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StartseiteForschung aktuellIntelligente Pillen und Pflaster07.12.2009

Intelligente Pillen und Pflaster

Innovative Technik lässt Medikamente gezielter wirken

Medizin.- Zwei Fünftel aller Arzneien gehen als Tabletten über die Ladentheke. Doch die meist kleinen Pillen haben auch Nachteile: Weil der enthaltene Wirkstoff über die Verdauung ins Blut gelangt, ist die Dosierung schwierig. Um das zu ändern, tüfteln Forscher an intelligenten Pillen.

Von Ralf Krauter

Herkömmliche Tabletten. Die sogenannte iPill könnte mit weniger Wirkstoff auskommen.   (AP)
Herkömmliche Tabletten. Die sogenannte iPill könnte mit weniger Wirkstoff auskommen. (AP)

Tabletten gehen durch den Magen. Und das hat Folgen. Denn was die Verdauung angeht, ist jeder Mensch anders. Je nach Alter, Geschlecht und körperlicher Verfassung wirkt dieselbe Pille deshalb unterschiedlich stark, erklärt Stephan Messner vom Institut für Mikrosystemtechnik und Informationstechnik in Villingen-Schwenningen.

"Das ist sozusagen eine Schwäche der Pillen derzeit: Weil man nicht so ganz genau weiß, wie viel jetzt tatsächlich im Körper ankommt, muss man die Dosierung so machen, dass es auf der einen Seite halt noch einen therapeutischen Nutzen hat und einen auf der anderen Seite halt nicht umbringt - das heißt, nicht zu viele Nebenwirkungen hat. Das ist die Schwierigkeit. Und neue technische Lösungen haben natürlich da ihren Ansatz, das viel genauer einstellen zu können und die Medikamente präziser zu dosieren."

Beim Philips-Forschungszentrum in Eindhoven hat man dazu eine elektronische Tablette entwickelt. Die sogenannte intelligente Pille, kurz iPill, erklärt Steve Klink.

"Die iPill kann so programmiert werden, dass sie ihren Wirkstoff an einer bestimmten Stelle des Verdauungstraktes freisetzt. Sie ist so groß wie eine Vitamintablette und besteht zu zwei Dritteln aus Elektronik, die die Arznei am richtigen Ort ins Freie pumpt."

Messfühler für Temperatur und Säuregrad der Umgebung verraten der Kapsel, wann sie den Magen passiert und den Dünndarm erreicht hat. Über eine winzige Mechanik setzt sie dort ihre Fracht frei: Zum Beispiel ein Medikament zur Behandlung von Morbus Crohn, einer chronischen Dünndarm-Entzündung. Auf diese Weise, hofft man bei Philips, lässt sich mit weniger Wirkstoff derselbe therapeutische Effekt erzielen. Und damit mit weniger Nebenwirkungen. Klinische Tests stehen aber noch aus.

"Die preisen das an, dass das fertig ist, um getestet werden zu können. Ich gehe davon aus, dass da Versuche laufen im Moment. Aber da ist bisher nichts dazu veröffentlicht."

Die gewünschte Wirkung mit weniger Wirkstoff erzielen, das will auch Stephan Messner. Allerdings setzt er nicht auf Tabletten, sondern auf Arzneien, die durch die Haut wirken. Genauer gesagt durch die Mundschleimhaut. Im Rahmen eines EU-Projektes hat er einen speziellen Medikamenten-Dosierer dafür entwickelt.

"Es ist eine Art Implantat als Teil einer Zahnprothese. Das System soll ungefähr den Platz von einem Backenzahn haben. Das heißt: Sie haben das Medikament in fester Form im Zahn vorliegen. Und Wasser aus dem Speichel geht praktisch in den Zahn rein, löst das Medikament auf, dadurch wird ein gewisser Druck aufgebaut. Und dieser Druck befördert das Medikament dann auf der anderen Seite aus dem Zahn wieder heraus, sodass es durch die Backenschleimhaut aufgenommen werden kann."

Klinische Tests mit einem noch ziemlich klobigen Prototypen belegen: Bereits eine deutlich geringere Medikamenten-Dosis als in Tabletten üblich, liefert denselben Effekt. Für Parkinson-Patienten, die regelmäßig ein Mittel gegen die Symptome der Schüttellähmung nehmen müssen, wäre das von Vorteil.

Neben arzneihaltigen Stiftzähnen tüftelt Stephan Messner auch an intelligenten Rheumapflastern, die abends aufgeklebt werden, ihre Wirkung aber erst Stunden später entfalten, kurz bevor der Morgen graut.

"Rheumapatienten haben oft das Problem, dass die eben mit Schmerzen aufstehen. Und wenn man die Medikamente rechtzeitig vor dem Aufstehen verabreicht, könnte das wesentlich erleichtert werden."

Das schlaue Pflaster verfügt über einen Verzögerungsmechanismus. Wird er aktiviert, kommt Wasser in Kontakt mit einem Granulat, das sonst in Windeln verwendet wird. Das Granulat quillt allmählich auf und drückt nach vier bis sechs Stunden feinste Nadeln in die obersten Hautschichten. Durch die strömt dann das Rheumamittel, während der Patient noch träumt.

"Es tut nicht weh. Also man merkt den Druck, aber es tut nicht weh."

Ob das Mikronadel-Pflaster Hautirritationen hervorrufen kann, sollen Tierversuche jetzt zeigen. Bis zur Marktreife werden auch hier sicher noch einige Jahre vergehen.

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