", die ihnen befahlen, gegen rivalisierende Kommunisten in Halle und Magdeburg vorzugehen; doch auch für letztere zu optieren war ihnen unmöglich, da diese nur die internationale sozialistische Gesellschaft kannten, aber keinen Sozialismus des eigenen Staates.

Von Salomon suchte nunmehr genauso seinen Ort, aber er fand ihn in einer Aufgabe, die seiner Tradition entsprach: Deutschlands Territorien im Baltikum zu verteidigen, die von den Bolschewisten bedroht waren, nachdem die Alliierten den Frieden von Brest Litowsk aufgekündigt hatten.

Dort, als Freikorpskämpfer erlebte von Salomon, was andere als Sozialismus bezeichneten: eine Gemeinschaft von Menschen, die aus allen Schichten des Volkes stammten und die bei den blutigen Kämpfen um Riga und Dorpat immer enger wurde; Dort glaubten er und seine Kameraden dem Staat zu dienen, da deutsche Truppen wieder siegten; aber sie bekamen das schlechte Gefühl, umsonst gekämpft zu haben, da Regierungsvertreter 1919 den Versailler Vertrag unterschrieben, der auch einen Rückzug der Freikorps vorsah.

Doch auch anderswo überkam die Freikorpskämpfer das Gefühl der Fremdheit: etwa beim kommunistischen Ruhraufstand 1920, wo sie erneut glaubten, ideologische Gegner einer Partei niederzuringen; und im von den Polen bedrohten Oberschlesien, wohin sie die Regierung entsandte, um die Volksabstimmung von 1921 zu sichern – und wo sie später wieder davon sprechen konnten, verraten worden zu sein.

Bei von Salomon und seinen gläubigen Weggefährten entstand Hass auf die Weimarer Republik, die sie zu sogenannten "Wanderern ins Nichts" zu verwandeln schien; ihre ohnehin schon sehr verschwommenen Ideen von Gemeinschaft wurden mit nationalistischem und völkischem Ungeist aufgeladen. Ihr Unbehagen entlud sich in erbarmungslosem Wüten:

"Wir erschlugen, was uns in die Hände fiel, wir verbrannten, was brennbar war. Wir sahen rot, wir hatten nichts mehr von menschlichen Gefühlen im Herzen. Wo wir gehaust hatten, da stöhnte der Boden unter der Vernichtung. Wo wir gestürmt hatten, da lagen, wo früher Häuser waren, Schutt, Asche und glimmende Balken, gleich eitrigen Geschwüren im blanken Feld. Eine riesige Rauchfahne bezeichnete unseren Weg. Wir hatten einen Scheiterhaufen angezündet, da brannte mehr als totes Material, da brannten unsere Hoffnungen, unsere Sehnsüchte, da brannten die bürgerlichen Tafeln, die Gesetze und Werte der zivilisierten Welt."

Als sich 1921 die letzten Freikorps auflösten, ging von Salomon zurück nach Deutschland: in ein Land, in dem er seinen Ort nicht mehr fand, weil es noch immer ideologische Kämpfe durchzogen und in dem Regierende offenbar gemeinsame Sache mit seinen Feinden, den Alliierten machten.

Wie andere ehemalige Freikorpskämpfer trat er der terroristischen "Organisation Konsul" bei, die versuchte, mit politischen Morden den Staat zu destabilisieren und eine nationale Revolution anzuzetteln. 1922 geriet Reichsaußenminister Walther Rathenau in ihr Visier: Er, der Jude, von Hause aus kapitalistischer Großunternehmer, der mit der Sowjetunion verhandelte und sich den Reparationsforderungen der siegreichen Mächte unterwarf, wurde als verhasste Symbolfigur der neuen Zeit wahrgenommen, in der die Massendemokratie – in den Augen ihrer Gegner - der Wirtschaft zwar Konjunktur zu bescheren, doch gleichzeitig den Staat ins Chaos zu stürzen schien.

Es war der junge von Salomon, der in Berlin den Dienstweg Rathenaus zum Ministerium auskundschaftete, den Mördern ein Zeichen gab, als der Wagen des Außenministers am Morgen des 24. Juni 1922 startete. Kurz darauf fielen die tödlichen Schüsse. Reichskanzler Wirth verkündete: "Der Feind steht rechts." Einen Monat später wurde von Salomon verhaftet, es kam zum Prozess. Im Oktober 1922 trat er eine fünfjährige Haftstraße an.

Fast eineinhalb Jahre zuvor schrieb Ernst Toller in seiner Zelle in der Festung Niederschönenfeld:

"Ich entdecke konservative Elemente in mir. Man könnte vielleicht sagen, dass der Revolutionär nur aus Liebe zu einem utopischen Konservativismus revolutionär wird."

Auch Toller war wegen seines Engagements gegen die parlamentarische Demokratie im Gefängnis: Er hatte sich während der Bayrischen Räterepublik der kommunistischen Regierung zur Verfügung gestellt und – nachdem Regierungstruppen sie im Mai 1919 niederschlugen – wurde er zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.

In der Haft schrieb Toller unter anderem seine sozialkritischen Dramen wie "Maschinenstürmer" oder "Hinkemann". An den großen Theatern dieser Zeit in Berlin, Dresden und Wien wurden sie begeistert aufgenommen. In ihnen beschwor Toller zwar nach wie vor Sozialismus und Gewaltlosigkeit, wie es dem Ideal Gustav Landauers entsprach; doch die Utopien traten darin zurück: In seinem Revolutionsstück "Masse Mensch" wendet sich Sonja, die Hauptfigur an den "reinen, unbedingten Menschen", bezahlt aber ihren Gewaltverzicht mit dem Leben. In einem Brief Tollers heißt es:

"Ich glaube nicht mehr an Wandlung zu ‚neuem Menschentum’. Jede Wandlung ist Faltung oder Entfaltung. Tiefer als je spüre ich den Sinn des tragischen und gnädigen Wortes: Der Mensch wird, was er ist."

Die Isolation der Haft und die unsolidarische Haltung, die Toller selbst bei mitgefangenen Kampfgefährten wahrnahm, bewirkten offenbar diesen Utopieverlust. Bei ihm, dem Sozialisten, dem schon als Kind Ortlosen, dem säkularisierten Juden schien dies mit Selbsthass einher zu gehen; schien es ihn antisemitische Klischees aufgreifen zu lassen, mit denen Juden als Repräsentanten des schweifenden, ortlosen Kapitalismus bedacht wurden. In seinen Dramen sind daher vor allem Juden Bankiers und Händler: "Masse Mensch" wurde in Nürnberg von der bayrischen Regierung verboten. Die Juden hätten wegen der Börsenszene gegen die Aufführung Einspruch erhoben.

Nach seiner Entlassung 1924 schlug Toller in linken Kreisen eine Welle der Sympathie entgegen. Der Autor nutzte seine Popularität, um auf Reisen ins In- und Ausland auf die soziale Lage der Arbeiter hinzuweisen und für die sozialistische Sache zu werben. Politisch hatte er keine Ambitionen mehr. Er sah seine politische Heimat genauso wenig bei den Sozialdemokraten wie bei den Kommunisten. Den ersten verzieh er nicht ihre verräterische Haltung in der Revolution; an den zweiten störten den Pazifisten, dass sie Gewalt ausdrücklich legitimierten, um an die Macht zu gelangen. Auch in anderer Hinsicht war er wieder ortlos: Toller, der nicht müde wurde, die soziale Not der Arbeiter anzuklagen, pflegte einen bourgeoisen Lebensstil: Er liebte elegante Kleidung, luxuriöse Hotelzimmer und nahm für seine Vorträge hohe Honorare.

Seit 1924 wohnte Toller in Berlin und unterstützte die "Liga für Menschenrechte", die deutsche Abteilung der internationalen Organisation, die seinerzeit für globalen Sozialismus und weltweite Demokratie eintrat. Aber er hatte auch Kontakt zu einstigen Führern der Münchner Räterepublik, etwa zu Ernst Niekisch.

Für von Salomon bewirkten die Jahre der Haft einmal mehr seine Entfremdung von der bürgerlichen Gesellschaft: Er litt darunter, dass seine Richter die Motive seiner Tat weder verstanden, noch verstehen konnten. Aber er erkannte, dass er mit inhaftierten Kommunisten mehr gemein hatte, als mit denen, für die er zuvor die Republik verteidigte:

"Denn so begegneten wir uns, die wir eigentlich die Bestimmung hatten, in freiem Kampf aufeinander zu stoßen, nun als folgsame und gebändigte, in den tiefsten Schmutz gezogene Menschen, unterworfen und entwürdigt von Mächten, die wie verachteten, die wir hassten, die ein Hemmnis unseres Kampfes waren und ein Hemmnis jeder kämpferischen Entwicklung überhaupt. Wir lebten in einer Welt, in der alles feindlich war. Und wir kamen zueinander, um die grenzenlose Verlassenheit zu übertäuben, um einer im anderen den Menschen zu finden inmitten einer Wüste aus Stein und Eisen. Und es kam die Zeit, da uns nichts voneinander schied als die Mauer zwischen seiner und meiner Zelle."

Aber bestärkt durch Lektüren, überdachte auch er sein bisheriges politisches Engagement. Doch selbst wenn er eingestand, dass es einem verlorenen Zweck, einem Nichts gedient hatte, selbst wenn ihm das völkische Denken seiner Freikorpskameraden nun als verworren erschien, konnte er seine Tradition, seinen Ort nicht verleugnen: die Idee eines Staates, der anders als die parlamentarische Demokratie die ideologischen Konflikte überwinden und das Volk unter einem sittlichen Geist einen könne. In einem solchen Staat, das erkannte er, war der Mord – auch der politische – ein Verbrechen:

"Mich führte die Zelle zurück zu dem Gesetz, nach dem ich angetreten. Meine Schuld begriff ich nun als eine Schuld, die ich gegen dies Gesetz auf mich nahm. Die Kraft aber kam aus der Herkunft, aus der Erziehung, aus der straff gefügten Welt mit strenger Moral, aus einer Ordnung deren Logik so wenig anzuzweifeln war wie die Freiwilligkeit der Bindung, aus dem Bild eines dynamischen Staates, zu dem nicht biologistischer Zufall, sondern das Bekenntnis bindend war. Und ich fand für dies Bild eines Staates keinen anderen Namen, als den, der ihm von Anfang an angemessen war. Er hieß Preußen."

1927 wurde Ernst von Salomon begnadigt. Kurz darauf ging er nach Berlin und arbeitete als Publizist für verschiedene Zeitungen. Er verkehrte oft im Salon des jüdischen Industriellen Hans-Dieter Salinger oder bei den Autorenabenden seines späteren Verlegers Ernst Rowohlt. Dort begegnete er so unterschiedlichen Charakteren, wie dem expressionistischen Dichter Arnold Bronnen, dem Anarchisten Erich Mühsam oder dem konservativen Philosophen Friedrich Hielscher. Auch Ernst Niekisch, Tollers einstiger Mitkämpfer, war in diesen Kreisen häufiger Gast.

Bei den oft hitzig geführten Diskussionen um die Frage, wie die sozialen und politischen Krisen der Weimarer Republik überwunden werden könnten, wurde sich gern auf das Buch "Preußentum und Sozialismus" von Oswald Spengler bezogen: Nach ihm habe in England der "Seeräuberinstinkt des Inselvolkes" zu einer Gesellschaft mit einer parlamentarischen Ordnung geführt, in der der Einzelne nach Beute trachte, eine Ordnung, die den Staat unterminiere.

Dagegen hätten die kontinentalen, dem konkreten Ort und festen Boden verbundenen Preußen eine Wirtschaftsautorität des Staates geschaffen, die nicht im Dienst der "Bereicherung des Einzelnen", sondern der "Blüte des Ganzen" gestanden habe; genauso wie ein "Rätesystem", das jedem gemäß seiner Fähigkeiten ein bestimmtes Maß von Befehl und Gehorsam zugewiesen habe.

Dieser "preußische Sozialismus", wie ihn Spengler nannte, sei daher dem deutschen Wesen eigen und stünde gegen die Utopien des westlichen Sozialismus, der nichts anderes als "Kapitalismus von unten" sei.

Niekisch entwickelte diese Idee weiter. In seiner Zeitung "Der Widerstand" propagierte er einen antiwestlichen Sozialismus auf nationaler Basis: einen Nationalbolschewismus, orientiert am Moskauer Vorbild.

Auch von Salomon war davon fasziniert und begann für Niekischs Zeitschrift zu arbeiten. Fortan sollte die Idee eines "preußischen Sozialismus" sein literarisches Schaffen prägen.

Als 1933 die Nationalsozialisten die Macht ergriffen, befand sich Ernst Toller in der Schweiz. Toller, der in den letzten Jahren der Weimarer Republik eindringlich vor dem Nationalsozialismus warnte, entging somit seiner Verhaftung. Er war einer der ersten, den die Nationalsozialisten per Dekret staatenlos machten.

Im Exil in England und den USA und auf seinen vielen Reisen wies der berühmte Bühnenautor unermüdlich auf die Gefahr eines kommenden Krieges hin. Sozialismus und Menschenrechte hatten für den jüdischen Emigranten nun nicht mehr nur eine soziale Dimension, sondern sollten die Ideen von "Rasse" und "Nation" in einer Weltgesellschaft überwinden. Auf die Frage, wer er als Staatenloser sei, antwortete er 1933:

"Eine jüdische Mutter hat mich geboren, Deutschland hat mich genährt, Europa mich gebildet, meine Heimat ist die Erde, die Welt mein Vaterland."

Doch in der Emigration verfiel der unstete, ruhelose, leicht zu erregende Toller Depressionen. Als im Mai 1939 seine Hilfsaktion für die spanische Republik scheiterte, nahm er sich in New York das Leben. Es kam zu Trauerfeiern in Amerika und England. Aber die Urne mit seiner Asche holte niemand aus dem Krematorium ab, lange Zeit blieb sie unbestattet.

Ernst von Salomon hingegen kehrte im Januar 1933 nach Deutschland zurück. Sein ungestümes Temperament hatte ihn erneut zu militanten Aktionen gegen die parlamentarische Demokratie verführt: Nach einem fingierten Sprengstoffanschlag auf den Berliner Reichstag geriet er 1929 abermals in Haft. Danach lebte er zwei Jahre im Ausland.

Im Dritten Reich wurden seine Romane "Die Kadetten" und "Die Geächteten", in denen er preußischer Erziehung und preußischem Geist huldigte, als Dokumente des Kampfes "um die Wiedergeburt der Nation" gefeiert.

Doch hielt von Salomon Distanz zu den neuen Mächtigen, die ihm als potenziellen Anarchisten misstrauten: Er sah, dass der Nationalsozialismus den Staat zum Völkischen verlagerte, dass er um der Ideologie willen andere ausschloss, und dass dies den preußischen Prinzipien widersprach.

Seit 1936 schrieb er als Autor der UFA Drehbücher für Unterhaltungsfilme; er lebte mit einer Jüdin zusammen, bewahrte sie vor der Verfolgung und – er unterhielt Kontakte zu Widerstandskreisen. Doch gegen den Staat zu konspirieren, sein Oberhaupt zu töten, erschien ihm unpreußisch.

Nach 1945 wandte er sich gegen die amerikanische reeducation, die, wie er glaubte, zu Materialismus führe und den Deutschen Identität und Tradition raube; er geißelte die ideologische Zweiteilung der Welt und artikulierte Sympathien für den Kommunismus und die DDR. In seinem Roman "Der tote Preuße", an dem er bis zu seinem Tod 1971 arbeitete, entfaltete er nochmals die preußische Staatsidee. Von Salomon meinte darin unter anderem:

"Solange im Osten immer von der Gesellschaft gesprochen wird statt vom Staat, bleibt der Hafen für einen Preußen vermint, so sehr man das auch oft bedauern muss."

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