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StartseiteBüchermarktIntellektuelles Lesevergnügen07.04.2008

Intellektuelles Lesevergnügen

George Steiner skizziert seine "ungeschriebenen Bücher"

George Steiner, geboren 1929 in Paris, ist Schriftsteller, Philosoph und emeritierter Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft. In "Meine ungeschriebenen Bücher" schreibt er geistreich und auch intellektuell unterhaltsam über Themen wie Identität, Sprache und Eros.

Von Thomas Palzer

Der amerikanische Literaturwissenschaftler George Steiner im Jahr 2003. (AP Archiv)
Der amerikanische Literaturwissenschaftler George Steiner im Jahr 2003. (AP Archiv)

Frivol, wenn jemand ein Buch über diejenigen Bücher schreibt, die zu verfassen er versäumt zu haben meint. Für den letzten Universalgelehrten Europas, den in Oxford lehrenden Komparatisten George Steiner, sind die ungeschriebenen Bücher aber diejenigen, die entscheidend hätten sein können. Damit bestätigt der Autor, dass die Möglichkeit mindestens so wirkmächtig sein kann wie die Wirklichkeit. Und darum hat George Steiner jetzt seinen Büchern im Konjunktiv ein Buch im Indikativ gewidmet. Eines, das versucht zu erklären, warum die ungeschriebenen Bücher ungeschrieben geblieben sind - aber indirekt und umweghaft doch von ihm geschrieben wurden.

George Steiner ist mit "Meine ungeschriebenen Bücher" ein verschmitzter Lobpreis der Transzendenz gelungen: Was man aufschreibt, ist ausgerechnet das, worüber man nicht schreiben kann, was gewissermaßen über den Buchstaben schwebt.

"Die Zungen des Eros" etwa nennt der Autor jenes Werk, das er gern über den erotischen Donjuanismus geschrieben hätte, über die Wechselwirkungen zwischen Eros und Sprache, Genitalien und Geist. Ähnlich wie Roland Barthes in den "Fragmenten einer Sprache der Liebe" ist es für Steiner die Sprache, die über die Form entscheidet, die das Liebemachen unter der Begleitung von Worten annimmt. Und besorgt fragt sich der Autor, ob die globale Sättigung mit angloamerikanischen Sprachen dazu führt, dass wir uns alle im Bett früher oder später wie ein Nordamerikaner oder eine Nordamerikanerin verhalten werden - so standardisiert wie die Brillo-Box.

"Ich hatte das Privileg gehabt, in vier Sprachen Liebe zu sprechen und zu machen."

Zugegeben: Wir vermissen ein solches Werk des Oralsex im...

"elementaren Sinn"

... wie der Autor lächelnd anmerkt. Aber die 39 Seiten, die George Steiner ihm in seinen ungeschriebenen Büchern widmet, vermögen uns mit dieser unverzeihlichen Lücke in der Bibliothek - trotz der unvermutet ans Licht tretenden Eitelkeiten und Unglaubwürdigkeiten des immerhin 78-jährigen Autors - zu versöhnen.

"Eine große Zahl von Männern und Frauen verfügt von frühester Kindheit an über mehr als eine ‚Mutter-Sprache’. Wir haben aber anscheinend keine gültige Darstellung oder sozialisierten Aufzeichnungen darüber, wie ihr metaphorisches erotisches Leben aussehen muss. Wie unterscheiden sich Liebesakte auf baskisch oder russisch von solchen auf flämisch oder koreanisch? Was für Privilegien oder Hemmungen ergeben sich zwischen Liebenden unterschiedlicher Muttersprache? Ist der Koitus auch, und vielleicht im Grunde, eine Übersetzung? Auch wenn das theoretisch möglich ist, wird faktisch Liebe doch selten schweigend oder auf Esperanto gemacht."

Zu den weiteren ungeschriebenen Werken, denen Steiner in seinem Buch einen beeindruckenden Nachruf geschrieben hat, gehört "Zion" - ein Essay, in dem der Autor über sich und sein Judentum und darüber nachdenkt, warum ihm der Zionismus als Produkt des Nationalismus zeitlebens unsympathisch geblieben ist. Eben genau deswegen: wegen der mit dem Nationalismus verbundenen Exklusion und dem damit unweigerlich verbundenen Rassismus.

Aber er räumt ein, dass der Anspruch, auserwähltes Volk zu sein, jenes Skandalon ist, das andere Völker und Nationen in Rage bringt - und Skandalon vor allem deshalb, weil es der jüdischen Kultur eingeschrieben ist, das Auserwähltsein an eine ethnische Gruppierung adressiert, an eine - Rasse.

Überzeugend legt Steiner klar, dass es die Überforderung durch das mosaische Gesetz ist, die die anderen Völker den Juden nicht verzeihen - dass das Judentum es war, welches der Menschheit das unmögliche Gesetz des Monotheismus auferlegte - eines Monotheismus, der darüber hinaus den Sündenbock in das Lamm Gottes verwandelte. Eine herausragende kulturelle Leistung.

"Der Jude wird gehasst, nicht weil er Gott ermordet, sondern weil er ihn erfunden und geschaffen hat."

Die hochsensible Frage nach dem Verhältnis zwischen Juden und nichtjüdischer Welt dekliniert Steiner durch. Wer bin ich, fragt er - und antwortet, dass nur der Gott Moses über alle Identitätszweifel erhaben war und sagen konnte:

"Ich bin, der ich bin."

Steiner hingegen, der noch nicht einmal an den mosaischen Gott glaubt, hat es schwerer. Wer bin ich, fragt er sich, und muss im nächsten Moment im cartesischen "cogito ergo sum" das Echo der Erbsünde erkennen: Das Subjekt des Satzes ist nicht identisch mit seinem Objekt, das Ich in "cogito" ein anderes als das in sum. In dieser Differenz verortet Steiner das erste Exil der Menschheit - jenes Exil, das sich auftut mit der Kluft zwischen Ding und Wort, Name und Wesen.

Dieses Exil wiederum wird von den Juden als für das eigene Schicksal bestimmend erfahren, da das Exil derjenige Raum ist, in dem sich jüdischer Überzeugung nach jüdische Geschichte fatumhaft abspielt. Ist der ewig wandernde Jude ewig von seinem...

"...angestammten Boden der Mündlichkeit, aus dem Heiligtum der direkten Ansprache vertrieben, hat der Jude das geschriebene Wort über Jahrhunderte von Verschleppung und Exil hinweg zu seinem Pass gemacht."

Darum das Klischee, welches die Juden als das Volk des Buches charakterisiert. Man mache sich nur die mit dem Begriff Rabbulist einhergehende Herabsetzung klar.

Das Buch oder das geschriebene Wort, bemerkt Steiner, diente und dient jüdischer Kultur als Zuflucht und unzerstörbare Heimstatt, als Hafen der Heimatlosen.

"Andere Religionen, andere Namen sind Zeit und Vernichtung unterworfen. Nicht das Judentum. Nicht dieser kleine, scharfkantige Stein in den Schuhen der Menschheit."

Mit "Meine ungeschriebenen Bücher" hat der Gelehrte und Schriftsteller George Steiner ein auf sieben Essays verteiltes intellektuelles Lesevergnügen ersten Ranges vorgelegt. Und gerade in Anbetracht der vom Autor diagnostizierten Erosion der abendländischen Bildungssysteme ist der Band eine Art Antidot. In ihm findet sich neben den erwähnten Nachrufen auf die im Konjunktiv verbliebenen Werke auch ein Aufsatz mit dem Titel "Bildungsfragen". Darin fordert er eine nichtegalitaristische Hierarchie für intellektuelle Verdienste, denn unerträglich findet er die akademische Mode, die sich weigert, zu unterscheiden zwischen echter Exzellenz und...

"... wucherndem Wachstum parasitischer Formen."

Sein neuestes Buch schult genau dieses Unterscheidungsvermögen.


George Steiner: Meine ungeschriebenen Bücher
Übersetzt aus dem Englischen von Martin Pfeiffer
Hanser, München
264 Seiten, 21,50 Euro

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