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StartseiteKultur heute"Can we have some privacy?"09.05.2015

Internationaler Kongress in Berlin"Can we have some privacy?"

Was ist noch privat, was weiß die Öffentlichkeit über den Einzelnen? Welchen Wert hat die Privatsphäre, wo das Private willentlich in sozialen Netzwerken freigeben wird? Eine internationale Konferenz im Bard College in Berlin versuchte, Antworten auf diese Fragen zu finden. Ein Konsens: Der Wert des Privaten sinkt.

Von Cornelius Wüllenkemper

Gute Politik, so heißt es in Platons Politeia, setze politische Regulierung und Kontrolle des Privaten voraus, die Auflösung der Grenze zwischen oikos und polis. Dieses Statut verdient in Zeiten der massenhaften Datenabschöpfung, Verarbeitung und Analyse durch aus- und inländische Geheimdienste eine neue Begutachtung. Die internationale Konferenz des Bard College in Berlin gewann angesichts der zuletzt aufgedeckten, offensichtlich rechtswidrigen Zusammenarbeit zwischen BND und NSA an tagesaktueller Brisanz. Ben Wizner, US-amerikanischer Bürgerrechter und Sprecher von Edward Snowden, sieht die gegenwärtige Gesellschaft vor einer Grundsatzentscheidung.

"Eine der Lehren aus den Snowden-Enthüllungen ist, dass Überwachung und Sicherheit zwei sich widersprechende Konzepte sind. Wenn man ein Kommunikationsnetz aufbaut, das eine flächendeckende Überwachung ermöglicht, dann kann dieses Netz nicht sicher sein. Und wenn man ein Kommunikationsnetz aufbaut, das sicher ist, dann ist das wiederrum nicht einfach zu überwachen. Wir müssen als Gesellschaft die Entscheidung treffen, ob es wichtiger ist, dass unsere Regierungen uns überwachen, oder ob es wichtiger ist, dass unsere Kommunikation untereinander geschützt ist, nicht nur vor unseren Regierungen, sondern auch vor Kriminellen, Hackern oder sonst wem."

Aussterbende Privatheit

Ben Wizner bleibt optimistisch: Die Erkenntnis, dass die Massenüberwachung faktisch nicht zur Bekämpfung des Terrorismus geeignet ist und vielmehr in ein Gesellschaftsszenario à la George Orwell führt, werde die Entscheidung gegen Überwachung und für Freiheit früher oder später von selbst herbeiführen. Der deutsche Netzaktivist Christian Heller blickte kritischer auf die Gegenwart. Für ihn stirbt Privatheit aus. Die Verschlüsselung der eigenen Daten sei den meisten einfach zu unbequem, und der individuelle Boykott sozialer Online-Netzwerk ziehe zunehmend die soziale Isolierung nach sich. Der Wert des Privaten sinkt, resümierte Heller, und wies zugleich darauf hin, dass dies kein neues Phänomen ist.

"Die Frage der Privatheit wurde ja im 20. Jahrhundert bereits lange vor Erfindung von Facebook und Twitter gestellt. Zum Beispiel von den Jugendkulturen oder in der sexuellen Revolution - ihr Umgang mit Tabus, wie sie bestimmte Inhalte vom Privaten ins Öffentliche verschoben haben. Oder die feministische Theorie, die politische Narrative über den Wert der Privatheit grundlegend infrage gestellt hat. Wie zum Beispiel, dass private Belange politisch weniger relevant seien. Oder dass man Frauen in den Haushalt und zur Kindererziehung gedrängt und damit in den Privatbereich abgeschoben hat, weil ihr Charakter weniger für öffentliche Belange wie Wirtschaft oder Politik geeignet sei als der von Männern."

Das Private hat keinen guten Ruf

Leider sinkt der Wert des Privaten kontinuierlich, - so lautete ein Konsens der Berliner Konferenz. Privatheit aufzugeben bedeute heute mehr Bequemlichkeit, weil Dienstleister ihre Angebote genauer auf das Individuum abstimmen können, und vermittle zugleich ein größeres subjektives Sicherheitsgefühl, der behütenden staatlichen Kontrolle. Einerseits steigt das Bewusstsein für die Bedrohung des Privaten, andererseits geben wir immer mehr von uns preis, inszenieren uns gar öffentlich. Der Professor für Politologie und Menschenrechte am Berliner Bard College, Roger Berkowitz, überzeugte da mit einem mutigen Plädoyer für das Private.

"Solange die Menschen ihre Vorurteile nur im Privatleben pflegen, gleicht jeder Versuch, diese Vorurteile zu bekämpfen, einer Tyrannei. Das ist heutzutage natürlich ein sehr unpopulärer Gedanke. Denn damit lässt man sehr viel mehr Pluralität und Verschiedenheit zu, als wir uns in unseren multikulturellen Gesellschaften erlauben können. Und das ist der Grund, warum wir Privatheit heute eigentlich nicht mögen, warum wir sie nicht schützen. Privatheit ist wichtig, wenn wir Vielfalt, Pluralität und eine politische Debatte erhalten wollen."

Das Private hat aber keinen guten Ruf. Wer nicht öffentlich macht, was er tut und was er denkt, hat etwas zu verstecken, so ähnlich formulierte es einmal Marc Zuckerberg, der Gründer von Facebook. Roger Berkowitz hielt mit Hannah Arendt dagegen, dass wir erst im Privaten zu Individuen werden, und dass im Übrigen jedes Lebewesen auch Dunkelheit zum Wachsen braucht. Eine tröstliche Erkenntnis am Ende der zweitägigen Konferenz.

Anmerkung der Redaktion: Der Autor möchte darauf hinweisen, dass das "ICI Berlin Institute for Cultural Inquiry" Mitveranstalter der Konferenz war.

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