Freitag, 24.11.2017
StartseiteBüchermarktInterview mit Christa Wolf22.10.1997

Interview mit Christa Wolf

<strong>Martin Gerner:</strong> Drei Tage ist sie inzwischen her, die Rede von Günter Grass zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den türkischen Schriftsteller Yasar Kemal. Die Kritiker waren schnell zur Stelle, die Unterstützer haben sich inzwischen geoutet. Aber nur langsam wird klar, was es überhaupt bedeutet, daß ein deutscher Dichter und Denker sich derart in öffentlicher Kritik übt. Endlich ist mal wieder etwas los, endlich ist Spannung im Laden, freut sich Erich Loest, Schriftstellerkollege von Grass. Gepflegter hatte unlängst Bundespräsident Roman Herzog geredet. Er kritisiert, daß sich die Intellektuellen in Deutschland zu wenig einmischten. Ist dem so, und wenn ja, warum pflegen Politik und Intellektuelle keinen Dialog, keine Streitkultur mehr? Wie steht es mit dem Verhältnis von Geist und Macht in diesem Land? Darüber möchte ich jetzt reden mit der Schriftstellerin Christa Wolf, einen schönen guten Morgen.

Martin Gerner

Christa Wolf: Guten Morgen, Herr Gerner.

Gerner: Frau Wolf, freuen Sich sich über das Echo, das die Grass-Rede ausgelöst hat, oder hat er sich etwas zu weit vorgewagt Ihrer Meinung nach?

Wolf: Nein, ich glaube es ist genau das passiert, was Günther Grass wollte. Sie sagen selbst, es ist nun schon der dritte, eigentlich der vierte Tag, in dem in diesem Land endlich mal grundsätzliche Fragen wieder diskutiert werden, und ich glaube, genau das hat Günter Grass mit seiner Rede erreichen wollen. Ich glaube, man kann nicht leise sein und flüstern, wenn in diesem Land überhaupt ein Echo kommen soll, und nun hat er also laut und deutlich das gesagt, was er zu seinem Thema, nämlich der Ausländerpolitik, sagen wollte, und genau das ist eingetreten. Seine Rede hat polarisiert, seine Rede hat ein großes Echo gefunden, und nun wäre jetzt natürlich zu erreichen, daß auch seine Thesen wirklich diskutiert werden, nicht nur die Art, wie er sie vorgetragen hat, und vor allem daß diejenigen Mißstände, die er mit Recht anprangert, auch tatsächlich beseitigt werden.

Gerner: Aber lassen sie uns doch mal näher auf die Rede schauen. Was ist da wirklich passiert in der Paulskirche, warum dieses Echo, das nicht verstummen will. Erich Loest sagt, es ist mal wieder etwas los im Laden. Warum war es so lange still?

Wolf: Wissen Sie, das ist eine dieser Thesen, die ich nie geteilt habe, daß es so still war. Schriftsteller haben sich in diesem Land eingemischt immer, wenn es um grundsätzliche Dinge ging. Aber wenn also die ganze Öffentlichkeit besetzt ist von Diskussionen über Steuerreform oder Senkung der Lohnnebenkosten, über Rentenreform, ich sage nicht, daß das unwichtige Diskussionen sind, das sind keine Diskussionen, die nun ein Schriftsteller unbedingt mittragen muß. Aber genau in dem Moment, wo eine grundsätzliche Debatte aufkommt, eben jetzt durch Günter Grass in der Paulskirche, da sind auch die Intellektuellen wieder da und rühren sich und sagen ihre Meinung dazu. Ich denke, das hängt wirklich an dem Diskussionsklima in dem Land und auch an den Diskussionsgegenständen, wenn es eine Zeit lang so aussieht, als ob Intellektuelle still sind.

Gerner: Aber es hat sich ja so etwas wie eine Schicht von Mehltau auf den intellektuellen Diskurs in Deutschland gelegt. Hat das etwas mit den politischen Mehrheiten in Deutschland zu tun?

Wolf: Ganz sicher. Ganz sicher. Es hat etwas zu tun mit der Diskussionskultur in der Zeit, als die deutsche Einheit durchgeführt wurde.

Gerner: Was hat sich da verändert oder getan zu dem Zeitpunkt?

Wolf: Zu dem Zeitpunkt hat das Feuilleton die Intellektuellen zumindest der DDR ziemlich im Bausch und Bogen verurteilt. Das hat sich natürlich, wie ich zu meiner Überraschung dann bemerkte, auch auf die Intellektuellen in der Bundesrepublik ausgewirkt, nachdem dann die Einheit hergestellt war. Das hat, glaube ich, eine gewisse Unlust, sage ich mal, um keine anderen Wörter zu gebrauchen, hervorgerufen, sich einzumischen, weil man ja sieht, wie eine solche Einmischung sofort behandelt wird. Ich meine, man sieht es ja jetzt auch bei Grass. Nur ist jetzt, glaube ich, der Punkt erreicht, wo das niemanden mehr dazu bringen kann, darüber zu schweigen, auch wenn man sieht, welch ein Schwall von Echo, zum Teil ja sehr unsachliches, auf Grass jetzt zurücktrifft.

Gerner: Sie haben gesagt, die Intellektuellen seien nie ganz aus der öffentlichen Diskussion verschwunden gewesen. Trotzdem wirft die Grass-Rede nach Meinung vieler Experten ein Schlaglicht auf ein etwas verwaistes Feld der öffentlichen Einmischung. Die Intellektuellen gelten ja nicht nur in Deutschland als Gewissen der Nation, aber wenn man einmal von der Grass-Rede absieht, dann fragt man sich, wo waren sie mit ihrem Beitrag etwa bei der Diskussion um den Lauschangriff, die Reform des Asylrechtes et cetera et cetera.

Wolf: Wissen sie, auch zu diesen Fragen hat es immer Einmischungen gegeben. Die wurden nur in der Öffentlichkeit gar nicht bemerkt. Wenn es sich zum Beispiel um Reden handelt, die ein Schriftsteller irgendwo hält, zum Beispiel es gibt ja in Berlin mehrere Reihen, in denen regelmäßig auch Schriftsteller reden, so wird das in einer ganz kleiner Notiz nur bemerkt, vielleicht wird die Rede irgendwo abgedruckt, aber damit ist es auch erledigt. Selbst wenn in dieser Rede, wie es immer der Fall war, jüngst zum Beispiel bei Christoph Hein, vorher schon bei Grass, bei Volker Braun, selbst wenn in dieser Rede sehr viel Aktuelles war. Es handelt es sich auch darum, daß in Deutschland so eine Öffentlichkeitskultur ist, die nur ganz bestimmte Arten der öffentlichen Äußerung überhaupt zur Kenntnis nimmt.

Gerner: Frau Wolf, Sie haben sich in einer bestimmten Situation einmal als Ostpendant von Günter Grass bezeichnet.

Wolf: Das habe ich nie getan. Bestimmt nicht, nein. Vielleicht bin ich so bezeichnet worden, aber ich würde das nie so tun.

Gerner: Zumindest haben Sie am ersten Mai vergangenen Jahres im Tagesspiegel ein Interview gegeben und dort sagen Sie, ich zitiere: "Ich glaube nicht, daß ein Autor in dieser Gesellschaft etwas bewegen kann im Sinne einer Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse." Das ist das Zitat, es klingt nach Resignation.

Wolf: Nein, das ist keine Resignation. Das ist Einsicht in die Verhältnisse, glaube ich. Wissen Sie, ich habe auch wieder an der Reaktion auf die Grass-Rede bemerkt, daß es in diesem Land ja fehlt, vielleicht uns allen, aber jedenfalls hat es sich gezeigt an der Reaktion besonders bestimmter Politiker auf diese Rede, daß es uns fehlt an Souveränität. Es ist also ein Land, das offenbar immer noch, und vielleicht jetzt nach der Einheit wieder auf neue und andere Weise, ein Mangel an Selbstbewußtsein hat, und zwar an einem wirklichen Selbstbewußtsein, das gewachsen ist. Und so daß also eine jede Einmischung, die so daher kommt, wie die von Grass, eine Reaktion hervorruft, wo man sich nur an den Kopf fassen kann. Was bedeutet denn das, daß also Politiker auf diese Weise auf eine Kritik reagieren?

Gerner: Sie meinen Herrn Hinze.

Wolf: Ich meine besonders Herrn Hinze, ja. Das war ja nun wirklich ganz erstaunlich, also war für mich sehr interessant, diese Reaktion, weil sie eben zeigte, daß offenbar erstens ein sehr wunder Punkt getroffen wurde, und daß zweitens eben wirklich dann alle Sicherungen auch durchbrennen und daß man sich überhaupt nicht in dem Moment anscheinend überlegen kann, wie eine solche Abkanzelung und eine solche Ausgrenzung eines bedeutenden, wirklich bedeutenden Autors aus dem literarischen Leben also wirkt auf die Öffentlichkeit - hoffe ich jedenfalls.

Gerner: Gehört zu dieser Souveränität, die Sie eben angesprochen haben, auch, daß das Nichtverhältnis, denn das ist es ja mehr oder weniger, zur Zeit zwischen Politik und Intellektuellen, wieder aufgehoben werden muß?

Wolf: Wissen Sie, ich glaube nicht, daß es zwischen aller Politik und allen Intellektuellen so ist. Das stimmt nicht. Es gibt durchaus Begegnungen zwischen Politikern und Intellektuellen, bei denen diskutiert wird.

Gerner: Wenn ich mal kurz unterbrechen darf, warum nimmt ein Helmut Kohl zu einer Reise ins Ausland nie einen Schriftsteller mit?

Wolf: Ja, da müssen Sie schon ihn fragen. Das weiß ich natürlich nicht.

Gerner: Welche Konsequenzen, welche Lehre ziehen Sie denn aus der Grass-Rede und der Diskussion, die es jetzt gegeben hat?

Wolf: Ja zumindest für mich noch mehr Freudigkeit, mich einzumischen. Und vor allen Dingen aber natürlich auch die Lehre, wirklich die Vorgänge zu verfolgen und solche, die besonders die Einmischung verlangen, wie eben zum Beispiel die Behandlung von Ausländern in der Bundesrepublik, solche Vorgänge auch mit großem Sachverstand zu verfolgen und sozusagen auch darauf vorbereitet sein, sich dort einzumischen.

O-Ton: Christa Wolf

wolfchr.ram

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