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StartseiteEine WeltWirtschaftsfreunde und politische Gegner 12.12.2015

Iran und Türkei Wirtschaftsfreunde und politische Gegner

Seit der Einigung auf ein Atomabkommen mit den fünf UNO-Vetomächten plus Deutschland hoffen die Iraner auf den Aufschwung. Vor allem die Türkei ist an einer stärkeren wirtschaftlichen Zusammenarbeit interessiert. Dabei verfolgen beide Staaten nahezu gegensätzliche politische Ziele.

Von Stephanie Rohde

Der iranische Präsident Hassan Ruhani (l) und sein türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdogan, der in Teheran zu Besuch war.  (picture alliance / dpa / Abedin Taherkenareh)
Beschlossen den Ausbau ihrer Wirtschaftsbeziehungen: Der iranische Präsident Ruhani (l) und sein türkischer Amtskollege Erdogan. (picture alliance / dpa / Abedin Taherkenareh)
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Ein iranisches Frachtgutunternehmen nach dem anderen findet man hier in dieser mit Neonlampen beleuchteten Ladenpassage im Zentrum von Istanbul, nur in einem sitzt gerade ein Kunde, der Fracht in den Iran verschicken will. In einem anderen spärlich eingerichteten kleinen Laden surft ein Iraner Anfang 30 gelangweilt im Internet, heute hat er noch keinen Kunden gehabt erzählt er.

"Noch hat sich für uns nach dem Atomabkommen nichts verändert. Aber wir wissen auch, dass das dauert, bis Unternehmen wieder im Iran investieren, bis eingefrorene Gelder frei werden und der iranische Markt wieder an Fahrt aufnimmt. Wir warten, dass das im nächsten Jahr passiert."

Diese Hoffnung teilt sein Landsmann einige Meter weiter nicht. Er importiert seit vielen Jahren türkische Baumaterialien in den Iran und scheint nicht sonderlich euphorisch zu sein nach der Einigung im Atomkonflikt mit Iran.

"Das Problem sind erstens die radikalen Politiker in beiden Ländern, zweitens, dass die iranische Wirtschaft fundamental kaputt ist, weil sie so abhängig ist vom Ölpreis. Wenn der Ölpreis so bleibt wie jetzt und die Sanktionen wegfallen, könnte sich vielleicht trotzdem nichts ändern, weil die Wirtschaft nicht gesund ist. Ich habe gerade keine Hoffnung, vielleicht wird sich was ändern für die nachfolgende Generation, in 20 Jahren vielleicht."

"Wir sind sehr optimistisch ... "

Dabei klingen die Prognosen spektakulär: Das türkisch iranische Handelsvolumen soll um rund 20 Milliarden auf 35 Milliarden Dollar allein im kommenden Jahr ansteigen. Auch wenn noch Hindernisse im Zahlungsverkehr und bei den Transportrouten bestehen, hat Bilgin Aygül, der Vorsitzende des türkisch-iranischen Business Council, große Hoffnung.

"Wir sind sehr optimistisch, dass es nach dem Wegfall der Sanktionen mehr Handel, mehr Investitionen und engere Beziehungen in allen Bereichen geben wird. Die Türkei hat im Iran gute Chancen im Logistikbereich und Industrieexport, und türkische Unternehmen werden auch eine wichtigere Rolle spielen im Iran bei der Verwaltung von Hotels, Shoppingmalls, Krankenhäusern, Flughäfen und Häfen."

Auch iranische Handelsvertreter und Politiker seien sehr optimistisch, berichtet Aygül, der in der vergangenen Woche zu Gesprächen in Teheran war. Trotzdem gebe es unterschiedliche Prioritäten:

"Die türkische Regierung verfolgt eine sehr unternehmensfreundliche Politik, das ist im Iran nicht oft der Fall. Geschäfte sind nicht immer eine Priorität für die iranischen Entscheidungsträger."

Die türkische Regierung setzt neben verstärktem Handel vor allem auf Energiepolitik. Schon seit Jahren wartet sie auf die Öffnung des iranischen Gasfeld South Pars für ausländische Investitionen. Die Türkei will durch steigende Gasimporte aus Iran langfristig zu einem regionalen Energiedrehkreuz auf dem Weg nach Europa werden. Die wirtschaftliche Öffnung des Iran kommt deshalb gerade richtig, meint der Ökonom Altay Atli von der Boğaziçi Universität mit Blick auf die anderen Märkte in der Region.

"Syrien ist weg, Irak ist weg, Ägypten ist weg und weil Ägypten weg ist, sind auch Exportrouten Richtung Nordafrika blockiert, deshalb ist Iran ein wichtiges Exportland für die türkische Wirtschaft."

"Eine Asymmetrie in der Sicht beider Länder aufeinander"

Auf der iranischen Seite sind die strategischen Präferenzen anders gelagert, meint Akin Unver, der an der Istanbuler Kadir Has Universität internationale Beziehungen lehrt:

"Die Iraner interessieren sich nicht so sehr für die Türkei, für Iran liegt der Fokus auf den Golfstaaten, also auf den ölproduzierenden Ländern am Persischen Golf. In strategischen Erwägungen ist die Türkei irgendwo da draußen, also da besteht eine Asymmetrie in der Sicht beider Länder aufeinander."

Doch trotz der Asymmetrie werden beide Länder vom bilateralen Handel stark profitieren, ist sich Unver sicher. Dass die Türkei und der Iran politisch Rivalen sind, die vor allem in Syrien entgegensetzte Positionen vertreten, halten Atli und Unver für kein großes Problem. Schon die Osmanen und Perser hätten Politik und Handel getrennt.

"Der Konflikt in Syrien wird den Handel nicht so sehr beeinträchtigen, weil beide Länder über all die Jahre gelernt haben, wie sie ihre strategischen politischen Interessen von Handelsinteressen trennen. Und weil beide profitieren werden vom Handel miteinander, wird der Syrienkonflikt das nicht unterlaufen."

"Frenemies" nennt man das, wenn Staaten wirtschaftlich befreundet sind, aber politisch verfeindet. Ihre entgegengesetzten politischen Standpunkte werden der Iran und die Türkei also nicht grundlegend ändern müssen - allerdings gibt es erste Anzeichen dafür, dass beide eine wohlwollendere Rhetorik wählen, um das noch zarte Pflänzchen des iranisch-türkischen Handels gedeihen zu lassen.

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