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StartseiteBüchermarktInterview mit Karl-Otto Conradi23.10.1997

Interview mit Karl-Otto Conradi

<strong>Elke Durak:</strong> Vor der Verleihung des Preises an Yasar Kemal in Frankfurt am Main hatte das Deutsche PEN-Zentrum noch gehofft, die Auszeichnung werde in seinem Heimatland hoffentlich für Irritationen sorgen. Wir wissen, es kam alles ganz anders. Fraglich allerdings ist, ob es sich schon um den ersehnten Ruck handelt, der durch ganz Deutschland gehen sollte, oder ob es sich nicht vielmehr um die Vertiefung eines Risses handelt, eines sehr deutschen vielleicht, nämlich den zwischen Politik und Intellektuellen. Eine Frage, die uns möglicherweise der Präsident des PEN-West beantworten kann, und ich bitte ihn darum, Karl-Otto Conradi, guten Tag und Ihre Antwort.

Elke Durak

Karl-Otto Conradi: Guten Tag, Frau Durak. Ich würde gerne als Privatperson sprechen und nicht als Präsident des PEN ...

DURAK: Wieso?

Karl-Otto Conradi: Der PEN ist ja eine Versammlung, Vereinigung von Schriftstellern, in dem es ganz unterschiedliche Ansichten und Meinungen gibt, so daß das, was ich äußere, nicht etwa die Meinung aller Mitglieder des PEN wiedergibt. Deshalb nur meine bescheidene Eingrenzung auf meine Privatperson, wobei ich sehr wohl weiß, daß solche Trennungen eher illusorisch sind.

DLF: Und irrtierend vielleicht auch, Herr Conradi?

Karl-Otto Conradi: Und irritierend, ja. Irritierend vielleicht deshalb, um auf Ihre Kernfrage sofort einzugehen, hat Günter Grass mit der Wahl seiner Worte das erreicht, was er erreichen wollte? Die besorgten Worte zu Rassenhaß und Fremdenwahn, zur Mitverantwortung der Welt für den Krieg gegen die Kurden, zu Tendenzen ab- und ausgrenzender Haltung und Politik in Deutschland, die kann man ja nur nachdrücklich unterstreichen, und es war wohl nötig, daß einmal so deutlich darauf hingewiesen wurde. Was mich irritiert an der Rede von Günter Grass, die ich ja im Original in der Frankfurter Paulskirche mitgehört habe, war die manchmal durchschlagende zu große Verallgemeinerung. Ich kann mich mit einer Formulierung, wir hätten es in Deutschland nur mit demokratisch abgesicherter Barbarei zu tun, beim besten Willen nicht anfreunden, da wünschte ich mir Differenzierungen. Man könnte zum Beispiel eingehen auf dieses unmögliche Verfahren, jene 16jährige Kurdin, der Name ist mir jetzt entfallen, abzuschieben, man könnte andere Einzelfälle nennen, um dann zu sagen, so etwas passiert bei uns in einem demokratisch verfaßten Staat. Das sind einzelne Akte der Verwaltung, der politischen Entscheidung, denen man aufs Schärfste widersprechen muß. Ich fürchte, daß die grobe Verallgemeinerung, die Günter Grass ja auch liebt, vielleicht auch um sich selbst damit immer wieder in den Vordergrund zu rücken, nicht ganz das erreicht, was sie erreichten könnte, wenn es differenzierter vorgetragen wäre.

Durak: Herr Conradi, jetzt muß ich ein wenig sortieren. Das Beispiel der jungen Kurdin betrifft ein 16jähriges Mädchen, das in Baden-Württemberg gelebt hat, abgeschoben wurde, im Heimatland aber nicht betreut wird, und der Innenminister von Baden-Württemberg bleibt hart, sagen wir einmal so. Dies ist aber ein Einzelfall. Ich will noch einmal darauf zurückkommen, auf Ihre Irritationen an der Rede von Grass oder die sich aus der Rede von Grass ergeben. Die groben Verallgemeinerungen, können Sie das noch ein wenig konkretisieren?

Karl-Otto Conradi: Ich habe eben schon eine Formulierung genannt, demokratisch abgesicherte Barbarei. Wenn ich über die Beziehungen Deutschlands zur Türkei spreche, einschließlich des Waffenhandels, kann ich das genauer tun und kann dann präzise den Finger in die Wunde legen bei dem Verkauf von Schützenpanzern der ehemaligen Volksarmee, wo wir offensichtlich, die Deutschen, hinters Licht geführt worden sind, indem vertraglich abgesichert war, daß solches Gerät nicht in den Krieg eingeführt würde. Darüber hat es ja lange Diskussionen auch im Bundestag gegeben und eine solche Formulierung, ich schäme mich für Deutschland, kann man genauer sagen. Warum schäme ich mich für Deutschland, für bestimmte einzelne Handlungen, aber es stimmt doch nicht, daß Deutschland nur noch als Wirtschaftsstandort gesehen wird. Kein Wort hat Günter Grass verloren über die vielen Vereinigungen, auch nicht über den PEN, die sich bemühen, gegen solche barbarischen Einzelhandlungen einzuschreiten, Abhilfe zu schaffen. Wir stehen da manchmal hilflos da, und von da aus würde ich es begrüßen, wenn die politisch Verantwortlichen unter Druck gesetzt würden. Ich möchte aber nicht mißverstanden werden. Wir haben in einer Erklärung ausdrücklich die besorgten Worte von Günter Grass zu Rassenhaß und Fremdenwahn begrüßt.

Durak: Aber doch nur dies, Herr Conradi. Den anderen Teil haben Sie dort weggelassen.

Karl-Otto Conradi: Welchen anderen Teil?

Durak: Grobe Verallgemeinerung, Grass in den Vordergrund schieben, die Barbarei, dies teilen Sie nicht.

Karl-Otto Conradi: Das ist meine persönliche Ansicht dazu, und schon sind wir wieder bei diesen Differenzierungen zwischen Einzelperson und Äußerungen des Präsidenten des PEN-West. Es ist ja auch eine Erklärung, die andere mit unterschrieben haben. Zu den Formulierungen von West gibt es unterschiedliche Meinungen, vor allen Dingen wehre ich mich natürlich gegen eine Formulierung des Generalsekretärs der CDU, des Pfarrer Hinze, daß damit Günter Grass endgültig aus dem Kreise ernstzunehmender Literaten sich verabschiedet habe. Das ist nun die Drohung einer Einschränkung von Meinungsfreiheit, der man entschieden widersprechen muß.

Durak: Das ist ein Beispiel für Politik - oder einen Politiker, von mir aus - der Politik, die nicht aushält, was Demokratie verspricht, nämlich Kritik, auch die, die verbal beißt und auch richtig weh tut. Ist so was, Herr Conradi, nur so in Deutschland möglich, wenn wir westliche Demokratien vergleichen?

Karl-Otto Conradi: Ich habe zu wenig Überblick in Einzelheiten, um da pauschal darauf antworten zu können. Ich glaube aber, daß die Auseinandersetzung von Intellektuellen mit politischen Fragen in anderen Ländern eine längere Tradition hat. Wir kommen nicht darum herum, die Zeit des Dritten Reichs und die Zeit der DDR immer mit zu bedenken, wo Intellektuelle prinzipiell beargwöhnt wurden, weil und wenn sie Bestehendes kritisch in Frage stellten. Und von daher rührt es wohl, daß auch eine solche Auseinandersetzung solche Wellen schlägt und dann in Leserbriefen, die man in diesen Tagen in den Zeitungen nachlesen kann, ein Bodensatz aus meiner Sicht hochkommt, der wirklich angst und bange machen kann.

Durak: Nun liegt diese Zeit eine erkleckliche Zeit, zurück, Herr Conradi. Können wir es dabei belassen, uns zu berufen auf die Zeit vor 50 Jahren, andere Stimmen sprechen von partieller oder völliger Teilnahmslosigkeit oder auch Sprachlosigkeit der Künstler, und andere wieder von einer Unlust, sich einzumischen, die sich seit der Einheit wieder breitgemacht hat. Wo waren die Intellektuellen, die Künstler in den Jahren zuvor?

Karl-Otto Conradi: In welchen Jahren?

Durak: In den Jahren 70er, 80er Jahren.

Karl-Otto Conradi: Also das wage ich allmählich als eine Legende zu bezeichnen, die gerne verbreitet wird, daß Schriftsteller, Intellektuelle, wir müssen ja mal drüber sprechen, das können wir in der Kürze der Zeit nicht, was eigentlich einen Intellektuellen ausmacht. Auf die kürzeste Form oder aus meiner Sicht gebracht, Intellektuelle sind diejenigen, die Bestehendes nicht einfach als Bestehendes bestehen lassen, sondern immer bereit sind, kritisch zu fragen, was liegt da zugrunde, was geht da vor. Aber das mal beiseite. Das ist eine Legende, daß Schriftsteller und Künstler sich nicht geäußert hätten. Die Zeitschriften sind voll von Äußerungen zu den Vorgängen, es gibt eine ganze Bibliothek inzwischen, in denen sich Schriftsteller und Intellektuelle zu den Vorgängen '89/'90, zu den Vorgängen der sogenannten 68er geäußert haben. Ich würde die Frage vielmehr umdrehen: warum werden diese Stimmen so wenig in der Öffentlichkeit gehört?

Durak: Und wie beantworten Sie diese Frage?

Conradi: Die beantworte ich deshalb, weil allein noch das gilt, Max Frisch hat es einmal so formuliert, es gilt nur noch das, was sich rentiert. Was sich rentiert, was unter dem Strich an Zahlen, an Gewinn herauskommt, Profit regiert und alles wird darauf ausgerichtet. Das ist ja einer der wichtigen Punkte, den Günter Grass in der Rede hervorgehoben hat, und der tut natürlich bei denen besonders weh, die dafür verantwortlich sind, daß diese Verhältnisse so sind. Marion Gräfin Dönhoff hat ein Buch schreiben müssen in diesen Tagen, um für einen humanen Kapitalismus, wenn es den überhaupt gibt, zu werben.

O-Ton: Karl-Otto Conradi

conradi.ram

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