Freitag, 15.12.2017
StartseiteInterview"Sauberen Athleten eine Chance geben"05.12.2017

IOC-Entscheidung"Sauberen Athleten eine Chance geben"

Das Internationale Olympische Komitee hat mit der Entscheidung, Russland als Nation von den Olympischen Winterspielen auszuschließen, ein klares Signal für einen sauberen Sport getroffen, sagte Andrea Gotzmann im Dlf. Die Chefin der Deutschen Anti-Doping-Agentur, forderte für russische Sportler aber auch die Chance, beweisen zu können, dass sie nicht Teil des Systems sind.

Andrea Gotzmann im Gespräch mit Mario Dobovisek

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Die Vorstandsvorsitzende der NADA, Andrea Gotzmann, äußert sich am 01.06.2016 in Berlin vor Journalisten. Die Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA) stellt im Otto Bock Science-Center in Berlin ihre Bilanz für das Jahr 2015 vor (picture alliance / dpa Alexander Heinl)
Die Vorstandsvorsitzende der NADA, Andrea Gotzmann (picture alliance / dpa Alexander Heinl)
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Mario Dobovisek: Am Telefon begrüße ich Andrea Gotzmann. Sie war selbst Spitzensportlerin, mehrfache deutsche Basketball-Meisterin, hat Sportwissenschaften und Biochemie studiert und ist heute Chefin der Deutschen Anti-Doping-Agentur, der Nada. Guten Abend, Frau Gotzmann.

Andrea Gotzmann: Guten Abend!

Dobovisek: Kein Komplettausschluss der russischen Athleten. Unter neutraler Flagge könnten sie weiter starten, vorausgesetzt sie erfüllen die Auflagen. Geht Ihnen diese Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees, des IOC weit genug?

Gotzmann: Ich glaube, es ist eine Entscheidung mit einem klaren Signal für den sauberen Sport, den sauberen olympischen Sport. Das IOC hat umfangreiche Maßnahmen erarbeitet und hier ist erstmals auf dieser Ebene im Bereich Anti-Doping aufgrund eines beispiellosen Doping-Systems in Russland ein komplettes Nationales Olympisches Komitee ausgeschlossen worden.

"Saubere Athleten müssen eine Chance kriegen"

Dobovisek: Wenn Sie auch von einem systematischen Doping sprechen, Frau Gotzmann, warum werden dann nicht alle Athleten ausgeschlossen?

Gotzmann: Wir müssen ja ein bisschen die Entwicklung auch sehen. Wir haben jetzt fast genau drei Jahre mit dieser Thematik zu tun. Wir haben viele Kommissionen gehabt, wir haben den umfangreichen Bericht von Professor McLaren, der schon viel Licht ins Dunkel gebracht hat und sehr viele Belege und Beweise geliefert hat. Wir haben jetzt die Kommission, die durch das IOC eingesetzt war, die Schmidt- und die Oswald-Kommission, die das noch mal bestätigt haben, auch die Glaubwürdigkeit der Zeugen, der sogenannten Whistleblower. Von daher ist dieses Ausschlussverfahren jetzt gerechtfertigt. Aber es muss den sauberen Athletinnen und Athleten die Chance gegeben werden, jetzt zu beweisen, dass sie nicht Teil dieses Systems waren und einem validen Doping-Kontrollsystem in den letzten Monaten, im letzten Jahr unterlegen waren.

Dobovisek: Staatsdoping, institutionalisiertes Doping, systematische Manipulationen - das sind alles Begriffe aus den genannten Reports und auch von heute von IOC-Präsident Thomas Bach. Kann es da überhaupt saubere Athleten geben?

Gotzmann: Das wird jetzt zu prüfen sein und ich erwarte hier eine hohe Transparenz auch dieser Kommission, die diese Prüfungen vornehmen wird, die die Datenlage bewertet, die von diesen Athletinnen und Athleten vorliegt, die sich für Olympische Spiele, eine Teilnahme unter neutraler Flagge unter der Olympischen Flagge qualifizieren wollen. Ich glaube, dass die Messlatte hier sehr hoch angelegt werden wird, und das ist ja auch meine Forderung, dass man sich nicht nur sportlich für Olympische Spiele qualifizieren muss, sondern auch in der Anti-Doping-Arbeit, und ich glaube, das ist ein Schritt dahin.

Dobovisek: Hat Russland eine Anti-Doping-Agentur?

Gotzmann: Sie hat eine Anti-Doping-Agentur, die non compliance ist. Das heißt, dass sie nicht regelkonform arbeitet. Aber es sind der Rusada, der Russischen Anti-Doping-Agentur, viele Maßnahmen auferlegt worden, über 30 insgesamt, von denen viele abgearbeitet wurden, nicht alle, und wir können nur hoffen, dass diese Rusada in Zukunft neutral, objektiv und vollkommen eigenständig arbeiten kann. Das ist unser aller Interesse.

"Es muss hier ein kompletter Prozess des Umdenkens stattfinden"

Dobovisek: Wie weit reicht da Ihre Fantasie? Werden russische Athleten bei den nächsten Olympischen Spielen, bei den Sommerspielen zum Beispiel wieder antreten können?

Gotzmann: Es muss hier ein kompletter Prozess des Umdenkens stattfinden, und das wissen wir aus eigener Erfahrung, wie schwierig das ist. Das ist nicht etwas, was man von heute auf morgen erreichen oder befehlen kann. Das ist ein langer Prozess, der mit vielen Maßnahmen begleitet werden muss. Da sind erst mal die Präventionsmaßnahmen, die Aufklärung, die Information der Athletinnen und Athleten, denn wir haben ja auch eine Verantwortung für diese jungen Menschen, die hier wie auch in Doping-Systemen, die früher in Deutschland existiert haben, massiven gesundheitlichen Risiken und Schädigungen ausgesetzt sind, und da müssen wir gemeinsam dran arbeiten. Wir müssen unser Knowhow, auch die Kollegen aus anderen nationalen Anti-Doping-Agenturen hier anbieten und gemeinsam ein neues System erarbeiten.

Dobovisek: Das ist ja nicht nur ein sportlicher Prozess; vor allem ist das ein politischer Prozess. Wenn Sie da nach Russland blicken und auf die Funktionäre hören, die jetzt auch zum Teil gesperrt worden sind, bis auf die höchste politische Ebene, dann hören wir immer wieder: Nein, wir haben nicht manipuliert, es gibt kein systematisches, kein Staatsdoping bei uns. Kann das funktionieren mit Blick in die Zukunft?

Gotzmann: Ich glaube, dass hier der Weg, Missstände zu erkennen, anzuerkennen, der absolut wichtige erste Schritt ist, denn die Beweislage ist erdrückend. Das muss man sagen. Das was die Zeugen, die von allen Kommissionsmitgliedern hier als glaubwürdig - Auch die Beweislage ist wirklich lückenlos. Wir haben ja jetzt als letztes noch ein Datensystem aus dem russischen Labor zugespielt bekommen, was die Welt-Anti-Doping-Agentur auswertet. Also ich glaube, da kann es kein Leugnen mehr geben. Hier sind die Fakten anzuerkennen. Und wir müssen sehen, dass wir jetzt eine starke Anti-Doping-Arbeit weltweit durchsetzen.

Dobovisek: Weltweit gilt das nicht nur für die Olympischen Spiele. Es gilt auch für andere Sportarten. Blicken wir da zum Beispiel auf den Fußball. Da wurde auch die FIFA kritisiert für ihren Umgang mit den russischen Fußballern, denn auch die stehen in der Kritik. Müsste die FIFA, müssten andere große Sportverbände jetzt mitziehen?

Gotzmann: Sie müssten zumindest hier die Tatsachen und Fakten zur Kenntnis nehmen und aufarbeiten und dann die entsprechenden Schlüsse daraus ziehen, genau wie das IOC das über einen langen Zeitraum jetzt hier betrieben hat. Hier können wir keine Sportart ausnehmen, und das erwarten ja auch die Athletinnen und Athleten, um hier wirklich faire und gleiche Bedingungen zu haben. Ich glaube, dass hier auch noch einiges an Aufklärungsarbeit notwendig ist.

Dobovisek: Was fordern Sie von der FIFA?

Gotzmann: Sich diese Daten anzugucken, mit den Whistleblowern zu sprechen, die Informationen aus erster Hand bieten können, aber auch mit der Welt-Anti-Doping-Agentur. Das sind die Fachleute, das sind die Experten, die diese Daten einordnen und bewerten können. Das würde auch die Informationen, die über Fußball, Fußballspieler aus dem russischen Raum vorliegen, mit beinhalten.

"Wir verlangen viel von den Athletinnen und Athleten"

Dobovisek: Wenn wir das beobachten, ist Geld und politischer Einfluss am Ende immer noch wichtiger, immer noch bedeutender als der Kampf gegen Doping?

Gotzmann: Das möchte ich so nicht pauschal stehen lassen. Ich glaube, wir haben enorme Fortschritte gemacht. Aber es ist kein Gleichklang in den Systemen weltweit und wir müssen immer wieder hier einfordern, und das kann man nur aus einer Position der Stärke, wie ich das immer sage, indem wir das auch vorleben, was wir unter richtiger Anti-Doping-Arbeit verstehen, zum Schutz der Athletinnen und Athleten. Ich glaube, dass wir da international noch mal wirklich den gemeinsamen Weg der Anstrengung finden müssen, um hier unsere Athleten zu schützen.

Dobovisek: Schauen wir uns das an, was in Deutschland passiert. Da müssen Sportler sich, ich sage es mal ganz flapsig, nackig machen, sie müssen im Prinzip jeden Tag zu jeder Tages- und Nachtzeit verfügbar sein für Doping-Kontrollen, müssen online melden, wann und wo sie sich gerade aufhalten. Das sind wirklich Maßnahmen, die sehr, sehr in den Intimbereich der Sportler eindringen. Das sind sehr, sehr drakonische Maßnahmen auch. Und wenn diese Sportler sich jetzt ein bisschen davon gegängelt fühlen und auf andere Sportler in anderen Nationen blicken, wo das viel laxer gehandhabt wird und möglicherweise gar nicht gemacht wird, wie wollen Sie den deutschen Sportlern weiterhin erklären, dass das wichtig ist?

Gotzmann: Ja, das ist ein schmaler Grat, auf dem wir uns dort bewegen. Wir verlangen viel von den Athletinnen und Athleten. Das gebe ich zu. Aber auf der anderen Seite sehen wir jetzt im Augenblick ja auch, dass dieses System hilft, nämlich bei unberechtigten Doping-Vorwürfen, dass Sie sagen können, ich bin jederzeit bereit für eine unangemeldete überraschende Kontrolle. Das ist ja das, was wir gerne auch hier vermitteln möchten, dass dieses Doping-Kontrollsystem notwendig ist. Aber natürlich müssen wir es auch von anderen Nationen so einfordern. Hier sehe ich die Welt-Anti-Doping-Agentur in der Pflicht. Hier wird sich einiges tun in Zukunft, dass hier die Zügel auch angezogen werden. Die Qualifikation für große Sportereignisse muss auch im Anti-Doping-Bereich erfolgen.

Dobovisek: Andrea Gotzmann, Vorstandsvorsitzende der Nada, der deutschen Anti-Doping-Agentur. Das Gespräch haben wir am Abend aufgezeichnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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