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Interview mit Christopher Clark "Dieser Krieg hat das ganze Jahrhundert entstellt"

Thilo Kößler im Gespräch mit Christopher Clark

Ein Porträt des Schriftstellers Christopher Clark. Er trägt einen dunklen Anzug und eine rote Krawatte.
Christopher Clarks Roman ist nun auch auf Deutsch erschienen. (Picture Alliance / dpa / Arno Burgi)

Der Historiker und Autor Christopher Clark ("Preußen") zeichnet in "Die Schlafwandler" ein neues und differenziertes Bild der ursächlichen europäischen Ereignisse und Akteure, die in den Ersten Weltkrieg führten.

Das vorliegende Interview mit Christopher Clarke wurde bereits 2013 auf der Frankfurter Buchmesse geführt. Wir veröffentlichen die Schriftform als Ergänzung zu unserem Schwerpunkt zum Ersten Weltkrieg und der korrespondierenden "Wegmarken"-Reihe des DLF-"Hintergrunds".

Thilo Kößler: Dieses Buch, es ist eine minutiöse Gesamtschau geworden, Herr Professor Clark: Nun kann man ja nicht sagen, dass der Erste Weltkrieg nicht bereits historisch zur Genüge aufgearbeitet worden wäre. Der Erste Weltkrieg löste einen Weltkrieg der Dokumente und Quellen aus. Sie haben bei der Vorstellung des Buches in Berlin einfach so mal in einem Nebensatz erwähnt, dass es allein im angelsächsischen Raum 25.000 Publikationen nur zum Ersten Weltkrieg gegeben hat. Was um Gottes Willen hat Sie an diesem Thema noch gereizt?

Christopher Clark: Na ja, ich komme, wie Sie wissen, aus Australien. Und für den Nationalstaat Australien ist dieser Krieg gewissermaßen die Feuertaufe gewesen. Das ist der erste Krieg, in den Australien als unabhängiger Staat eingezogen ist sozusagen, an der Seite natürlich von Großbritannien, aber aus freien Stücken. Die Sterblichkeit war entsprechend hoch, auch im Vergleich dann mit dem damaligen Krieg der führenden Staaten. Und es hat sich um diesen Krieg in Australien eine gewaltige Erinnerungskultur aufgebaut, vor allem in der Zwischenkriegszeit und dann wieder nach dem Zweiten Weltkrieg. Und das habe ich auch auf der Schule erlebt, Erinnerungsfeiern, wo dann immer wieder die "Last Posts" gespielt wurden, Reden über den Ausbruch des Krieges, über Tapferkeit, Ehre und so.

Also, das ist ein Stück unserer Nationalkultur gewesen. Das ist, glaube ich, heute weniger so, aber war auf jeden Fall in meinen Teenage-Jahren so. Und auf der Schule hatten wir das auch als Thema und ich weiß noch, wie mein Lehrer uns mal gesagt hat, Jungs, wenn ihr eine Frage zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges bekommt, dann müsst ihr euch bloß an die fünf deutschen Provokationen erinnern: Flottenbau, Marokko eins, bosnische Annektierung, Marokko zwei, Blankoscheck. Dann könnt ihr alle Fragen beantworten, wenn ihr euch an die deutschen Provokationen erinnert. Er war nämlich ein Schüler von Fritz Fischer, aber schon damals hatte ich das Gefühl – und ich war nicht alleine in der Klasse, so ein paar von uns hatten das Gefühl –, das ist etwas einseitig. Kann dieser Krieg wirklich deswegen ausgebrochen sein, weil ein Staat sozusagen die anderen Staaten provoziert hat?

Kößler: Ich darf Ihnen versichern, Professor Clark spricht so gut Englisch, wie er Deutsch spricht. Er ist Australier, mehr noch, er spricht drei weitere Sprachen so fließend, nämlich Französisch, Italienisch, Serbokroatisch ...

Clark: Nein, nicht fließend, nein. Also, das auf jeden Fall nicht. Aber man bemüht sich.

Kößler: Aber das ist ja vielleicht doch auch historisch von Relevanz: Hatten Sie denn das Gefühl, dass diese Sprachkenntnisse, diese enormen Sprachkenntnisse Ihnen tatsächlich auch beim Quellenstudium neue Aspekte verschafft haben?

Clark: Man muss natürlich an die Quellen gehen. Bei dieser Problematik ist das unabdingbar. Also, erstens gibt es ein, wie Sie gesagt haben, ein Meer von gedruckten Quellen, zum Teil herrlichen Editionen, es gibt auch sehr interessante unterbeleuchtete, nicht gedruckte Quellen, in den französischen Archiven, in Belgrad, in Moskau habe ich herrliche Sachen gefunden. Also, da muss man wirklich an die Quellen zurückgehen ... Man muss natürlich auch die Sekundärliteratur rezipieren, aber das ist an sich nicht ausreichend.

Kößler: Lassen Sie uns einen kurzen Bogen schlagen und versuchen, diesen Ersten Weltkrieg zu verorten: Inmitten einer Zeit, die gekennzeichnet ist von wissenschaftlichen Umbrüchen, von Fortschrittsglauben, von wirtschaftlichem Aufbruchsdenken, von sozialem Bewusstsein bricht ein Krieg aus, der die ganze Welt entfesselt und ins Verderben stößt. 15 Millionen Menschen sterben, vier Weltreiche brechen zusammen. Sie haben diesen Ersten Weltkrieg genannt die Giftdosis, die ein ganzes Jahrhundert vergiftet hat. Meinen Sie damit, dass damit gewissermaßen der Takt des ganzen Jahrhunderts vorgegeben worden ist, ...

Clark: Ja.

 

"Ohne diesen Krieg kann man sich den Aufstieg des Faschismus in Italien kaum vorstellen, man kann sich die Oktoberrevolution nicht vorstellen." 

 

Kößler: ... mehr noch: Wäre ohne den Ersten Weltkrieg ein Hitler, ein Stalin, der Holocaust, die Judenvernichtung gar nicht vorstellbar gewesen?

Clark: Meines Erachtens kaum. Ohne diesen Krieg kann man sich den Aufstieg des Faschismus in Italien kaum vorstellen, man kann sich die Oktoberrevolution nicht vorstellen. Eine Februarrevolution im russischen Reich hätte es auf jeden Fall gegeben, irgendwann wäre das gekommen, der Zusammenbruch des alten zaristischen Systems. Es wäre vielleicht zu einer Konstitutionalisierung sozusagen der Monarchie in Russland gekommen, das haben alle Zeitgenossen vorausgesehen. Aber die Oktoberrevolution, diese Coup-ähnliche Revolution, Staatsstreich in die Revolution der Bolschewiken mit ihren schrecklichen Folgen, unter anderem natürlich der russische Bürgerkrieg, der wiederum Millionen von Menschenleben verschlang, und der Stalinismus, der danach kam, das ist, glaube ich, meines Erachtens ohne diesen Krieg kaum vorstellbar. Also, der Krieg stellt die schlechtest mögliche Initialkondition für dieses Jahrhundert dar, würde ich sagen. Also, ich habe mich mal mit einem Kollegen unterhalten, der hat gesagt, hätte das 20. Jahrhundert nicht besser sein können oder so was. Und ich habe dann geantwortet: Also schlimmer hätte es nicht kommen können! Man kann sich kein schlimmeres 20. ... Wenn man jetzt das Augenmerk auf die erste Hälfte des Jahrhunderts lenkt, dann kann man sich das nicht schlimmer vorstellen, als es eigentlich gekommen ist. Die Abermillionen, die wegen Hungertod, Vernichtungskrieg, Genozid umgekommen sind ... Also, was Europa sich damals angetan hat, ja, also, das ... Ich würde sagen, dieser Krieg hat das ganze Jahrhundert verstellt.

Kößler: Mir sind bei der Lektüre des Buches ...

Clark: Entstellt, Entschuldigung!

Kößler: ... zwei Dinge sehr aufgefallen. Zum einen erzählen Sie minutiös, Sie gehen in Situationen hinein, Sie bauen Szenen, Sie evozieren Bilder. Was eben heißt: Geschichte zu schreiben, heißt auch, Geschichte zu erzählen. Sie tun das, indem Sie die Orte wechseln und genau in die Schauplätze hineingehen, Petersburg, Berlin, Rom, Belgrad. Sie wählen nicht eine nationale Perspektive und brechen ja damit eigentlich aus dem historischen Kontext der Geschichtsschreibung aus. Geschichtsschreibung fand bis, sagen wir, zehn, 15, 20 Jahren immer in einem gewissen nationalen Rahmen statt. Wollten Sie genau diesen Rahmen brechen und wollten Sie eine europäische Kriegsgeschichte erzählen?

Clark: Ja, ich wollte das ... Das ist ein Stück europäischer Geschichte, und ich wollte das gesamteuropäisch beleuchten und die Krise 1914 als europäische Krise wahrnehmen und ernst nehmen. Denn es ist diese europäische Dimension, die auch für die damaligen Handelnden, für die Zeitgenossen so wahnsinnig verwirrend war. Also, die Undurchschaubarkeit der damaligen Verhältnisse ...

Kößler: ... die Allianzen, die Bündnisse ...

Clark: ... und die Tatsache, dass man es mit fünf beziehungsweise sechs Großmächten zu tun hatte, mit mehreren kleineren Akteuren so auf dem Balkan, mit dem türkischen, mit dem ottomanischen Reich, also, allein die Interaktionen zwischen diesen Exekutiven ergibt eine ungeheure Komplexität. Aber wenn man hinzufügt, dass innerhalb der Exekutiven in Paris, in Sankt Petersburg, in Berlin, in Wien es überhaupt nicht klar war, wer eigentlich das Sagen hatte, wer eigentlich die außenpolitische Linie in diesem oder jedem Monat oder Woche bestimmen konnte, die Flüssigkeit, die Fluidität der Machtverhältnisse auch innerhalb der Staatsführungen, das hat zu einer wahnsinnigen Undurchschaubarkeit geführt.

 

Ein Schwarzweißfotografie von der französischen Infanterie in den Schützengräben des 1. Weltkriegs vor Verdun. 

1914/2014: 100 Jahre Erster Weltkrieg - Schwerpunkt im Deutschlandfunk

 

Kößler: Es gab keine klaren Strukturen, keine klaren Hierarchien?

Clark: Nein, überhaupt nicht.

Kößler: Keine Entscheidungsprozesse, die durchschaubar sind?

Clark: Genau, diese Frage hat man immer wieder gestellt, wer hat eigentlich das Sagen, wer bestimmt die Linie? In Sankt Petersburg kam immer die Antwort zurück: Schwer zu sagen! Gestern war es der Außenminister, heute funkt der Zar wieder dazwischen, die Militärs sind auch wieder am Machen. In jeder Hauptstadt war eine Kriegspartei, waren Tauben, Falken. Es gab verschiedene Fraktionen, es gab eine Bienenkorb-ähnliche Struktur mit vielen Stimmen, die miteinander in Konkurrenz standen. Und das hat die Krisenanfälligkeit des Systems wesentlich erhöht.

Kößler: Und das macht möglicherweise – und das ist die zweite These in Ihrem Buch, die ich sehr, sehr interessant finde und die Sie erläutern müssen. Die These lautet: Mich interessiert die Kriegsschuldfrage nicht, mich interessiert nicht, wer Schuld hat an diesem Krieg.

Clark: Ja.

Kößler: Das hat die Geschichtswissenschaft interessiert, bevor der Krieg schon ausgebrochen war. Sie sagen, mich interessiert nicht, wer schuld war, mich interessiert, wie der Weg in den Krieg vonstatten ging. Was ist der Unterschied?

Clark: Der Unterschied ist, wenn man zuerst nach Schuld fragt, dann sucht man sich eine verdächtige Partei aus und meint, ja, der ist wohl der Schuldige, sammelt dann Beweismaterial und baut sozusagen wie so eine Art Charge Sheet, würde man auf Englisch sagen, auf. Also, Argumente gegen diesen Staat. Und das führt dann zu einer Verengung des Blickfeldes sozusagen.

Kößler: Ein blame game.

Clark: Ein blame game, genau, indem man sozusagen den Blick ... nur einen bestimmten vermeintlich schuldigen Nationalstaat unter die Lupe nimmt. Und das hat eben Fritz Fischer gemacht, er hat wahnsinnige Quellenarbeit geleistet, das ist ungeheuer, was er an den Tag getragen hat. Und er gibt in der Tat ein sehr negatives Bild der damaligen deutschen Entscheidungsprozesse. Aber wenn man das selber mit den anderen Großmächten macht, dann kommt man zu ähnlichen Bildern!

Kößler: Sie erwähnen Fritz Fischer zum zweiten Mal. Wir dürfen vielleicht kurz erläutern: Ein nationalkonservativer Historiker, der in den 60er-Jahren einen Historikerstreit ausgelöst hat über die Frage, wer war schuld an diesem Krieg! Und er hat Deutschland ganz klar die Hauptschuld zugewiesen. Diese These würden Sie relativieren?

Clark: Ich würde sie relativieren. Ich meine, ich will Fischer nicht widerlegen. Man kann Fischer nicht widerlegen, weil er seine Quellen nicht erfunden hat, das stimmt alles, was da in den Büchern ist in der Hinsicht. Aber die Gesamtinterpretation ist meines Erachtens zu hinterfragen oder ist in manchen Aspekten fragwürdig, vor allem die Behauptung, Deutschland hätte den Krieg nicht nur eigenhändig vom Zaun gebrochen, sondern von vornherein auch geplant. Das ist, glaube ich, nicht zu unterstützen durch die Quellen, das ist nicht haltbar. Aber dass es Aggressivität, Paranoia, Bellizismus in Berlin gab, das ist keine Frage, und ich wollte mit diesem Buch überhaupt nicht den damaligen deutschen Entscheidungsträgern einen Freispruch erteilen.

  

"Die Schlafwandler" - Christopher Clarks Buch zur Entstehung des Ersten Weltkriegs als Rezension im DLF-"Büchermarkt

 

Kößler: Das wollte ich gerade fragen, wollen Sie Deutschland exkulpieren?

Clark: Nein, überhaupt nicht. Sondern ich wollte nur den anderen Staaten sozusagen ihren Anteil auch geben. Also, man muss, ich finde, es steckt in dieser Insistenz auf die Alleinschuld oder die Hauptschuld Deutschlands ein Stück negativer Nationalismus drin, das ist eine Überschätzung der Bedeutung Deutschlands. Also, ein Weltkrieg kann nicht zustande kommen, nur weil ein Staat sozusagen andere Staaten provoziert. Und es ist viel, viel komplexer gewesen. Und wie gesagt, wenn man die anderen Machtzentren sich genau anguckt, dann sieht man ähnliche Argumente, ähnliche Diskurse. Das sind schließlich ... Und deswegen habe ich versucht, die Menschen dreidimensional verstehen zu lassen, diese Menschen verstanden sich alle, sie sprachen eine sehr ähnliche Sprache, sie waren verankert in eine gesamteuropäische politische Kultur. Das ist nicht so, als würden die Russen eine ganz andere Sprache, andere Argumente bringen als die Briten, die Franzosen, die Deutschen, es gab diese Spaltung nicht. Europa war europäisch und sie haben europäisch gehandelt. Und ich wollte ja eben diese Interaktion zwischen den Machtzentren wieder sehr scharf hervorbringen.

Kößler: Ja, deshalb fragen Sie nicht nach der Schuld, aber Sie fragen sehr wohl nach der Verantwortung.

Clark: Genau.

Kößler: Und dann kommen Sie in dieses strukturelle Denken hinein und sagen, wir finden gewisse Strukturen vor.

Clark: Natürlich muss man irgendwann die Verantwortungsfrage stellen, aber ich war der Meinung, dass man die Antworten auf die Verantwortungsfrage aus den Antworten auf die Frage, wie es zum Kriege kam ... Also, man sollte erst feststellen, wie kam es zu diesem Krieg, und dann, wenn man die Entscheidungen alle sozusagen beleuchtet hat, die ihn herbeigeführt haben, dann kann man die Frage stellen, wer ist für diese Entscheidung sozusagen verantwortlich. Und dann sieht man, die Verantwortung ist verteilt!

Kößler: Vielleicht können wir ein Beispiel herausnehmen, und zwar diesen 28. Juni 1914 in Sarajewo, die Ermordung des Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Frau. Dieses Ereignis gilt als der auslösende Moment, Deutschland gibt daraufhin Österreich-Ungarn Carte Blanche, ihr könnt gegen die Serben vorgehen, wenn ihr wollt, und Frankreich und Russland setzen sich zusammen und sagen, was tun wir jetzt. Welche Eigendynamik entwickelt sich und welche Strukturen erkennen Sie in dem jeweils reaktiven Verhalten?

 

Die Festnahme des Attentäters Gavrilo Princip (mit einem X gekennzeichnet), der den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie am 28. Juni 1914 in Sarajevo erschossen hat. Die Festnahme des Attentäters Gavrilo Princip (mit einem X gekennzeichnet), der den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie am 28. Juni 1914 in Sarajevo erschossen hat. (picture alliance / dpa)

 

Clark: Ja, das Interessante an dem Attentat von Sarajewo ist, das ja so oft bagatellisiert wurde in der Geschichtsschreibung. Also, es gibt da ... Es ist eigentlich ein tolles Buch von zwei amerikanischen Kollegen, wo sie sagen, ja, das Attentat zu Sarajewo hat an sich nichts ausgelöst, kann nichts erklären sozusagen. Das halte ich für irreführend. Ich finde, das war ein wahnsinnig wichtiges Ereignis, war ein traumatisches Ereignis für die damalige österreichische Staatsführung. Nicht, weil Franz Ferdinand der beliebteste Mensch auf der Welt war, er war nicht besonders beliebt, es ist nicht wie bei J.F.K. bei John F. Kennedy oder so was, die Leute sind nicht in Tränen in die Knie gefallen. Aber weil er die Zukunft dieses Staatswesens darstellte ... Der regierende Kaiser war sehr alt, man wusste, bald ist dieser Mann an der Macht. Man wusste auch, dass er für den Wandel stand, er galt als ein Reformer, er wollte die Monarchie vollkommen neu strukturieren. Also, da ist viel mehr getroffen worden als nur zwei Menschen, ein Ehepaar sozusagen, sondern die habsburgische Staatsidee. Das wurde sehr stark in der Wiener Presse hervorgehoben, die habsburgische Staatsidee wurde mit den Kugeln Gavrilo Princips getroffen. Und zum Teil deswegen reagierten ja die Entscheidungsträger in Wien so allergisch auf dieses Attentat. Bei den Russen und Franzosen, da muss man auch sagen, es ist nicht so, als wären sie einfach vollkommen überrascht und aus Schock hätten sie dann ...

Kößler: Entschließen sich sofort zur Generalmobilmachung!

Clark: Das auch, nicht, aber es ist auch nicht so, dass sie das überhaupt nicht erwartet haben, eine Krise auf dem Balkan, sondern ganz im Gegenteil. Seit 1912 sprechen die Franzosen, die Russen wiederholt von der Möglichkeit eines auf dem Balkan ausbrechenden Streites zwischen Österreich und Serbien womöglich. Und die Franzosen – und das ist ja der Unterschied zwischen Poincaré und seinen Vorgängern –, der französische Präsident verspricht den Russen wiederholt, falls es zu einem solchen Streit kommt, dann sind die Franzosen bereit, in ihm einen Casus Belli zu sehen. Wir verstehen das auch, wenn die Russen eingreifen wollen, dann stehen wir ihnen zur Seite. Auch wenn Russland selbst nicht angegriffen wird! Da sind Strukturen im Vordenken ... .Die Krise ist schon eingearbeitet worden in das geostrategische Denken der französisch-russischen Allianz, des Bündnisses.

Kößler: Es ist interessant, dass Sie gerade Analogien gezogen haben, diesen Mord in Sarajewo, der politische Mord an John F. Kennedy, ein Terrorattentat als gewissermaßen Anlass für eine weltumstürzende Entwicklung, wie vielleicht 2001 der 11. September, Balkan-Krise damals, Balkan-Kriege in den 90er-Jahren. Ziehen Sie bewusst diese Analogien? Geschichte wiederholt sich nicht, aber ist Geschichte dazu angetan, doch einen Moment innezuhalten und zu sagen, das hatten wir schon mal?

Clark: Ja, das ist das Interessante. Ein Missverständnis, das sich vielleicht ergeben könnte aus dem Buch, ist, dass ich einen präsentistischen Ansatz nehmen würde, das heißt, dass ich die Vergangenheit durch die Linse der Balkan-Kriege womöglich der 90er-Jahre sehen würde, das wollte ich nicht machen und habe ich meines Erachtens nicht gemacht. Aber die Tatsache, dass es in den 90er-Jahren Balkan-Kriege gegeben hat – und wir wissen, wie schlimm die waren –, hat uns auf jeden Fall daran erinnert, wie tödlich oder wie gewalttätig der Nationalismus sein kann in einer Region, wo die Machtverhältnisse noch sehr offen, sehr flüssig sind und sehr umstritten, wie auf dem damaligen Balkan. Es ist eher eine Frage der Betonung.

Und für mich ist es eigentlich überraschend, wie wenig der Balkan integriert wurde in die Literatur zur Kriegsentstehung. Das wollte ich eben mit diesem Buch korrigieren. Aber nicht, indem ich der Meinung war, Krisen wiederholen sich auf dem Balkan, weil die Menschen, die dort leben, irgendwie anders sind als andere Menschen. Was die serbische Staatspolitik wollte, ist nicht anders, als was die Italiener und die Deutschen angestrebt haben, die wollten einen Nationalstaat, sie wollten möglichst viele Serben in diesen Nationalstaat einsammeln, sie nannten das "Ujedinjenji", Vereinigung, sie wollten die Serben vereinigen. Das ist ein europäisches Projekt. Und man darf weder die Serben, noch irgendwelche andere Teilnehmer an den damaligen Krisen dämonisieren. Das gehört alles zum europäischen Aspekt.

Kößler: Ich möchte noch mal auf die Verantwortlichkeiten zurückkommen, über die wir am Anfang gesprochen haben. Man könnte natürlich sagen, verantwortlich für diesen Krieg waren 50 bellizistische, militaristische, nationalistische alte Männer, die das Sagen hatten und ihre Völker in den Tod geschickt haben. Aber welche Strukturen kamen ihnen zupass, in welchem Zeitgeist, in welchem Milieu, in welchem Gedankengebäude fand das statt, warum konnten sie so verantwortungslos agieren, wie sie agiert haben?

Clark: Diese Strukturen sind zum Teil gedankliche Strukturen, die erkennt man an den Argumenten, an den Redewendungen, Nationalismus, auch eine etwas überbetonte Männlichkeitsgebärde. Ist das ein Wort?

Kößler: Ja, natürlich!

Clark: Dass man zum Beispiel immer gesagt hat, wir müssen steif bleiben, wir müssen hart sein, wir dürfen nicht klein beigeben, die Deutschen wollen uns ins Wasser schieben und unsere Kleider klauen, solche sehr männliche Metaphern erinnern uns, dass wir es mit Männern zu tun haben, die wirklich zum Teil auch darunter gelitten haben, dass sie so männlich sein mussten.

 

 "Im Jahr 1914, da meinte man, man ist härter, man gibt nicht nach. Und das hat auch die Krisenanfälligkeit dieses Systems erhöht"

 

Kößler: Die konnten auch nicht miteinander reden möglicherweise?

Clark: Zum Teil gar nicht. Aber ich meine, wenn man diese Staatsmänner mit einer früheren Generation, Salisbury, Bismarck, Cavour vergleicht, das waren Männer, die ... mit Männlichkeit in der Politik meinten sie Schlauheit, Weisheit, Überlistung. Man überlistet den Gegner, man ist klüger als der Gegner. Das war anders im Jahr 1914, da meinte man, man ist härter, man gibt nicht nach. Und das hat auch die Krisenanfälligkeit dieses Systems erhöht und das könnte man auch eine Art Struktur nennen.

Kößler: Herr Professor Clark, nun befindet sich Europa ja auch wieder mitten in einer Krise und manche sagen, jawohl, es ist wirklich eine fundamentale Krise, nicht nur eine institutionelle Krise, nicht nur eine Finanz- und Wirtschaftskrise, sondern tatsächlich eine politische Krise, die Zentrifugalkräfte nehmen immer weiter zu, dieses Europa driftet in eine Auseinandersetzung, Großbritannien überlegt sogar, soll es in der EU bleiben oder nicht. Sind wir heute, 100 Jahre danach, vor solchen furchtbaren Entwicklungen gefeit?

Clark: Also ... Europa-intern, würde ich sagen, ja. Ja. Also, übrigens hoffe ich, die EU ist das tollste historische Projekt, was es vielleicht jemals gegeben hat, und ich hoffe sehr, dass es nicht gefährdet wird. Aber Europa-intern ist, glaube ich, die Gefahr eines solchen Krieges gebannt.

Kößler: Weil es Strukturen gibt, miteinander zu verhandeln?

Clark: Weil es andere Strukturen gibt, weil es andere Strukturen gibt, genau. Und weil die Staatsführungen miteinander zunehmend vernetzt sind, weil es schiedsrichterliche Institutionen und Kompetenzen gibt, die es eben damals nicht gegeben hat, weil es zunehmend – nicht immer, das hat man in der Euro-Krise erkannt, aber zunehmend – eine konsensfähige Sicht auf die möglichen Problemsituationen gibt. Und so ist, glaube ich, Europa-intern diese Gefahr gebannt.

Global ist das natürlich ganz anders, global, würde ich sagen, rückt die Welt wieder in die Nähe der damaligen Situation. Wir haben es nicht mehr mit einer bipolaren Stabilität, sondern mit einer multipolaren Welt, die wieder undurchschaubar geworden ist, unberechenbar, mit vielen regionalen Krisen, die sich womöglich verzahnen könnten mit den Beziehungen zwischen den Großmächten.

Kößler: Letzte Frage, Herr Professor Clark: Nächstes Jahr erinnern wir uns an den Ausbruch dieses Ersten Weltkriegs. Jedes Land, habe ich das Gefühl, plant etwas anderes. Erinnern wir uns richtig, wenn wir aus nationaler Perspektive erinnern?

Clark: Ich befürchte, nicht. Also, ich finde, in Großbritannien hat die Regierung sich bisher sehr zurückgehalten und man will ohne triumphalistische Töne sich an den Krieg erinnern. Es gibt allerdings Neuerscheinungen, Bücher und so weiter, die wieder den Ersten Weltkrieg als gerechten Krieg gegen einen übermächtigen, einen schlimmen und gemeinen, völkerrechtswidrigen Feind darstellen. Also, man rückt doch ein bisschen zurück so in die Schablonen des alten Nationalismus. Und das finde ich sehr zu bereuen, ich finde, das ist eine europäische Krise gewesen, ein europäischer Krieg, europäisch in ihren Ursprüngen und in ihrer Entstehung. Und eigentlich müsste man sich an diesen Krieg europäisch erinnern. Es müsste eine europäische Erinnerung an diesen Krieg geben. Wenn das nicht kommt, dann ist das natürlich ein Scheitern.

Christopher Clark, geboren 1960, lehrt als Professor für Neuere Europäische Geschichte am St. Catharine's College in Cambridge. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Geschichte Preußens. Er ist Autor einer Biografie Wilhelms II., des letzten deutschen Kaisers. Für sein Buch "Preußen" erhielt er 2007 den renommierten Wolfson Prize sowie 2010 als erster nicht-deutschsprachiger Historiker den Preis des Historischen Kollegs. (Text-Quelle: DVA Verlag).

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