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StartseiteInterview"Das ist eine Frage, die gestellt werden muss"02.12.2013

Intendant Willi Steul"Das ist eine Frage, die gestellt werden muss"

"Wofür wären Sie bereit, notfalls Ihr Leben zu opfern?" So lautet der Titel einer Umfrage, die das Deutschlandradio, die ARD und Radio France durchführen. Deutschlandradio-Intendant Dr. Willi Steul erläutert die Motivation dahinter.

Intendant Deutschlandradio (©Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)
Dr. Willi Steul (©Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)

Dirk-Oliver Heckmann: Das Jahr 2013 neigt sich langsam dem Ende zu. Im nächsten Jahr jährt sich der Beginn des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal. 17 Millionen Menschen haben durch ihn ihr Leben verloren. Umso befremdlicher muss auf uns wirken, dass es auf beiden Seiten, Deutschen wie Franzosen, damals teils eine regelrechte Kriegseuphorie gegeben hat, für das Vaterland sein Leben geben zu wollen – für die meisten von uns wohl eine merkwürdige Vorstellung. Das Deutschlandradio beteiligt sich mit sechs anderen europäischen Sendern an einer großen Online-Umfrage der deutsch-französischen Hörfunkkommission. Das Ziel: herauszufinden, welche Werte uns heute verbinden, was uns motiviert, sich zu engagieren, Nachteile in Kauf zu nehmen, sich selbst womöglich in Gefahr zu bringen. Deutschlandradio-Intendant Willi Steul habe ich gefragt: Die zentrale Frage der Umfrage lautet ja, "Für wen oder wofür wären Sie bereit, sich zu engagieren, im Extremfall auch Ihr Leben zu opfern?" – eine Frage, die erst mal absurd klingt, die aber auch als glatte Zumutung verstanden werden kann, oder?

Willi Steul: Ich persönlich sehe das nicht so. Wenn ich an den Ersten Weltkrieg denke, dann assoziiere ich unmittelbar sofort das Grauen von Verdun. Ich assoziiere aber auch das Stichwort Langemark, die Studenten, die in ganzen Semestergenerationen mit Blumen in den Gewehrläufen in den Krieg gezogen sind, begeistert und ausdrücklich bereit, ihr Leben zu geben. Und das ist eine Frage, die gestellt werden muss. Wir hatten sogar ein bisschen nicht einen Streit, aber doch eine lange Diskussion, vor allen Dingen zwischen den Partnern von Radio France und der ARD. Mir war immer klar, ich will die Frage gestellt haben, wofür sind Sie bereit zu sterben, denn das bringt es ganz direkt, wenn Sie so wollen, brutal auf den Punkt. Wir in dem friedlichen Deutschland, in dem friedlichen Frankreich, das alles liegt lange hinter uns. Aber sehen Sie sich an: Vor 20 Jahren begann ein Krieg auf dem Balkan. Da haben Leute auch bereitwillig ihr Leben gegeben. Es war eine blutige Auseinandersetzung. Ich denke an verwirrte, an indoktrinierte Kinder, Jugendliche, die sich Bomben umschnallen. Das ist eine Frage, die heute woanders zumindest noch virulent ist, und dessen sollten wir uns bewusst sein.

Heckmann: In Deutschland ist ja jetzt nach den zwei Weltkriegen Konsens schon lange Zeit, dass nie wieder junge Leute für Volk und Vaterland sterben sollen. Weshalb rühren wir dieses Tabu mit einer Umfrage jetzt an?

 

"Das ist ein Thema unserer Tage"

Steul: Weil es angerührt werden muss. Junge Franzosen, Soldaten, sind im Einsatz in Mali. Deutsche Soldaten sind gefallen in Afghanistan. Das ist ein Thema unserer Tage und ich finde, wir sollten es gerade in Erinnerung an den Ersten Weltkrieg uns noch einmal bewusst machen und darüber nachdenken, was das eigentlich heißt. Es war eine Blindheit der deutschen Öffentlichkeit, zu Beginn des Afghanistan-Einsatzes so zu tun, als sei das ein technisches Hilfswerk mit einer Flinte auf dem Rücken. Nein: Das war ein gefährlicher Einsatz und es sind über 50 junge deutsche Männer dort gefallen.

Heckmann: Und es hat sehr lange gedauert, bis dieser Einsatz dann wirklich auch Krieg genannt werden durfte. Jetzt wird es, Herr Steul, den einen oder anderen geben, der sagt, mit einer solchen Aktion, mit einer solchen Umfrage solle möglicherweise der Heldentod wieder hoffähig gemacht werden. Was entgegnen Sie?

 

Die brisante Frage nach dem Heldentod

Steul: Dass das eine banale Frage ist, der Heldentod. Die Begeisterung, mit der die Langemark-Studenten in den Krieg gezogen sind im Ersten Weltkrieg, das war kein Heldentod. Die wussten nicht, was sie taten. Wir müssen aber in dem Zusammenhang das ein bisschen weiterdenken. Nehmen Sie sich gerade Frankreich. Mir ist das besonders nahe und sehr bewusst, denn ich habe neben der deutschen auch die französische Staatsangehörigkeit. Im Zweiten Weltkrieg hat Deutschland Frankreich überfallen und die Nazis haben schrecklich gehaust in Europa. Am 18. Juni 1940 hat de Gaulle einen Aufruf gemacht, Frankreich, das sind wir in der Résistance, wenn ich das mal einfach auf den Punkt bringe, und dies ist für mich ein bewundernswerter Appell. Und es war natürlich richtig, dass Frankreich sich widersetzt hat der deutschen Besatzung. Mir fällt gerade ein: Wir bewundern die Bilder von einem jungen Mann, der sich auf dem Tiananmen-Platz vor die Panzer stellt. Wir wissen übrigens nicht, was aus diesem jungen Mann geworden ist. Jetzt derzeit gibt es Proteste, die gewalttätig werden, in der Ukraine. Das sind Proteste für Demokratie und Freiheit, gegen Unterdrückung. Hier setzen Menschen ihr Leben ein. Und das mit dem Heldentod und auch mit unserer historischen Verantwortung der Manipulation, unserer jetzt, der deutschen Kultur, der deutschen Geschichte, der Manipulation dieser Werte, das ist ein bisschen auch zu kurz gegriffen.

Heckmann: Und auch hier in Deutschland setzen ja Menschen ihr Leben aufs Spiel, jenseits von Soldaten im Auslandseinsatz, wenn man an Polizisten denkt oder Feuerwehrleute beispielsweise.

Steul: Richtig!

Heckmann: Jetzt läuft diese Online-Umfrage bis tief ins nächste Jahr hinein. Was passiert mit den Ergebnissen?

Steul: Die werden auch in wissenschaftlicher Begleitung ausgewertet. Das Interessante wird sein, dass wir ja sehr viele Partner zu dieser Initiative haben, also nicht nur Deutschlandradio, Radio France, die ARD, sondern auch der belgische Rundfunk, Kanada, die BBC, Rumänien, Voice of Russia – wir haben also auch dabei Russen – und Senegal. Der Senegal hat wohl deshalb sich bereit erklärt, dort mitzumachen, weil im Ersten Weltkrieg sind sehr viele Senegalesen in der Kolonialarmee gefallen. Dann werden wir ein nicht repräsentatives, aber wir werden mit dieser Umfrage ein Meinungsbild haben der heutigen Bevölkerung.

Heckmann: Jetzt kann ich Sie natürlich nicht entlassen, ohne die Frage auch Ihnen zu stellen, wie denn Ihre persönliche Meinung ist. Für was wären Sie denn im Extremfall bereit, Ihr Leben zu opfern?

Steul: Ich habe darüber nachgedacht auf dem Weg ins Studio.

Heckmann: Das denke ich mir.

Steul: Ich habe darüber heftig nachgedacht. Es gibt weniges. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich für die Freiheit und die Freiheit meiner Kinder in diesem, unserem Land noch einmal mein Leben einsetzen muss, aber das wäre das, wo ich sage, das wäre dann notwendig.

Heckmann: "Für wen oder wofür wären Sie bereit, sich zu engagieren, im Extremfall auch Ihr Leben zu opfern?" Über das Crowdsourcing-Projekt, an dem sich das Deutschlandradio beteiligt, aus Anlass des 100. Jahrestags des Beginns des Ersten Weltkriegs haben wir gesprochen mit Deutschlandradio-Intendant Willi Steul.

Die Online-Umfrage, die ist übrigens ab sofort geschaltet. Wir freuen uns, wenn Sie sich daran beteiligen. alle Informationen und die Umfrage selbst finden Sie auf unserer Homepage.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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