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StartseiteInterview"Schulen sind häufig eher Baracken der Bildung"12.07.2017

Investitionen wegen steigender Schülerzahlen"Schulen sind häufig eher Baracken der Bildung"

Angesichts eines zu erwartenden Anstiegs bei den Schülerzahlen müssten Städte und Kommunen schnell handeln, forderte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, im Dlf. Viele Schulen seien in keinem guten Zustand. Hier sei finanzielle Hilfe von Bund und Ländern erforderlich.

Gerd Landsberg im Gespräch mit Christiane Kaess

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Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes.  (picture alliance / dpa / Erwin Elsner)
Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes. (picture alliance / dpa / Erwin Elsner)

Christiane Kaess: Die Zeiten sinkender Schülerzahlen sind vorbei. Zu dem Ergebnis kommt zumindest eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Und die Wissenschaftler leiten daraus ab, dass es in den kommenden Jahren zu einem regelrechten Schüler-Boom kommen wird. Neue Schulen und mehr Lehrer wären demnach also dringend nötig. Am Telefon ist jetzt Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes. Guten Morgen, Herr Landsberg.

Gerd Landsberg: Guten Morgen, Frau Kaess.

Kaess: Wie ernst nehmen Sie solche Prognosen, wie sie jetzt in der Bertelsmann-Studie vorgelegt wurden?

"Wir glauben, dass die Prognose stimmt"

Landsberg: Wir nehmen diese Prognose sehr ernst. Wir glauben sogar, dass sie stimmt. Wir haben vor Ort schon diese Eindrücke, die Sie ja aus Bielefeld auch dargestellt haben, des Öfteren. Und das heißt insbesondere, dass der Traum von der demografischen Rendite, die die Länder hatten, also weniger Schüler macht kleinere Klassen macht gleich bessere Bildung, der ist ausgeträumt. Deswegen, glaube ich, müssen wir uns darauf vorbereiten. Die Dimension ist ja immens. Eine ganze Million Schüler mehr in sieben Jahren, das ist ein Herkules-Programm.

Kaess: Wenn Sie diese Zahlen nicht mehr überrascht haben, Herr Landsberg, dann können wir davon ausgehen, dass Städte und Kommunen schon voll aktiv sind?

Landsberg: Viele Städte sind aktiv. Sie berechnen die Schülerzahlen neu. Es gibt auch schon die ersten Fälle, wo Schulen, die eigentlich geschlossen werden sollten, dann doch nicht geschlossen werden. Aber wir haben natürlich nach wie vor das Problem, dass die Schulen nicht in einem besonders guten Zustand sind. Allein 34 Milliarden wird der Investitionsrückstand bei Schulen geschätzt. Das sind häufig nicht die Kathedralen der Bildung, sondern eher die Baracken der Bildung. Das ist die eine Seite, die betrifft ja insbesondere die Kommunen als Schulträger. Da muss mehr geschehen, das werden wir sicher auch von der neuen Bundesregierung mit einfordern. Und da geht es nicht nur um Renovierung. Es geht natürlich auch um Modernisierung. Wir kommen ins digitale Zeitalter und noch lange sind nicht alle Schulen, übrigens auch nicht alle weiterführenden Schulen an ein hochleistungsfähiges Breitbandnetz angeschlossen. Da ist viel zu tun und die Personalseite ist natürlich die andere.

Kaess: Jetzt haben Sie gerade den Rückstand beschrieben. Es kommt wahrscheinlich noch ein so hoher neuer Bedarf dazu. Also wird alles noch schlechter?

"Eigentlich sollen wir uns erst mal freuen. Wir haben mehr Kinder"

Landsberg: Nein, es darf nicht schlechter werden. Die Bildung ist der zentrale Baustein für die Zukunft dieses Landes und ich glaube, das ist auch wichtiger als Steuerentlastung, höheres Kindergeld. Letztlich ist es ja auch toll. Vor ein paar Jahren haben wir gesagt, Deutschland stirbt aus und wir haben keine Kinder mehr. Eigentlich sollen wir uns erst mal freuen. Wir haben mehr Kinder, wir haben eine höhere Geburtenrate. Dass das eine organisatorische Komponente hat, wir brauchen jetzt 25.000 Grundschullehrer – Sie haben es ja anmoderiert -, das ist die andere Seite. Aber das kann man schaffen, wenn Bund, Länder und Kommunen gemeinsam das wollen, und ich glaube, gerade im Grundschulbereich ist es wichtig, dass auch attraktiver für Männer zu machen. Wir haben ja einen hohen Anteil von Lehrerinnen. Ehrlich gesagt sind auch ein Großteil der Grundschullehrer aus meiner Sicht überfordert, weil man inzwischen das Gefühl hat, die Schule ist die Reparaturwerkstatt. Alle sozialen Probleme werden da abgeliefert und wenn es nicht funktioniert hat, heißt es, ja die sind halt nicht richtig gefördert worden. Da müssen wir auch ran. Wir müssen auch die Eltern mehr in die Pflicht nehmen. Das ist auch eine Chance. Ich sehe das nicht nur als Krise, sondern auch als Chance, und es ist für unser Land doch schön, wenn wir endlich mehr Kinder haben, die natürlich dann auch in die Schule gehen.

Kaess: Das hört sich jetzt trotzdem so an, als müsste jetzt unter diesem hohen Druck es eine Menge kurzfristiger Maßnahmen geben. Da wird doch zwangsläufig die Qualität drunter leiden.

"Wir werden die Hilfe der Länder und des Bundes einfordern"

Landsberg: Das kann durchaus sein, wenn wir nicht schnell genug reagieren. Denn der Bau einer Schule oder die Renovierung einer Schule, das wissen Sie, das geht nicht mal so eben. Da müssen Sie planungsrechtliche Voraussetzungen erfüllen, vergaberechtliche Voraussetzungen. Und bei den Lehrern haben wir das Problem wie im öffentlichen Dienst überall: Es scheiden immer mehr Leute aus, es wächst zu wenig nach. Vielleicht ist der Beruf auch nicht attraktiv genug.

Kaess: Entschuldigung, wenn ich da reingehe. Bleiben wir mal, Herr Landsberg, ganz kurz bei den Gebäuden. Denn das sind ja die Städte und Kommunen, die da was tun können. Welchen Spielraum haben Sie da?

Landsberg: Wir müssen mehr investieren. Wir haben natürlich zusätzlichen Spielraum, weil wir inzwischen schon finanziell etwas besser dastehen. Aber wir werden die Hilfe der Länder und des Bundes da einfordern. Es gibt ja auch vom Bund Investitionsmittel, insbesondere für finanzschwache Kommunen. Das hat Vorrang, genau wie die Kinderbetreuung, und Kommunalpolitik ist gut beraten, sich darauf zu konzentrieren, denn es ist ja auch eine Frage des Standorts. Wo ziehen Leute hin? – Ja dort, wo gute Schulen sind, wo gut ausgestattete Schulen sind, wo eine anständige Kinderbetreuung stattfindet.

Kaess: Und genau das ist ja auch eine Frage der Planung. Wie wollen Sie denn verhindern, dass, ich nenne es mal, Schulgettos entstehen, also Schulen mit einem hohen Migrantenanteil, die dann von anderen gemieden werden?

"Die Kultusministerkonferenz operiert noch mit Zahlen aus dem Jahre 2013"

Landsberg: Das ist natürlich eine Frage der Verteilung. Nicht notwendigerweise wird eine Schule, wo Migranten sind, gemieden von den anderen. Es ist eine Frage der Betreuung und natürlich auch des Betreuungsschlüssels. Eigentlich wollen wir eine gemeinsame Schulbildung, eine gemeinsame Erziehung, und wenn genügend Personal vorhanden ist, dann funktioniert das. Wenn das Personal fehlt, funktioniert es eben nicht oder schlecht.

Kaess: Haben Sie den Eindruck, dass das Ganze bei der Kultusministerkonferenz schon angekommen ist?

Landsberg: Eindeutig nein! Wenn Sie überlegen, dass die Kultusministerkonferenz noch mit Zahlen aus dem Jahre 2013 operiert und deswegen auf 7,2 Millionen Schüler im Jahre 2025 kommt, und die Bertelsmann-Stiftung sagt, es sind 8,3. Das ist über eine Million mehr, und zwar jetzt nicht morgen, aber in sieben Jahren. Und bei Schulplanung und Schulbau sind sieben Jahre nicht viel Zeit. Das heißt, die Kultusministerkonferenz muss sich mit diesen Zahlen auseinandersetzen und ihre Prognosen und dann auch natürlich die Planungen für Länder und Kommunen neu austarieren.

Kaess: Jetzt kann allerdings auch der Bund nicht verordnen, dass es mehr Lehrer gibt, und Sie haben auch gerade schon geschildert, was das für ein Problem ist, dass es jetzt auch schon zu wenige gibt. Was können die Städte da tun?

"Städte können ein attraktives Umfeld bieten"

Landsberg: Die Städte können ein attraktives Umfeld bieten. Es gibt die sogenannten weichen Faktoren. Wir können ja als Stadt nicht sagen, der Lehrer kriegt jetzt mehr Geld. Das ist im öffentlichen Dienst alles festgelegt. Aber man kann Hilfe leisten bei der Wohnungssuche, bei der Kinderbetreuung, wenn gemeinsame Kinder beim Lehrer vorhanden sind. Und man kann natürlich in der Öffentlichkeit für die Anerkennung werben. Manchmal ist das sogar wichtiger als mehr Geld, dass man auch hinguckt als Stadt, was läuft da alles Tolles. Wir sind ja heute gerade am vorletzten Tag vor den Ferien. In vielen Schulen finden tolle Projekte statt. Das muss man kommunizieren und auch die Lehrer, die das organisieren, anerkennen. Dann hat das einen Effekt. Und man muss natürlich mit den Ländern gemeinsam auch für diesen Ausbildungs- und Studiengang werben.

Kaess: Wird es eventuell auch einen speziellen Bedarf an einer, ich sage jetzt mal, spezifischen Schulung oder Ausbildung bei Lehrern geben wegen der vielen Migrantenkinder? Das legt ja die Studie zugrunde, dass diese Schülerzahlen auch wegen der Zuwanderung steigen werden.

Landsberg: Das ist ganz wichtig. Nicht jeder Lehrer ist automatisch dafür ausgebildet, Kinder mit zu unterrichten, die zunächst mal die deutsche Sprache gar nicht können. Das muss noch stärker in den Ausbildungsinhalten der Studiengänge verankert werden und als zusätzliche Kompetenz nicht nur gefördert, sondern auch anerkannt werden.

Kaess: Jetzt gibt es ja, Herr Landsberg, mit den Zahlen so ein bisschen das Problem, dass das alles sowieso schlecht vorherzusagen ist. Sie haben es gerade schon gesagt: Bisher hat man auf diese sogenannte demografische Rendite gesetzt, obwohl die Schülerzahlen sinken, gäbe es dann keine Budget-Kürzungen, heißt bald kleinere Klassen und mehr Lehrer, also bessere Qualität im Schulsystem. Wenn jetzt umgesteuert wird in die andere Richtung und es kommt dann wieder ein demografischer Knick, dann hat man plötzlich eine Lehrerschwämme?

"Sie wissen genau, in sechs Jahren sind diese Kinder in der Schule"

Landsberg: Ich glaube das nicht, weil Sie wissen ja genau, wie viel Kinder geboren sind in diesem Jahr, und das sind eben deutlich mehr. Wir liegen jetzt bei 1,4 pro Frau. Das ist bisher nicht vorhersehbar gewesen. Und dann wissen Sie genau, in sechs Jahren sind diese Kinder in der Schule. Wir wissen, dass über 800.000 Personen aus dem EU-Ausland nach Deutschland gekommen sind, weil der Arbeitsmarkt boomt. Die kommen mit Familien. Auch da können wir Ihnen ganz genau sagen, wie viel Kinder dabei sind. Wir haben zum Beispiel bei den Flüchtlingen allein 130.000 Kinder im Kindergartenalter und da wissen wir auch ganz genau, in zwei, drei Jahren gehen auch die in die Schule. Insofern werden wir da nicht falsch liegen. Ich glaube, die Bertelsmann-Stiftung hat das schon richtig herausgearbeitet.

Kaess: … sagt Gerd Landsberg. Er ist Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes. Danke für das Interview heute Morgen.

Landsberg: Bitte schön, Frau Kaess!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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