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StartseiteCampus & KarriereBildungspolitik auf dem Abstellgleis02.03.2018

International: Italien vor der WahlBildungspolitik auf dem Abstellgleis

Staatliche Schulen, Universitäten und Forschungseinrichtungen sind in Italien seit Jahren mit zu geringen Finanzmitteln ausgestattet. Räumlichkeiten und technische Mittel müssen dringend erneuert werden. Doch ein Blick in die Wahlprogramme zeigt: Bildungspolitik spielt bei den Parteien keine Rolle.

Von Thomas Migge

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Ein Passant geht an einer Wand mit Wahlplakaten in Mailand vorbei. Italien wählt am 4.3.2018 ein neues Parlament. (AFP Photo / Miguel Medina)
Weil die Bildungspolitik in Italien kaum noch eine Rolle spielt, weichen viele junge Leute oft ins Ausland aus, um zu studieren (AFP Photo / Miguel Medina)
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"Nach meiner Erfahrung in den USA muss ich sagen, dass bei uns in Italien das Ausbildungslevel wesentlich höher ist, aber auch wesentlich fixierter auf bestimmte Bildungsinhalte. An dem College in Wisconsin, wo ich ein Jahr gelernt habe, war das Bildungsangebot breiter gefächert. Das fehlt in Italien",

klagt Valeria Masini, die ihr Abitur in den USA machte, anschließend nach Italien zurückkehrte, in Rom mit einem Soziologiestudium begann und seit einem Jahr in New York City studiert, weil dort, erklärt sie, der gesamte Unibetrieb besser organisiert sei als in Italien.

"Denen sind wir total egal"

Weil immer mehr junge Italiener den ihrer Meinung nach mittelmäßig bis schlechten Zustand von Schulen und Universitäten beklagen, hofften sie, wie Valeria Masini, dass sich Italiens Parteien bei ihrem Wahlkampf dieses Thema annehmen. Aber zumindest Franco Ferrero, der zunächst in Rom Informatik studierte und seit einem Jahr in Paris, glaubt nicht mehr daran:

"Ich denke, dass man schon deshalb ins Ausland gehen sollte, weil sich in Italien keine Partei um uns junge Leute kümmert. Denen sind wir total egal. Schauen Sie sich doch nur die Parteiprogramme an! Es ist unsinnig, in Italien zu bleiben!"

Ein Blick in die Programme der großen Parteien scheint diesen Negativeindruck zu bestätigen. Bis auf die sozialdemokratische Partei PD kommen die anderen Parteien auf das Thema Bildungspolitik so gut wie gar nicht zu sprechen. Und auch die PD glänzt nicht mit Ideen, die die Auswanderung von immer mehr Schülern und Studierenden aufhalten könnten. Italiens Sozialdemokratenversprechen ganz Bildungsinvestitionen in Höhe von rund fünf Milliarden Euro. Wann und wie und in welchen Bereichen dieses Geld investiert werden soll: darauf gibt es im Parteiprogramm keine Antworten.

Die kleine sozialdemokratische Schwesterpartei Liberi e uguali verspricht im Fall eines Wahlsiegs die totale Abschaffung von Studiengebühren. Ein Vorschlag, der Umfragen zufolge bei jungen Leuten und ihren Eltern hervorragend ankommt – der aber in Sachen Finanzierung unrealistisch ist. Denn ohne die Einnahmen aus den Studiengebühren werden Italiens ohnehin schon klamme Hochschulen noch weniger Finanzmittel haben.

Silvio Berlusconis Partei Forza Italia bleibt vage und spricht von einem sogenannten "Primat der Bildung an Schulen und Hochschulen". Der Medienzar will die Finanzierung privater Bildungseinrichtungen ausbauen, denn, so erklärte Berlusconi vor wenigen Tagen bei einer Wahlveranstaltung:

"Freie Bildungswahl in einem freien Land bedeutet, dass Eltern nicht gezwungen sind, ihre Kinder in miserable staatliche Schulen und Unis zu schicken, sondern in private Bildungseinrichtungen, die oftmals viel besser sind, und wo ihre Kinder nicht von Lehrern unterrichtet werden, die nur ihre eigenen politischen Absichten unterrichten."

Die ausländerfeindliche Partei Lega, eine Italo-Kopie des französischen Front National, beschwört eine nicht näher erklärte "Konzentration der Bildungspolitik auf die Inhalte der italienischen Kultur". Lega-Chef Matteo Salvini will Italiens Schulen von, Zitat, "alle den Ausländern befreien, die den Schulunterricht doch nur aufhalten".

Die populistische 5-Sterne-Bewegung, die allen Umfragen zufolge Italiens stärkste Partei werden könnte, will im Fall einer Regierungsübernahme alles Mögliche reformieren – nur eben das Bildungssystem nicht. Dieses Thema fällt bei der Partei des Ex-Komikers Beppe Grillo komplett unter den Tisch.

Abwanderung junger Italier wird weitergehen

Dass staatliche Schulen, Universitäten und Forschungseinrichtungen seit Jahren mit zu geringen Finanzmitteln ausgestattet sind, dass Räumlichkeiten und technische Mittel dringend renoviert und erneuert werden müssen, dass die Macht allzu einflussreicher Professoren abgebaut werden muss, die es dem akademischen Nachwuchs schwer machen, Arbeit zu finden: All das ist kein Thema in sämtlichen Wahlprogrammen. Und so wird es mit der Abwanderung junger Italiener wohl weitergehen.

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