Samstag, 20.01.2018
StartseiteKommentare und Themen der WocheDer Feind steht außen05.01.2018

Iran nach dem FreitagsgebetDer Feind steht außen

Selbst Hardliner des iranischen Regimes hätten bei den Freitagsgebeten überraschend moderat auf die jüngste Protestwelle reagiert, kommentiert Christian Buttkereit. Drohungen richteten sich nur gegen den im Ausland vermuteten Feind. Wer jetzt von außen den Protest noch anheize, erweise den Demonstranten einen Bärendienst.

Christian Buttkereit

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Ayatollah Ahmad Khatami bei einem Freitagsgebet 2012 (imago / Xinhua)
Ayatollah Ahmad Khatami bei einem Freitagsgebet 2012 (imago / Xinhua)
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Was ist los im Iran und mit den Iranern? Nach dem Freitagsgebet zogen nicht, wie von vielen erwartet, Tausende aufgebrachte Gläubige durch die Straßen und forderten die Köpfe der Regierungskritiker. Die angesagte Großdemonstration für die Staatsführung fand einfach nicht statt. Allenfalls in kleineren Sprechchören ertönte "Tod den Verrätern" oder auch "Tod den USA". Aber auch diese Stimmen verstummten wieder schnell.

Selbst der als Hardliner berüchtigte Ahmad Khatami fand in seiner Freitagspredigt - für seine Verhältnisse - moderate Worte. Natürlich drohte er, den Hintermännern der Proteste zuerst die Beine und dann das Genick zu brechen. Doch damit meinte er nicht diejenigen, die im Iran seit einer Woche auf die Straße gehen. Er meinte die Drahtzieher, die in seinen Augen in den USA, Israel und Saudi-Arabien sitzen. Überhaupt: die USA: Mit seiner Behauptung, die USA wollten Waffen aus dem Nordirak in den Iran schmuggeln, um einen blutigen Umsturz vorzubereiten, irritierte Khatami selbst Anhänger der zahlreichen Verschwörungstheorien. Seine US-, israel- und saudifeindlichen Äußerungen zeigen geografisch zwar in drei Richtungen, politisch aber in eine einzige: Der Feind steht außen. Dazu passt auch, dass er jenen, die angeblich die iranische Flagge verbrannten, die dafür vorgesehene höchstmögliche Strafe wünschte – was übrigens nicht gleichbedeutend mit der Todesstrafe sein muss.

Die geistliche Führung spielt auf Zeit

Kein Zweifel, Khatamis Worte waren nicht versöhnlich, aber er hätte sich wesentlich radikaler äußern können. Bemerkenswert ist nicht nur, was er sagte, sondern was er nicht sagte. So verzichtete er darauf, ein gewaltsames Ende der Proteste anzukündigen. Im Gegenteil – er bezeichnete die Proteste – zumindest am Anfang – als legitim. Das mag Genugtuung für die Regierungskritiker sein, aber noch kein Triumph. Denn statt deren Anliegen ernst zu nehmen, spielt die geistliche Führung erstens auf Zeit – sie hofft, dass sich die Demonstranten auch angesichts eines beeindruckenden Polizeiaufgebots von selbst verflüchtigen und sie zieht zweitens die nationalistische Karte: die Verschwörer kommen aus dem Ausland, wir Iraner müssen zusammenrücken.

Fühlt sich die Nation erst einmal als Ganzes in ihrer Existenz bedroht, treten Probleme wie steigende Nahrungsmittelpreise und fehlende Gleichberechtigung der Geschlechter an zweite Stelle. Die Strategie, durch außenpolitische Konflikte von inneren Problemen abzulenken, ist zwar fantasielos aber häufig wirkungsvoll. Zumindest vorübergehend.

Noch aber existiert die Protestbewegung im Iran und freut sich darüber, dass die internationale Gemeinschaft die Geschehnisse genau beobachtet. Zwischen beobachten und beeinflussen liegt die Kunst der Diplomatie. Diejenigen, die meinen, den jungen, noch verletzlichen Aufstand im Iran durch markige Worte und knackige Kurznachtrichten anheizen zu müssen, könnten den Demonstranten einen Bärendienst erweisen und den Mullahs in die Hände spielen. Sobald die Protestbewegung ernsthaft  in den Verdacht gerät, vom Ausland gelenkt zu sein, dürfte es nicht nur beim Hardliner-Prediger Khatami mit der relativ moderaten Linie vorbei sein.

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